Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 10 (6.1932)
- Date
- 1932-06-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt __Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde Nr. 10_____JUNI 193* Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beitrage für die Beilage und Zuschriften sind an den Schriftleiter der Beilage, Ernst Holzer, Corneliusstrasse 8, zu richten WIE STEHST DU ZUM BERUF? Wo wir uns in diesen Blättern mit der geistigen, der religiösen Krise, mit politischen Entwicklungen und mit speziellen jüdischen Sorgen beschäftigt haben, da war doch immer der Hintergrund, das Wirtschafts-Chaos von heute, klar genug gezeichnet. Diesem .Hintergrund", mit anderen Worten : dar Lebensfrage jedes jungen Juden ist die vorliegende Nummer gewidmet. mWie stehst du zum Beruf?„ Wir stellen die Frage an Jeden. Und wir erwarten Antworten, Diskussionsbeiträge und, wenn's geht, Vorsdiläge. Schriftleitung. Jugend und Angestelltenberuf 1. Die sachliche Lage 1. Der Schrumpfungsprozeß der Wirtschaft schreitet fort. Es gibt täglich weniger Platz für die Angestellten in Industrie. Groß und Kleinhandel. Die Gehälter sinken. Eine neue Stellung zu bekommen, ist fast unmöglich, die alte «u halten, schwierig. 2. Hieraus ergibt sich die unbedingte Notwendigkeit einer positiven Einstellung zum Beruf. Man darf nicht mit der Einstellung an ihn herangehen: „Leider hat das Geld meiner Eltern nicht zu mehr gereicht", sondern muß sich freudig positiv zum Beruf stellen, zu seinen Anforderungen und Aufgaben. 3. Es ergibt sich ferner die Notwendigkeit der stärksten Ausbildung für den Beruf. Wenn wirklich einmal eine Stelle frei ist, kann sie nur der besetzen, der besondere Qualitäten und Kenntnisse aufweist. Berufsausbildung auf allen nur möglichen Gebieten wird zur unbedingten Forderung, ohne deren Erfüllung ist es fast aussichtslos, eine Stellung auch nur zu behalten, geschweige denn, eine neue zu bekommen. II. Die menschliche Lage. 1. Diese gegen früher veränderte Lage äußert sich stark in der b ü n d i s c h e ji J u g e n d. Bs wird eifrig die Frage diskutiert, ob in der Erziehung mehr Wert auf praktische Berufsfragen oder auf Haltungs- und Bildungsdinge gelegt werden soll. Diese Frage wird bis zu ihrer letzten Konsequenz auf das Weltanschauliche durchgeführt. Es ist eine Existenzfrage für die Bünde, denn die Frage der primären Berufsausbildung bejahen heißt: die Gruppen der 14—18jährigen in ihrer "heutigen Form verneinen. Es ist schwierig für die Bünde, hier irgendwie zu einer befriedigenden Lösung zu kommen, die die Existenz der Gruppen weiter ermöglicht und rechtfertigt, da, die Lehrlinge sich ihr Wissen sicher besser in VolkabUditngsheimen, Handelsschulen und der Universität in Abendvorlesrungen aneignen können, als in den Heimabenden. Für diese wird dann kein Platz mehr sein, da die Zeit eines Lehrlings fast'restlos ausgefüllt ist und er abends meist zu müde ist, um mehr als das Allernotwendigste geistig noch zu arbeiten. 2. Die Wirkung der oben gezeigten Lage auf die unorganisierte Jugend muß eine tiefere sein, als die Wirkung auf die Bündischen. Den Unorganisierten fehlt wohl stark der Willensantrieb, der sie dazu bringen könnte, sich abends trotz Müdigkeit noch zum intensiven Lernen hinzusetzen. Es fehlt Krise, Beruf Täglich werden jedem einzelnen die Auswirkungen der Krise schwerer fühlbar, immer mehr Menschen werden aus dem Wirtschaftsablauf hinausgeschleudert, wandern durch Vollunterstützung, Krise, Wohlfahrt, ohne Hoffnung, auch nur in absehbarer Zeit wieder arbeiten zu können. Die andern wissen Sich alle bedroht, kaum einer glaubt noch, daß er gesichert 'ist.- Aber das Bewußtsein der meisten will noch nicht mit Unzählige leben in eineT Fiktion, als ob alles noch wie früher wäre, ab ob diese Krise nichts anderes sei als die Konjunkturkrisen der Vorkriegszeit. Wer aber die tiefgreifenden Umwälzungen der Kriegs- und Nachkriegszeit betrachtet," der sieht auf allen Lebensgebieten den sich vollziehenden oder beginnenden Umbruch. Was für den einzelnen am gefährlichsten und drängendsten als materielle, ökonomische Not erscheint, das ist, für die ganzt? westliche Menschheit gesehen, vorzugsweise eine geistige Krise. Denn nicht das Versiegen der Rohstoffihnen der Führer, der sie auf die Notwendigkeiten, die sich aus der Lage ergeben, aufmerksam macht, es fehlt ihnen wohl auch oft die Möglichkeit, nur die Lage richtig zu übersehen. Denn auch ihre Eltern, in der Zeit einer aufsteigenden Konjunktur und eines sicheren Weltbildes aufgewachsen, vermögen meist die in ihren Tendenzen und Ereignissen sprunghaft wechselnde Zeit nicht so zu übersehen, wie es nötig wäre, um weittragende Entschlüsse aus ihr zu folgern. 3. Die ganz intensive Beschäftigung mit dem Beruflichen: die heute erhöhten Anforderungen durch die Mechanisierung, dadurch, daß der einzelne Mensch nur kleine Teile des Arbeitsvorgangs erledigen kann; die verhängnisvolle Tatsache, daß der Arbeit der Zusammenhang, der ihr erst Sinn gibt, fehlt: all das muß dazai zwingend führen, daß gegen die hieraus sich ergebenden Spannungen ein Gegengewicht gefunden wird. Das liegt ia der Gestaltung der Freizeit, auf die ganz besonderer Wert gelegt werden muß, sei es in den Bünden, sei es bei den Einzelnen: die menschliche Entwicklung darf über all dem Sachlichen nicht verkümmern, für sie muß Raum und Kraft übrig bleiben. III. Weltanschauliche Verteidigung des Gesagten Voraussetzung zu all den Konsequenzen, die ich aus der Lage gezogen wissen will, ist eine individualistische Weltanschauung. Eine Anschauung, die auch heute noch an das Leistungsprinzip glaubt und es bejaht. Eine Anschauung, die auch heute noch Persönlichkeitsbildung als die wesentliche Aufgabe aller Erziehung betrachtet Die zwar weiß, daß der kaufmännische Beruf heute nur noch ganz vereinzelt für Menschen die treibende Aufgabe ihres Lebens sein kann, weil er für die meisten sinnlos ist, die ihn aber organisch einbauen will in das Gesamtleben und ihm seinen wichtigen Platz einräumen will. Voraussetzung ist auch eine positive Einstellung zum ganzen Leben, da eine verneinende oder nicht voll bejahende sich nie zu der Energie wird aufraffen können, die nötig ist-, um heute im Beruf seinen Mann zu stehen. Eine Lebenshaltung ist nötig, die den veränderten finanziellen Verhältnissen Rechnung trägt. Eine Erkenntnis ist nötig, die weiß, daß die bisherige bürgerliche Lebensform eine überholte, heute nicht mehr mögliche ist und die nach einer gewandelten bürgerlichen Haltung sucht und um sie ringt. Kurt Wongtschowski und Jugend quellen oder Uebervölkerung bedrohen die Menschheit. Ungeheure Rohstoffquellen werden z. B. in Rußland erst jetzt erschlossen, und fast allen Völkern droht schwächer und stärker der'-Geburtenrückgang. Es geht um ein Versagen der bisherigen Organisationsprinzipien der menschlichen Gesellschaft, um eine Krisis ihrer geistigen und seelischen Konstitution. Und wie bei geistig-seelischen Erkrankungen des Einzelmenschen, spielt das Bewußtmachen, die geistige Durchdringung eine entscheidende Rolla. Jetzt besteht ein verderbliches Ineinander und Durcheinander verschiedenster Bewußtseinsgruppen. Der einzelne, die Nation, die Klasse, alle fühlen sich bedroht. Die Wege aus der Gefahr führen aber gegeneinander, je nachdem ich mich als Einzelnen, als Glied eines Volkes oder einer Klasse fühle. Erst wenn erkannt wird, daß es sich um eine Umwälzung der ganzen menschlichen Gesellschaft auf allen Lebensgebieten handelt, wird der Weg klarer. Denn alle menschlichen Grup-