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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-05-01 · 9 (5.1932) · p. Seite 200

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
9 (5.1932)
Date
1932-05-01
Page
Seite 200 (sequence 10)
Language
German
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200 Aussprache Ostjüdischer Nachwuchs in Deutschland Eine Zuschrift Man gibt sich in manchen Kreisen viel Mühe, sicli in die Psychologie der Ostjuden zu versetzen. Vielleicht ist es gut, sie selbst einmal zu hören, denn es gibt ein Sprichwort: „Der Kranke weiß besser als der Arzt". Weshalb sich die ostjüdische Jugend nicht der Orthodoxie anschließt, sondern zum Kommunismus übergeht, oder, wenn sie fromm bleibt, zum MisrachiV Ich glaube, wenn die Jugend zum Misrachi übergeht, so ist sie da ganz gut aufgehoben; wenn sie aber zum Kommunismus übergeht, so ist es nicht allein der kommunistische Gedanke, denn auch der polnische ist in seinem Wesen gar nicht so nüchtern. Der Grund ist der, daß gerade in orthodoxen Kreisen der Ostjude mehr als Reserve, d. h. als „Rachmonus"-Objekt, statt persönlich als Mensch gewertet wird. Die Jugend ist aber nun einmal so, sie will persönlich etwas gelten und nicht als Masse. Und so sucht sie sich einen Kreis, wo man glaubt, als „voll" betrachtet zu werden, und so kommt es, daß sie sich anderen Bünden anschließen und daß sie ganz andere Wege gehen. Man wird sagen, dies sei übertrieben; daher darf auf -die Statistiker hingewiesen werden, die mehr Mischehen zwischen Juden und Christen feststellt als zwischen Ost- und Westjuden. Die Eltern nehmen das erstere nicht so tragisch wie das letztere. Selbst in den Schulen sind die Kinder häufig so dressiert, daß sie von den anderen Kindern etwas abrücken, und eine echte Kameradschaft ist etwas Seltenes. Der ostjildische Jüngling fühlt sich keineswegs minderwertig, wie sich ein Herr ausgedrückt hat, sondern er hat das Verlangen, menschlich mit Menschen in Fühlung zu kommen, er will nicht, daß man immer mit ihm ,Jlachmones" hat, er will nicht, daß man ihm immer abgelegte Kleider anbietet, er will zeigen, daß er auch Werte besitzt. In orthodoxen Kreisen will man dies aber nicht sehen man ist zu „jäckisch", man möchte in jedem Ostjuden einen Zaddik sehen. Daß sich litauische und ungarische Juden schneller assimilieren, als die polnischen, hat zur Ursache, daß sie von zu Hause aus schon mehr assimiliert sind. Ueberhaupt werden viele ungarische Juden, wenn sie nach Deutschland kommen, viel frommer als sie zu Hause waren. Es fällt auf, daß jeder Ungar entweder einen Vater oder Großvater hat, der Rabbiner ist, und man fragt sich, wie das eigentlich möglich sei. Die Jiddische Sprache ist noch lange nicht das Schlechteste an dem polnischen Juden. Die moderne Welt will jedes Volkstum gelten lassen, denn dm Volkstum ist Kraft. Und warum will man das Jüdische Volkstum bekämpfen? Ich las einmal aus Scholem Alechem in Jiddisch in einem kleinen Kreise vor: es wurde durchweg abgelehnt, ob man verstanden hatte oder nicht, dagegen wurde Stoltze von allen (ob man verstanden hatte oder nicht) lebhaft begrüßt. Ich frage: warum lehnt man einen jüdischen Stoltze in jüdischen Kreisen ab? Warum will man ihn nicht verstehen? Alle Fürsorge und alle guten Vorsätze werden nicht dazu beitragen, Ost und West einander näherzubringen, wenn nicht der Kastengeist verschwindet. Dadurch wird so mancher verbittert und wendet sich ganz ab. Ich bin leider in der jüdischen Lehre nicht sehr bewandert, aber ich bin sicher, daß es da auch ein Gesetz der Duldsamkeit gibt. Wenn sich i. B. ein junger Mensch um Arbeit bewirbt und man ihn ablehnt, weil er nicht „fromm" sei, so ist es nur selbstverständlich, wenn er dann für die Orthodoxie ganz verloren ist. Oder ein kleiner Krämer wird von frommen Juden nicht berücksichtigt, weil die Frau keinen Scheitel trägt, wenn es sich auch nicht um rituelle Lebensmittel handelt. i?rotz allem bin ich nicht so pessimistisch. Ob sie Misrachisten, Zionisten oder Kommunisten heißen, sie sind alle bis auf einige Ausnahmen Volljuden. Chassidisches Blut ist kein Wasser. Jeder polnische Jude hat das Bestreben, ein „Baalhabattisch.es" Haus zu führen und seine Kinder für Leuchten in Israel zu halten, selbst wenn sie es nicht sind. Wenn der junge Mann in ein Stübel kommt und er hört bekannte Nigunim — ich mache eine Wette, er wild mitgerissen, wenn er auch Kommunist ist. Zum Schlüsse möchte ich noch bemerken, daß es sich sehr komisch macht, wenn man uns zu Sparsamkeit in der Lebensweise erziehen will. Wir haben im Krieg und nach dem Krieg gezeigt, daß wir mit kleinen Rationen auskommen können. Die Not lehrt alles, nur muß man das Gefühl haben: man tut es von selbst und nicht auf Geheiß. J. L. Jüdische Chronik Deutschland Preußen. Berlin. Bei den Wahlen zum Preußischen Landtag erhielten die Nationalsozialisten 8 008 219, d. i. 35," Prozent aller abgegebenen Stimmen. Die Zahl ihrer Mandate hat sidi von 9 auf 162 erhöht. — Die Walther - Rathenau - Gesellschaft hat den diesjährigen Rathenau-Preis an Dr. Carl Melchior-Hamburg und Harry Graf Keßler-Berlin verliehen. — Königsberg. Rechtsradikale Studenten haben die Antrittsvorlesung des nach Königsberg als Professor der Volkswirt - schaft berufenen früheren Handelsredaktcurs der „Frankfurter Zeitung". Dr. Artur Feiler, gestört. — An Stelle von Rabbiner Peretz wurde Dr. David Ochs, bislang akademischer Religionslehrer an der Schule der Gemeinde „Adass jisroel" in Berlin, zum konservativen Gemeinderabbiner gewählt. Aufierpreufiische Staaten. Anhalt. Im neuen Landtag besitzen die Nationalsozialisten zusammen mit den bürgerlichen Rechtsparteien die Majorität. — Bayern. München. Bei den Landtagswahlen konnten die Nationalsozialisten die Zahl ihrer Mandate von 9 auf 43 erhöhen. — Im Alter von 92 Jahren verstarb die Schriftstellerin R o s a 1 i e P e r 1 e s , die Witwe des 1894 verstorbenen Münchener Rabbiners Dr. Joseph Perles und Mutter des Königsberger Rabbiners und Universitätsprofessors Dr. Felix Perles. — Hamburg. Der Etat für das Jahr 1932, der auf dem Steuersatz von 13 Prozent der Einkommensteuer beruht, wurde vorläufig für neun Monate genehmigt. Er schließt mit einem Defizit von ungefähr 105 000 Mark; die Einnahmen betragen etwa "25 500 Mark, die Ausgaben etwa 829 300 Mark. — Sachsen. Am 1. IV. konnte Rabbiner Dr. Fuchs auf eine 25jährige Tätigkeit als Gemeinderabbiner von Chemnitz zurückblicken, r- Württemberg. Während im früheren württembergischen Landtag die Nationalsozialisten nur ein Mandat besaßen, haben sie im zukünftigen 23 Mandate. Europa Ausland Oesterreich. Im Wintersemester 1931—32 studierten 2328 Juden an der Wiener Universität; die Gesamtzahl der Studenten betrug 12 365. Schweiz. Bern. Der jüdische Segelflieger Robert Kronfeld, der sich durch seinen Flug über den Kanal und über London ausgezeichnet hat, ist als Lehrer des Segelflugs nach Bern berufen wor'den. — Zürich. Am 29. März waren 70 Jahre seit der Gründung der Züricher israelitischen Kultusgemeinde verflossen. Niederlande. Der Etat der Amsterdamer sephardisch-jüdischen Gemeinde für das Jahr 1952—33 beträgt 88 950 Gulden, von denen nur etwa 25 000 Gulden durch Steuern aufgebracht werden. Luxemburg. Am 23. und 24. März fand in Anwesenheit von Vertretern jüdischer Gemeinden sowie von Wanderschutz-Gesellsehaften in Belgien, Deutschland, Frankreich, Holland, Luxemburg, Oesterreich, der Schweiz und der Tschechoslowakei eine von „HICEM" einberufene Konferenz statt, die sich namentlich mit der Regelung der Rückwanderung der arbeitslos gewordenen Ostjuden nach ihrer Heimat beschäftigte. Frankreich. Der Führer der französischen Sozialisten, Leon Blum, Mitglied des Council der Jewish Agency, wurde am 9. April 60 Jahre alt. (Fortsetzung au} Seite 201) im r^i : 10 1J 1|q3| L-J f Wenn Sie Wert legen auf besonders gute Back- und Bratergebnisse, sparsamen Brennmaterialverbrauch, tadelloses Funktionieren, solide Konstruktion, dann wählen Sie einen Roetier-KotHenherö Zahlungserleichterung: Ermässigte Preise! ESCH & Co. Tel. 21157 Zeil 23 Tel. 21157 Buchdruckerei, Gebrüder Braun die leistungsfähige Druckerei für höchste Ansprüche bei zeitgemäß niedrigen Preisen bhhhhh Hanauer Landsfr. 157 - Tel. Carolus 47761

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