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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-04-01 · 8 (4.1932) · page 36

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
8 (4.1932)
Date
1932-04-01
Page
– (sequence 36)
Language
German
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32 Passivität oder Hitarbeit? Der temperamentvolle Angriff von Herrn Kösterich in der Januar-Nummer gegen die ..roten Assimilanten" erheischt unbedingt eine Erwiderung. Man muß jedoch die Erörterung auf eine möglichst breite Grundlage stellen. Es gilt, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie die innerhalb der verschiedenen Völker lebenden Juden, wie insbesondere die deutschen Juden, sich verhalten sollen. Drei Grundhaltungen siud möglich. — Die Einen erachten in begreiflicher Resignation Passivität für das Beste. Was wir auch immer als Mitarbeiter an allgemeinen Aufgaben tun mögen, wird mißdeutet und ungern gesehen. Müssen/wir es doch erleben, daß selbst das Wirken solcher Juden beanstandet wird, die sich in selbstloser Weise, ohne Gewinn oder auch nur Anerkennung zu erstreben, in den Dienst irgendeiner dem Gemeinwohl dienenden Sache stellen. „Die Juden müssen eben immer dabei sein oder an der Spitze stehen", heißt es. Dazu kommt die völkische Ideologie, die sagt: „Wir wollen Eure Wohltaten nicht. Wir erstreben eine unseren ureigenen Kräften entspringende Kultur und verzichten lieber auf Eure, wenn auch noch so wertvoll scheinende, Mithilfe." Man denkt dabei gerade im Jahre 1932 an das, was deutsche Juden (von Rahel Leviu bis Gundolf) als Künder und Deuter Goethes getan haben. Aber auch darauf würde vom Standpunkt der geschilderten Ideologie verzichtet werden. — Wenn man daraufhin zu dem Entschluß kommt, sich passiv zu verhalten, so glaube man ja nicht, damit eine Patentlösung gefunden zu haben. Denn erstens ist Passivität gar nicht durchführbar. Konsequenterweise käme man nämlich zu der Forderung, daß kein Jude deutsche Kinder unterrichten dürfe, daß die Juden ihre Mitwirkung an Theater, Film, Presse, Literatur usw. aufgeben müßten, um nicht in die deutsche Kultursphäre einzugreifen, ebenso wie sie sich in der Wissenschaft auf die rein. beschreibenden Disziplinen beschränken müßten. Wer in philosophischen oder nationalökonomischen Fragen Stellung nimmt, nimmt am öffentlichen Leben aktiv Teil. Und da selbst Einsteins Forschungen philosophische Konsequenzen haben können, ist eine Grenze nicht zu sehen. Daneben könnte einer derartigen Absonderung vom öffentlichen Leben entgegengehalten werden, daß der Jude damit zwar im Genuß der staatsbürgerlichen Rechte zu verbleiben wünscht, sich aber den Pflichten entziehen will. Denn jeder Bürger hat doch nun einmal die Pflicht, sein Bestes zur Förderung des allgemeinen Wohls beizutragen.. Die zweite, die zionistische Haltung vertritt den Standpunkt, daß es den Juden nicht möglich sei, innerhalb ihrer Wirtsvölker ersprießlich zu wirken. Sie erwiesen dabei weder sich noch den andern einen Dienst. Davon später. Hier sei nur darauf hingewiesen, daß man in nichtjüdischen Kreisen, die der völkischen Ideologie ablehnend gegenüber stehen, dem Hinweis begegnet, daß das Bestehen und die Argumentation des Zionismus der völkischen Ideologie nur zuträglich sein könne. Wird doch z. B. in der ganz völkisch eingestellten Darstellung von Günther („Rassekunde des deutschen Volkes") mit Nachdruck auf Martin Buber Bezug genommen. Die dritte Haltung geht dahin, daß wir innerhalb des Kreises, in dem wir leben, nach besten Kräften mitzuarbeiten haben,- nur unserem Gewissen verantwortlich und unbeirrt das-on, üb unser Handeln uns selbst oder gar der jüdischen Gemeinschaft Schaden zu bringen scheint. Welcher Richtung der so eingestellte Jude sich anschließt, ist eine zweite Frage. Man glaube aber nicht, daß das Eintreten für sozialistische Ziele den Juden in einen besonderen Gegensatz zur deutschen Umwelt bringe. Sozialistische Ideologie ist heute in weiten Kreisen der deutschen Bevölkerung heimisch. SPD. und KPD. verfügen zusammen über eine stattliche Mitgliederzahl, und auch unter den Nationalsozialisten sind weite Kreise antikapitalistisch eingestellt. Wer sich also zum Verfechter der kapitalistischen Ordnung macht, wird sicherlich ebenfalls Widerstand wecken. Das ist bei jeglicher Stellungnahme unvermeidlich. Dem Satz von Herrn K. freilich: „Alle Schwächlinge Averden heute zur KPD. überlaufen" muß entschieden widersprochen werden. Sich heute in Deutschland als Jude im sozialistischen Sinne zu betätigen, ist wirklich kein besonderes Vergnügen. Man steht allein in der bürgerlichen Welt, der man entstammt, und in dem Moment, wo man etwas hervortritt, hat man Angriffe von jüdischer und nichtjüdischer Seite zu gewärtigen. Mag die kommunistische Idee „Der Sieger von morgen" sein; aber wann dieses „Morgen" sein wird, ob darüber nicht viele Jahrzehnte hingehen werden, angefüllt mit den erbittertsten, schwere Opfer fordernden Kämpfen, darüber kann man seine eigenen Gedanken haben. Diejenigen unter uns, die Sozialisten sind, werden als ,,R o t e Assimila nte n" bezeichnet. Darunter sind wohl Juden zu verstehen, die sich gedrängt und verpflichtet fühlen, an der Stelle, an die das Schicksal sie gestellt hat, in sozialistischem Sinne mitzuarbeiten, damit es auf Erden besser werde, in „messianistischem", d. h. echt jüdischem Glauben an eine bessere Zukunft der Menschheit. Sie müssen nur hoffen und wollen und sich dabei nicht von dem unjüdischen Glauben an den „Jezer hora", bezw. an die „der menschlichen Natur eingeborenen Haßinstinkte" (?!) irre machen lassen. Daß ein furchtbares Massenelend vorhanden ist, das die ganze Erde in ungeahnter Intensität und Extensität befallen hat, wird niemand leugnen. Daß man aus diesem Massenelend herauskommen kann, indem man einen neuen Nationalstaat begründet, bezweifeln -wir auf das entschiedenste. Wir haben den Weltkrieg erlebt, den wir als Folge der kapitalistischen Ordnung ansehen; wir müssen erleben, daß die Menschheit dadurch nicht klüger geworden ist, sondern sich noch mehr als vorher in Nationen und Natiönchen zerspaltet, die sich .eifersüchtig beargwöhnen, unermeßliches Geld für Rüstungen ausgeben, die unheimlichsten Giftgase gegeneinander auf Lager "halten und sich heute noch besonders anschicken, sich wirtschaftlich gegeneinander abzuschließen. Und angesichts dieser furchtbaren Situation soll ich meine Kräfte darauf richten, einen neuen Nationalstaat zu errichten, den J u den Staat in Palästina, der natürlich auch auf kapitalistischer Grundlage wird aufgebaut sein müssen und der z. B. auch genötigt sein wird, eine Armee zu unterhalten?! Ein Nationalstaat nämlich, — das sei allen Anhängern eines solchen eindringlichst vor Augen geführt — kann nie SelbstzAveck sein. Diejenigen, die ihn befürworten, müssen sich darüber ausweisen, in welcher Art sie der Menschheit damit dienen zu können glauben. Skepsis ist hier durchaus angebracht. Besonders gegenüber einem erst neu zu schaffenden, aus heterogenen Elementen aufzubauenden Gemeinwesen, dem es an inneren Schwierigkeiten (religiöse und politische Meinungsverschiedenheiten), äußerer Bedrohung (Panarabische, bezw. Panislamische Bewegung) und weitgehender Abhängigkeit (England) nichtfehlen wird. Da wir in der kapitalistischen Ordnung den Grund allen Uebels sehen — und diese Ueberzeugung muß man uns schon 'zubilligen — reihen wir uns in die Kampffront, des Sozialismus ein und glauben so am besten unsere Pflicht izu erfüllen. Der Antisemitismus ist heute eine Ausdrucksform der nationalen Ueberhelblichkeit und Unduldsamkeit, die in der ganzen Welt .anzutreffen sind. Diese Nationalismen sind die Folge der kapitalistisch zerrissenen Welt — zerrissen innerhalb der Einzelvölker im Sinne des rücksichtslosen wirtschaftlichen und politischen Kampfes zwischen den einzelnen sich befehdenden Bürgern, zwischenstaatlich im Sinne von — Giftgasbomben. Hier kann nur eine neue Ordnung Wandel schaffen, unserer Meinung nach die Klassengegensätze ausgleichende und völkerversöhnende sozialistische. Welcher von diesen drei Grundhaltungen der einzelne Jude sich zuwendet, ist Weltanschauungs-, ja geradezu Glaubensangelegenheit. Wir Juden sind, wie die Deutschen, ein Volk der Gegensätze. Gegensätze kann manjvohl aufzulösen suchen, aber dem Sichverständigen muß ein Sichverstehen vorausgehen. Dem dienen solche Auseinandersetzungen. Nicht dienlich ist .es aber, wenn man betont, daß man dem andern damit v,viel zu viel Ehre .antut". Oder wenn man in bezug auf den Sozialismus von einer „religiös-klassenkämpferischen, mit messianistischen Zukunftshoffnungeu geschwängerten Psychose" spricht. Wie man sich aber auch immer stellen mag, eine Forderung muß für alle Juden gelten, eine Forderung, die, so einfach sie zu stellen, so schwer zu erfüllen ist. Und niemand wird sich der Schwere der Erfüllung mehr bewußt sein müssen, als der, der es unternimmt, sie zu, formulieren. Die Schwierigkeit liegt nicht darin, daß es, wie bei Verfolgung zionistischer oder sozialistischer Ziele, großer Organisationen bedarf. Nein, Avas nottut, ist, daß jeder einzelne Jude immer Avieder bemüht ist, sein ganzes Dasein, sein privates, sein berufliches und sein öffentliches Leben so zu gestalten, daß es vom sittlichen Standpunkt aus einwandfrei erscheint, derart, daß sein Verhalten niemals der Gesamtheit der Juden zur Last fallen kann. Denn „M inorität verpflichte t". - Dr. T h. P 1 a u t Schluss der Beilage. Verantwortlich für die Schriftleitung der Beilage: Ernst Holzer in Frankfurt a. M.

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