Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 11 (7.1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- Seite 232 (sequence 6)
- Language
- German
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232 Gottes ist und was nicht, und es immer wieder ihm ins Gedächtnis zu rufen"? Dies ist noch nicht damit geschehen, daß man bestimmte Formen als dem Wesen des Judentums nach heutigem Empfinden nicht mehr entsprechend ablehnt, andere hingegen anerkennt. Denn eine subjektive Methode, die nach der praktischen Erfahrung summierter Einzelfälle vorgeht, kann wohl den Einzelnen befriedigen, der nur für sich selbst und die persönlich ihm gleich Fühlenden die ihnen gemäßen Formen schafft, aber sie ' kann keinen Andersfühlenden zur Anerkennung überzeugen, daß die gerade beibehaltenen Gebräuche für die Gemeinschaft notwendig, die verworfenen aber überflüssig, ja schädlich sind. So ergibt sich die Frage: wozu dient die Gemeinsamkeit der Formen, die im Judentum eine solche Tiedeutung hat, daß sie zu erhalten in all den Umwälzungen der letzten 150 Jahre der höhere Sinn der jüdischen Richtungskämpfe war? Moses Mendelssohn gab hierauf eine Antwort, die wir uns zu eigen machen wollen. In einem Schreiben an Herz Homberg, der die Notwendigkeit gemeinsamer Formen bestritt, führt er am 22. September 1783 aus: „Wenn auch die Bedeutung als Schriftart oder Zeichensprache ihren Nutzen verloren hätte, so hört doch ihre Notwendigkeit als Band der Vereinigung nicht auf: und diese Vereinigung selbst wird in dem Plane der Vorsehung nach meiner Meinung so lange erhalten werden müssen, solange noch Polytheismus, Anthropomorphismus und religiöse Usurpation den Erdball beherrschen... Und worin soll diese Verbindung bestehen? In Grundsätzen und Meinungen? Da haben wir Glaubensartikel, Symbole, Formeln, die Vernunft in Fesseln. Also Handlungen, und zwar bedeutende Handlungen, d. i. Zeremonien. Unsere Bemühung sollte eigentlich nur dahin gehen, den eingerissenen Mißbrauch abzuschaffen und den Zeremonien echte gediegene Bedeutung unterzulegen, die Schrift wieder leserlich und verständlich zu machen..." Zwei Aufgaben hat also für Mendelssohn die Form. Einmal eine leserliche und verständliche Schrift zu sein, um dem Menschen die Lehre Gottes zu vermitteln, sodann aber, das Band der jüdischen Gemeinschaft zu sein, deren Verbindung, Besonderheit notwendig ist, solange noch Polytheismus und Antropomorphismus (heute würde er Materialismus und Nationalismus nennen) die Welt beherrschen. Wer also das Judentum als Gemeinschaft erhalten wilL der kann die Notwendigkeit der Formen, und zwar gemeinsamer Formen nicht bestreiten. Wohl kann er die Unveränderlichkeit der Formeln bestreiten, sei es, um mit Mendelssohn zu sprechen, damit die Schrift leserlich bleibe, sei es, damit das Band, das die jüdische Gemeinschaft in ihrer Gesamtheit umfaßt, nicht gesprengt werde. Die tatsächliche Entwicklung zeigt, daß die große Mehrheit des deutschen Judentums (um nur von diesem zu sprechen) in den letzten 150 Jahren nur einen Teil der bis dahin ausgeübten Formen unverändert beibehielt, die anderen umwandelte oder gar ganz fallen ließ, dafür aber auch in ganz neuen lebte. Wenn wir nicht annehmen wollen, daß reiner Zufall darüber entschied, welchen von diesen Formen Lebensdauer beschieden war, so müssen wir untersuchen, ob nicht ganz bestimmte Faktoren hierfür maßgebend sind. In einer rationalistischen Epoche glaubte die Reform an zwei Normen die innere Gültigkeit einer Form erkennen zu können: an der historischen Ursprünglichkeit und Bedeutung und an der Fähigkeit, den Einzelnen zu einer Lebensgestaltung zu veranlassen, die dem entspricht, was das Judentum von altersher lehrt. Es zeigte sich jedoch, daß die historische Begründung nicht nur in vielen Fällen auf Hypothesen aufgebaut sein mußte, sondern daß sich das Leben auch über ganz zweifelsfreie historische Vorstellungen hinwegsetzte. Aber auch die direkte Beziehung der Form zu ihrem Sinn, also zu dem Denken und zu dem Tun, das das Judentum als gut erklärt, ist nicht einfach zu lösen. Sicher sind die „ewigen Wahrheiten" des Judentums und die Aufgabe Israels, sie in der Welt zu verbreiten, sie in die Tat umzusetzen. Rechtfertigung seines Daseins, seines Sonderseins überhaupt. Sicher sind die Formen sinn- und wertlos, die den Einzelnen nicht dazu führen, zu unterscheiden und sich bewußt sein, was das Judentum für gut und für schlecht hält und darnach zu handeln. Aber diese Unterscheidung zwischen gut und schlecht, die wir den Gemeinschaftsbekenntnisinhalt nennen wollen, ist nur in ihren verhältnismäßig wenigen Grundlinien unwandelbar und unumstritten, in ihren Einzelheiten unterliegt sie entsprechend den Lebenserfahrungen der Menschen ständiger Entwicklung. Man denke nur an die Stellung des biblischen und des heutigen Judentums zu Krieg und Frieden. Damit bereits ist die Beziehung einer Form gegenüber dem Bekenntnisinhalt nicht ein für allemal bestimmt, sondern relativ geworden. Noch mehr läßt sich dies erkennen, wenn wir beobachten, daß die einzelne Form nicht einmal mit der ihr zugrunde liegenden ursprünglichen Idee untrennbar so verknüpft ist. daß sie mit ihr lebt und stirbt. Tatsächlich stehen Form und Idee äußerlich oft nur in losem Konnex. Dies zeigt beispielsweise das Kaddischgebet, dessen Wortlaut etwa anläßlich des Vollendens eines Zeitraumes oder einer Arbeit ebenso möglich wäre, als er es beim Gedenken der Dahingeschiedenen ist, oder der Kiddusch, bei dem die Einsegnung des Sabbats etwa durch Händewaschen ebenso symbolisiert werden könnte, wie durch den Genuß des Weines. Wie lose die Verbindung zwischen Form und Inhalt sein darf, läßt sich daraus ersehen, daß viele Formen zu verschiedenen Zeiten Ausdruck ganz verschiedener Gedankenkreise sind. Das Zurücktreten der ursprünglichen naturhaften Bedeutung des Pessachfestes zugunsten der philosophischen der Freiheit diene als Beispiel, von dem noch weitgehenderen zu schweigen, daß das historisch aus ihm hervorgegangene und jahreszeitlich mit ihm übereinstimmende christliche Osterfest einer vollkommen anderen Gedankenwelt zum Gedächtnis dient. Die äußerliche Anknüpfung der Form an die Idee ist für ihre Lebenskraft also ohne Bedeutung. Entscheidend dagegen ist, daß die Form vermag, der Gemeinschaft einen als wesentlich empfundenen Teil des Bekenntnisinhaltes zum Bewußtsein zu bringen. So gibt der Brith-Milah Bestand, daß sie. die lebenslängliche Bindung des jüdischen Menschen an Gott ins Bewußtsein ruft, dem Kiddusch, daß er die Freude am gottgeweihten Sabbat, dem Händewaschen vor der Mahlzeit, daß es die von den Juden als Priestervolk verlangte Reinhaltung bewußt werden läßt. Sobald die äußerliche Reinlichkeit nicht mehr als besonderer Ausdruck jüdischen Priestertums empfunden wird, schwindet die Lebenskraft dieser Form, ebenso wenn die Enthaltsamkeit von Schweinefleisch nicht mehr als Ausdruck der gleichen Reinheit empfunden wird. In dieser Lage stehen sich die Richtungen des Judentums in entgegengesetzter Haltung gegenüber. Der Liberalismus, die Wandelbarkeit der Formen bejahend, nimmt den Bekenntnisinhalt zum Ausgangspunkt. Damit ist er geneigter, Formen, die den Menschen nicht mühelos dorthin fuhren, fallen zu lassen und dafür lieber neue zu finden, die diesen Zweck besser erfüllen. Vermag das alte „Lernen* seine An- . ziehungskraft auf die Mehrzahl der begabten Geister nicht mehr auszuüben, so setzt er die Wissenschaft des Judentums an seine Stelle. Vereint der althergebrachte Gottesdienst nicht mehr die Masse, so sollen Reformen des Kultus sie wieder gewinnen. Kann die Frau im Hause, auf das sie vorher beschränkt war, erfüllende religiöse Betätigung und Geltung nicht mehr finden, so wird ihr hierzu Gelegenheit im öffentlichen Gemeindeleben geboten. In all diesen Fällen wird die Form dem Ziel untergeordnet, den Menschen mit dem alten Bekenntnisinhalt neu zu erfüllen. Dem entgegengesetzt nimmt der Konservatismus, die Unveränderbarkeit der Formen betonend, diese zum Ausgangspunkt. Zuerst muß der vorgeschriebene Rahmen des Lernens garantiert sein. Dann erst kann geprüft werden, wieweit die Probleme und Ergebnisse der modernen Wissenschaft herangezogen werden können. Zuerst muß die vorgeschriebene Gebetsordnung eingehalten sein. Dann erst kann die Erhöhung der äußeren und inneren Beteiligung am Gottesdienst erörtert . werden. Zuerst müssen alle Gebote über die Stellung der Frau erfüllt sein. Dann erst kann man erwägen, inwieweit sie mehr ins öffentliche Gemeindeleben eingegliedert werden kann. Daraus, daß die gefährdeten Formen nur bei einer erneuten Verknüpfung mit dem Bekenntnisinhalt sich aufrechterhalten lassen, ergeben sich nun ständige Veränderungen desselben. Verlangt z. B. die überlieferungstreue Einhaltung der Sabbatgesetze bei der Entwicklung der umweltlichen Zivilisation immer größere Opfer, so muß diesen Entbehrungen die Idee entsprechen, daß sie eine sittliche Tat darstellen. Auf diese Weise dringt durch die unveränderte Beibehaltung der Form unter veränderten Verhältnissen in den Ideenkreis des Sabbats ein neues Element ein, das ihm ursprünglich fremd, wenn nicht konträr war. Solange die Unterschiede religiöser Pflichten und Geltung zwischen Frau und Mann dem allgemeinen Verhältnis entsprechen, werden sie nicht als Minderstellung der Frau empfunden. Sobald aber in der Umwelt eine stärkere soziale Angleichung der Frau an den Mann erfolgt, bekommt das Festhalten an der alten, religiösen Pflichteneinteilung die vorher nicht vorhandene Wirkung der Entrechtung der Frau. Es tritt also durch die Unveränderlichkeit der Form eine Veränderung des ideellen Verhältnisses zwischen Mann und Frau ein. Gewiß liegt diese Veränderung des Bekenntnisinhaltes nicht allein bei den Anhängern des gesetzestreuen Prinzips vor. Sie ist eine Wirkung des Konservatismus überhaupt, die ebenso eintritt, wenn die Aufrechterhaltung alter Formen anstatt mit der Anerkennung des Gesetzes mit liebgewordener Gewohnheit begründet wird. So zeigt es sieh: die Form ist Vermittler zwischen dem Einzelnen und der jüdischen Gemeinschaft, deren Gemeinsamkeit sich in ihrem Bekenntnisinhalt zeigt. Dieser aber ist nicht nur teilweise umstritten und wandelbar, sondern wird auch