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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-05-01 · 9 (5.1932) · page 21

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
9 (5.1932)
Date
1932-05-01
Page
– (sequence 21)
Language
German
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt _____Herausgegeben von der Jugendkommission der israelitischen Gemeinde Nr. 9_________MAI 1932 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an den Schriftleiter der Beilage, Ernst Hölzer, Corneliusstrasse 8, zu richten „ÜBERWINDET DEN MASSENMENSCHEN" Massenmensch und Kollektiv Zu den folgenden Ausführungen gab Ortega y Gassets Buch: „Der Aufstand der Massen" die Anregung. Jedoch verbietet mir der Raummangel, mich jeweils in Widerspruch oder Uebereinstimrnung auf das Werk des Spaniers zu beziehen. Jedem politisch Interessierten muß jedenfalls die Lektüre dieses ebenso zum Nachdenken anregenden, wie oft Widerspruch herausfordernden Buches wärmstens empfohlen werden. Der Xapitalismus proletarisiert den Mittelstand, ohne ihn doch in das Proletariat einzuordnen: das ist die grundlegende Erkenntnis, zu der jede Betrachtung der sogenannten Proletarisier.ung führt. Das ins Schwarze treffende Spottwort vom „Stehkragenproletarier" drückt es aus. Hier soll nun der ideologische Ueberbau dieser soziologischen Erscheinung „P r o 1 e t a r i s i e r u n g" betrachtet werden, die geistigen und seelischen Auswirkungen des Zwitterzustandes, in dem sich der proletarisierte Mittelstand befindet. Zwar sind der Massennienseh- und die Masse gesellschaftliche Erscheinungsformen, die wohl bei jedem menschlichen Zusammenleben auftreten, — jedoch in immer wechselnder Form. Hier handelt es sich um die Form des niedergehenden Kapitalismus, um das Verhältnis zwischen demi proletarisierten Mittelstand und dem Proletariat. Massennienseh sein heißt nicht: Teil einer Masse sein. (Eher im Gegenteil. Wir werden sehen, daß in der eigentlichen „Masse':, in der Arbeiterschaft, der Massenmensch am seltensten ist.) Massenmensch sein heißt: Träger einer bestimmten geistigen, vielmehr ungeistigen Haltung sein. Und die Merkmale des Massenmenschen sind diese: Er ist ohne besondere Fälligkeiten, ganz Durchschnitt, hat aber noch nicht'einmal das Streben nach irgend einen Höheren, es sei denn in der Form stumpfsinniger Rekordwut. Er bevölkert Kinos, Sportplätze, Kegel vereine und neuerdings auch die politischen Versammlungen. Dabei ist er Individualist, insofern er keine Bindungen mehr kennt, kauern an die Vergangenheit, weniger an irgend eine Gemeinschaft von heute, gar nicht an die Zukunft und die von ihr dringend geforderte Gestaltung. „Nach mir die Sintflut."' — Doch solche Menschen hat es immer gegeben, was ist besonderes daranV Dies: Die Massenmenschen von heute geben sieh in einer Hinsicht mit ihrem Zustand nicht zufrieden: sie wollen Proselyten machen. Sie proklamieren den Zustand der geistigen Trägheit, des denkfaulen Schlagwortbetriebs, der kulturlosen Ueberzivilisation als den höchsten, den allein seligmachenden der Menschheit. Und von wildgewordenen Kleinbürgern wird der am wildesten sich Gebärdende zum Halbgott erhoben. Hier nützt kein „feierlich zu erhebender Protest", hier ist kritische Analyse am Platz. Die gesellschaftliche Ursache des Uebels ist zu suchen. Sie Hegt in eben der Proletarisierung, von der eingangs die Rede war. Der Mittelständler ist ökonomisch proletarisiert, steckt aber ideologisch noch ganz im Kapitalismus. Er ist entwurzelt, hilflos und zu stumpf, um es zu merken. Daß er sich radikalisiert, hält er für freie Entscheidung seines höchst individuellen Geistes, und seine tiefe Haltlosigkeit äußert sich in hohler Kraftmeierei. Diese proletariisierten Massen, diese Menschen mit den hungrigen Mägen und den satten Hirnen machen Politik, eine Politik der Straße, des Geschreis, der unklaren romantischen Gefühlsduselei, in dem Augenblick jedoch, in dem der Massennienseh sich einordnet in eine Gemeinschaft, die für ihn wirklich eine Verwurzelung bedeuten kann, in unserem Falle also in das Proletariat, verliert er die meisten seiner üblen Eigenschaften. Er hat wieder eine Bindung, empfindet eine Verpflichtung, trägt eine Verantwortung, und mit der Haltlosigkeit schwinden auch alle oben ausgeführten Begleiterscheinungen. Und wenn dann die wirkliche Masse der Arbeiterschaft, in der noch Bindung und Solidarität leben, endlieh sich zusammenfinden wird "im revolutionären Kampfe für den Sozialismus, dann wird dieses kleinbürgerliche Unwesen bald sein klägliches Ende finden. Die geschlossene Masse, das Kollektiv, siegt über den Haufen randalierender Massenmenschen. Nicht so einfach ist - die Lösung in der J u d e n h e i t. Bei keinem Bevölkerungsteil ist die Proletarisierung so plötzlich und in so ungeheurem Ausmaße vor .sich gegangen, wie in den letzten Jahren bei den deutschen Juden. Ist in ganz Deutschland der proletarisierte Mittelständler nur ein. wenn auch weit verbreiteter Typ unter anderen, so ist bei uns schon jeder zweite Jude, vor' allem aber fast die ganze jüdische Jugend der Proletarisierung .anheimgefallen. Es müßte also auch der Massenmensch der herrschende Typ sein. Und er ist es. Sehen wir von der nicht unerheblichen Zahl von Juden ab, denen infolge ihrer vorwiegend rationalistischen Denkart auch der ideologische Schritt zum Proletariat gelungen ist. so können, wir, im "Rahmen der durch die volkliche Eigenart bedingten Variationen, die festgestellten Merkmale des Massennienschen sehr gut erkennen. Es handelt sich um alle die Menschen, die einen Ausweg statt einer Lösung suchen und deren Radikalität nur eine versteckte und ihnen unbewußte Flucht ist. Sie flüchten sich in die Mystik des Chassidismus, in die starre Dogmatik der Orthodoxie, in den zu nichts verpflichtende!^ Liberalismus, in die nationalistische Kraftmeierei des Revisionismus, in einen unverstandenen Kommunismus. Zu jeder dieser Richtungen könnte man auch .auf Grund durchdachter Entscheidungen gelangen, dann ist dagegen nichts zu sagen. Die jüdische Jugend aber löst sieb in sinn- und regelloser Flucht auf. Und dagegen ist sehr viel zu sagen. Zwar ist, bei der geistigen Beweglichkeit des -Juden, die Denkfaulheit nicht so entwickelt, zwar ist von der Rekordwut und der fanatischen Sportbegeistert!irr nicht so sehr viel zu merken. Aber die Hauptsymptome bleiben: Der Widerspruch zwischen Sein und Bewußtsein und die daraus sich ergebende Haltlosigkeit: vor allem aber der unglückliche Zustand, nicht einer wirklich lebensfiillenden Gemeinschaft anzugehören. Es bleibt das völlige Entwurzeitsein, das sich beim Juden vielleicht am stärksten auswirkt und das ihn zum Schaffen positiver Werte untauglich macht, ihn zum Massennienschen stempelt. Dem muß abgeholfen werden. Und das ist möglich. Einmal durch ideologische Auflockerung, die den Wer zum Marxismus frei macht, durch energische und zielbewußte Aufklärungsarbeit, die die unlösliche Verkettung des jüdischen Schicksals mit dem Proletariat aufweist und die proletarisierten Juden auch ideologisch in das Proletariat einreiht, um so den Widerspruch zwischen ihrer ökonomischen Praxis und ihrer theoretischen Ueberzeugung zu beseitigen. Gleichzeitig aber heißt es, den jungen Juden wieder verwurzeln in der jüdischen Gemeinschaft. Die Parteien, die das Judentum gepachtet zu haben glauben, sind zu eng geworden. Der gemeinschaftsuchenide junge Jude findet bei ihnen nicht das lebensfüllende Kollektiv, das er als Notwendigkeit empfindet. Die jüdischen Parteien sind nur Teile, dazu noch unduldsame, sich abkapselnde, die Gemeinschaft störende Teile. So führt der Weg konsequent weiter zur Idee des G e s a m t j u d e n t u m s. Nur der Umbau und die Revolutionierung des gesamten Judentums können ein Kollektiv bringen, in das sich der junge Jude hundertprozentig einordnen kann. So führen der Weg zum Sozialismus und der Weg zum Gesamtjudentiiin gemeinsam aus der geistigen Not heraus, die sich in der Herrschaft des jüdischen Massenmenschen dokumentiert. Zweierlei ist beiden nämlich gemeinsam: Der Wille zum Kollektiv und die Bereitschaft zur letzten Solidarität! Kurt J o n a s Ist der jüdische Lebensraum überfüllt 1 Unter Lebensraum soll im folgenden nicht der geographische und ökonomische Raum verstanden werden, sondern der kulturelle Raum, d. h. der Platz, der für die kulturellen Lebensäußerungen einer Gruppe vorhanden ist. Wir verstehen also unter dem jüdischen Lebensraum den Platz, an dem die jüdische Bildung ist, und somit stellt sich die obige Frage folgendermaßen dar: Besteht ein zu großer Andrang zu dieser jüdischen Bildung, hat der Massenmensch zu dieser Bildung Zutritt, so daß sie hierdurch oberflächlich werden würde'? Um von vornherein Mißverständnisse auszuschließen, sei vorangeschickt, daß wir unter „Bildung" eine bewußte differenzierte Art des Lebens und Erlebens im Gegensatz zum

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