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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-05-01 · 9 (5.1932) · p. Seite 196

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
9 (5.1932)
Date
1932-05-01
Page
Seite 196 (sequence 6)
Language
German
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196 Innern, z. B. die Laieninvestitur der Bischöfe durch den Ring. Da diese durch den Papst Gregor VII. im Jahre 1078 verboten wurde, muß das Werk früher entstanden sein. Das ist das einzige, was wir über sein Alter mit Bestimmtheit sagen können. Nicht viel mehr wissen wir über die Oertlichkeit seiner Entstellung. Die Sprache weist auf bayerisch-österreichisches Gebiet hin. Die von manchen vertretene Ansicht, daß es aus Kärnten stammt, bedarf noch des überzeugenden Beweises. Sicher ist bisher nur. daß die Handschrift, die sich jetzt in Wien befindet, in Kärnten gefunden und dort schon im 12. Jahrhundert bearbeitet worden ist. Diese Bearbeitung ist die sogenannte Millstätter Genesis und Exodus. Sie erreicht das Wiener Original in dichterischer Stärke nicht, übertrifft es aber durch Sachlichkeit und engere Anlehnung an die Bibel Das Verhältnis der Wiener und der Millstätter Genesis zur ..V o r a u e r" ist noch nicht ganz geklärt. Für diese dritte Genesis, die wir aus der Uebergangszeit vom Althochdeutschen zum Mittelhochdeutschen besitzen, ist das Hervortreten theologischen Interesses charakteristisch. Der Verfasser przählt nicht bloß, sondern er deutet die Erzählung auch. So legt er die drei Engelschöre als die drei geistigen Kräfte Gedächtnis. Vernunft und Liebe' aus. Nebst dieser Genesis enthält die Vorauer Handschrift noch zwanzig andere deutsche Dichtungen, von denen nicht weniger als sieben dem Stoffgebiete des Alten Testaments angehören: ein ..Josef in Aegypten", ein „Moses", aus dem einige ein besonderes Stück ,.Josua" ausscheiden wollen, ein „Bileam", ..Die drei Jünglinge im Feuerofen", eine ältere (fränkische) und eine jüngere (dialektisch unbestimmbare) „Judith" und ein „Lob Salomos". Noch interessanter für uns Juden ist aber das berühmteste Stück der Sammlung: des mittelfränkischen Priesters Lamprecht ..A1 e x a n d e r 1 i e d". das zwar nicht dem biblischen Stoffkreis entstammt, dafür aber ein Motiv aus dem — Talmud verwendet: die Erzähluna: von dem Vordringen Alexanders des Großen zu den Pforten des Paradieses, wo er über die Nichtigkeit, aller irdischen Macht und Größe aufgeklärt wird. Auch in das oben erwähnte „Lob Salomos". ein fränkisches Gedicht, das Salomos -Hofhaltung und seinen Ruhm im Spielmannstone preist, ist eine rabbinische Sage eingeschaltet: „Salomo und der Drache". So ist die aus dem zwölften Jahrhundert stammende Vorauer Sammelhandschrift geradezu ein Symbol für die Beliebtheit, deren sich jüdische Motive bei den christlichen Dichtern des Mittelalters erfreuten, sowie dafür, daß sich diese Beliebtheit nicht nur einmal auf den beiden Konfessionen gemeinsamen Teil der Bibel beschränkte, sondern sich auch auf die poetische Schatzkammer des spezifisch jüdisch-theologischen Schrifttums erstreckte. Nicht weniger symbolisch in dieser Hinsicht ist das poetische Schaffen Rudolfs von Ems, eines Schweizer Ritters aus dem 13. Jahrhundert Sein Epos ..Der gute Gerhard" ist eine in das deutsche Kaisermilieu verlegte Variante der rabbinischen Erzählung von dem gelehrten Rabbi, der in Ueberhebun<r seiner Gottgefälligkeit seinen künftigen Genossen im Paradiese kennen lernen will. Gott zeigt ihn im Traum? dr-n — Schächter. Voll gekränkter Eitelkeit sucht der Rabbi am nächsten Morgen diesen Mann auf und erkundigt sich nach dessen gottgefälligen Werken. Da vernimmt er eine Geschichte von edler Selbstüberwindung, die in den wesentlichen Zügen mit dem übereinstimmt. was der Held des Gedichtes von Rudolf von Ems vollbringt. Derselbe Dichter plante eine ..W e 11 c h r o n i k". die bis zu seiner Zeit hätte reichen sollen. Da er aber nach damaliger Sitte mit der Erschaffung der Welt begann, kam er trotz seiner 38 000 Verse nur bis Salomos Tod. Ein Forfsetzer brachte es bis zur Zeit des Propheten Elias, blieb also auch noch mitten im biblischen Stoffkreis stecken. Obwohl auf diese Weise das Werk nichts anderes geworden ist, als eine gereimte biblische Geschichte, fand es bei den Zeitgenossen ungeheuren Anklang, ein Beweis, daß das deutsche Publikum das Interesse seiner Autoren für das Alte Testament durchaus geteilt hat. Besonders anhaltend und fruchtbar war die Beschäftigung mit dem ..Hohen L i e d e". Um 1C65 übersetzte, paraphrasierte und kommentierte es Williram. für das nächste, das zwölfte Jahrhundert ist das ..Trutberter Hohe Lied" charakteristisch, für das dreizehnte das . .Hohe Lied" des Magdeburger Konstabiers Bruno von Schönebeck. Die landläufige Auslegung des biblischen Liebesgedichts als Sehnsuchtsgesang der „minnenden Seele" nach der Vereinigung mit Gott hat schließlich im 14. Jahrhundert zur Mystik geführt, jener theologisch-literarischen Richtung, in der die deutsche Religiosität des Mittelalters ihre tiefste Verinnerlichung und ihren vergeistigtsten Ausdruck gefunden hat. An der Grenze zwischen Mittelalter und Neuzeit bearbeitete Hans Sachs die talmudische Anekdote von dem Mann, dem die eine Frau die grauen, die andere die schwarzen Haare auszupft, so daß er kahlköpfig wird. Der Nürnberger Meistersinger scheint allerdings den rabbinischen Ursprung seines Stoffes nicht gekannt zu haben, denn er gibt eine andere Quelle an. Juden in der modernen Mathematik Von Ferdinand Springer ' Wie alle Wissenschaften, so wurde auch die moderne Mathematik durch jüdische Forscher in einem außerordentlich hohen Maße bereichert. Zählt.man lediglich die Namen der bedeutendsten jüdischen Mathematiker auf, so muß der Sachkundige staunen, wer alles dazu gehört. An erster Stelle ist wohl Albert E in s t e i n zu nennen, dessen Leistungen so allgemein bekannt sind, daß man wenig Worte darüber zu verlieren braucht. Der Name der Relativitätstheorie ist eng und für immer mit dem Einsteins verknüpft, sie ist eine der bedeutendsten Leistungen in den Gebieten der Physik, Mathematik und der Erkenntnistheorie der letzten Jahrhunderte. Das wichtige Gebiet der mathematischen Erkenntnistheorie, die Axiomatdk, d. h. die Lehre von den Grundlagen der mathematischen Wissenschaft, wurde von Moritz Pasch (1843—1930) durch seine Vorlesungen über „neuere Geometrie" für weiteste Kreise erschlossen. In der Zahlentheorie, speziell der Lehre von den Primzahlen, leistete E d - mund Landau (geboren 1877), der seit 1927 in Jerusalem wirkt,. Hervorragendes. Die Zahlentheorie, die die „Königin der mathematischen Wissenschaft" genannt worden ist, beschäftigt sich hauptsächlich mit der Teilbarkeit und sonstigen Zerlegung von ganzen Zahlen. Zu ihr gehören die primitiven arithmetischen Kenntnisse, die jeder von uns sich als Kind angeeignet hat (z. B. „eine Zahl ist durch 2 teilbar, wenns ihre letzte Ziffer es ist"), ebenso wie äußerst komplizierte Betrachtungen über die Bedingungen dafür, daß eine Zahl Primzahl (unteilbar) ist. Landau gehört dem Kuratorium der hebräischen Universität an. Gleichfalls in Jerusalem wirkte einige Jahre der noch junge Adolf Fränkel, jetzt Ordinarius in Kiel. Frankel hat sich hauptsächlich mit der Mengenlehre befaßt. Sein Buch über die Mengertlehre entstand während des Weltkrieges, der ihm Gelegenheit gab, seine Kameraden damit zu unterhalten. Es klingt paradox, daß dieses Gebiet, das eins der schwersten der gesamten Mathematik ist, zu Unterhaltungen im Schützengraben diente. Die Mengenlehre ist die Lehre von den Mannigfaltigkeiten. Ein Beispiel wird den Begriff eher erklären als weitschweifige Abhandlungen. Zwei Mengen A und B gelten als gleichwertig, wenn man sämtliche Glieder der Menge A auf sämtliche Glieder der Menge B beziehen kann. So kann man z. B. sämtliche Individuen der Menge der geraden Zahlen auf sämtliche Individuen der ganzen Zahlen überhaupt (indem man jede gerade Zahl mit ihrer Hälfte vergleicht) beziehen.. Obwohl es also in einem bestimmten Bereich — z. B. bis zur Zahl 100 — doppelt soviel ganze Zahlen "wie gerade Zahlen gibt, sind die Mengen im ganzen betrachtet gleichwertig, „äquivalent". Der Begründer dieser Mengenlehre ist der 1845 in dem damaligen St. Petersburg geborene Georg Cantor, der 1918 in Halle a. d. S. als ordentlicher Professor starb. Von ihm stammen die wichtigsten Lehrsätze der Mengenlehre. Unter den Algebraikern der jüngeren Vergangenheit ragt Leopold Kronecker (geb. 1823 in Liegnitz, gestorben als Professor an der Universität Berlin 1891) hervor. Er bewies die Urtlösbarkeit von Gleichungen fünften und höheren Grades und stellte durch Ausmerzung der irrationalen Zahlen (z. B. V2, alle Zahlen, die sich nicht als Brüche darstellen lassen) aus seinen algebraischen Betrachtungen eine Verbindung zur Zahlentheorie her, die sich nur mit ganzen Zahlen beschäftigt. Sein Bruder war übrigens der bedeutende Physiologe Hugo Kronecker. Die ersten Bearbeitungen von mehrdimensionalen Räumen stammen von dem gleichfalls jüdischen Forscher Hermann Minkowski (geb. 1864 in Rußland, gestorben 1909 als Professor in Göttdngen). Die Dreidimensionalität unseres Raumes galt früher allgemein und gilt auch heute noch für den Nichtmathematiker als eine Selbstverständlichkeit. Aber die Einsteinsche Lehre führte dazu, die Welt als vierdimensional anzusehen, indem neben Höhe, Länge und Breite noch die Zeit

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