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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-06-01 · 10 (6.1932) · p. Seite 211

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
10 (6.1932)
Date
1932-06-01
Page
Seite 211 (sequence 5)
Language
German
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21 1 Sabbat im alten Toledo Von Dr. M a x G o 1 d e Vorbemerkung: Die Revolution in Spanien hat dazu geführt, dass die einst durch die Inquisition vertriebenen Juden wieder in ihre Rechte eingesetzt wurden. Diese Wiedergutmachung geht vor allem auf den ehemaligen Präsident der Cortes Emilio Castelar und den gelehrten Senator Angel Pulido zurück, die unermüdlich auf das bewundernswerte Festhalten der »Espanoles sin patria" {vaterlandslose Spanier) an ihrem alten Heimatlande hingewiesen haben. Der Sabbat brachte den Juden zu allen Zeiten den Ausgleich der Geschlechter, denn er stellte sie beide in den Dienst Gottes, der die Welt in Liebe erschaffen. Die spanische Jüdin räumte schon am frühen Morgen die Reste fort, die von den zwölf Sabbatbroten in zwei übereinanderliegenden Ordnungen 8 00 8 vom gestrigen Abend zurückgeblieben waren, deckte die Tische mit blütenweißen Linnen und füllte die Vasen mit duftenden, bunten Blumen. Die „neschama jetera", die gotterfüllte Seele des Sabbattages, leuchtete ihr aus den Augen, einen quälenden Traum hatten die Worte des Stufenliedes hiuw eggescheucht: „Zu den Bergen erheb ich meine Augen / Von dannen wird mir Hilfe kommen" (Ps. 121). Dann pochte der „pregonero", der Ausrufer, mit ehernem Klopfer gegen die Haustür, um zur Andacht zu mahnen. Die frische Zugluft durch das geöffnete Fenster entführte den Dunst vom „velador", dem auf dem Tisch zurückgebliebenen verglimmenden Sabbatlicht. In aufrechter Haltung, mit erhobenem Kopf nimmt heute selbst der arme Lastträger, der „portador", im sauber geputzten Anzug den Weg zum Gottesdienst. Am Werktag muß er, schwerbeladen, den dürren Nacken vom glühenden Sonnenstrahl geröstet, sich selber Mut zusprechen: „ Ver' die Kose will, darf auf den Dorn nicht achten." „Nimm die Birne vom Birnbaum und wirf Feuer ins Stroh!" So harrt er bei seiner mühseligen Arbeit zähe aus: „Weder geh ich weg, noch rühr ich mich, bis ich in den Grund sehe." Seine Willenskraft läßt ihn sogar zum Helden werden: „Hau mir den Kopf ab, aber den Willen brichst du mir nicht!" Heut aber, am Sabbattag, ist alle Müh und Qual vergessen, ein neuer Mensch schreitet er einem Fürsten gleich einher. Kein Lärmen und überhebliches Toben ist in den dichten Scharen der zum Gotteshaus Wallenden zu hören, ihre Festesfreude ist sinnvoll abgemessen und überschreitet bei keinem die Grenzen einer gewissen Würde. Man ahnt nicht, wie anspruchslos jene fröhlich aufgeräumten Menschen sich sonst in ihren Familien mit dem geringsten begnügen — wenn es nur der Nachbar nicht erfährt. Nie sieht man in der Judenstadt einen Trunkenen durch die Straßen wanken. Am frühen Morgen gehen die Männer vom Hause weg, um ihre zahlreiche Familie zu ernähren und kommen erst am späten Abend wieder heim. Zur Mittagszeit begnügen sie sich oft mit einem Kanten Brot und einem Stück Käse oder einer Weintraube. „Laß das Essen, doch' nicht das Schaffen!" sagt das Sprichwort. „Des Juden Arbeit ist Mühe bei Nacht und am Tage verschnaufen." Man warnte: „Die Trägheit ist der Schlüssel der Armut" oder: „Junger Faulpelz, alter Dieb." Der Tagedieb oder 5yBatlan" wurde verspottet: „Der eine spaltet Holz, und der andere stöhnt: oh!" oder: „Warum läufst du, da du doch nicht vorwärts kommst*? Wenn du aber vorwärts kommst, warum läufst du dann"? Wann läufst du nicht'?" Man mannte zum Ausharren: „Mit Geduld und einem Maulbeerbaum gewinnt man Seide." Doch hatte man bitter zu klagen: „Soviel der Gast auch bringt, der Hausherr verlangt nur immer mehr." Am Sabbat aber ward \ m der Arbeit nicht gesprochen noch geschafft. Für Sabbatkleidung und Festesfreude gaben sie ohne nachzudenken und ohne kühle Ueberlegung aus, soviel sie hatten. Am Sabbat wurde auch mehr als sonst getrunken, denn „Der Wein erfreut des Menschen Herz". So kehrten sie an ihm gleichsam zu ihrer ursprünglichen Bestimmung und zur Würde des Menschen zurück, die ihnen sonst häufig fühllos verkürzt wurde. In seiner Feier genoß auch der Geringste die beseligende Gewißheit, daß er sich ebenso wie alle andern der Liebe Gottes erfreuen dürfe. So feierten sie am Sabbat die gleiche Gotteskindsehaft aller Menschen, die ihnen den durch das werktätige Treiben gestörten Frieden der Seele wiedergab. Das Wahrzeichen der „caille de la juderia", der Straße der Judenstadt zu Toledo, war die von dem mächtigen Finanzminister Don Samuel Al-Lavi Abulafia glanzvoll errichtete Synagoge. Ihre hohen gotischen Toreingänge führten zu dem durch Reihen schlanker Säulen gegliederten weiten Mittelschiff, das die zahlreichen Beter füllten, die den „talit" oder Gebetmantel über den breitkrempigen Hut gezogen hatten. Die Fraiuen wandten sich nach beiden Seiten den Galerien, der „azara", zu, die sich hinter den Säulenreihen befanden. Von hier aus schweiften die Blicke über den Hauptraum und die durch Säulenbündel in maurischer Hufeisenform voneinander geschiedenen Gewölbebogen hinauf zu der sie umspannenden hochragenden Decke. An ihrem Saume liefen breite Bänder mit feinster Kunst geschnitzter Arabesken hin, deren wirres, reiches, doch in mathematisch strengen Formen durchgeführtes Rankenwerk fürstliche Wappen umschloß. Nach oben und unten waren sie von Schriftfriesen eingefaßt, die in weiß hervorleuchtenden Buchstaben auf grünem Grunde den Text des 84. Psalms erkennen ließen. Darüber strahlte leuchtender Schimmer von vielen Kronleuchtern, die mit ehernen geschweiften Armen von der Decke tief herniederhingen, und im Hintergründe die rote Ampel, die immer wieder die Blicke auf sich zog. Denn die heilige Lade hinter ihr mit prächtig golddurchwirktem Vorhang aus schwerem purpurrotem Samt barg die Pergamentrollen der Lehre Moses, gleichfalls in dunkle Saintmäntei gekleidet und mit kuppelförudgen, reichen Silberkronen geziert, die ringsum von „rimmonim", silbernen Granatäpfeln und dazwischen leise klingenden Schellen umsäumt waren. Ob solcher Pracht durfte die Gemeinde von Toledo ohne Uebertreibung die Krone Israels und las Jerusalem des Abendlandes heißen. Laut und vernehmlich trug der Vorsänger die Gebete in melodischem Sprechgesang Wort für Wort hebräisch vor. Sein eindrucksvoller Vortrag wechselte mit dem halblauten Gebet oder Gesang der Gemeinde, dem die Frauen, von denen viele ohne Gebetbuch erschienen waren, in Andacht folgten. Ihre sichere Haltung machte es deutlich: ..Bet Jaakob, ele hanaschim, das Haus Jakobs sind die Frauen." Zur Feier des Schab not -Festes wurden Festgebete, „pismonhn" von Jehuda Halevi, Salome Gabirol oder Abraham ibn Esra eingeschaltet. (Von jenem stammen besonders die Verwarnungen, asharot, die der metrisch kunstvoll bearbeiteten Aufzählung der 613 Gebote vorangehen, von Bialik-Rawnitzki neu herausgegeben, jedoch schon von dem zuletzt genannten Sänger wegen ihres mangelnden dichterischen Gehalts getadelt). Nach der „amida", den sieben Lobpreisungen Gottes im Hauptgebet, die von der Gemeinde stehend in stiller Andacht verrichtet wurden, ward der Lobgesang des Hallel angestimmt. Ihn kündigte der Vorsänger in einleitender Eulogie mit „ligmor et ha hallel" an, wie am Laubhüttenfeste den Lobgesang zu vollenden, nicht ..likro", ihn wie an den letzten Passahtagen nur zu lesen, wo wegen des Untergangs der Aegypter im Roten Meer nur die zweite Hälfte des 115. und 116. Psalms gesprochen wurde. Der danach spanisch vorgelesenen lieblichen Erzählung von Rut und Boas lauschten die Mädchen und Frauen mit besonderem Wohlgefallen. Sie gemahnte sie an die „ketuba", den Ehekontrakt, in dessen Anfang die Braut wie im Hohelied der Liebe als keusche Jungfrau, eine Gazelle an Anmut und Inbegriff aller Schönheit, der Bräutigam als lieblich und über Zehntausenden erhaben gepriesen wurde. Feierlich tritt dann der Vorbeter zum ,.petichat schearim", dem Oeffnen der Lade, hin. mit ihm zwei andere, die derjenige bestimmte, dem der Vorst?"". : au dl^pni Tage den „sechut hatora", das Recht, zur 1 :>>a au!r tfen zu lassen, zugesprochen Frankfurt a. M., Kaiserstrasse 27

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