Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 10 (6.1932)
- Date
- 1932-06-01
- Page
- Seite 213 (sequence 7)
- Language
- German
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213 Auch die Sprache wurde gefeiert, die einem befreienden Traume gleich ihnen in der quälenden Hast des täglichen Daseins Trost und Beglückung brachte: Wie ich, oh heil'ge Sprache, dich inniglich verehr', Weit mehr als Silberzierat, weit mehr als Gold so hehr! Wie keine bist du milde von aller Sprachen Laut, Drum hat die Einsicht dir auch den Vorzug anvertraut. Mit dir erheben wir ja den Gott in Himmelsfern', Den Herrn des Weltenraumes und der Natur so gem. Selbst wenn mein heü'ger Volksstamm gefangen ward gesetzt, So hast du, vielgeliebte, ihn stets mit Trost geletzt. Ein Spaziergang durch die Straßen der Stadt führte bald ins Freie hinaus. Die Fenster waren oft so niedrig gelegen, daß man im Vorbeigehen den ganzen Innenraum überblicken konnte. Zumeist waltete darin der Spruch: „Honor antes -de ganancia. über den Gewinn die Ehre!" Von den Fenstern der einstöckigen Häuser mit ihren hohen, schmalen Türen winkte reicher Blumenschmuck hernieder und belebte freundlich den öden Eindruck ihrer Mauern, denen nur der nach unten niederhängende Abschlußbalken des vorspringenden Dachfirstes einen Rahmenabschluß gab. Manches Wort dabei mahnte, sich durch unüberlegtes Urteil keine Blöße zu geben. „Des Fußes Straucheln bringt geringen Schaden, / Der Zunge Straucheln muß die Seel' 'beladen." „Besser stürzen in Stromes Flut, / Der Leute Mund ist weniger gut." Aber: vSehaff guten Nachbar her, / So wird dir gute Lehr!" Ein anderes warnte: „Schließ' die Tür, und rühm' die Nachbarin!" (Uebermäßiges Rühmen aber brachte nach dem Volksglauben Schaden.) Der viereckige, wuchtige Turm an dem fast quadratischen Torausgang, zu dem breite Stufen ihinanführten, erinnerte mit seinen gedrungenen zugespitzten Zinnen daran, daß in kriegerischen Zeiten die Judenstadt auch die Stürme und Metzeleien einer bedrohten Festung zu bestehen hatte. Von dem Uebergang über der den Tag hindurch offen zurückgelehnten Tür vom Wartturm zu der starken Stadtmauer nickten dichte Ranken friedlich einladend hernieder. Ebenso waren die vorspringenden Erker der letzten Gebäude so reich mit Blumen ausgestattet, daß sie die mächtige, viereckige Straßenlaterne beinahe ganz einhüllten. In lebhafter Begrüßung rief man heute den andern zu: „Sabbat schalom u moadin le simeha! Sabbatfrieden und Feste zur Freude!" Und „Sabbat schalom meborach, chaggim u semanim le sason, gesegneten Sabbatfrieden, Feste und Feierzeiten zur Wonne!" tönte es freundlich zurück. Am Wochentag aber sprach der Jüngere nur: „Schalom, Frieden!" Und "der Aeltere gab als Gegengruß: „Beracha we schalom, Segen und Frieden!" zurück. Ein verhutzeltes Mütterchen, das doch immer noch die grandezza, eine gewisse Würde in Kleidung und Haltung zu wahren wußte, begrüßte man höflich: „Beso sus manos, tia! Ich küß Ihnen die Hand, Tante!" Sie erwiderte: ..Dicha y suerte buena tengais, möget Ihr Glück und ein gutes Los finden!" Und begann sie zu niesen, sprach man: „Crescas y enflorescas, wachset und blühet, nehmen Sie zu wie ein Fisch im Wasser!" Denn das Nlasen errettet nach Deutung von I. B. M. 49,18 vom Tode. Doch fürchtete man den bösen Blick, nur die Nachkommen Josefs waren vor solchem Schaden bewahrt. Zur Abwehr warf man Gewürznelken in die Kohlenglut. Davon wurden die uösen " Geister in den Winkeln des Zimmers, die Giftstoffe der Sukkuben (weiblicher Dämonen) gebannt man hatte dabei wohl eine unbestimmte Vorstellung von Mikroben oder Spaltpilzen im Sinn. Sprangen die Gewürznelken im Feuer unruhig umher, so hüpften auch die Blicke der Feindin hinweg und verbrannten mit dem Gewürz in der Glut. Schon einem Neugeborenen hängte man Knoblauch ans Häubchen, um es gegen den bösen Blick zu schützen. Späterhin malte man eine abwehrende Hand an die Wand, in der die Wöchnerin lag, auch schon an die eines Brautpaares, um die Dämonin Lilit fernzuhalten, all dies im Bewußtsein der Ohnmacht gegenüber der übergroßen Kindersterblichkeit, die damals weder Hygiene ncw-h Thempeutik eindämmten. Aber man liebte auch die Unterhaltung durch Romanzen, sie erzählten von edlen Rittern, die in ihrer L:ebe zu- Königstochter so standhaft waren, daß dem Fürst >n darob das Herz gerührt wurde, er seinen Widerstand aufgab und den Bund ihrer Liebe segnete, oder von der Bestrafung f-iner Königin, die ihrem Ehgemahl die Treue gebroche*. hatte. So trug die rege Seele sie "mit mächtigem Flügelschlag in mannigfachen Kreisen hinauf zu des gotterfüllten Welteunutincs reinen Höhen, deren ungetrübte Zukunftsbilder ihnen das Leben erst lebenswert erscheinen ließen. Das Streben nach ihrer Verwirklichung gab dem stillen, doch nach Erlösung verlangenden Wirken des Alltags eine festere Dauer als das fleißige Schallen ihrer Hände. Sie befriedigte ihren Hunger nach einem höhern. reineren Leben durch eine Gewißheit, welche die Grenzen von Raum und Zeit sprengte und ihr Inneres mit lichtem Glanz durchstrahlte. Der vom Gottvertrauen gestärkte Blick hob sie über alles Niedrige hinweg, adelte ihr Gemüt, glich seine Sorgen aus, stählte ihnen den Willen gegen schwächliche Regungen und erfüllte ihn mit einer so frohen Sicherheit, daß selbst das Unmögliche ihnen hinfort möglich erschien. Noch im Scheide gebet des Tages sprach der Hausherr: „Beim Ewigen ist Hilfe, über Dein Volk komme Dein Segen! Sela!" Er verkündete durch Wort und sinnvollen Brauch die Scheidung der Zeiten des Heiligen und Werktäglichen, roch an dem köstlichen Gewürz der aus feinem Filigransilber zierlich gebildeten Nardenbüchse und reichte sie herum, daß die gotterfüllte „nesehama jetera" mit des Gewürzes Duft einen Hauch von des Tages Weihe noch in den Alltag hinüberrette. So brachte die Prinzessin Sabbat zur Ruhe des Körpers auch den Frieden der Seele, daß sie neugekräftigt zur gewohnten Werktagsarbeit zurückkehre, um Gottes Schöpferwerk im Geiste der Sittlichkeit weiter auszubauen. „Es kredenzet die Prinzessin / Auch den Abschiedstrunk dem Prinzen." Andre Spire Von Dr. Hans Kohn. Der in diesem Sommer 64jährige französische Dichter Andre Spire nimmt in der jüdischen Literatur unserer Zeit eine einzigartige Stellung ein. Abstammung und Schicksal haben Spire, der in Nancy geboren ist und einer Familie entstammt, die seit vielen Jahrhunderten in Lothringen gewohnt hat, doppelt verbunden mit französischem Wesen und jüdischer Art. Spire ist einer der größten und reinsten französischen Dichter unserer Zeit, und obwohl er der älteren Generation angehört, wirkt er doch als einer der Jungen und Heutigen. Spire ist zugleich der hervorragendste Dichter jüdischen Stammes in französischer Sprache und repräsentiert am reinsten und vornehmsten im französischen Sprachgebiet jenen kulturellen Einschlag, den jüdische Abstammung dem europäischen Dichter verleiht. Bereits in seinen frühesten Gedichten zeichnen sich die Umrisse der geistigen Gestalt Spires ab. Zu leidenschaftlich, um sich mit dem Traum zufrieden zu stellen, zu stolz, um einverstanden zu sein, daß sein Ideal durch Verwirklichung sich entstelle, zu klug, um zu denken, es könne sich verwirklichen, ohne entstellt zu werden, gelangt Spire schließlich zu einer tiefen Traurigkeit. Eine kriegerische Traurigkeit, die niemals zu Verzweiflung herabsinkt. Es ist das „unvermeidliche Morgen", das vor ihm einhergeht und für Spire die Lebensberechtigung bildet. Ueber seiner Verzweiflung erhebt sich sein Enthusiasmus. Es ist der Weg des ewigen Wanderers nach dem Gelobten Lande, das er nie anders sieht, als von Berggipfeln,aus am Horizonte. Es ist der WTeg dessen, der in der Gegenwart fremd ist und Jür die Zukunft doch weise, aus dessen wissender Traurigkeit sich aber eine tiefe Liebe zu allem Seienden beugt, es in seiner ungeheuren Buntheit umfängt und in seiner fremden Schönheit bejaht. Die Einsamkeit des ewigen Wanderers macht ihn bange; er will kein Fremder sein, er will den Ansässigen gleichen. Und in einem seiner frühen Gedichte, dem ersten, das in freien Versen geschrieben ist. bricht dieser Schrei aus, der der Schrei des Gezeichneten und des Ausgezeichneten ist, des Dichters unter den Mittelmäßigen, des Juden unter den Völkern: Mais h nos sens trop fins tout ä coup se revele Que nous sommes les etrangers. Oui, les grands etrangers que les peuples detestent. Que les peuples toujours ont su faire souffrir. Et pris de peur, tächant de cacher comme un crime Tout eclat de mon äme et de votre beaute. Nous faisons un immense effort, pour ressembler A la foule qui nous enserre . . . y//////AW7/#/ßyy////w Wichtig für Stoff Händler! Ihre Stoffe zum Wiederverkauf beziehen Sie am besten und billigsten j, fjM j M j,,^ eine^ Stets Eingang von Partieposten, die wir unter Preis abgeben