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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-05-01 · 9 (5.1932) · p. Seite 197

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
9 (5.1932)
Date
1932-05-01
Page
Seite 197 (sequence 7)
Language
German
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197 eines bestimmten Ereignisses zur Bestimmung herangezogen wurde. Die Untersuchungen Minkowskis ermöglichten erst diese Betrachtungen. Minkowski war von dem lediglich .gedachten vierdimensionalen Raum ausgegangen, für Einstein wurde die vierdimensionale Welt zu einer lebendigen Wirklichkeit. Das iStandardwerk über die Geschichte der Mathematik verfaßte Moritz Cantor (1829^1920). In den Jahren 1859 bis 1901 war er auch Herausgeber der Zeitschrift für Mathematik und Physik. Die Cantorsche Geschichte der Mathematik, ein vierbändiges Werk, ist allerdings sehr umstritten. Der italienische jüdische Mathematiker Tullio L e v i - C i v i t a erhielt für seine Leistungen in den verschiedensten Gebieten 'der reinen Mathematik gemeinsam mit Enriques 1909 den königlichen Preis für Mathematik. Wegen seiner Leistungen in den Gebieten der theoretischen Physik, speziell der Mechanik, wurde er 1929 zum Ehrendoktor der Technischen Hochschule in Aachen ernannt. Gleichfalls Italiener ist der Historiker Gino Loria (geb. 1862 in Mantua). Seine Leistungen sind indessen nicht auf die Geschichte der Mathematik beschränkt, sondern er fand auch Sätze der Algebra und der Mengenlehre. Von bedeutenden englischen jüdischen Mathematikern sei James J. Sylvester erwähnt. Er lebte von 1814 bis 1897 und war bereits mit 23 Jahren Professor in London. Er erfand eine Reihe geometrischer Instrumente und bereicherte die Algebra. Mehrere Universitäten ernannten ihn zum Ehrendoktor. Die Reihe der jüdischen Mathematiker ließe sich noch sehr erweitern. Es mag genügen, lediglich noch die Namen Borchardt, Eisenstein, Fuchs. Hadamard, Halphen, Meier Hirsch, JacobL Kahn usw. zu nennen, um zu zeigen, wie sehr die mathematische Wissenschaft, in der die Juden sich von jeher auszeichneten, auch in neuester Zeit durch jüdische Forscher bereichert wurde. Die Frankfurter Judengasse in einer Jugendschrift des 18. Jahrhunderts Die Bücher, aus denen sich der junge Goethe Belehrung über die Judengasse holte, waren — wie in dem Goethe-Aufsatz der vorigen Nummer des Gemeindeblatts dargestellt worden ist — öde, einseitige Werke voll erlogener Greuelgeschichten und alberner Märchen. Eigentliche Jugendschriften gab es damals nicht. Erst am Ende des 18. Jahrhunderts, als die Gedanken der Aufklärung und Humanität in die Erziehung eindrangen, suchten die Pädagogen diesen Geist vorurteilsfreier Menschlichkeit der Jugend in leichter, verständlicher Form nahezubringen: so entstanden die ersten Jugendschriften, Erzählungen, Reisebesehreibungen, lehrhafte»Gedichte, Fabeln und kleine Schauspiele für Kinder. Man kann sie heute alle nicht mehr lesen. Sie sind zu brav und gut, erzprosaisch in ihrem Ziel, nützliche Kenntnisse und wackere Moral zugleich einzugeben, und das Belehrende und Sittliche ist oft so dick unterstrichen, daß von Jugend in diesen „Jugendschriften" nichts mehr zu spüren ist. Aber die gute Gesinnung und das Bemühen um eine praktische Erziehung zur Menschlichkeit bedeutete einst einer Generation von Lesern wertvolle, edelste Erhebung und macht uns manches dieser veralteten, verstaubten Bücher zu einem geschichtlichen Dokument. In einem solchen Werk taucht auch die Frankfurter Judengasse auf: „Reise eines Vaters mit seinen beiden Söhnen durch ganz D e u t s c h 1 a n d" nennt sich das Buch, dessen Kenntnis ich einem freundlichen Hinweis von Bibliotheksrat Professor Dr. Richel verdanke. Es ist in Frankfurt 1797 erschienen und verrät seinen Zusammenhang mit der Pädagogik des Philanthropinismus in seinem Untertitel „Ein interessantes, aufklärendes und das Herz veredelndes Lesebuch für deutsche Kinder". Es kündigt im Vorwort an, daß es angenehm unterhalten wolle und deshalb die Erdkunde in erzählendem Tone und als Handlung lebender Personen, so wie es Kinder gern hörten, vortrage. Während man mit dem Vater und den Kindern die Reise mache, ihrem Gedankenaustausch über das Gesehene lausche, an ihren Begegnungen ' mit allerlei Menschen teilnehme, lerne man gleichsam spielend. Aber das Werk soll auch den Verstand aüfheilen, Vorurteile und'Aberglauben entkräften und zur Schätzung aller Menschen und Dinge nach ihrem wahren Wert führen. Im siebten Abschnitt des Buches wird der Gang durch die Judengasse dargestellt. „Ach was für eine düstere finstere Gasse ist das! Wie schwarz und rußig sehen da die meisten Häuser aus! Wie feucht und unreinlich," rufen die Knaben, aber der Onkel, der sie und den Vater begleitet, erklärt ihnen, das sei kein Wunder, denn mehrere tausend Menschen müßten hier in wenigen Häusern zusammenwohnen. Die Kinder werden ängstlich, als sie im Gedränge der Gasse und im Gewimmel der Menschen sind, die ihre Waren anbieten. Aber der Onkel beruhigt die Knaben und sagt ihnen, hier würde ihnen kein Leid geschehen. Hier seien Menschen, die man zu dieser Lebensart gezwungen hätte, bei ihrem Handel, und so schließt seine Belehrung für den Vater wie für die Kinder mit den Worten: „Unsere Juden sind meist ausgelernte Handelsleute, und ich glaube nicht viel zu sagen, wenn ich behaupte, daß unsere Stadt ahne die Juden lange nicht so blühend und wichtig sein würde, wie sie itzt wirklich ist." Das wirkt auf die Jungen. „Ach, wenn das so ist, so habe ich wieder allen Respekt für die Juden," ruft der eine, und der andere sagt beipflichtend: „Auch ich, und zudem sind sie ja ebensogut Menschen wie wir, und verdienen als solche unsere Achtung und Liebe." Erfreut zollt der Onkel dem Knaben wegen dieses Wortes seinen Beifall: „Scharmant, mein Lieber! Bei dieser Denkungsart bleibe, sie gereicht dir wahrlich sehr zur Ehre." KaiserstraSSe 27, Ecke Neue Malnzer-Strasse

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