Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 9 (5.1932)
- Date
- 1932-05-01
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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von neulich, lieber E. H.! Sie wissen, ich verachte die Masse nicht, ich glaube nicht, daß Hochmut gegenüber der Masse ein Kriterium für den führerischen Menschen ist. Man kann m. E. gar nicht genug an "der Masse arbeiten, aber 'doch nur so, daß man in ainermüdlicher Kleinarbeit einzelne oder viele der Masse entreißt und bei ihnen die Trägheit durch Bewegtheit zu verdrängen sucht; nicht aber indem man Pflichten und Forderungen, die man erkannt hat, der Meinung oder Neigung der Masse opfert, um ja nur den Anschluß an die Masse nicht zu verlieren. (Daß ein kluger Führer bei dieser Arbeit sich der Sprache der Masse, der Schwächen ihrer Menschen usf. bedient, halte ich für so selbstverständlich, daß ich darüber kein Wort verlieren möchte. Ich erwähne es nur, weil oft gerade in diesem Punkte Vorwürfe erhoben werden. Aber es kommt doch auf die Wirksamkeit an und nicht auf die Mittel dazu. In Aeußerlichkeiiten kann man schon Konzessionen machen.) Sind nun unsere Zeiten, in denen der Massemensch „aufsteht" und die Welt gestalten zu können glaubt, sind unsere Tage „erfüllte Zeiten"? Ortega untersucht frühere Perioden, er findet welche, die ihr eigenes Lehen niedriger erachteten als das verflossener „goldener Zeiten". Das waren gewiß keine erfüllten Zeiten. Andere gab es, in denen man glaubte, nach langem Streben vieler vorbereitender Zeiten endlich am Ziele zu sein. So etwa war die Zeit unserer Väter. Das war keine echte Fülle der Zeit! Echte Fülle besteht nicht in Zufriedenheit, in Wohlgelungenheit, in Ankunft-. Wie steht's imit heute? Wir verwerfen jede uns vorangegangene Zeit. Wir dünken uns allen gewesenen Zeiten — zum mindesten in den Größenverhältnissen — überlegen. Der Gedanke, in einer früheren Zeit leben zu müssen, wäre einem Menschen von heute unerträglich. „Indem wir uns aber mehr dünken als alle anderen vor uns, wissen wir zugleich, daß wir nur ein Anfang sind. Wir sind stark und zugleich unseres Schicksals nicht bewußt. Wir sind stolz auf unsere Kräfte und leben doch zugleich in Furcht vor ihnen. Es gibt keine Fülle der Zeit mehr, denn dassetzt eine klare, vorherbestimmte unzweideutige Zukunft voraus, wie säe das 19. Jahrhundert vor sich zu sehen glaubte. Heute öffnet sich der Horizont wieder gegen neue, unbekannte Fernen.____ Mau weiß aber nicht, nach welchem Kraftzentrum die menschlichen Angelegenheiten in den nächsten Jahren gravitieren werden, darum ergibt sich die Welt einer schimpflichen Vorläufigkedt..... Unser heutiges Dasein ist die Frucht eines Zwischenreiches, einer Lücke zwischen zwei Gestaltungen der historischen Herrschaft, der, die war und der, die sein wird. Darum ist es seiiieui Wesen nach unverbindlich." Ich finde, Ortega sieht das ganz richtig. Ganz klar, daß er auch — und aus anderen Gründen noch dazu — den Anspruch sowohl des Faschismus als auch des Kommunismus, eine Lösung darzustellen, ablehnt. Unsere Zeit ist also keine erfüllte, wenn die gegebene Definition für „erfüllt" gelten soll, und darum wollen wir ^lns nicht grämen. Ist es aber eine sich selbst bejahende Zeit? Diese Frage kann ich nur so verstehen: „Können wir Menschen dieser Zeit sie bejahen?" Ich meine, wir müssen sie ebenso bejahen, wie jeder sein eigenes Leben bejahen muß. Unsere Zeit hat eine Aufgabe und eine Verantwortung, wie sie wenige Zeiten vor uns hatten. Für unseren jüdischen Kreis gilt es, über Ortegas Warnung hinaus, uns von Fehllösungen unserer Tage freizuhalten, und für unser Teil mitzuarbeiten daran, daß wieder sittliche Normen menschliches Tun bestimmen. Ortegas Feststellung — es ist kein Vorwurf, sondern nur eine Konstatierung —, daß dem Massemenschen Sittlichkeit abgeht, ist uns doch nichts Neues: wir kennen schon von alters her das „erew raw" gegenüber dem „mamleches kauhauim w'goi kodausch", wir haben kein Recht, in der „gemischten Masse" zu verweilen, sondern sollen und müssen eine „Gemeinschaft sittlicher Persönlichkeiten" sein. Sittlichkeit, um ganz deutlich zu sein, kann nur Norm vom Außer- und Ueber-Mensehlichen her für alle Bezirke unseres Lebens sein, kann nur von Gott her abgeleitete Sittlichkeit bedeuten. Um bei unserer augenblicklich überall diskutierten Gegenwartsfrage zu bleiben: Judentum ist nicht zu vereinen mit dem platten historischen 'Sozialismus, d. h. mit der materialistischen Geschichtsauffassung. (Das zugleich zu Ihrem Brief an Döblin im April-Heft! Judentum „mit den Mitteln des Materialismus begreifen" kann man m. E. nur, wenn man von der mehrtausendjährigen Geschichte unserer Gemeinschaft keinen lebendigen Hauch verspürt hat; ich wenigstens kann beim ibesten W;,llen keine Brücke finden zwischen dem Judentum bisher und einem solchen, das erhalten und gespeist werden soll mit den Mitteln des Materialismus.) So viel ich immer wieder in Debatten sehe, streben auch unsere jungen jüdischen Sozialisten und Kommunisten (ich spreche immer nur von unserem, insbesondere dem J. J. V.¬ Kreis) nach einem „idealistischen Ueberbau". Sie brauchen aber kein schönes Glasdach über ihrer Welt, sonst wird's ein Treibhaus mit einem sehr künstlichen Gewächs, sondern sie brauchen die idealistische Fundierung, gute mütterliche Erde, in der sie wurzeln können. Wir wollen doch alle dasselbe: dem Kreis junger, jüdischer Menschen, um den wir uns mühen, helfen, über diese Zeit wegzukommen in dem Bewußtsein, daß nicht eines Einzigen Leben, und sei es noch so bitter, wertlos ist. Ich glaube nicht, daß unseren Menschen vom Kommunismus her so viel Glaube an eine Zukunft zugeführt werden kann, wohlverstanden: an eine Zukunft, die auch noch Juden kennt! Allein das Wissen um die Kräfte, die uns aus unserem Jude-Sein erwachsen, kann es. Seit Jahren behaupte ich, daß keine Arbeit so wichtig ist für unsere Bünde als diese: jüdische Kenntnisse zu vermitteln! Nicht, daß Kenntnisse allein, daß das „Wissen" etwas bewirken könnten, aber es müßte merkwürdig zugehen, wenn nicht auch unsere sehnsüchtige und werthungrige Jugend aus dem „(^uell des Lebens", den unser Judentum darstellt, gespeist und getränkt werden könne, wenn man sie nur an die Q u e 11 e heranführt! Ich sehe im Augenblick zu viel „Führer1, die ihre Kenntnisse des Judentums aus Büchern über das Judentum schöpfen, die fabelhaft Bescheid wissen in aller Tages- und Partei- Literatur, aber nur einen Bruchteil der Zeit, die sie für diese Kenntnisse benötigten, anwenden, um etwas „über" das Judentum zu erfahren, die aber recht häufig mitreden über jüdische Fragen und mit einer Unbekümmertheit sondergleichen das, was sie so genau zu kennen glauben, werten gegen das, was sie kaum kennen. Eine gleiche Art des Urteilens über ihren Sozialismus, Kommunismus usw. würden sie sehr entschieden sich verbitten. Es erscheint mir geradezu symptomatisch für diese Haltung, daß in den letzten Monaten allüberall Hellers „Untergang des Judentums" debattiert wird, Kasteins „Eine Geschichte der Juden" aber kaum gekannt, selten beachtet und noch nirgends ernsthaft erarbeitet worden ist, ein Buch, das Aveder trocken geschrieben ist noch durch seine Seitenzahl schreckt, noch irgendeine parteimäßige Tendenz zeigt! Hier kann geändert werden, hier liegt eine Aufgabe für die Verantwortlichen. Ich hoffe, sie wird gesehen und die Arbeit in unseren Bünden entfernt sich — trotz Wirtschafts- und politischer Krisis und notwendiger Tagesarbeit — in Zukunft etwas vom flachen Debattieren über das Nur- Alltägliche und wendet sich wieder zur Tiefe. Man wird mir zugeben, daß die Menschen, von denen ich das fordern zu dürfen glaube, doch eigentlich „Elite" im Ortegasehen Sinne und nicht Masse sind. Emil Mannheimer Für den Frieden I Anläßlich der Abrüstungskonferenz brachten wir in der Februar- Nummer ner Aufsätze „Für den Frieden". Hierzu erhalten wir den nachfolgenden Diskussionsbeitrag. Schriftleitung. Die Schwierigkeiten des Problems werden von einer inte! lektualistischen Jugend mit verdächtiger Fixigkeit überwunden oder übersehen. Es kommt aber nicht darauf an, lediglich Sympathien für den Frieden und Abscheu vor dem Krieg zu erwecken, sondern mit klaren Begriffen den Knäuel dieser Lebenszoue zu entwirren. Zunächst einige Belege für die Stichhaltigkeit der Argumentation im einzelnen. So heißt es an einer Stelle: „. . . Warum ist die Weltgeschichte seit Menschengedenken ein einziger großer Krieg? ... Weil es einige Politiker wollten, weil einige Kapitalisten Geld verdienen wollten, weil einige Herrscher ihre Streitigkeiten auszufechten hatten! Darum!" Also kraß-naiver Subjektivismus (s. Film „Im Westen nichts Neues)! Wenige Zeilen weiter beruft man sich auf Karl Marx, den Vater der materialistischen Geschichtsauffassung! Sic! Oder willkürliche Heranziehung der Bibel! Wahrscheinlich mit direktem Bezug auf Jesaja heißt es bei Joel: „Schmiedet eure Pflugscharen um zu Schwertern und eure Sicheln zu Lanzen, der Schwache spreche: Ich bin stark!" Jeremija bekämpft die falschen Propheten, die „Frieden, Frieden" rufen und damit das Volk verführen. Während Jesaja eine Esehatologie entwickelt, hat diese Stelle realpolitische Bedeutung. Die Bibel legt eben Zeugnis ab von mehr als lüOOjähriger Verbundenheit eines irdischen Volkes mit seinem Boden. Frieden an sich symbolisiert 1. negativ: Verneinung von Kampf, Pause zwischen zwei Kriegen, 2. positiv: Harmonie, Statik des wohlgeordneten Seins. Krieg an sich symbolisiert 1. negativ: Verneinung von Ruhe, Uebergang einer Seinsstufe in eine andere, Infragestellung des herrschenden Zustandes, 2. positiv: Widerstreit, Dynamik des ständig bewegten Werdens. Nur Positives an sich kann mit dem Affekt eines Lebensgefühls beladen zum Substrat einer fruchtbaren Weltanschauung werden. Frieden läßt sich betonen mit dem Glücksgefüh! der Harmonie, geboren aus Weisheit und Einfalt, Krieg mit dem Kampfgefühl des Heroismus gezeugt aus überlegenem Geist und Kraft. „Frieden um jeden Preis", das kann nicht Gegenstand kämpferischer Betätigung einer Menschengruppc