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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-07-01 · 11 (7.1932) · page 3

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
11 (7.1932)
Date
1932-07-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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FRANKFURTER ISRAELITISCHES GEMEINDEBLATT Amtliches Organ der Israelitischen Gemeinde Das Gemeindeblatt erscheint monatlich und wird den Gemeindemitgliedern unentgeltlich durch die Post zugestellt. — Preis der Einzel nummer 50 Pfg. — Anzeigen nach Tarif. — Schriftleitung und Anzeigenverwaltung: Gemeindehaus, Fahrgasse 146. Fernsprecher: Sammelnummer Hansa 27544. — Postscheckkonto: Frankfurt a. M. 33521. Die Schriftleitung übernimmt für den Inhalt des Gemeindeblatts nur die preßgesetzliche Verantwortung. Nachdruck nur mit Erlaubnis gestattet. 10. Jahrgang Frankfurt a. M., Juli 1932 Nr. 11 Zur Geschichte der Rabbineraiisbildung in Deutschland Von Viktor Unna Die Ausrüstung der geistigen Führer des jüdischen Volkes mit dem für ihre Tätigkeit notwendigen Rüstzeug war in früheren Jahrhunderten kein Problem. Die geistig interessierte Jugend besuchte die Jeschiwoth, die allenthalben blühten. Die große Mehrzahl der Jeschiwahbesucher wandte sich nach kürzerer oder längerer Dauer der ausschließlichen Beschäftigung mit den im jüdischen Schrifttum niedergelegten Geistesschätzen einem praktischen Erwerb zu, ohne die geistige Tätigkeit etwa ganz zu vernachlässigen. Denn das Lernen war eine Mizwah, der sich jeder nach seinen Kräften widmete. Nur wenige von ihnen wählten endgültig den Beruf des Rabbiners. Zur Vertiefung ihrer Kenntnisse, zur praktischen Einführung in ihr Amt, lernten diese häufig außer an den Jeschiwoth bei einzelnen Rabbinen, um durch „Sehimuseh Chaehamim" auch die menschlichen Qualitäten des Führers sich anzueignen. Den geeigneten Schülern erteilte der Lehrer die „Hatarath Hoir.ah", die Autorisation zur Entscheidung in religiösen Zweifelsfragen. Das Recht zur Erteilung der Hatarah hat jeder, der'sie selbst besitzt. Ob der so Vorgebildete auch tatsächlich ein Rabbineramt erhielt, hing von den äußeren Umständen ab. Er rechnete vielfach gar nicht damit. Es gab auf diese Weise außer den zunftmäßigen Gelehrten immer eine ganze Anzahl ..Baalebattim", die reiches jüdisches Wissen besaßen und imstande waren, selbst ein Rabbinat zu versehen, wenn der Ruf an sie erging. Einen abgeschlossenen Gelehrtenstand gab es nicht, und die jüdische Lehre hatte den Vorteil davon, daß sich die verschiedenen Kreise in ihrem Studium gegenseitig befruchteten. Auch in Deutschland bestanden bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts zahlreiche angesehene Jeschiwoth mit Hunderten von Schülern. Mit Beginn des 19. Ja h r h unde r t s setzte ein starker Rückgang der Jeschiwoth in Deutschland ein. Die bildungshungrige Jugend wollte sich nicht mehr mit jüdischer Gelehrsamkeit und Bildung begnügen. Die Emanzipation öffnete auch den Juden prinzipiell den Zugang zu den allgemeinen Bildungsstätten, und eine vollkommen einseitige Ueberschätzung der modernen Bildung, wie sie Gymnasien und Universitäten vermitteln, setzte ein. Ein Schüler, der ein wenig Mathematik gelernt, ein Student, der ein paar Semester Philosophie gehört hatte, hielt sich für klüger als den Gelehrten, der sich umfassendes Wissen aus dem unerschöpflichen Reservoir jüdischer Geistesschätze in jahrzehntelanger Arbeit erworben hatte. Die Gegensätze verschärften sich. Gebildet, aufgeklärt, unreligiös war der Gegensatz zu den als synonym empfundenen Begriffen überlieferungstreu und rückständig. Als Vertreter der Rückständigkeit betrachtete man die Rabbiner, die in alter Weise die Verbreitung jüdischen Wissens als ihre Aufgabe ansahen. So wuchs die Entfremdung zwischen' den religiösen Führern und den gebildeten Laien, deren Wort man in der Gemeinde Ansehen und Gewicht beilegte. Aber auch die Rabbiner selbst erkannten die Notwendigkeit, sich mit den Ergebnissen und den Methoden neuzeitlicher Wissenschaft vertraut zu machen. Für allgemeine philosophische und philologische Studien war die Gelegenheit auf der Universität gegeben. Aber für die besonderen Ausbildungsfächer des Rabbiners fehlten die Lehrstätten. So kam es, daß die angehenden Rabbiner als Spezialausbildung protestantische Theologie hörten. Natürlich war es ein auf die Dauer unhaltbarer Zustand, daß sie ihr Wissen von einer Seite erwarben, die dogmatisch eine Kampfstellung gegen das Judentum einnahm oder ihm zumindest vollkommen fremd und ohne Wohlwollen gegenüberstand. In den Wissensgebieten, die religiöse Dinge nur als Grenzgebiete berühren, sah sich der junge Student vor eine Fülle von Fragen gestellt, Fragen neuer und ungewohnter Art. die seiner religiösen Ueberzeugung widersprachen. Er hörte den Vortrag von Tatsachen an, die sein religiöses Wissen Lügen straften und war nicht in der Lage, kritisch zu prüfen und zu sichten, was erwiesen oder was nur kühne aber nicht fundierte Hypothesen waren. Wer nicht sehr fest stand in seinem Glauben, für den war es schwer, sich treu in ihm zu behaupten. Es fehlte ihm die Gelegenheit, mit älteren erfahrenen Männern sich auszusprechen, der Führer mangelte ihm, der ihm die Synthese zwischen Judentum und Wissenschaft zeigte. Zugleich wurde die Forderung einer wissenschaftlichen Ausbildung der Rabbiner immer drängender. Da den Juden der Zugang zu den Hochschulen gestattet war, verlangten die Regierungen du Ausnützung dieser Bildungsmöglichkeiten. In Ö e s t e r - reith wurde am 22. Januar 1820 sogar ein Edikt erlassen, daß nach Ablauf einer bestimmten Frist nur noch Rabbiner zum Amt zugelassen werden sollten, die eine Prüfung in jüdischer Religion und philosophische Universitätsstudien nachweisen könnten. Das Edikt wurde allerdings nicht durchgeführt; der erste Rabbiner, der den gesetzlichen Anforderungen wirklich entsprach, war wohl erst Frankel, und das war ein vereinzelter Fall. Um die gleiche Zeit begannen auch jüdische Gelehrte jüdische Gegenstände nach wissenschaftlichen Methoden zu bearbeiten. Man fing an. sich mit der ..W issens c h a f t des J u d e n t u m s" zu beschäftigen, wie der 1822 von Leopold Z u n z geprägte Ausdruck lautete. Man brauchte Stätten, an denen den zukünftigen Rabbinern das alte Wissen in neuer Form und in Verbindung mit den neuen Erkenntnissen der Wissenschaft dargeboten wurde. Die ersten Institute dieser Art wurden in P a d u a und Metz gegründet. In Berlin versuchte der Vice-Ober-Landes-Rabbiner Weyl 1824 eine „Anstalt zur Heranbildung von Volks- und Jugendlehrern", also ein Seminar für Rabbiner und Lehrer, ins Leben zu rufen. Aber obwohl ihm die nötigen Gelder teilweise bereits zur Verfügung standen, — er wollte wohl Stiftungsgelder, die zur Förderung des „Lernens" bestimmt waren, heranziehen — ließ sich der Plan noch nicht verwirklichen. Die Erkenntnis des dringenden Bedürfnisses, die der Weitblick des Rabbiners Weyl ihm eröffnete, war noch kaum in weitere Kreise, vor allem nicht bei der Orthodoxie, für die das Seminar gedacht war, gedrungen, es fehlte der nötige Widerhall im Publikum. Die ersten, die sich über die Notwendigkeit von Rabbinerseminaren prinzipiell klar wurden, waren die auf Reform eingestellten Kreise. Und das war ganz natürlich. Die Orthodoxie hatte immer noch die alten Möglichkeiten von Jeschiwahbesuch und Lernen bei bedeutenden Lehrern: man fürchtete, daß die Beschäftigung mit anderen Wissenschaften die Kräfte zersplittern und den Schülern nicht erlauben werde, sich dem Talmudstudium so zu widmen, wie es dieses ausgedehnte und schwierige Gebiet unbedingt verlangt. Auch für die Befürworter einer entschiedenen Modernisierung war es selbstverständlich, daß Talmud und Dezisoren Grundlage und Mittelpunkt der Arbeit auch weiterhin bleiben mußten. Sie wollten nur eine Ergänzung durch Aufnahme der Disziplinen, die der Rabbiner beherrschen mußte, um sich unter Gebildeten zu behaupten. Die dafür nötige Zeit hofften sie durch bewußte und sorgfältige Systematisierung des Lernens zu gewinnen.

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