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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-06-01 · 10 (6.1932) · page 26

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
10 (6.1932)
Date
1932-06-01
Page
– (sequence 26)
Language
German
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38 pierungen, auch der Einzelne, erfüllen zu jeder Zeit bestimmte Funktionen in der Gesamtgesellschaft. Wir sehen überall den Zerfall der früheren Ordnungen in „Interessentenhaufen". Notwendig ist eine Neubestimmung der Funktionen der verschiedenen Gruppierunigen. Dabei helfen uns keine Wunschbilder. Auch der einzelne Mensch wird nicht dadurch wieder gesund, daß er sich ausmalt, wie er gern sein möchte, sondern dadurch, daß er klar erkennt, wie er ist, Voraussetzung für ein' solches Menschheitsbewußtsein ist aber ein Verantwortlichkeitsbewußtsein der einzelnen und der Gruppea gegenüber der umfassenderen Einheit. Freilich, schlimmstenfalls geht es auch so. Es ist theoretisch einzusehen, daß bei -ungehindertem Anschwellen der Not ein Punkt kommt, wo alle einzelnen an ihrem nackten Leben gefährdet sind. Hier würde die materialistische Geschichtsauffassung erst ganz wirksam. Dann sind alle individuellen und Gruppenunterschiede weggespült. Aber in der konkret-geschichtlichen Situation liegen diese Punkte weit auseinander. Es ist ganz sicher, daß eine ganze Reihe von einzelnen die Möglichkeit haben, auch heute — noch. — glücklich zu leben. Wir sehen aan Beispiel Frankreichs ganz deutlich, wie sehr diese Individuen und Gruppen für seine Uebenvindung der Not ausschalten oder sie nach dem Maß ihrer Macht verhindern. Und deshalb dürfen wir sie nicht als Maßstab nehmen. Denn nur durch Abschließung von der Gesamtheit, durch „Privatisieren", können sie ihr Sondersein führen, und gerade die Ueberwindung der Vereinzelung, 'die Neueingliederung ist unsere eigentliche Aufgabe. Der Beruf ist die deutlichste Verknüpfung des Menschen mit der Gesamtgesellsehaft, Deshalb wird hier der Einfluß der gesellschaftlichen Umwälzung auf den Einzelnen besonders wirksam. Zugleich ist aber der Beruf der Punkt, an dem das „falsche Bewußtsein" des Einzelnen den größten Schaden für die Gesamtheit haben kann, wenn es notwendige Umwälzungen verhindert Deshalb ist es nötig, sich über die bestehende Berufsvorstellung klar zu werden und sie mit der täglich gelebten Wirklichkeit zu vergleichen. Es gibt mehrere Berufsstellungen in unserer Zeit. Für äii eine ist der Bauer Beispiel. Da ist der Beruf eins mit dem ganzen Leben, beherrscht es in fast allen Aeußerungen. Die Arbeit fondert den ganzen Mensehen, alle Sinne, den Verstand. Es gibt arme Bauern und reiche Bauern, aber sie heben sich beide scharf ab gegen den Städter. Arbeitstag und Körpertag laufen gleich, überall schaffende, naturgebundene Eiiiheit. Dem Bauern ist der Handwerker verwandt Er macht sein Werk von Anfang bis zu Ende, es beansprucht seinen Körper, vielfaches Nachdenken, das feine Gefühl für Material, für Präzision- Er richtet das Arbeitstempo nach seinem Willen. Auch hier ist noch.Ausfüllung des Lebens mit dem Beruf. In fast allem gegensätzlich steht der moderne Fabrikarbeiter. Er arbeitet an Maschinen, die ihm das Arbeitstempo aufzwingen. Das laufende Band, immer größere Mechanisierung und Arbeitsteilung vereinfachen seine Tätigkeit auf ein paar Handgriffe. Der Arbeitstag dauert 8 Stunden oder mehr und hat nichts mehr mit dem Körper- und Sonnentag zu tun. Der Beruf kann ihn nicht mehr mit seiner ganzen Person erfassen. Und er erkennt das und sucht seine eigentliche gesellschaftliche Aufgabe außerhalb des Berufs, in der proletarischen Bewegung zu erfüllen. Zwischen beiden Gruppen steht die bürgerliche Schicht, insbesondere die Angestetltengruppe, der größte Teil der deutschen Juden. Hier ist ein ungeheurer Zwiespalt zwischen Begriff und gesellschaftlicher Wirklichkeit. Dem Begriff nach beansprucht der Beruf die ganze Person. Er soll für das Leben zentral sein, ihm gegenüber muß alles, andere zurücktreten. In der Wirklichkeit unseres Berufslebens ist das schon bei einem großen Teil nicht mehr möglich. Gerade die Arbeit der Angestellten wird weiter mechanisiert und funktionalisiert, immer weniger kann der lebendige Mensch sich einsetzen. Der Schritt vom kleinen Geschäft zum Warenhaus, vom Warenhaus zum Einheitspreisgeschäft 'bezeichnet diesen Weg. Immer mehr jüdische junge Menschen, die ihr ganzes Leben an den Beruf geben wollten, gehen diesen Weg. Der jüdische Angestellte, der nicht in den christlichen Großbetrieb hineinkommt, weil mau weiß, daß er nicht nur ,,funktioniert", sondern sich hineingebea, vorwärtskommen will, ist ein Opfer dieser Auffassung. Der Mangel einer wirklichen Freizeitgestaltung, der fehlende Wille einer wirklichen Lebensgestaltung hängt damit zusammen. Die Vergiftung der Atmosphäre der Zusammenarbeitenden hängt damit zusammen, denn wer seine ganze Person in die Arbeit stecken will und von der Arbeit selbst nicht befriedigt wird, wird die überschüssige Energie in persönlichen Spannungen entladen. Diese Berufsauffassung hat bei den Juden noch ein besonderes Mctiv. Die Emanzipation hatte die rechtliche und politische Gleichstellung gebracht, längst nicht die gesellschaftliche. Zu der gab es im wesentlichen nur den Weg über das Geld. Aus diesem Kreis stammt das Bild von dem jüdischen reichen Mann, der für seine Tochter einen Adligen sucht. Und deshalb war der Beruf für die Juden wichtiges Mattel zu dem Zweck der sozialen Emanzipation. Dies Motiv hat für uns und unsere Zeit von allen Seiten her an Bedeutung verloren. Wir sind im deutsehen Volk nicht mehr so unsicher, daß diese Geltung für uns so entscheidend wichtig wäre. Und wir wissen demgegenüber genau, daß heute der „Makel" des Judeseims auch nicht mehr mit Geld wegzuwaschen ist. Und vor allem sehen wir in aller Klarheit und Schärfe," wie verschwindend gering unsere Aufstiegsmöglichkeiten sind. Die Krise hat fast allen die individuellen Illusionen genommen, wir täuschen uns nicht mehr damit, daß es schon wieder besser werden wird. Ueberall sehen wir, wie alle individuelle Besserstellung beschnitten wird bis auf die Linie, die der Kampf der Interessentengruppen gezogen hat: Tarife, Arbeitsrecht, Arbeitslosenversicherung. Wir haben uns lange genug verwirren lassen durch den Blick auf die amerikanische „prosperity", durch den „Ansporn", durch die paar jungen Leute, die von der Inflationswelle nach oben getragen wurden und sich da halten konnten. Wir glauben nicht1 mehr daran! Die Frage nach der Beruf »Stellung hat also drei Seiten: Die Frage nach der Arbeit, die Frage nach der Gosel 1 - schaft und die Frage nach der Freizeit. Die Arbeitsgestaltung ist am wenigsten vom Einzelnen aus bestimmbar. Es ist richtig, daß man dn jede Arbeit ein Stück Teilnahme und Liebe hineingehen kann. Das wird jeder schon tun müssen, weil er sonst auf die Dauer zugrunde gehen müßte. Aber das greift nicht an den Kern. Die Versuche, die mit der Vermenschlichung der Arbeit gemacht worden sind (z. B. Rosenstock: „Werkstattaussiedlung"), haben bisher keinen rechten Erfolg gehabt. Der andere Weg geht konsequent weiter: Immer stärkere Verkürzung der Arbeitszeit, stärkere Freizeitgestaltung. Und schon im Kampf um die Arbeitszeit zeigt 'sich die Verknüpfung mit der sozialen Umwälzung. Hier wird jeder seinen Platz und seine Aufgabe zu suchen haben. So bleibt das Eigentliche, was heute geschehen und verwirklicht werden kann, die Freizeitgestaltung. Heute ist die Freizeit für viele Menschen nur ein leerer Raum, der irgendwie ausgefüllt werden muß. Und den man wegträumen kann,.wenn man sich betäubt. Da ist das Kino, wo einem gezeigt wird, wie mal gern leben möchte, da ist das Cafe, wo man billig für ein paar Stunden „Herr" sein kann, da ist die Bar, die für etwas mehr Geld etwas mehr Illusion bietet. Immer ist Bedingung: Du mußt vergessen wollen. Aber nur, wer sich zu sich bekennt, kann gestalten. Der spürt hinter der Illusion die Kulisse, die Industrie. Der sieht sich allein und machtlos Mächten preisgegeben, die nicht nur sein äußeres Schicksal, sondern auch seine persönlichsten Lebensbezirke beherrschen wollen. Von dieser Situation -her bekommt das Judesein neues Gewicht. Arbeit, bestehende Gesellschaft, politische Bewegung können für das persönlichste Leben nicht mehr das Entscheidende sagen. Und das wird jetzt vom Jüdischen verlangt, wenn es Sinn haben soll. Keine abgelöste Ideen- und Kultuslehre, Antwort auf unsere aktuelle Wirklichkeit brauchen wir., So müssen wir neu an das ererbte Geschichtsgut herangehen und fragen und lernen. Es erscheint in dieser Zeit schwerster materieller Bedrohung gefährlich, von der Konzentrierung aller Kräfte des einzelnen auf Sicherung des notwendigen Lebensunterhaltes abzulenken. Aber wir sehen rings um uns die verderblichen Folgen dieser Haltung, aan stärksten bei den Menschen, die neu in den Beruf wollen und keine Lehrstelle finden oder fast gewiß sind, am Ende der Lehrzeit auf die Straße gesetzt zu werden. Wenn ihnen nicht klar gemacht werden kann, daß ihre persönliche Erfüllung und die Sinngebung ihres Lebens nicht notwendig mit de.il Beruf zusammenfallen muß, werden Verzweiflung und immer stärkere Wurzellosigkeit immer größere Schichten ergreifen. Ernst Stillmann

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