Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 11 (7.1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- Seite 231 (sequence 5)
- Language
- German
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231 und Lehre sein sollte, zur Erhaltung, Fortbildung und Verbreitung der Wissenschaft des Judentums. Die Lehrer sind verpflichtet, ihre Lehrtätigkeit „lediglich im reinen Interesse der Wissenschaft des Judentums" auszuüben. Für alle wesentlichen Fächer sollten die Lehrstühle mehrfach und mit Männern verschiedener Richtung besetzt werden, ebenso sollte das Kuratorium paritätisch zusammengesetzt sein, um Einseitigkeit zu verhüten. Gegen diesen Punkt wandte sich recht scharf Geiger. Er wollte, daß die Anstalt unter einem bestimmten Einfluß, dem der Reform, stehen sollte. Zugelassen sollten schon zu jener Zeit auch Frauen werden, ebenso Nichtjuden. Von den Hörern werden keine Prüfungen gefordert. Von den Aufzunehmenden wurden prinzipiell keine Kenntnisse des Hebräischen verlangt. Das Ganze war nach dem Willen der Gründer nicht so sehr als Rabbinerseminar als vielmehr als Forschungsstätte geplant. 1869 trug nun die Berliner Gemeinde Geiger ein Rabbinat in Berlin an. Geiger war gerne bereit anzunehmen, machte aber eine Vorbedingung: An der geplanten Fakultät, über deren Gründung man in Berlin verhandle, ohne ihn, einen der ersten Anreger, hinzuzuziehen — nur durch Zufall habe er von diesen Verhandlungen erfahren — müsse ihm eine Dozentur garantiert werden. Die Gemeinde ging diese Bedingung ein. und Geiger siedelte im Januar 1870 nach Berlin über. Durch den Krfeg zögerten sich die Vorarbeiten noch etwas hin, und am 6. Mai 1872 fand die feierliche Eröffnung statt. Es war allerdings ein kleiner Kreis, der sich eingefunden hatte. Die staatlichen und städtischen Behörden hatten, wie eine Korrespondenz in der „Allgemeinen Zeitung" mißbilligend feststellte, keine Vertreter entsandt, die jüdische Gemeinde nahm offiziell keine Notiz davon, nicht einmal die jüdischen Universitätsprofessoren waren erschienen. Die erwartete große Hörerschar blieb aus. 10 Anmeldungen lagen vor. davon war einer ein Christ. Auch die finanzielle Grundlage war keineswegs sicher. Ein öffentlicher Aufruf hatte nur ein sehr mäßiges Ergebnis gezeitigt. So konnte an die beabsichtigte Doppelbesetzung der Lehrstühle nicht gedacht werden. Der Charakter der Dozentenschaft war vielmehr recht eindeutig. Die beherrschenden Köpfe waren Geiger, der radikalste Voikämpfer der Reform in Deutschland, und Steinthal, der in seinen philosophischen Werken Ansichten niedergelegt hatte, die auch bei weitherzigster Interpretation Widerspruch hervorrufen mußten. Daneben David Cassel, und nur der Dozent für Talmud, Israel Lewy, stand nicht in diesem Lager. Die Hochschule hatte auch weiterhin noch mit großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Trotzdem lehnte sie ein Angebot der Berliner Gemeinde auf Uebernahme des ganzen Defizits ab, da damit doch mehr oder weniger eine Einflußnahme befürchtet werden mußte. Sie aber wollte ihre Forschung unabhängig von jüdischen oder nichtjüdischen Instanzen betreiben. Inzwischen war Israel Hildesheimer nach Berlin gekommen, und seiner Tatkraft gelang es in kvr?o? Zeit, das Seminar zur Ausbildung gesetzestreuer Rabbiner ins Leben zu rufen. Hildesheimer hatte in Eisenstadt eine Eabbinerschule gegründet und geleitet, aber er hatte mit großen Schwierigkeiten und Anfeindungen zu kämpfen. Die Verdächtigungen der Reformer hätten ihn kaum beirrt. Schlimmer waren die Quertreibereien, die er von rechts her abzuwehren hatte. Sie hatten so weit geführt, daß die Rabbinerschule polizeilich geschlossen und die Schüler des Landes verwiesen wurden. Erst die persönliche Verwendung von Hildesheimer brachte die Aufhebung dieser Verfügung. Auf dem Kongreß der ungarischen Juden, der 1868—69 in Budapest stattfand, hatte Hildesheimer für die Errichtung einer orthodoxen Landesrabbinerschule gekämpft. Die Mittel waren von der österreichischen Regierung zur Verfügung gestellt worden, als Entschädigung für die Brandschatzung der ungarischen Juden anläßlich der Aufstände von 1848. Die Gegnerschaft der Chassidim bewirkte aber, daß dieses aus den Taschen aller Juden stammende Geld zur Gründung einer radikal neologen Anstalt Verwendung fand. Es kam sogar dazu, daß Hildesheimers Schule in den Bann getan wurde. Aber seine Schule zu führen unter Gegnerschaft großer Teile von den Kreisen, für die sie bestimmt war, — da mußte auch Hildesheimer befürchten, daß auf die Dauer der Erfolg nicht die aufgewandten Kräfte lohnen werde. Schon 1867 hatte die Verwaltung des Beth Hamidrasch in Berlin sich mit Hildesheimer in Verbindung gesetzt, um ihn für die Reorganisation und Erweiterung als Leiter zu gewinen. Aber er trug Bedenken. Er wollte nicht den Posten verlassen, den er in Eisenstadt für die Orthodoxie innehatte. Er wußte nicht, ob er berechtigt war, die Leitung des Beth Hanüdrasch zu übernehmen, solange sein Lehrer, R. Elchanan Rosenstein, dort wirkte. Und schließlich, als Hildesheimer seine Bedenken überwunden hatte, zerschlugen sich die Verhandlungen durch die Schuld der Verwaltung. Es scheint, daß Kreise dabei einwirkten, die dem Breslauer Seminar nahestanden und die die Folgen für dieses fürchteten, die nachher tatsächlich eingetreten sind. Als man jetzt 1869, nachdem Rosensteiu tot war, von neuem an Hildesheimer herantrat, nahm er die Stellung als Rabbiner des Beth Hamidrasch an. Er bedang sich aber die Möglichkeit zur Uebernahme auch anderer Aemter aus. Er hoffte) in Deutschland ein geeigneteres Feld für seine Tätigkeit zu finden, als es der steinige Boden in Ungarn gewesen war. Ein Teil der Ißchüler begleitete ihn von Eisenstadt nach Berlin, und ihnen schlössen sich weitere an. Damit kamen auch die Pläne zur Ausgestaltung des Beth Hamidrasch wieder in Fluß. Programm und Lehrplan wurden fertiggestellt, die Lehrer in Aussicht genommen. Am 1. April 1871" sollte die Eröffnung stattfinden. Da erklärte Hildesheimer, daß die neueste Wendung der Dinge ihm die Mitwirkung unmöglich mache. Die inneren Gründe waren wohl, daß Hildesheimer, wie s. Zt. Frankel verlangte, daß der Leiter des Seminars voll für seinen Geist und seine Tätigkeit verantwortlieh sein sollte. Dann mußte er aber auch frei sein in der Wahl seiner Mitarbeiter und konnte nicht im Rektorat mit diesen abwechseln, wie es der Vorstand des Beth Hamidrasch beabsichtigt hatte. Es waren aber auch zu wenig Anmeldungen von Schülern erfolgt. Hildesheimer hatte zwar zugesagt, er werde seine Schüler zum Eintritt veranlassen, aber er wollte nicht seine Schüler zugunsten des neuen Seminars hergeben, damit sie die einzigen dort blieben. Die Notwendigkeit eines orthodoxen Seminars, das hatten auch diese Verhandlungen gezeigt, war jedoch unbestritten. So nahm Hildesheimer die Gründung selbst in die Hand. Er wandte sich zuerst an einzelne Privatleute, dann an einen erweiterten Kreis, und auf den überraschend großen Erfolg erschien am 4. Dezember 1872 in der „Jüdischen Presse" ein „Prospeetus des Rabbinerseminars für das orthodoxe Judentum in Berlin" mit einem Aufruf, sich an der Aufbringung der noch fehlenden Mittel zu beteiligen. Die Energie Hildesheimers überwand alle ideellen und materiellen Schwierigkeiten. Am 22. Oktober 1873 wurde das Rabbinerseminar eröffnet. Es war wie bei seiner Gründung auch später vollständig auf freiwillige Spenden aufgebaut. Und wie Hildesheimer geistig das Seminar trug, so sorgte er auch unermüdlich für die materielle Sicherung. Bei der Berufung seiner Mitarbeiter zeigte er eine außerordentlich glückliche Hand, besonders in David Hoff mann, seinem Nachfolger in der Leitung des Seminars, dann in Barth und Berliner, waren hervorragende Kräfte gewonnen. Bei der Eröffnung legte Hildehseimer sein Programm dar: die Vereinigung moderner Wissenschaft mit unbedingter Glaubenstreue. Diesem Programm ist das Rabbinerseminar treu geblieben. Über die Formen im Judentum (Gekürzte Fassung einer größeren Arbeit) Von Erwin Baer Die religiösen Auseinandersetzungen innerhalb des deutschen Judentums werden seit dem 18. Jahrhundert durch den Kampf um die Form repräsentiert. Im Gegensatz zum Christentum, dessen historischer Streitpunkt der Glaube ist, findet man innerhalb des Judentums dieser Epoche kaum tiefergehende Anschaungskämpfe über Gott, die Welt und die Menschen. Die Differenzen gehen um die Frage, nach welchen Formen der einzelne sein Leben zu gestalten habe, um wahrhaft als Jude gelten zu können. D.r e i verschiedene Anschauungen stellen sich dabei heraus: Die erste bejaht Notwendigkeit und Unveränderlichkeit der gemeinsamen Formen, die zweite bejaht die Notwendigkeit gemeinsamer Formen, nicht aber ihre Unveränderlichkeit, die dritte verneint auch die Notwendigkeit. Alle drei Anschauungen berufen sich auf Gott, sonst wären sie keine religiösen Anschauungen. Die erste erklärt, daß die Formen durch die Gebote Gottes und ihre überlieferten Auslegungen ein für allemal festgelegt sind. Ihr bedeutet somit die Einhaltung der Formen direktes religiöses Tun. Für die beiden anderen besteht religiöses Tun darin, im (Sinne der sich auf Gott berufenden Ethik zu handeln. Glaubt die radikalere Anschauung dabei, auf Formen ganz verzichten zu sollen, damit die Reinheit und Ehrlichkeit des religiösen Verhaltens nicht durch Aeußerlichkeiten verdeckt, ja verdrängt werde, so ist die mittlere Anschauung der Ueberzeugung, daß die Formen notwendig sind, um dem Menschen den Geist der göttlichen Lehre zu vermitteln, ihn regelmäßig an diesen zu erinnern. Sie unterscheidet aber zwischen Formen, die diese Aufgaben erfüllen, und bejaht diese, und solchen, die der Erfahrung nach inhaltlose Hüllen geworden sind, und verwirft sie. Diese Unterscheidung begegnet einer großen Schwierigkeit: Woran läßt sich unterscheiden, ob eine Form noch imstande ist, dem Juden zu verstehen zu geben, was im Sinne der Lehre