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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-05-01 · 9 (5.1932) · page 22

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
9 (5.1932)
Date
1932-05-01
Page
– (sequence 22)
Language
German
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Primitiven verstehen. Wenn man also beute von einem Zustand der Mechanisierung dieser Bildung im Abendland spricht, so meint man offenbar damit, daß die Massen, die beute infolge des technischen Fortschritts und der fortschreitenden Zivilisation Zutritt zu den BilduDgsgüteni bekommen, auf diese Bildung nur rezeptiv reagieren, d. h. dieselbe nur aufnehmen, ohne aber auch danach zu handeln und, da jede Differenzierung vom Primitiven Gesetze schafft, auch nicht die durch diese Gesetze notwendigen Opfer bringen. Ohne vorerst hierzu Stellung zu nehmen, wollen wir uns zunächst damit beschäftigen, den Begriff der jüdischen Bildung zu analysieren und festzustellen, ob der geschilderte Zustand auch bei der jüdischen Bildung vorliegt. Es ergibt sich schon bei einer näherer Betrachtung, daß diese Differenzierung vom Primitiven, diese bewußte Lebensgestaltung nicht bei allen Völkern gleiche Form bat. Das jüdische Volk hatte, wenn man so sagen kann, eine im wesentlichen demokratische Bildung, d. h. es verlangte, daß jeder Angehörige des Volkes sich diese Bildung aneignen und nach ihr leben müsse. ..Ihr sollt mir sein ein Volk von Priestern, ein heilig' Volk". Das besagt, daß die Gesetze, die diese Bildung schafft, niedergeschrieben sind, für jedermann zugänglich und für jedermann verpflichtend. Wenn es dennoch möglich war und ist, daß jeder Jude ein ..gebildeter Mensch" ist, so nur deswegen, weil die jüdische Bildung ihren Schwerpunkt auf das Ethische legt. Hieraus ergibt sich, wie allgemein bekannt, eine Zurückstellung des Individualismus. Wenn wir uns nun im Gegensatz hierzu und nur soweit es in diesen Rahmen gehört, die Bildung des Abendlandes anseilen, so ist es demgegenüber nicht schwer zu konstatieren, daß diese Bildung im wesentlichen eine individualistische ist: das will sagen, daß die Gesetze, die diese Bildung schafft, ung'eschriesben sind und nicht jedermann zugänglich. Das Ideal dieser Bildung ist der Mensch, der seine Persönlichkeit nach jeder Beziehung ausgebaut hat und die meisten Persönlichkeitswerte in sich vereinigt. Da aber jeder Mensch in seiner Persönlichkeit verschieden ist und es außerdem auch tatsächlich vielen Individuen nicht möglich ist, das gewünschte Ziel der Idealpersönlichkeit zu erreichen — weil es sich ja nicht, wie bei der jüdischen Bildung, um eine ethische, illgem-an verpflichtende Angelegenheit handelt, der jeder nachkommen kann — ist es niemals möglich, daß dde Masse zu dieser individualistischen Bildung <Znutritt erlangt. In Westeuropa, nach Aufhebung des Ghettos, nach der Aufklärungszeit und nach einer 4 eilweise gelungenen Assimilation, kann man nicht mehr von einer jüdischen Bildung in dem Sinne reden, daß der Inhalt überwiegend jüdisch ist und die Form wesentlich jüdisch beeinflußt. Der Beweis hierfür ist sehr-leicht dadurch zu führen, daß eben die von der Bildung verlangten Opfer zum Teil gar nicjit, jedenfalls aber uneinheitlich gebracht werden und damit gerade die wesentliche Voraussetzung, nämlich die allgemein zugänglichen und allgemein verpflichtenden Gesetze, nicht da sind. Wir können von einer jüdischen Bildung im positiven Sinne noch von der Ghettozeit reden, aber jedenfalls heute nicht mehr. Wenn wir also das Wort „jüdische Bildung" gebrauchen, meinen wir damit nur die Bildung der Juden. Es ist jedoch selbstverständlich nicht so, daß die jüdische Bildung in Westeuropa jedes jüdischen Inhalts entbehrt, sondern dieser ist bei den einzelnen relativ verschieden: jedenfalls können wir aber sagen, daß er nicht mehr von letztlich entscheidender Bedeutung ist. Vor uns steht der jüdische westeuropäische Mensch, mit einer großen' Masse europäischer BildungsgüteT versehen, daneben aber mit einem mehr oder minder schwachen Gefühl für die Ideale der jüdischen Bildung. Wir wissen aus der Geschichte der Assimilation, daß es immer ein sehr schwieriges und nie lösbares Problem war, diese beiden Dinge: auf der einen Seite der Drang zur Angleichung an die Umwelt, die Sucht möglichst viele Persönlichkeitswerte zu erlangen, und auf der anderen Seite ein dauerndes und nie ganz verschwindendes Gefühl für die ethischen Ideale der jüdischen Kultur zu vereinigen. Dieser Zwiespalt ist überall anzutreffen, und es wäre ein müßiges Unterfangen, nachzuprüfen, wo er stärker und wo er weniger stark war. Es kommt uns jedenfalls in diesem Zusammenhang wesentlich darauf an, zu zeigen, daß das Bewußtsein einer jüdischen Bildung in seiner Intensität dauernd schwankt und nie verschwindet. Andererseits ist natürlich nicht von der Hand zu weisen, daß die Bildungsprobleme des Abendlandes für die Juden, sofern und je nach dem Grad, in welchem sie sich assimiliert haben, natürlich auch existieren. Jedoch scheint hier ein Unterschied vorzuliegen- Wenn nämlich die heutige Situation der Bildung in Europa den Eindruck erweckt, daß sie ausweglos ist, d. h., daß die im Prinzip individualistische Tüldung von den Massen abgelehnt werden muß, diese aber keine neue an die Stelle setzen können — weil, wie immer wieder gesagt werden muß, eine allgemein zugängliche und verpflichtende Kultur nur auf der Basis des Ethischen ausgebaut werden kann — so liegt der Fall für die Juden anders und zwar so, daß sie jederzeit wieder Zutritt zu ihrer „demokratischen" Bildung haben. Wir erleben nämlich heute schon die Tatsache, daß eine stärkere Beschäftigung mit den Dingen der jüdischen Kultur einsetzt, das Interesse wieder zunimmt, .und die Neuprägung von jüdischen Kuiturwerten besonders bei der Jugend heute sehr aktuell geworden ist. Um ein berühmtes Beispiel zu zitieren, hatten die Völker Europas, speziell das Bürgertum, in da' vergangenen Epoche ein wunderschönes Haus gebaut, aber nicht genug auf die Fundamente geachtet, so daß dieses Haus, als die ersten schweren Stürme kamen, zusammenfiel, und wie im Politischen, Oekonomischen, so auch im Kulturellen und Geistigen der Ruf erklang: ..,-Sauve qui peut!" Es ist hier wohl nicht nötig, die Haltlosigkeit und die Ratlosigkeit der heutigen Generation zu schildern; aber es scheint uns.Melder eine der wesentlichen Gründe für die heutige stärkere Beschäftigung der Juden mit der jüdischen'Kultur zu liegen. Es bleibt ein Wort über das Problem der Wissenschaft zu sagen, d h. die Anschauung zu betrachten, die behauptet, daß durch das Entstehen der vielen SpezialWissenschaften man von einer Universalwissenschaft (Philosophie) nicht mehr reden könne, und außerdem diese SpezialWissenschaften den Namen ..Wissenschaft" nicht mehr verdienen, weil es sich hierbei nur um Technik handelt. Da es sich hier um ein internationales Problem der Wissenschaft handelt, ist es vielleicht nicht opportun, sich dazu zu äußern. Jedenfalls darf man nicht vergessen, daß die von einigen Wissenschaftlern so schmerzlich vermißte Philosophie letzten Endes bei exakter Betrachtung nicht mehr in das Reich der Wissenschaft, sondern in das der Bildung gehört, sie also nicht den Namen Wissenschaft, sondern' Weisheit verdient. Es ergibt sich also hieraus, daß die Krise in der europäischen Bildung notwendigerweise eine Krise in der Philosophie hervorrufen mußte und daß die Mittel zur Behebung dieser Krise die gleichen sind, die zur Behebung der Kulturkrise verwandt werden. Es muß an dieser Stelle wieder darauf hingewiesen werden, daß bei den Juden es eine Philosophie im europäischen Sinne nie gegeben hat. Es gab wohl nach der Aufklärungszeit jüdische Philosophen in Europa, diese waren aber nur jüdisch in bezug auf ihre Zugehörigkeit zu der Glaubensgemeinschaft. Wie wir oben versucht haben darzulegen, ist die Bildung im Judentum eine demokratische, für jedermann zugängliche und allgemein verpflichtende Angelegenheit. Das Problem, das die Philosophie am meisten beschäftigt, ihr Kernproblem, ist das Verhältnis des Menschen zur Welt. Da dieses Problem bereits durch die jüdische Bildung nach einer ganz bestimmten Seite gelöst wird, so ist im Judentum nur eine Religionsphilosophie denkbar, die auch tatsächlich in der Geschichte verzeichnet ist, d. h. eine Philosophie, welche die in der Bildung vorgefundenen Normen nachprüft. Wir können also auch in diesem Zusammenhang feststellen, daß uns die Krise der Philosophie, insoweit wir assimiliert sind, mehr oder weniger stark berührt, wir aber genau wissen, daß bei einer positiven jüdischen Bildung dieses Problem für uns inhaltlos geworden, und die Sehnsucht nach einer alle Wissenszweige umspannenden und vereinigenden Wissenschaft bei uns nicht vorhanden ist. Eugen Cohn Leben wir in einer „erfüllten" Zeit! Lieber E. H., nach einem Vortrag in Mainz, an dem .Sie wieder einmal die Umgestaltung unserer Gemeinden forderten, eine Umgestaltung, durch welche die „Masse" der heute Abseitsstehenden für die Arbeit an und in den Gemeinden interessiert werden könne, gaben Sie mir Jose Ortega y Gasset's „D e r Aufstand der Masse n" und erbaten nach der Lektüre die Beantwortung der Frage, ob wir in einer erfüllteji, sich selbst bejahenden Zeit leben. Vorausschicken darf ich, daß ich das Buch in seinen großen Zügen bejahe. Vielleicht ist mancherlei darin einseitig gesehen; es gibt Formulierungen, die nur der Freude an einer Pointe entsprungen zu sein scheinen, es wird auch manches nur angedeutet, was man gerade präzisiert wünschte; aber im ganzen genommen muß man sagen: hier spricht einer, der das Leben dynaimisch sieht, der von der Bewegung wahren Lebens ergriffen ist, der in allem Geschehen eine Entwicklung sieht, die der Würde des Menschen entspricht. Ortega hat einen „Standpunkt" und damit Abstand von den Dingen. Er hat den Mut, die Masse Masse zm nennen und dabei zu betonen, daß mit Notwendigkeit eine der Masse-Eigenschaften die — Trägheit ist. Der Führer kann daher nicht in der Masse stehen, denn der Führer muß wahren Adel haben. Adel ist gleichbedeutend mit „gespanntem Leben", mit Leben, das immer in Bereitschaft ist, sich selbst zu übertreffen und von dem, was es erreicht hat, fortzuschreiten zu dem, was es sich als Pflicht und Forderung vorsetzt. (Pflicht und Forderung! Keine Sache für die Masse!) Die Masse aber wall heute — und das ist die Gefahr unserer Tage — die Plätze der ,.Elite" einnehmen. Unter Elite versteht Ortega den Nicht-Massemenschen, das, was wir bislang unter dem „führerischen Menschen" verstanden haben. Mich dünkt, mancher aus der Elite verkennt heute die Gesetze der Masse oder kennt sie überhaupt nicht, wenn er sich überlegt wie er sich der Masse einreihen kann. Er vergißt über die Popularität von heute, die er sich damit erwirbt, daß er sich der Wirksamkeit auf Dauer begeben muß. Hier sind wir mitten in unserer Debatte

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