Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 10 (6.1932)
- Date
- 1932-06-01
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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39 Die Frau im praktischen Beruf Niemand wird heute noch ernstlich an der Eignung dsr Frau für praktische Berufe zweifeln. Schon ihre naturbecüngte Stellung als Hausfrau und Mutter, die sie zu praktischer Betätigung prädestiniert, würde diese Zweifel widerlegen. Längst haben wir das Vorurteil, daß eine Frau unintelligenter und weniger brauchbar im praktischen Leben sein müsse als der Manu, überwunden; das Märchen, daß keine Frau den nötigen Geist besitze, ein Kursbuch nachzuschlagen, ist verklungen. In und nach dem Weltkrieg haben die Frauen zur Genüge bewiesen, daß sie sich selbst zu helfen wissen, auch wenn" nicht ein Mann neben ihnen steht. Heute, scheint es, hat die Frau ihr Ziel erreicht. Sie ist selbständig, berufstätig. Sie steht mitten im Wirtschaftsleben, tief im Lebenskampf. Ihre Arbeit ist — gerade im praktischen Beruf — begehrt. Die natürliche, praktische Begabung der Frau, ihre Lobensklugheit und ihr Einfühlungsvermögen machen sie zur guten Sekretärin, zur tüchtigen Sprechstundenhilfe, zur gewandten Verkäuferin, Kontoristin, Pflegerin und Fürsorgerin. Wir Frauen haben das Joch der geistigen Unterdrückung früherer Zeiten endgültig abgeschüttelt und eine gesunde Kameradschaft geschaffen. Wir haben allen Grund, dies mit Befriedigung festzustellen. Wir arbeiten viel und gern und nehmen — teils mit großem Stolz, teils mit noch größerer Tapferkeit — auch physische Anstrengungen auf uns. Niemals würden wir ihretwegen unsere endlich errungene Freiheit aufgeben. Wenn wir uns jedoch ernsthaft klar machen, daß unserer Generation und den folgenden die Gefahr einer Rückverweisung in frühere Zustände ferner liegt denn je, fällt es uns wohl leichter einzugestehen, daß wir uns — mit wenig Ausnahmen — im praktischen, körperlich fast immer anstrengenden Beruf häutig behindert fühlen. Dies gilt ebenso für die anerkannt weiblichen und manuellen Berufe, wie für diejenigen, die außer der beruflichen Tätigkeit noch eine körperliche An- . strengung, wie stundenlanges Stehen, Herumlaufen usw. erfordern. Diese Schwierigkeiten sind nicht etwa so groß, daß sie vo;i einer Frau oder einem jungen Mädchen nicht überwunden werden könnten. In einer normalen Zeit würde dies sogar vermutlich mit Leichtigkeit geschehen. Aber auch hier stoßen wir auf das unvermeidliche Problem der „Wirtschaftslage'''. Auch hier trieben Krieg und Nachkriegsjahre ihr Zerstörungswerk. Heute muß jede Frau in den Beruf, obgleich sie sich häufig durchaus nicht dazu „berufen'1 nU.lt. Sie ist deshalb gezwungen, sich auf einen praktischen Beruf vorzubereiten, weil sie heute damit rechnen muß, daß sie vielleicht nicht heirato.i kann (selbst wenn sie es wünschte), sondern noch dazu darauf gefaßt sein muß, ihre Familie zu unterstützen; denn es ist an der Tagesordnung, daß kaum ein Mann in der Lage ist, seine Familie zu ernähren, geschweige denn eine solche zu gründen. Alis dieser „Notlage" erklärt sich die Tatsache, daß wir jungen Frauen nicht ganz positiv zu unseren Berufen eingestellt sein können. Die negative Einstellung erklärt sich nicht etwa aus dem „Eisernen Muß". Schon seit Jahrzehnten gibt es berufstätige Frauen. Und es gab schon immer Verkäuferinnen, Näherinnen, Modistinnen und Pflegerinnen. Grundlegend ist nur der Unterschied, daß man sich früher den Beruf noch nach Neigung und Fähigkeit wählen konnte, weil es überall Chancen gab. Zuletzt blieb dann immer noch die Möglichkeit der fraulichen Entfaltung. Heute muß der Beruf häufig ohne Rücksicht auf die Neigung der Berufstätigen gewählt werden. Dann verlangt er besonderen Einsatz der ganzen Persönlichkeit. Es bleibt der Frau wenig oder gar keine Freizeit für sich. Durch nichts kann sie sich ihre rein fraulichen Pflichten (Instandhaltung ihrer Kleidung, des Haushalts, Erziehung der Kinder) erleichtern. Manche Frau versucht sich durch den Verzicht auf das Kind zu entlasten. Aber wenn wir heute diese Möglichkeit der Erleichterung haben: wissen wir denn, ob Kinderlosigkeit jeder Frau eine Erleichterung bedeutet? Obwohl darin augenblicklich fast allein die Lösung liegt, bedeutet es vielleicht in vielen Fällen nachwirkend größte körperliche und seelische Belastung. Außerdem sind auch hier die Möglichkeiten noch recht ungleich verteilt. Nicht allein von den armen Volksschichten werden diese Verhältnisse drückend empfunden. Empfunden werden sie ebenso sehr vom Mittelstand, und es wird nicht aufznhalton sein, daß jetzt das ganze Volk davon ergriffen wird. Wir Jude n lieben es von jeher, uns mit allen aktuellen Problemen auseinanderzusetzen. Auch das B e r u f s p r o b 1 e in d e r F r a u bedarf unserer Aufmerksamkeit, denn es ist bereits ein jüdisches Problem. Wir jungen Jüdinnen werden noch Immer sehr bürgerlich und zu abgesondert erzogen. Die geschilderten beruflichen Schwierigkeiten scharf zu erkennen, war bisher nur denen möglich, an die sie durch Zufall oder Schicksal plötzlich herankamen. Heute stehen wir schon fast ausnahmslos vor diesem Schicksal. Es überrascht uns noch, weil man uns nicht darauf vorbereitet hat. Wir sind sensibel und verzärtelt. Mit Ansprüchen und Vorurteilen der Familie un3 de-- bürgerlichen Sicherheit — unserer Säulen, die jetzt wanken — stehen wir plötzlich allein. Und wir müssen erst mühsam lernen, uns nicht für mehr als andere zu halten. Wir haben die Aufgabe, mit allen Frauen unserer Generation, zu erkennen, daß wir noch nicht am Ziele sind! Und daß wir immer wieder davon abgetrieben werden, so lange, bis Politik und Wirtschaft wieder in normalen, in „neuen" Bahnen laufen. „Die Zeit geht aufrecht unter ihrer Last." Auch wir müssen aufrecht gehen! Dann werden wir unser wirkliches. Ziel erreichen: Arbeitende zu sein und Frau. Fried e 1 Siegel Die Frau im akademischen Beruf Bevor wir uns dem Thema der Frau im akademischen Beruf widmen, seheint es nötig, die Einstellung der Frau zum Beruf überhaupt zu betrachten. Hier muß man feststellen, daß es eine allgemein gültige Formel für diese Einstellung nicht geben kann: die Verschiedenheit von Herkunft und sozialer Stellung bedingen auch hier einstweilen noch starke Differenzen. Die folgendem Zeilen beziehen sich — ich möchte das betonen — nur auf die Frauen bürgerlicher Herkunft, denn fast nur mit solchen haben wir es bei den Akademikerinnen zu tun. Im Bürgertum, damit vor allem auch in den weitesten jüdischem Kreisen, lassen sich für die Stellung der Frau zu Ehe und Mutterschaft auf der einen und dem Beruf auf der andern Seite drei Grundhaltungen feststellen, drei Typen von Frauen: Der erste Typ, dessen Vertreterininen glücklicherweise schon Seltenheitswert haben und die daher nur in wohlhabendsten Kreisen besichtigt werden können, ist der der „H a u s - t o c h t e r". Ich meine damit selbstverständlich nicht die Mädchen, deren Beruf in der Führung des eigenen oder eines fremden Haushalts besteht — sie haben ja einen Beruf —, sondern die Mädchen, deren einzige Sorge es ist: wie bekomme ich einen Mann und wie bringe ich die Zeit bis zu meiner Verheiratung durch? Schöne Sorgen! Der zweite Typ ist der am stärkste-! vertretene und dürfte als der „normal e" bezeichnet werden. Normal deshalb, weil die Mädchen dieser Gruppe teils durch die soziale Lage gezwungen, teils durch Ueberlegung dazu gekommen sind, daß der Beruf eine innere und äußere Notwendigkeit für die Frau der Gegenwart und Zukunft ist, — die aber als Ideal doch den Beruf der Mutter haben. Dio er Typ wird also in der inneren Haltung sowohl dem angeborenen „weiblichen Gesetz" wie den Forderungen der Zeit gerecht. Der dritte Typ endlich, das andere Extrem, ist der der völlig an den Mann angeglichenen Frau, für die die Selbständigkeit und Freiheit im Beruf und gegenüber dem Manne mehr bedeutet als Ehe und Mutterschaft. „M ä n n 1 i c h e" Frauen hat es sicher immer gegeben, doch wird dieser Typ heute geradezu gezüchtet, weil im Berufsleben für die Bewertung weiblicher Arbeit fälschlicherweise noch immer der männliche Maßstab gilt, nach dem sich die Frauen zu richten-haben. Und dieses dauernde Sich^nach-dem-Manne-Richten läßt die Frauen zu oft das ihr typische Weibliche vergessen. Dieselben drei Typen finden wir in der Universität wieder: die Haustocher, die geistig interessiert ist und deshalb bis in ihrer Verheiratung ein bißchen die „Rosinen aus dem Kuchen der Wissenschaft" nascht. Sie betreibt gewissermaßen ein Verlegenheitsstudium, weil ihr die Universität als würdigster Unterkunftsort für beschäftigungslose, geistig interessierte junge Menschen erscheint. Mit Beruf hat ihr Studium nichts zu tun. Der zweite Typ, der „normale", studiert ernst und gewissenhaft auf den gewählten Beruf hin, ist sich aber darüber klar, daß der Beruf für die Frau schwerlich die letzte innere Befriedigung bringt, wenn es sich um eine ausgesprochen weibliche Frau handelt, und der deshalb doch eine-Ehe ersehnt. Als ideale Lösung der Frage Ehe und Beruf erstreben die Mädchen dieses Typs die Ehe mit einem Kollegen, die es ihnen ermöglicht, auch nach der Verheiratung durch Zusammenarbeit mit den Mann im Beruf zu bleiben. Der dritte Typ ist die Frau nut der Leidenschaft für den selbständigen Beruf oder die .Wi^eiuchaft. Er ist der bis heute erfolgreichste und leistungsfähigste. Er ist durch eine gewisse Männlichkeit und die Fähigt keir, sich auf das gewählte Gebiet restlos zu konzentrieren. ] zur Fiinrerin und Vorkämpferin für die Frau und ihre Rechte