Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 8 (4.1932)
- Date
- 1932-04-01
- Page
- – (sequence 35)
- Language
- German
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31 schiedenen Abwehrstellung Döblins beachtlich? Er sieht sehr richtig, daß die, vielleicht nötige, Agitationsweise der Partei zu einer Vereinseitigung im Marxismus treibt, zu einer doktrinären Verfestigung, die ihn verabsolutiert, d. h. ihm Allgemeingültigkeit zuspricht. Hier kann sich eine Scheidung für alle diejenigen. ergeben, die neben den von Marx auf g wiesenen Faktoren andere wesentliche und weittragende Kräfte erkennen. Damit wird eine Parteizugehörigkeit zumindest fragwürdig. Das bedeutet aber nicht außerhalb des Proletariats, stehen. An Gruppen, proletarische Organisationen, die nicht parteimäßig gebunden sind, ist ein Anschluß zu finden. Für jüdische Jugendgruppen insbesondere besteht die Möglichkeit, von sich aus, aus jüdischer Grundhaltung heraus, zu einer Auseinandersetzung mit dem Marxismus und den damit zusammenhängenden Fragen und somit zu,, einer Einstellung zum Proletariat zu gelangen. Einreihen in das Proletariat muß nicht gleichkommen mit „roter Assimilation". Vielen jüdischen Kommunisten ist ihr Judesein gleichsam wie Bürgertum eine abgetane Sache der Vergangenheit. Gilt es aber nicht gerade darum zu wissen, daß das jüdische Gesetz wesentlich als soziales Gesetz bestimmt ist und die Verbindung zu dem heutigen Sozialismus gestattet? Judentum war immer ein . Kampf um sein Bestehen, unterdrückt und umhergeschoben zwischen den Völkern. Es war ein Bestehen in vielfacher geschichtlicher Entwicklung und gesellschaftlich-kultureller Umwälzung, an der es leidend oder aber mitbestimmend vorstoßend teilnahm. Dieses Hindurchgehen durch Zeiten und Völker ist jüdische Geschichte, und dies macht unser jüdisches Bewußtsein aus. Nachdem wir in die europäische Gesellschaft eingegangen sind, und ihre Not zugleich unsere Not ist, kann uns ein Abschließen nichts nützen. Judesein bewährt sich nicht nur in der Einkapselung in der eigenen Gemeinschaft, sondern in einem mutigen Sichhineinstellen in einen größeren Zusammenhang. Je mehr jüdische Sozialisten ab bewußte Juden um die Befreiung des Proletariats mitkämpfen, desto eher und sicherer, dürfen wir annehmen, wird das Judentum durch die Umwälzung hindurchgehen. Wie sich Judentum etwa in einem sozialistischen Deutschland gestalten wird, darüber kannjetzt und hier nichts ausgesagt werden. Ebenso ist nicht allgemein zu entscheiden^ wie eine Synthese von Judentum und Sozialismus zu finden ist. Als Aufgabe und Forderung tritt diese Synthese an jeden Einzelnen heran, und ist, weil nicht eindeutig, ständig schwierig und gefährdet Aber sie ist deshalb keine Zwischenfrontstellung, wie Döblin den Platz für die Intellektuellen findet, sondern eine Kampfstellung aus doppelter Haltung heraus. Toni Oelsner Der Intellektuelle in der Arbeiterklasse Der Ruf Alfred Döblins an die Intellektuellen — der nicht zuletzt die jungen Juden betrifft — wird überall da offene Ohren finden, wo sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, daß dio materiellen Sonderinteressen der Intellektuellen in den Reihen der Arbeiterbewegung am besten gewahrt werden. Die folgenden Ausführungen sollen dies unter Beweis stellen. Der verständnisvolle jüdische Leser wird ohne Schwierigkeit das Wesentlichste herausfinden, das ihn zunächst angeht. Der Urgrund' aller politischen Bewegungen, welchen Namen und Zweck sie auch angeben, sind materielle Gegensätze. Diese Gegensätze entwickeln sich in der Gesellschaft zu Klassenkämpfen. Die Klassenkämpfe erschienen den Menschen bis in das 19. Jahrhundert hinein chaotisch und systemlos. Seit der Erhebung des Sozialismus zur Wissenschaft hat das Proletariat in die Klassenkämpfe eine ziel- und zweckbewußte Ordnung hineingetragen. Die kapitalistische Gesellschaftsordnung bat die Menschen in zwei große Gruppen geteilt. Die Klasse der Besitzenden, der Kapitalisten, die im Besitz der Produktionsmittel sind, und der Besitzlosen, der Proletarier, die von den Produktionsmitteln getrennt sind. Die Kapitalisten bedienen sich zur Erhaltung ihrer Vorrechte aller denkbaren Mittel. Ein «ehr bedeutungsvolles Mittel ist der sogenannte Mittelstand, dem die große Mehrheit der Juden zuzurechnen ist. Eine besonders wichtige Gruppe des Mittelstandes überhaupt und speziell des jüdischen sind heute die Geistesarbeiter, die Intellektuellen. Die Lebenslage der Intellektuellen ist, im Verhältnis zu den Aibeitern gesehen, eine gewollt gehobene. Sie sollen dadurch dem Kapital zur Verteidigung gegen die Ansprüche der Arbeiter dienen. Das Streben nach Verbesserung der Lebenslage der Besitzlosen und nach Beseitigung des Elends führte zur Gründung und zu dem gewaltigen Aufstieg der Arbeiterbewegung, der sich zunächst fast nur die körperlich tätigen Arbeiter anschlössen. Die Grundforderung aller Parteien der Arbeiterbewegung ist die Befreiung der Besitzlosen aus ihrer Unterdrückung, die Ueberwindung der Klassengesellschaft und die Errichtung der klassenlosen, Gesellschaft. Eine soziologische Veränderung innerhalb der Arbeiterbewegung bedeutet noch keine Gefahr für sie oder für den Sozialismus, solange sie nicht von der bürgerlichen Ideologie angesteckt ist. Wie aber ist die "Stellung der Intellektuellen innerhalb der sozialistischen Parteien? Der Vorwurf, daß sie in den Parteien Anspruch auf gewisse Vorrechte machen, wird nicht zu Unrecht erhoben. Derartige Ansprüche sind unbedingt niederzuhalten. Alles Denken des Arbeiters wird beherrscht von dem Streben nach Verbesserung seiner Lebenslage. Er ist daher leicht für die sozialistischen Parteien zu gewinnen. Die wirtschaftliche Bedrängnis der Intellektuellen ist heute noch nicht so groß wie die der Arbeiter. Aber die Proletarisierung der Intellektuellen schreitet mit Riesenschritten fort. Die Geistesarbeiter suchen eine weitere Verschlechterung ihrer Lebenslage abzuwenden, haben also gemeinsame .materielle Interessen mit dem Proletariat und fügen sich ebenfalls den sozialistischen Parteien ein. Die Intellektuellen selbst freilich behaupten, daß ihre materiellen Interessen für sie hinter die ideologischen Gesichtspunkte zurücktreten, daß sie nicht durch ihre Klassenlage, sondern durch ihre Gesinnung allein zur sozialistischen Partei kämen Richtig daran mag sein, daß die Intellektuellen abstrakter denken und sich weniger direkt von materiellen Beweggründen leiten lassen. Aber das ändert nichts an der Tatsache, daß auch ihren Ideologien die Wirklichkeit der materiellen Verhältnisse zugrunde liegt. Das Ueberangebot der Kräfte wird durch die steigende Produktivität in der geistigen Arbeiterschaft ständig erhöht. Der Rückgang der Gehälter und Einnahmen hängt eng damit zusammen. Die Konkurrenz unter den Intellektuellen, so groß sie heute schon ist, macht sichtlich weitere Fortschritte. Die Folge davon: der Uebergang von der bürgerlichen zur proletarischen Existenz. Dieser vollzieht sich aber nicht ohne Gefahr für die sozialistische Bewegung, eine Gefahr, die nicht selten ihre Wurzeln in der Lebenshaltung besonders der jüdischen Intellektuellen hat: die Verbürgerlichung. Alle großen geistigen Zeitfragen haben ihren Untergrund im Kampf ums Dasein, und genau so die geistigen Interessen und ideologischen Gesichtspunkte. Wo die Gesetzlichkeit der materiellen Triebkräfte nicht zur praktischen Auswirkung kommt, liegt es daran, daß die Befähigung zur erkenntniskritischen Einstellung fehlt. Das kann z. B. an Arbeitern beobachtet werden, deren Lebenslage sich verbessert und die dann bürgerliche Moden, Sitten und Ideen nachäffen, nach und nach völlig der bürgerlichen Ideologie verfallen. Im allgemeinen aber widersteht der Arbeiter heute dank seiner Erziehung durch dk> sozialistische Bewegung dieser bürgerlichen Versuchung. Bei den Intellektuellen, und besonders den jüdischen, ist dies längst nicht im gleichen Maße der Fall. Die Arbeiterschaft aber braucht den Intellektuellen. Sie erkennt, daß dieser endlich seiner wahren Klassenlage bewußt wird und begegnet Intellektuellen mit Führerbegabung keineswegs von vornherein mit Mißtrauen, wenn sie zu Führerpositionen gelangen. Die Intellektuellen jedoch dürfen siel» nicht, den Anstrich geben, als kämen sie aus rein ideellen Gründen zur Arbeiterschaft. Treten sie als Mitkämpfer, ai.- Klassengenossen auf, so wird ihnen der Platz an der Seite der Arbeiterschaft gerne eingeräumt. Auf jeden Fall müssen sie vermeiden, ihre Interessen in den Vordergrund zu schieben und die noch bestehenden relativen materiellen Gegensätze zwischen Intellektuellen und Arbeitern zum Nachteil der letzteren zu verschärfen. Von dem Entwicklungsprozeß, mit dem die Arbeiterklass e aus sich heraus Autodidakten erzeugt, die selbst zu den Intellektuellen zählen, kann hier abgesehen werden. Es bleibt als Fazit: die Akademiker und die Intellektuellen im allgemeinen finden heute ihren Platz nicht als besondere Gruppe in der sozialistischen Arbeiterschaft, sondern als Kampfgenossen unter Anerkennung der innerhalb der Parteien herrschenden demokratischen Prinzipien. Und zum Schluß: bedarf es nach dem Dargelegten noch eines speziellen Hinweises auf die Betonung: jüdische Intellektuelle, stellt Euch neben die jüdische Arbeiterschaft!? Sie sollte jedem jungen Juden, der bereit ist, sich politisch zu organisieren, den Weg weisen zu der proletarischen Organisation, die auf der Grundlage eines; normalgeschichteten jüdischen Volkes, einer kulturell-eigenartigen Sprache am Aufbau eines sozialistischen Gemeinwesens in Palästina arbeitet. Philipp Rochwerg