Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 10 (6.1932)
- Date
- 1932-06-01
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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40 prädestiniert; eine Frau wie Gertrud Bäumer gehört zu diesem Typ. Allen Frauen, die sich dem Studium widmen, ist es aber gemeinsam, daß sie zumindest ein gewisses Interesse für das Gebiet, das sie sich als Beruf gewählt haben, besitzen. Dies ist der Vorteil, den die Akademikerin gegenüber allen den Frauen hat, die durch ihre soziale und materielle Lage in einen Beruf gezwungen werden, der sie oft nicht befriedigt, den sie wählen mußten, weil sie in ihm ihren Unterhalt zu verdienen hoffen. Dieser Vorzug, den somit die Akademikerinnen genießen, ermöglicht es ihnen, verpflichtet sie aber auch, ihre ganze Leistungsfähigkeit und Energie auf das Gebiet zu konzentrieren, das sie frei wählen durften. Betrachten wir die Möglichkeiten, die der Frau für ihr Studium gegeben sind, so ist zu sagen, daß ihr grundsätzlich die gleichen Studienwege wie dem Manne offenstehen. Tatsächlich gibt es auch in den „männlichsten" Studiengebieten, wie z. B. dem Ingenieurstudium, bereits Frauen, doch üben meines Wissens noch sehr wenige oder keine Frauen diese Art von Berufe i aus. In der Regel aber studieren die Frauen doch in Fakultäten, in denen sie eine Möglichkeit halben, sich adäquat ihren typisch weiblichen Eigenschaften beruflieh zu betätigen. Alis diesem Grunde ist das Studium der Philologie-das noch immer am häufigsten gewählte. Der Beruf der Lehrerin, der Unigang mit Kindern, bringt der Frau besondere Befriedigung. Auch im Beruf der Aerztin, Anwältin, Richterin gibt es für die Frau Gebiete, auf denen sie kraft ihres Frau-Seins und ihrer „Gefühlsbetontheit" Besonderes leisten kann, so als Kinderärztin, Anwältin für Scheidungsprozesse und Strafsachen und als Jugendrichterin. Und wie sind die Aussichten der Frau im akademischen Beruf? Bei ganz selbständigen Berufen wie dem der Aerztin und Anwältin entscheidet wie beim Mann die Tüchtigkeit. Bei allen akademischen Berufen aber, bei denen man von einer Anstellung abhängig ist, wie bei dem der Lehrerin und Rdchterin, entscheidet das Glück und — die Protektion, weil auch hier alle Stellen x-fach besetzt werden könnten und das akademische Proletariat dauernd zunimmt. Schlimm für uns Frauen ist nur, daß wir noch mehr Glück als die Männer brauchen, da man in vielen, den meisten Fällen noch zu sehr geneigt ist. einen männlichen Bewerber einer ebenso tüchtigen Bewerberin vorzuziehen, nur weil er Mann ist. Und wir jüdischen Frauen haben noch mit der besonderen Schwierigkeit zu kämpfen, die man überall der Jüdin entgegensetzt. 11 s e L ö f f I e r Ein junges Mädchen sucht eine Stellung (Von einer 19jährigen Arbeitslosen) Eine Stellung zu finden ist-ja heute ohnehin nicht leicht, weder für junge noch alte Frauen. Kommt aber ein junges Mädchen in die Verlegenheit, hinter einer Erwerbsmöglichkeit herjagen zu müssen, so tauchen da noch einige Schwierigkeiten auf, die eigentlich mit Berufsangelegenheiten nichts zu tun haben sollten. Hat man bereits einen Beruf erlernt und es darin unter Umständen zu einer gewissen Erfahrungsfülle und Geschicklichkeit gebracht, so darf man doch unter den heutigen Umständen nicht damit rechnen, auch ausgerechnet in diesem Beruf weiterzukommen. Ich hatte ursprünglich einen Beruf ergriffen, den auszuüben es verhältnismäßig wenig Gelegenheit gibt. In einer Stadt von der Größe Frankfurts z. B. gibt es hoch gerechnet zwei Dutzend Stellen, die für mich in Betracht kämen, denen aber ein Vielfaches von ausgebildeten Kräften gegenübersteht. Nachdem ich abgebaut wurde, um billigeren (Lehr-)Kräften Platz zu machen, mußte ich mich bald damit abfinden, meinen technischen Beruf, an dem ich viel Freude hatte, aufzugeben, bis sich vielleicht in besseren Zeiten eine Gelegenheit findet, ihn wieder zu ergreifen. Ich suchte Arbeit in der Modebranche und in Laboratorien, in Kindergärten und bei der Ausstattungsrevue, in Büros und bei Familien zur Betreuung der Kinder. Trotz aller Enttäuschungen, die bei der Arbeitssuche unausweichlich sind, war ich doch anfangs sehr geneigt, auch die unerfreulichen Erfahrungen ein wenig von der komischen Seite zu nehmen. Doch bald ist mir die Lust daran vergangen. Als cch mich bei einer chemischen Fabrik vorstellte, die eine junge Laborantin suchte, war das Unternehmen bereits pleite. Ein „Wissenschaftler" suchte Privatsekretärin und Reisebegleiteri'.i. Ich träumte schon von Weltreisen und Expeditionen, von interessanten wissenschaftlichen Untersuchungen und Gesprächen mit berühmten Gelehrten. Ich lernte als „Wissenschaftler" einen dickbauchigen Geschäftsreisenden kennen, der sich mit dem Vertrieb einer jener obskuren medizinischen Artikel 'befaßte, mit denen unter allerlei wissenschaftlichen Vorwänden Bauernfang getrieben wird. Der Herr Wissenschaftler erklärte gleich, daß er „sehr viel Sonne" brauche. Leider war ich nicht naiv genug, um nicht sogleich zu durchschauen, was der freundliche Herr unter „Sonnenschein" verstand. Das Schlimmste aber ist, daß es sehr viele solcher Inserenten gibt, denen mehr am ,ySonnensohein" gelegen ist, als an technischen oder kaufmännischen Fähigkeiten der jungen Mädchen, die sich bei ihnen vorstellen. Ein andermal wird -junge Dame aus ersten Kreisen für Tanz" gesucht. Ich nehme an, daß eine Privattanzlehrerin eine Assistentin sucht und freue mich darauf." Es handelte sich aber darum, daß ein höchst zweifelhaftes Lokal nicht umhin konnte, seine Eintänzerinuen aus „ersten Kreisen" zu wählen. Womit allerdings eher „erstbeste Kreise" gemeint gewesen sind. Zwischendurch gab ich befreundeten Ausländern deutschen Sprachunterricht, saß einer Malerin als Modell und verwendete die so verdienten Groschen fast ausschließlich darauf, weiter zu inserieren. Schließlich war mir eine Stellung bei einem Chirurgen so gut wie sicher. Aber ich bekomme plötzlich eine Absage; später höre ich, daß ich der Frau Doktor nicht gefallen habe; sie fand eine ältere Krankenschwester aus Sachsen geeigneter für den Posten. Ein Zahnarzt fürchtet, sein Sohn würde sich in mich verlieben. Ich werde in Zukunft wohl bei der Stellungssuche eine dunkle Brille und ein künstliches Knörzehen auf dem Kopf tragen oder Warzen ankleben "müssen, um auf der einen Seite den Aufgaben als ^Sonnenschein" ausweichen zu können und auf der anderen Seite jegliche Bedenken wegen eventueller Störung des Familienfriedens auszuschalten. Als Mannequin bin ich zu klein, als Girl zu groß, als Krankenschwester zu jung und als Bürohilfe zu alt (von wegen Tarif!). Stenotypistinnen, Schwestern, Verkäuferinnen, Tänzerinnen, Kindermädchen, sie alle suchen und schielen argwöhnisch nach jeder Neuen, die ihnen das Feld streitig macht. Besonders gehässig sind sie ä'ber gegen die, die nicht aus der „Branche" sind. Viele Blicke verfolgen mich noch lange. Gleichgültige, spöttische, prüfende. „In meinem Büro ist zur Zeit nichts frei, aiber ich hätte etwas anderes für Sie, mein Fräulein", erklärt mir ein dicker „Chef" mit vielversprechendem Lächeln. Auf meine abweisende Haltung erwidert er mit einem Achselzucken: „Die nächste bitte". Was soll ich nun tun? Durch die täglichen Absagen, die Enttäuschungen, durch die Begegnung mit Menschen, wie ich sie geschildert habe, durch den Kampf gegen sie und sich selbst, werde ich müde und gleichgültig. Es ist selbstverständlich, daß man als junger, gesunder Mensch sich danach sehnt, konzentriert und regelmäßig zu arbeiten, sich danach sehntj sechs schwere Wochentage zu haben und einen freien. Aber je länger man durch Suchen und Finden kleiner Nebenverdienste, und durch Nachgehen seiner verschiedenen Liebhabereien, die Zeit ausfüllt, um so mehr zersplittert man sich. Geschieht dies, so verliert man außer der geregelten Beschäftigung, sein bestimmtes und spezielles Ziel und somit seinen letzten Halt. Ich bin überzeugt, daß man (gesetzt den Fall, man fände eine Stelle) das Arbeiten, das wirkliche konzentrierte und regelmäßige, erst wieder erlernen muß, langsam und tastend, wie ein Mensch, der nach langer schwerer Krankheit wieder das Gehen versucht. N. N. Subventionierung von Jugendorganisationen Seitens der Jugendkommission sind an die Jugendbünde und Sportvereine Fragebogen versandt worden, auf Grund derer die Subventionen für das Rechnungsjahr 1932 (1. April 1932 bis 31. März 1933) festgestellt werden sollen. Jugendorganisationen, denen Fragebogen nicht zugegangen sind, werden gebeten, sie umgehend bei der Jugendkommission anzufordern. Tagesheim für erwerbslose jüdische Jugend Für das Tagesheim der erwerbslosen jüdischen Jugend wird. eine ehrenamtliche Kraft gesucht, die die Jugendlichen in Einheitskurzschrift (für Anfänger) zweimal in der Woche je 1 Stunde unterrichtet. Gefl. Zusagen an den Heimleiter Philipp Rochwerg, Rückertstr. 59 (Tel. 45434) erbeten. Schluss der Beilage. Verantwortlich für die Schriftleitung der Beilage: Ernst Hölzer in Frankfurt a. M.