Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 10 (6.1932)
- Date
- 1932-06-01
- Page
- Seite 214 (sequence 8)
- Language
- German
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214 Ende 1905 veröffentlichte Spire seinen Gedichtband „Et vous riez" . . . die alte geplagte, lauschende Judenseele und das helle, zärtliche Auge des Franzosen, des Erben Griechenlands. Er liebt das Leben mit einer klaren, heiteren Sinnlichkeit, seinen Glanz, seine Versuchungen; die Schönheit der Welt lockt ihn, zieht ihn zu sich, Frauen und Städte, Himmel und Flüsse, Bücher und Tränen. Mit seltener Kraft und Jugendlichkeit wird sie noch der Fünfzigjährige singen. Aber in seinem Blicke ist immer noch etwas Tieferes: ein fassungsloses Erstaunen, ein Erschrecken ob allem Leid. Eine Absage an die bloße Freude der Schönheit. Ein gequälter Aufschrei bricht aus ihm: „Und Ihr könnt noch lachen!" Jahre später wird derselbe Mann im Anblick der Greuel des Krieges in den Schmerzensruf ausbrechen: „Et j'ai voulu la päix!" Und das Bewußtsein seiner Hilflosigkeit, die Erkenntnis der Menschennatur, der Verzicht auf so manchen naiven Jugendtraum wird ihm jene klare Stille geben, die keine Illusion mehr kennt, die keinen Selbstbetrug, kein vages Halbdunkel verschwommener Ausflüchte mehr duldet.' Will er sich aber ferne von sich selbst in liebliche Bilder flüchten, bricht immer wieder der Protest aus ihm hervor gegen diese Welt der Ungerechtigkeit, die man nicht ändern, aber auch nicht hinnehmen kann. Er möchte glauben, wie einst die Propheten; aber er kann es nicht. Er möchte auf den bunten Wiesen heiter 'spielen, aber es bäumt sieh in ihm dagegen auf. Aus dem Kampf zweier Kräfte bleibt als letzte Zuflucht ein leiser, gütiger Spott, eine offene Mitliebe und Hilfsbereitschaft, eine verschwindende Hoffnung, an die man nicht mehr zu glauben wagt und worüber man unglücklich ist. Diese Verse sind voll Musik, eine nervöse Spannung ist in ihnen, kurz und eindringlich in impressionistischer Art geben sie ein Bild, eine Bewegung, den Flug eines Gedankens wieder. Sie sind nicht, wie der klassische französische Vers, durch die Silbenzahl gebildet, sondern durch die Akzentuierung der natürlichen Rede, auf dem Klang der modernen gesprochenen Sprache aufgebaut, mannigfaltig wie der Sinn und innere Rhythmus des Gedankens, den sie ausdrücken. Spire ist den Gesetzen und der Technik der französischen Sprache sorgsam nachgegangen; wie für alle Juden haben für ihn Wort und Sprache ungeheure Bedeutung; ist nicht der freie akzentuierte Rhythmus in Spire ferne Erinnerung hebräischer Rhythmen? Spire ist keines jener früh entwickelten Wunderkinder, an denen wir so reich sind, auch keiner jener, die ein frühes Ende zu vorzeitiger Reife treibt. Etwas Männliches und Starkes ist in ihm. und noch die Gedichte des Fünfzigjährigen sind voll jugendlicher Liebe, Kraft und Erwartung. Er hat sich weit umgeblickt in den Ländern und Zivilisationen Westeuropas, hat viel politische und soziale Erfahrung gesammelt. In seiner großen Bibliothek reihen sich Werk an Werk, die seinen geistigen Horizont bestimmt haben, und unter ihnen stand seit frühester Zeit die Bibel. Er liebte es, Zitate aus dem Alten Testament seinen Dichtungen voranzustellen, so sehr wirkte in ihm unbewußt der Zusammenhang. Lyriker, hat Spire sein jüdisches Gefühl in Dichtung geformt.; Aber, und das hebt ihn weit über so viele andere schon durch diese Tatsache hervor, seine Gedichte sind jüdisch durch das Weltgefühl., nicht durch ihren Inhalt. In der endgültigen Ausgabe seiner .,Poemes Juifs", die 1919 erschien, stehen so viele, in denen das Wort Jude nicht vorkommt, sondern die Raserei des Luftschiffes, der Lärm der Großstadt, die tragische Schönheit des Lebens, die sozialen Gegensätze. Und doch werden sie als jüdisch empfunden. Weil der Mann, der sie schrieb, in aller Vielfältigkeit seines Seins, in aller unendlichen Verknüpftheit seines Wesens, die aller modernen Kulturmenschen Los und unser doppelt ist, in aller Teilnahme und allem Offen&ein dem weiten Geschehen gegenüber, doch das Jüdische in sich als die tiefste, tragende Schicht empfindet. Und daß dies geschah in einem völlig unjüdischen Milieu, in einem Lande und in einer Kultur, wo'dies den Weg des absolut größten Widerstandes bedeuten mußte, allein und ohne Begleiter, ist eines der Wunder der ewig sich erneuernden Lebenskraft des jüdischen Volkes. In Straßburg ist es, um die Zeit des Osterfestes 1905, in einer Stadt, wo die Juden viel gelitten hatten, da erscheint ihm das „alte Gesetz". Ihm, der gewähnt hatte, gleich den anderen das heiter-anmutige Leben französisch-hellenischen Geistes lieben zu können, sich ihm hingeben zu dürfen, die Schönheit zu verehren, Museen der Grazie, Blumen des Luxus, die betörende Symphonie der Klänge und Töne des rauschenden Lebens, kommt die Erkenntnis, daß zu jung schon seine Stirne sich zur Traurigkeit und zum Schmerz geneigt hat, daß sein Herz schlägt, wenn er Stimmen hört, die etwas rauh sind, Hände sieht, die fiebrig erregt zittern, und wenn der Bruder, der sich als sein Gleicher erklärt, von ihm Hilfe fordert. „Du wirst die Kraft und die Kühnheit singen wollen; du wirst nur die Träumer lieben, die waffenlos dem Leben gegenüberstehen. Du wirst versuchen, die fröhlichen Gesänge der Bauern, die brutalen Märsche der Soldaten, die graziösen Tänze der Mädchen zu hören; dein Ohr wird aber nur die Wehklagen vernehmen, die von den vier Ecken des Weltalls aufsteigen." So singt ihm das Alte Gesetz, Ahnenbestimmung, Träumerschicksal. In seinen „Poemes Juifs" sind im rein Stofflichen nur die drei letzten Gedichte jüdisch, die anderen Gedichte des Bandes sind Schreie des Jahrtausende alten Kampfes jüdischer Seele, dessen Symbol die Legende von Jonas ist, dessen ganzes Wesen vor dem Auftrag Gottes zurückbebte, dem großen Sündenbabel das Richterwort des Herrn zu bringen, und der vor Gott in die Einsamkeit flüchten wollte, in die Wüste, ins Meer; aber den das Meer selber an sein Ziel ausspie und an Gott auslieferte. Es ist die Rasse, die von der Idee der Gerechtigkeit beherrscht ist und . aus ihr das-Attribut ihres Gottes gemacht hat, die ihre Beziehungen zu Gott wie einen Vertrag auffaßt, dem sie sich immer wieder entziehen möchte und nicht entziehen kann. Und aus diesem ewigen Kampfe von Bewährung und Abfall entspringt die Unruhe jüdischen Wesens, die es so verwandt macht dem Strömen der Musik, dem Rinnen des Wassers, Symbole, zu denen Spire immer wieder zurückkehrt. Denn die Welt der Töne und die geheimnisvolle Macht der Meere und Flüsse ersetzen dem Juden Formen und Farben. Aber Morgen strahlender Heiterkeit heben sich über die Erde; all unser Kampf um Gerechtigkeit scheint so vergeblich, so eitel, mehr noch voll ungerechtfertigten Hochmuts; was hilft verstehen wollen den Rätseln der unendlichen Natur gegenüber. Der Dichter bricht auf „vers les routes absurdes". Hier in der Lebensfülle strahlender Welt von Gedichten , hat Spire seine volle reife Meisterschaft entfaltet. Welche biegsame Kraft ist dort in dem Gedichte „Ski-Heil", welch ein Duft von Wald und reifem Erntefeld und Mädchenkörper, welch Glück freigelöster Uebung der Muskeln und Sehnen steigt aus diesen unmittelbaren Worten, die in ihrer freirhythmischen Sprachform uns ans Herz greifen, es zusammendrücken und sich dehnen lassen in Sehnsucht nach Leben, im Schrei nach Glück. Aber kann es verweilen? „Si vous croyez que j'accepte l'ordre des choses!"... Hat er das Recht zu genießen, während so viele Frauen schwer arbeiten, so viele Kinder sterben? Hat er das Recht, Bücher zu schreiben? Wer aber wußte die Träume der Menschen, ihre Niederlagen, Schreie und Tränen, hätten nicht Dichter seinesgleichen gesehrieben? Pflichten erstehen, Aufgaben der menschlichen Vernunft, das Chaos zu ordnen, umzugestalten. Aber all das hat etwas Geheimnisvolles, Unerklärbares, ein Geheimnis, ein Rätsel, das dahinter ist, das all das Vielfältige, Widersinnige verbindet und eint, überall zittert es hindurch. Wie lange noch werden wir es suchen müssen? In schlafloser Nacht kocht in den Ohren das Blut. Gleicht es dem. das jetzt in tausend Bächen aus verstümmelten Gliedern rinnt, gleicht es dem roten siedenden Strom in den Schmieden, ist es der Kraft gleich, die Bäume sprießen läßt, dem Winde, der Blütenstaub trägt, den Wogen des Meeres? Ist es der Trieb, der des Dichters Hand zu den Worten seines Gedichtes zieht? Was bist du, Blut? 0, glühendes Leben. Wir, die wir dich halten, die wir dich in uns haben, wir träumen vom Unendlichen. Wir halten das Leben und sehen einem Fratzenantlitz in die Augen. Gestern da hatten auch wir gehofft-, es schön, stark gestalten zu können, wir hatten den anderen zugerufen: Kommt, wollt, es ist der Sieg! und zum Leben gesprochen: Halt ein! Einen Augenblick nur! Ueberlege. urteile! Nur einen Augenblick besinne Dich, höre auf zu vernichten. Aber das Leben ging seinen schweren Schritt weiter. Und wir, die wir gewagt hatten, uns vor seinen Atem zu werfen, ihm mit dem Biß der Gerechtigkeit uns nähern zu wollen, wann wird er seine schwere Hand auf uns legen? . . . Leben und Tod, Gerechtigkeit und Schönheit, Einzelwille und Unendlichkeit; dazwischen steht der Mensch, und singt, weil wie in ferner Urzeit auch heute der Gesang ihn aus Angst und. Furcht zu klarer Heiterkeit hebt.