Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 11 (7.1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- Seite 230 (sequence 4)
- Language
- German
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230 Der früheste und energischste Vorkämpfer einer jüdischen Hochschule in der Oeffentlichkeit war Abraham Geiger. Bereits der Zwanzigjährige vermerkte in sein Tagebuch, daß es notwendig sei, ein jüdisches Seminar an einer Universität zu gründen. 1837 entwickelte er in seiner „Zeitschrift" unter dem Titel „Ueber die Notwendigkeit einer jüdisch-theologischen Facultät" zum ersten Male der Oeffentlichkeit das genaue Programm der Wissenschaft des Judentums, wie sie an einer jüdischen Hochschule gelehrt Averden müßte. Diese Hochschule sollte am zweckmäßigsten als besondere Fakultät an einer oder mehreren deutschen Universitäten — von denen man an bestimmte dachte — eingerichtet werden. Hier sollte vollkommen freie Forschung in den jüdischen Geistesschätzen getrieben werden, aber durch Juden, nicht wie bisher und noch dazu in vollkommen unzulänglicher Weise, durch Xichtjuden. Dazu mußte es eine Fakultät, durfte kein bloßes Rabbinerseminar sein, bei dem der Unterrichtszweck die wissenschaftliche Arbeit hemmen konnte. Um die finanzielle Grundlage zu schaffen, sollten in allen Gemeinden Vereine gegründet werden, die anläßlich des 700. Geburtstages des „Rambam" Maimonidesgesellschaften heißen sollten. Im gleichen Jahre veröffentlichte Ludwig P h i 1 i p p s o n , der in Magdeburg Prediger war, in der von ihm neu herausgegebenen „Allgemeinen Zeitung des Judentunis'' einen Aufruf zur Begründung einer jüdischtheologischen Fakultät mit der Aufforderung, durch Zeichnung von Spenden den Fonds zu schaffen, der dafür notwendig sei, und den er auf 100 000 Thaler bezifferte. Es gingen auch viele Hunderte von Zeichnungen ein, darunter auch von Nichtjuden. Geiger gab zu seiner Unterstützung 1838 eine weitere Schrift „Ueber die Errichtung einer jüdisch-theologischen Facultät" heraus, deren Reinertrag für die Fakultät bestimmt war. Aber trotzdem blieben die großen Beträge aus. Die Gemeinde Berlin sträubte sich unter den verschiedensten Ausflüchten, das Unternehmen zu fördern. Das Gesamtergebnis der Subskription überstieg 17 000 Taler, war aber bei weitem ungenügend, und die Aktion war gescheitert. Doch Geiger ließ in der Propagierung seiner Lieblingsidee nicht nach. 1844 fand in B r a u n s c h w e i g eine Versammlung von Reformrabbinern statt. Er begab sich dorthin mit der besonderen Absicht, einen Antrag auf Begründung eines jüdisch-theologischen Lehrstuhls an einer Universität einzubringen. Im folgenden Jahr, auf der Versammlung in Frankfurt, wiederholte er den Antrag, vorbereitende Maßregeln für die Gründung einer oder mehrerer jüdisch-theologischer Fakultäten in Deutschland zu bewirken. Auch Philippson legte einen ähnlichen Antrag vor. Es wurde eine Kommission zur Bearbeitung der Frage für die nächste Rabbinerversammlung gewählt, der beide angehörten. Vorher bereits hatte Geiger am 14. Juli 1842 für die Behörden eine Denkschrift abgefaßt, worin er staatliche Prüfung der anzustellenden und der angestellten Rabbiner forderte. Wer weiß, wie lange noch die Forderung nach einer Ausbildungsstätte für Rabbiner unerfüllt geblieben wäre, wenn nicht ein großzügiger Mann sich ihrer angenommen hätte. Am 27. Januar 1846 starb in Breslau der Kommerzienrat Jonas Fränekel. Von seinem auf fünf Millionen geschätzten Vermögen bestimmte er testamentarisch etwa vier Millionen für philanthropische Zwecke. Einer davon war, wohl mit unter dem Einfluß von Geiger, die Errichtung eines Seminars für Rabbiner und Lehrer. Er bestimmte zugleich drei Männer als Kuratoren, die das Testament fünf Jahre nach seinem Tode vollstrecken sollten. Es war eine schwierige Aufgabe, vor die sie sich gestellt sahen. Es gab keine Anstalt, die geeignet erschien, ihnen als Vorbild zu dienen. Vor allem mußten sie zwischen Fakultät und Seminar die Wahl treffen. Trotz dem energischen Eintreten Geigers für eine Fakultät entschlossen sie sich dem Testament gemäß für das Seminar. Nun war die Frage, welche Fächer zweckmäßig und notwendig in den Lehrplan aufgenommen werden mußten. Man setzte sich zur Klärung aller Vorfragen mit verschiedenen bekannten Rabbinern und Gelehrten, u. a. mit Zunz, in Verbindung, auch auf der Breslauer Rabbinerversammlung 1846 mit der in Frankfurt gebildeten Kommission zur Bearbeitung der Fakultätsfrage. Das wichtigste aber war. die geeigneten Männer für die Leitung und den Unterricht am Seminar zu finden. Davon hing die Aufnahme in der Oeffentlichkeit, davon der Geist ab. in dem der Unterricht erteilt werden würde. Eine gute Wahl bedeutete Gelingen, eine schlechte ein Scheitern des Unternehmens, bevor es ins Leben trat. Geiger hatte fest damit gerechnet, daß man ihm, dem Vorkämpfer des Gedankens, der dazu in Breslau lebte, die Leitung anvertrauen würde. Seine Geschichtsvorlesungen, die er in Breslau, ebenso wie später in Frankfurt abhielt, hatte er als Einführung dazu für sich betrachtet. Aber als die Eröffnung in absehbare Nähe gerückt war. ..besaß keiner der Teilnehmer an den Rabbinerversammlungen mehr die für dieses Amt nötige Autorität bei der deutschen Judenheit". Da wandte sich die Aufmerksamkeit der Kuratoren auf einen Aufruf, den Zacharias Frankel, Oberrabbiner in Dresden, in seiner „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" 1853 veröffentlicht hatte. „Die Lehrzimmer sind geschlossen, kein Lehrer öffnet sie. Gegenwärtig zehren wir, wenn auch kärglich, von dem Mark und Nachlaß mancher vor einigen Jahrzehnten dahingegangenen Lehrer. Aber dieses „Erbteil der Väter" hört allmählich auf. An wen werden sich' Israels Gemeinden halten? Schöpfung eines Seminars, so mahnet dringend der trostlose Zustand der Gegenwart" . . . „Beginnt, eindie Sonne untergeht!" Schon vorher hatten die Kuratoren des Fränckelschen Testaments die Berufung Frankels in Erwägung gezogen. Nun konnte er die Annahme des Postens nicht ausschlagen. Aber er lehnte es ab, als gleichberechtigter Dozent zu wirken. Er verlangte, „daß das Seminar von einem leitenden Gedanken, von einem Geiste durchdrungen und belebt sei", von dem Geiste seines Leiters. Frankel wollte ihm Richtung und Charakter geben. Das gestand mau ihm zu, und am 10. August 1854-wurde das ,,J ü d i s c h -1 h e o 1 o g i s c h e Seminar Fränckelscher Stiftung zu Breslau" eröffnet. Es sollte an ihm Freiheit der Forschung bestehen. Von Lehrern und Schülern wird verlangt, „auf dem Boden des positiven und historischen Judentums fbrtzubauen", d. h. in der Praxis die überlieferten Gebräuche des traditionellen Judentums zu wahren. Ursprünglich waren an das Rabbinerseminar eine Präparandie (zur Vorbereitung auf die Reifeprüfung) und ein Lehrerseminar angeschlossen, wie es das Testament vorgeschrieben hatte, aber die Vereinigung der beiden Zwecke erwies sich als unvorteilhaft. Das Lehrerseminar wurde bald aufgelöst, später auch die Präparandie, für die kein erhebliches Bedürfnis mehr bestand. Das überlieferungstreue Judentum hatte an die Gründung des Breslauer Seminars große Hoffnungen geknüpft. Es konnte die Stätte werden, deren Fehlen bisher so schmerzlich empfunden worden war. Das Programm war vertrauenerweckend. Jetzt kam es auf den Geist an. in dem die Leiter es in der Praxis verwirklichen wollten. So richtete S. R. Hirsch 1854 in der „Nationalzeitung" einen offenen Brief an Frankel und forderte von ihm die Darlegung der religiösen Grundsätze, nach denen der Unterricht erteilt werden sollte. Auch Philippson veröffentlichte in seiner „Allgemeinen Zeitung'"' eine Anfrage von anderer, privater Seite, in der Frankel präzisierte Fragen über seine Einstellung zu' den Grundfragen des jüdischen Glaubens und der Tradition vorgelegt wurden. Aber Frankel antwortete nicht, 1859 veröffentlichte Frankel das großangelegte Werk „Darke Mischna'1, eine kritische Einführung in die Mischna. Neben rein philologischen Untersuchungen waren auch Ansichten darin niedergelegt, die heftige Kritik der Orthodoxie hervorriefen. Vor"allem richtete Hirsch in seinem „Jeschurun" scharfe Angriffe gegen Frankel. Dieser sagte zwar, man habe ihn mißverstanden, "aber er gab keine eindeutige Erklärung ab, die die Gegner hätte befriedigen können. Als Dozenten berief Frankel u. a. Graetz an das Seminar. Graetz war früher ein Lieblingsschüler und begeisterter Anhänger von Hirsch gewesen. Aber er hatte sich in anderer Richtung entwickelt. In seinem Geschichtswerk und noch mehr in seinen exegetischen Schriften vertrat er Ansichten, die den erbittertsten Widerspruch der Orthodoxie hervorrufen mußten. Frankel, der Mann der mittleren Richtung, ließ ihn gewähren, mag er selbst auch seine Ansichten nicht oder nicht voll geteilt haben. Das Bedürfnis der Orthodoxie war durch das Seminar nicht befriedigt. Aber auch die Forderungen nach einer in erster Linie der Wissenschaft gewidmeten Anstalt, nach der Fakultät, blieben unerfüllt. So gingen von beiden Seiten die Bestrebungen weiter. Besonders in Berlin, wo sich natürlich immer viele jüdische Studenten sammelten, erkannte man deutlich den Mangel eines Seminars. So setzten auch dort ernsthafte Versuche ein. es zu schaffen. Man dachte daran, eine bestehende Einrichtung zu einem Seminar auszubauen. Geeignet schien dafür das Beth Hamidrasch in der Heidereutergasse. Dort wirkten noch anerkannte Gelehrte, zuletzt der Dajan Rosenstein, denen man für die nichttalmudischen Fächer andere Lehrer an die Seite stellen wollte. Man leitete Verhandlungen ein, der Vorstand war mit dem Ausbau einverstanden; aber die Angelegenheit kam nur langsam vorwärts. Inzwischen war, von Geiger und Philippson angeregt, eine neue Zusammenkunft liberaler Rabbiner herbeigeführt worden. 1869 trat jin Leipzig am 29. Juni die „Synode" zusammen. Man beschloß, die Gründung der Fakultät energisch zu betreiben. Aber auch jetzt wäre wohl kein positives Ergebnis erzielt worden, wenn sich nicht wiederum ein Mäzen gefunden hätte, der sich der Sache annahm. Der Berliner Stadtrat Moritz Meyer stiftete den Grundstock für die neue Anstalt. Am 215. Dezember 1869 fand die Gründungsversammlung statt. Als Namen wurde „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums" gewählt, um auszudrücken, daß es eine von jeder Rücksicht freie Stätte der Forschung