Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 9 (5.1932)
- Date
- 1932-05-01
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
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sein, das birgt in sich den tragischen Knacks einer widerspruchsvollen Weltanschauung, das verrät ein wenig fortgeschrittenes Stadium der Ueberieguiig. Eine konsequente Philosophie des Friedens muß dazu führen, den Krieg als Schein, als Phänomen des sich stets gleichbleibenden Seins aufzufassen, vergleichbar den Wellen auf der Oberfläche des ewigen Ozeans! Hieraus ergäbe sich zunächst keine politische Konsequenz, nur eine andere Art, das Weltgeschehen zu erklären. Eine besondere ethische Erweiterung kann allerdings über Urchristliches zum buddhistischen „Nirwana auf Erden" führen, was für uns .luden undiskutabel ist. Die Zielsetzung „Frieden um jeden Preis" kann höchstens psychologisch begriffen werden als der Aufstand einer defaitistiscben Grundstiininung der Seele, wie sie bei Völkern auftritt, .die jahrhundertelang in Galuth schmachten, wenn ihre geistige Regsamkeit,, ihr "Geltungsbedürfnis ein Ventil sucht (Hysterie!). Für sie gilt die Umkehrung eines Schillerschen Wortes: Der Mensch ist Knecht und war' er auch ohne Ketten geboren. Also kann Frieden nur ein negativer Begriff sein, sollen wir um ihn kämpfen können. Also kann dieser Kampf nur ein sekundärer sein, da es als notwendig gilt, positive Ideale zu haben. Mögen diese Religion, Kunst, Sozialismus, Nation usw. heißen, das positive Ideal hat den Primat, Sekundäres wie Krieg und Frieden wird von höherer Warte je nach dem Einzelfall betrachtet etwa so* wie schlecht- und gutschmeckende Speisen je nachdem als Arznei oder Gift von der Warte der Gesundheit beurteilt werden müssen. So wird z. B. jeder echte Sozialist den Pazifismus scharf und spöttisch zurückweisen, sich nur als „Antimilitarist", d. h. Gegner des -„imperialistischen Krieges" bekennen; Kriege, die die Revolution fördern (Bürgerkrieg etwa), werden erstrebt. Im Judentum ist K a m p f heiliges Symbol (Israel Gotteskämpfer). Es gibt Dinge — von Gott offenbart, dem moralischen Gesetz in uns entsprungen — die heiliger und größer sind als der Frieden, für die zu kämpfen höchstes Sittengesetz ist (Makkabäer!). Das ist schon immer Geist vom Geist des Judentums gewesen: Frieden ist kein Selbstzweck; aber wir kämpfen nicht aus heidnisch heroischer Weltanschauung heraus, wie bei den Griechen, sondern aus Sittlichkeit und Ueberzeugung streiten wir heldenhaft für Menschen- und Volksrechtp, rotten aus Barbarei und Verbreeben. Das gilt überall, wo die (eo ipso jüdische) Moral herrschend geworden ist. , Krieg und Frieden schaffen und zerstören Werte. Der Krieg in seinen modernen Formen scheint eine Unterbilanz an Werten aufzuweisen, ist also zu verurteilen, wenn möglich auszuschalten. Aber ein fauler Frieden, der Unrecht und Unkultur konserviert, Lebenswertes zur Fäulnis bringt, ist nicht zu bejahen. Sicher kann nur eine gerechte Weltordnung den Frieden erhalten. Mit Planwirtschaft u. dgl. ist noch lange kein Frieden gewährleistet. Gerade in den Auseinandersetzungen über Kontingentierung u. dgl. können landschaftliche und rassische Gegensätze noch nie dagewesene Weltbrände entflammen. Die Verbindung (auch nur gedankliche) der Abrüstung mit solch zweifelhaften Plänen verengt nur die Basis und legt neue Schwierigkeiten in den Weg. Man sieht doch leicht ein, daß die Vorstellung einer für ewige Zeiten kodifizierten Gerechtigkeit unsinnig ist. Was gerecht ist, wird nicht inhaltlich, sondern formal entschieden durch das Gesetz, einerlei, in welcher Form es vorliegt. So verschwand ja das „Faustrecht", der Krieg aller gegen alle, zwischen den Individuen, indem sich nach und nach über sie ein Recht spannte, dessen Inhalt nicht „der objektiv richtige", sondern nur ein „gesetzter", „konventioneller" sein konnte. So bildeten sich Völker (bewußte) und Staaten. Das Aufrichten innerer, stärkerer rechtlicher Bindungen schafft solange Frieden, bis das — geschriebene oder durch einen Herrscher personifizierte usw. — formale Recht in allzu großen Gegensatz zum subjektiven Rechtsempfinden gerät und diese Spannung sich nicht mehr durch die Gesetzgebung überbrücken läßt. Aber schon vorher besteht der ständige Kampf der Exekutivgewa.lt gegen die -asozialen Elemente. Wer also eine Ahnung hat,'wie ungeheuerer Zeiträume es bedurfte, bis unser Recht zwischen den Individuen die Beziehungen regelte — auch heute und sicherlich nie vollständig —, der weiß, daß die entsprechende Entwicklung bei den Völkern geschichtliche Epochen füllen wird. Dazu kommt, daß die Entwicklung zum Staat leichter war, weil sie einen wesentlichen Motor hatte, die Bewährung nach außen gegen andere sich bildende Rechtsgemeinschaften. Aber an wen wird der die Erde, umspannende Ueberstaat grenzen? Immerhin sehen bedeutende Inspiratoren der Friedensbewegung, die besser Völkerrechtsbeweg u n g hieße, ihre Aufgabe darin, eine solche Entwicklung bewußt in die Wege zu leiten bezw. zu beschleunigen. Wir können sicher sein, daß bei einer solchen zukünftigen Ordnung der Dinge auch das jüdische Volk zu seinem Recht käme, wenn es als „juristische Person" wird auftreten können. . Aber bis man sich wird darauf verlassen können, wer weiß, ob wir noch imstande sein werden,' die dargebotene Hand zu ergreifen? iSelbst wenn ein wohlgefügtes, fast allmächtiges Recht existiert, sind Avir noch nicht davon entbunden, im Notstand sofort zu handeln, zur Notwehr zu greifen; um so mehr ist es unsere Pflicht, uns selbst au helfen, daja ein hinreichendes Recht bis jetzt nur in .den Wolken' liegt. Gerade der jüdische Messianismus lehrt, daß ewiger Friede (positiver Begriff) als Ergebnis und Ende einer (kriegerischen) Geschic'htsentwicklung sich einstellen wird. Tiefe Weisheit liegt in den Erzählungen des Volkes von gewaltigen Kriegen vor Erreichung dieses eschatologischen Zustandes. Wer vermöchte es, gleich dem falschen Messias Sabibatai Zewi zu verkünden, das Ende der Tage sei angebrochen? Merkwürdig ist es, wie diejenigen, die nicht glauben, daß das jüdische Volk imstande sei, sich eine nationale Heimstätte zu schaffen, d. h. Ansiedlung einiger Millionen Juden im historischen Palästina, andererseits so fest davon überzeugt sind, daß unsere Stimme Sozialismus und Weltfrieden nennenswert fördern könne. Unser gesunder Menschenverstand fordert, zunächst für unser eignes Recht zu sorgen. Die positive Lösung der Judenfrage (die negative Lösung durch Untergang ist für .uns undiskutabel), d. h. die Schaffung eines Judenstaates, würde Erhebliches zur Befriedung der Welt beitragen, unabhängig davon, wie sie sonst aussehen mag. Der Talmud weist schon diejenigen zurück, die die A userwähl th ei t falsch verstehen; das Judentum will nicht den geistigen Chauvinismus, der darin liegt, anderen Völkern eine Mission bringen zu müssen und daher das Privileg zu besitzen, von der selbstverständlichen Pflicht eines Volkes, dem Kampf um normale Existenzbedingungen, befreit zu sein. Es ist an der Zeit, daß sich die jüdische Jugend abwendet von der Oberflächlichkeit, "die bei ihr Mode geworden ist, ablegt die Hast, mit der sie nach allen hohen und schönen Idealen zugleich greift, ohne sich auch nur am Nächstliegenden zu versuchen. Wir müssen die augenblickliche Nervosität überwinden, in unsere Schranken zurückfinden, uns auf das konzentrieren, was unsere Interessen und Notwendigkeiten erfordern.. Nicht Friedenssehalmeien, sondern Selbstbesinnung tut uns not. Wir wissen, daß der Aufbau des Judenstaates der beste ' Baustein ist, den wir zum Weltfrieden beisteuern können. Was darüber hinausgeht, ist heute von Uebel. Bernhard Teitler Ernst Wolff In der Nacht vom dritten zum vierten April starb an den Folgen eines im Taunus erlittenen Motorradunfalls Dr. Ernst Wolff. Er gehörte den „Kameraden" an und hat großen Teilen dieses Bundes in jahrelanger Arbeit ein Gefühl für Werte gegeben, die seinem Charakter und seiner Weltanschauung entsprachen: für den tiefen Sinn von der Freiheit menschlichen Lebens, für die Aufgabe der Erziehung zur Persönlichkeit und darüber hinaus für die Idee einer Gesellschaft, die im Geist der Freiheit lebt und sich ihre Gesetze gibt. Seine höchste Liebe aber galt Deutschland und der vollen und letzten Befreiung der deutschen Juden. Ihm schwebte das Bild eines jüdischen Menschen vor, der restlos frei in der deutschen Heimat ieben kann. — Außerhalb des Kameradenbundes war Ernst Wolff in der jüdischen Jugend Frankfurts und weit über Frankfurt hinaus bekannt. Im K.-C. und im Landesjugendausschuß des Centrai-Vereins war er ein führender Mitarbeiter. Auch im deutsch-politischen Leben stellte er seinen Mann. Eine eigengeprägte Persönlichkeit, eine Kämpfernatur, ein Mensch von kompromißloser Geschlossenheit: das war Emst Wolff. Als einer der Besten wird er vielen lebendig bleiben. Die Jugendkommission befaßte sich in den letzten Monaten wesentlich mit der sozialen Arbeit. Ueber die Errichtung des Tagesheims für erwerbslose jüdische Jugendliche wurde bereits berichtet. Das Heim wird täglich von etwa 20—25 Jugendlichen besucht. Es soll nunmehr an die Einrichtung von Fortbildungskursen gegangen werden. Ebenso wird versucht werden, die Institution des ,.Freiwilligen Arbeitsdienstes" für jüdische Jugendliche nutzbar zu machen. — Die Einordnung junger Menschen aus den Jugendbünden in die gemeindliche soziale Arbeit wurde weiter betrieben. — Es ist der Jugendkommission gelungen, vom Schulrat des Philanthropins den Turnsaal für Zwecke der Sportbünde zur Verfügung gestellt zu bekommen, was eine erhebliche Erleichterung für die Arbeit der Bünde bedeutet. — Trude Stern, eines der tätigsten Mitglieder der Jugendkommission, hat Frankfurt verlassen. Es sei ihr. auch an dieser Stelle herzlichster Dank für ihre umfassende und erfolgreiche Tätigkeit, hauptsächlich auf dem sozialen Arbeitsgebiet der Jugendkommission, ausgesprochen. E. H. Schluss der Beilage. Verantwortlich für die .Schriftleitung der Beilage: Ernst Holzer in Frankfurt a. M.