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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-06-01 · 10 (6.1932) · p. Seite 212

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
10 (6.1932)
Date
1932-06-01
Page
Seite 212 (sequence 6)
Language
German
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212 hatte. Sie ergriffen die reich ausgestatteten Pergäinentrollen, die heute nicht in dem kostbaren Silberkasten wie an den hohen Feiertagen aufbewahrt wurden, sondern an der rot drapierten Hinterwand der heiligen Lade standen, unten am ,,ez chajim", den feingedrechselten Holzschäften. Dann trugen sie sie in feierlichem Zuge zur „teba", dem Aufbau (eigentlich Kasten), nach der Mitte des Hauptraumes. Hier wurden sie enthüllt aufgerollt und daraus vorgelesen. Den hierzu Aufgerufenen riefen alle, an denen sie vorüberschritten, „chasak ubaruch! sei stark und gesegnet!" zu. und sie erwiderten: „chisku w:imzu! seid stark und fest!" Alle spendeten Geld zum Oel für das „ner tamid". die ewige Lampe vor der heiligen Lade. Denn Israel wie die Lehre waren dem Licht und ebenso dem Oel in seiner Milde und nährenden Kraft verglichen. Je mehr man des Oelbaums zähen Stamm behaut und verstummen, um so üppigei schießt er ins Kraut und um so feineres Üei liefern seine Früchte. Ebenso sollte auch Israel sich enthaltsam im Glück und kraftvoll im Leiden erweisen. Beim Aufruf eines Familienvaters erhoben sich seine Kinder und blieben stehen, bis die Vorlesung für ihn beendet war. um ihm vor der ganzen Gemeinde ihre Achtung zu bezeugen. Der Jungverniählte, dem neben dem Aufstieg der „escalera del echal" auf golddurchwirkten Polstern ein" Ehrenplatz bereitet war, rief im Vorbeigehen den Umstehenden zu: „adonai immachem, der Herr sei mit euch!" so wie Boas seine Schnitter grüßte, und der „chasan", ursprünglich der Aufseher, empfing ihn mit den Worten des Priestersegens: „jebarechecha adonai, dich segne der Herr!" Dann wurde ihm aus einer eigenen Rolle das Kapitel des ersten Buches Mose von Eliesers Brautwerbung um Rebecka vorgelesen, erst hebräisch, dann in der aramäischen Uebersetzung des Proselyten Onkelos, die ihres getreuen Wortlautes wegen von den Rabbi«en besonders hochgeschätzt wurde und sich schon im ersten nachchristlichen Jahrhundert der griechischen des Aquila anschloß. Auch trug ihm der Vorsänger ein eigenes Festgebet oder „piznion" vor, und er spendete für wohltätige Werke. Die Almosensammler, angesehene Männer der Gemeinde, gingen dann, den Stab in der Hand und den Quersack auf der Schulter, von Haus zu Haus und forderten die schuldigen Spenden mit lauter Stimme ein. Hielt man damit zurück, dann sangen sie in psalmodierendem Tone wie im Gotteshaus: „Augen haben sie und sehen nicht, Ohren haben sie, doch hören sie nicht, Hände, und sie geben nichts." Am Freitag verteilten sie 'die eingesammelten Beträge unter die Armen und berücksichtigten dabei selbst die Ansprüche, die diese ihrer Herkunft nach zu stellen gewohnt waren. Wetteiferten die Männer im Studium gelehrter Schriften nach dem Wort: ..En os elo tora, eine Macht ist allein die Wissenschaft der Lehre," so die Frauen in Werken der Mildtätigkeit, der Mahnung getreu: „Die Armen und Bettler haben alle dieselbe Religion. Gib denen, die dir die Hand hinhalten!" Der ..cbacham" oder ehrwürdige Rabbiner der Gemeinde wurde nicht wie die vorigen: „jaamod!" aufgerufen, sondern „jaamod wejaale! es trete her und steige herauf!" und seinem Namen: „schein tob, von gutem Namen" hinzugefügt, den schon der weise Prediger Kohelet höher preist denn köstliches Oel. (Die der Ehrfurcht vor der Menschenwürde entspringende feine Unterscheidung der geselligen Formen wurde von der Lehre gefördert: „limda tora derek erez, die Lehre unterweist in der rechten Lebensart.") "Er trat als sechster, „samuch", hin, weil er wie Josua von Mose durch Handauflegen zu seinem heiligen Amt berufen worden war. Zuletzt beschloß der „maschlim" die Reihe der Aufgerufenen als siebenter. Danach trat der „maphtir" hin, um als Schlußvorlesung den Prophetenabschnitt, die „haphtara". zu lesen. Danach sprach ein Leidtragender das Kaddischgebet. um durch die Heiligung Gottes zu bekennen, daß seine Hingabe an Diesen'ihn auch das schmerzlichste Leid überwinden lasse.. Ihn hatten die Vorsteher im Sterbezimmer des Verstorbenen aufgesucht und zugerufen: „su cabeza che v-iva, dein Haupt möge leben!" er hatte ihnen, wie üblich, entgegnet: „los amigos die vivan. mögen die Freunde leben!" Nach Verlauf der elf Monate des Trauerjahres hatten angesehene Mitglieder der Gemeinde das Morgengebet gemeinsam mit ihm auf seiner Bank verrichtet, dann mit dem Rabbi sich in seinem Haus versammelt, wo der Vorsänger das „zidduk hadin" und „menucha nechona". die üblichen Trauergebete vom ausgleichend göttlichen Gericht und dem ewigen Frieden der gotthingegebenen Seele, zuletzt den „Kaddisch de rabbanan", das aramäisch erweiterte Heiligungsgebet der Talmudgelehrten sprach. Ihnen wurde darauf eine kleine religiöse Mahlzeit geboten, die „avraha". Während aber die Tora noch aufgerollt dalag, ergriff der Rabbi das Wort. Er predigte nur an zwei ausgezeichneten Sabbaten vor dem Passah- und dem Versöhnungsfest, um auf ihre Feier vorzubereiten, dem Sabbat hagadol und Sabbat schuba. Doch pflegte er jedes bedeutsame Ereignis im Gemeindeleben zu besprechen. Dabei mahnte er, die unsichere Lage der Brüder in den verschiedenen Landstrichen der Erde zu bessern, die um ihrer Religion willen wie die Väter in Aegypten zu dulden hatten. Denn sie erhalten und leiten die Gemeinschaft fort, aus deren religiösen, moralischen-und gesellschaftlichen Einrichtungen wie ihrer Sprache und Literaturwerken die Wissenschaft bedeutsame Umstände sammelte, die der Gesellschafts- und Lebenskunde der Menschheit die reichsten Erfahrungen boten, die je ein Volk zu verzeichnen hatte. Nach der Andacht gehörten die Beter um so freudiger wieder dem Treiben der Welt an. Die verwöhntesten Damen der Völker hätten anerkennen müssen, daß der Luxus der Frauen durchaus nicht aufdringlich, ein „luxe tapageur" war. Die jüngeren waren in Schals von hellen Farben gehüllt, in die Arabesken von lebhafter Färbung 'eingewebt waren, in gleichfarbigen Fransen endend. Dazu trugen sie damastartiu1 gewebte seidene Kleider und kostbare Stiefelchen mit hohen Absätzen. Manches Kleidungsstück gehörte wohl noch zum Heiratsgut der Mutter, zum Fest aber waren sie neu aufgearbeitet worden. Das Oberkleid, ein in Falten gelegter Rock mit Tunika, war aus dunklerem Stoff und hellem Abschluß, darüber eine Taille mit festanUegendem Jäckchen aus demselben Stoff, mit gleichem Schluß wie die Taille und kurzen Aermeichen, die bis zum Ellbogen reichten. Die älteren Damen trugen darüber den kostbaren Spitzenschleier, die „mantilla", die ihnen vom hohen Steekkamm auf kunstvollem Haarschmuck über die Schultern herabwallte, aber die hellen Farben der senoritas leuchteten doch stärker vor. Ihr gewelltes Haar zierte ein Häubchen mit hängenden Spitzen und Blümchen an den Ohren oder ein keck aufsitzendes Barett mit schmucker Feder. Die Aelteren trugen den „toeado", einen Kopfputz mit Spitzenbesatz, zuweilen mit reichem Juwelenschmuck. „Tuch bringt Ehre", sagt ein spanisches. Sprichwort, und danach kleiden sie sich, ihrem Vermögen entsprechend. Die Frauen liebten den Luxus, und die Männer mochten sie darin nicht einschränken. Der spanische Jude nannte sie: ma-familia, mein Haus, und eine Fülle von Sprichwörtern waren ihren hausfraulichen Tugenden wie ihrer Schönheit gewidmet: „Wer eine schöne Frau will, der wähle sie am Sabbat" (d. h. unter den Jüdinnen). „Von guter Pflanze nimm den Weinstock, von gutem Weibe nimm die Tochter!" Dazu: „Ein Mann ohne Weib ist wie ein Pferd ohne Zügel." Der Ehemann aber wurde nach seiner Tüchtigkeit eingeschätzt: „Komm ich mit vollen Taschen nach Hause, so bin ich ein guter Ehemann." „Ein chacham (Talmudkundiger) und dabei ein Geschäftsmann ist die Freude seines Weibes." Alle Mühseligkeiten des Werktages galten demgegenüber nichts. „Für wen verdienst du, Verdiener, wenn nicht für den, der im Sonnenlicht lebt?" „Die Augen sollen, ehe sie brechen, alles betrachten." Aber Kleiderluxus und Festlichkeiten sind auch die Ursache zu manchem Zusammenbruch geworden. „Schnell wachsen diesen Leuten die Flügel, und sie möchten tiochfliegen," sagt schon der gute Sancho, da er die Insel Barataria, die ihm Don Quichote gegeben, verließ. Den Gästen im Hause wurden „dolces" oder Süßigkeiten in Hüllen dargereicht, die der „magen David" mit seinen sechs Zacken schmückte, dazu Kuchen oder „bolles", nicht die neben „quesada", dem Käse, auf der Straße ausgerufenen „bollicos" oder Milchbrötchen, sondern mit der beliebten „almendra", Mandeln verziert. Die K ü c h e war der Stolz der Hausfrau. Es gab „albondigas", die mit der Eierpflanze angerichtete Brühe mit Fleischklößen, „pastelicos" oder Pasteten aus feingehacktem Fleisch mit Teig, Salz und Pfeifer, dazu den feurigen Wein, zuletzt die „roseas"," Bretzel aus Mehlteig, Oel und Eiern, sowie Gebäck aus verzuckertem Mehl mit angefeuchteten Mandeln, die „mustachados". Ein Hausspruch lautet: „Deine Wohnung gibt dir Speise / Meine hat sie kesselweise." Auch: „Eine Hochzeit wird nicht mit Plinsen angerichtet, sondern mit runden, guten Piastern." Aber auch hierbei galt der Satz: „Schulchan dorne le misbeach. der Tisch gleicht dem Altar des Hauses." Bei aller Munterkeit wurden doch bewußt die Grenzen beachtet, die den Uebermut fernhielten. In der geweihten Sprache, die wie in der Andacht das Spanische mit dem Hebräischen mischte, wurden Lieder gesungen. Ya vendra Mose el pastor neeman, Que par su sechut descendo man, Ya agora presto vendra el seman, De rescatar a hijos de Zion, Ya vendra el senor de la redencion. Elijahu geht dem Hirten voran, Durch dessen Verdienst herabfiel das Man (Manna), Dann naht gewiß auch die Zeit bald heran, Daß wiederersteht der Stamm von Zion, Da zurückkehrt der Herr, zu lösen die Fron. Ein Beispiel des aus Altkastilischem und Hebräisch gemischten Ladino, das im Südosten Europas, Nordafrika und Vorderasien von den Sephardim noch heute gesprochen wird, ist diese Schlußstrophe eines Liedes.

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