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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-04-01 · 8 (4.1932) · page 34

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
8 (4.1932)
Date
1932-04-01
Page
– (sequence 34)
Language
German
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Schichtsauffassung: dann muß man Sozialismus u nd Judentum mit den Denkformen des Idealismus auffassen, irrational, metaphysisch, religiös. Tut man das letztere, so hat Baer recht. (Hat er Sie übrigens richtig interpretiert?) Dann aber bedeutet das, wie mir scheint, eine Umkehrung der bisherigen geistigen Position des Sozialismus. Dann ward Sozialismus in die Sphäre des idealistischen Messianismus gezogen. Tut man aber das erstere, so bedeutet das eine Umkehrung der bisherigen geistigen Position des Judentums: dann muß Judentum fürderhin mit den Mitteln des Materialismus begriffen werden. Verstehen Sie, verehrter Herr Döblin, worum es sich handelt? Hier sind die beiden Pole, um die gegenwärtig die Diskussion in allen jüdischen Lagern schwingt. Es sind viele von uns unterwegs. Viele suchen sich neue geistige Heimat, da die alte, die bürgerliche Sicherung, zusammengebrochen ist. Viele sind das. Es ist das Schicksal einer ganzen Generation. „Seien. Sie ohne Sorge, damit wissen Sie auch bald, was Sie zu tun haben." Damit schließen 'Ihre „Offene Briefe an einen jungen Menschen", in denen Sie ihm und uns zugerufen haben: Wissen und Verändern! Wir aber, im Gegenteil, sind sehr in Sorge; und wir wollen von Ihnen nun nicht etwa das erlösende, das unfehlbare Rezept, sondern ein Wort, ein Wort an uns, junge jüdische Intellektuelle, ein Wort, das uns aus unserer speziellen Situation, wenn nicht einen Weg, so doch eine Richtung weist. Wo ist unser geistiger Standort, wo ist der Ort der Verwirklichung unseres sozialistischen Wollens? Sie verstehen, verehrter Herr Döblin: Das ist nicht der hysterische Ruf nach dem „Retter", der in Deutschland heute ja so beliebt ist; sondern ich meine, daß Sie, der Sie ja, Jude, auch in unserer Situation sich befinden, der Situation des jüdischen Intellektuellen, in dem Problem dieser speziellen Menschenschicht nicht schweigen dürfen. Bei Ihrer „Verpflichtung, geistige Hilfe zu leisten"! ... Ernst Hoher - Synthese von Judentum und Sozialismus Verwirrt von der Fülle des aus der Vergangenheit überkommenen und in der Gegenwart in politischen Richtungen und geistigen Strömungen sich bekundenden Gehaltes der Zeit, der täglich zur Auseinandersetzung drängt, wendet sich ein junger Student richtungsuchend an einen „Führer", den Schriftsteller Alfred Döblin. Dieses etwas unsichere Fragen nach der „geistigen Existenz" nimmt Döblin zum Anlaß einer Auseinandersetzung darüber, wo der gesellschaftlich-soziale Ort der Gebildeten, der Geistigen ist, einer Schicht, deren Lage in keiner Weise vorgegeben, klassenmäßig bestimmt ist, die also darüber oder dazwischen steht, sich aus vielen Einzelnen, in „vielen Berufen Tätigen" zusammensetzt. Mit dieser Fragestellung trifft Döblin allerdings die Frage, die für viele aus dieser Schicht brennend und aktuell ist und auch für viele jüdische Menschen ihre Bedeutung haben dürfte. Die Juden Deutschlands bilden selbst, bedingt durch ihre historisch-soziologische Entwicklung, eine Zwischenschicht, die bis vor kurzem im Vergleich zur übrigen Bevölkerung keinen nennenswerten Anteil am Proletariat hatte. Die überwiegende Mehrheit gehörte, meist in kaufmännischen Berufen, vielfach in eigenem Betrieb, oder aber in freien Berufen als Aerzte, Rechtsanwälte. Wissenschaftler, einer gut bürgerlichen Mittelschicht an, die vorwiegend reges geistiges Interesse hat, weitgehendst zu den „Gebildeten" gehört. Diese Mittelstandsschicht ist in der heutigen Krise besonders gefährdet und immer stärker bedroht, aus dem Wirtschaftsprozeß ausgeschieden, d. h. proletarisiert zu werden. Daraus ergibt sich, daß die Fragestellung Döblins, auf .uns Juden angewandt, nicht nur eine Frage nach unserer „geistigen Existenz", sondern die nach unserer Existenz überhaupt ist. Für jüdische Menschen bleibt, wenn sie die Fragwürdigkeit bürgerlichen Lebens erkannt haben, nur die Richtung zum Soziaiismus hin. Eiii Ausweg zu faschistischer Reaktion, wenn er überhaupt gewollt würde, erübrigt sich durch den Antisemitismus der sie tragenden Partei. Die Diskussion kann also nur darüber gehen, wie wir uns zur Verwirklichung des Sozialismus zu stellen haben. Döblin geht es mehr um die menschliche Position des Sozialismus als um die politische. Von dieser Betonung aus gelangt er von vornherein zu einer Ablehnung des Kapitalismus, „weil anarchisch, egoistisch, gewinnsüchtig, für seine Opfer eine biologische und psychologische Schädigung bedeuten". Zugleich sieht er durch die Kapitalisten, die die Herrschaftsstellung der Feudalen übernommen haben, das nach Freiheit strebende Bürgertum in seiner Geistigkeit verraten, die es nie zu voller Verwirklichung entfaltet habe. Durch die Entwicklung des Bürgertums von Luther her ist diese Geistigkeit von Anfang an in eine Veruntertanung vor der weltlichen Macht und in eine nur ideelle Freiheit und Bildung gespalten und damit zur Unwirksamkeit verdammt gewesen, nach 1848 aber völlig aufgegeben worden. Döblin rückt daher von dem Bürgertum ab und sieht den Platz der „Geistigen" neben der Arbeiterschaft, die in ihrem berechtigten Kampf um Freiheit das alte Menschheits-* streben wieder aufgenommen hat und somit zu Trägern neuer Geistigkeit wird. Warum aber mir auf die Seite, nicht in die Reihen der Arbeiterschaft treten? Döblin sieht in der offiziellen Politik der Linksparteien die wahre Idee des menschlichen Sozialismus verhüllt. Klassenkampf, „mörderisch geschärfte" Revolution vorbereitend, bedeutet Umlagerung der Herrschaftsverhältnisse, erneuerten Zwang. Die Oekonomie wird in den Vordergrund gestellt, und der Mensch, um. den es doch in dem Kampf geht, außer acht gelassen. Vielmehr muß es sich um die Wiederherstellung des „natürlichen Menschen" in einem wirklichen Sozialismus handeln, der verstanden wird als „Freiheit, spontaner Zusammenschluß der Menschen, Ablehnung jedes Zwanges, Menschlichkeit, Toleranz, friedliche Gesinnung als urmenschliche Triebe". Dazu können weder Klassenkampf noch proletarische Diktatur hinführen: „Aus einem Diüg kann nichts hervorgehen, was nicht schon an ihm ist." Zu dieser Haltung Döblins ist zweierlei zu sagen: 1) Eine menschliche Haltung, deren Ziele nicht den Anschein haben, daß sie sich unbedingt realisieren lassen, darf nicht davon abhalten, sich kritisch mit dem Bestehenden auseinanderzusetzen. Es wird nötig sein, eine Analyse der wirtschaftlichgesellschaftlichen Verhältnisse mit marxistisch-dialektischer Methode vorzunehmen, um Einsicht in die Gesetzmäßigkeit der Krisen des Kapitalismus mit den sich daraus ergebenden Widersprüchen und Mißständen zu gewinnen und zu verstehen, wie sie zur Ueberwindung des Systems drängen. Vor allem: Es handelt sich bei dem Verändern-Wollen .nicht um den Menschen, einzelne Menschen, die sich organisch zusammenschließen mögen, sondert cai die Menschen in ihrer Gesamtheit, im gesellschaftlichen Zusammenhang. Es zeigt sich, wie der Einzelne mehr und mehr zurücktritt, wie das Einzelleben der Familie, kleinerer Gruppen, sich auflockert, und das Leben der Masse an Gestalt gewinnt, und wie die Masse eine Bedeutung erlangt wie nie zuvor. Durch die Technik ist die Arbeitsweise und somit auch die Lebensweise massiert. Die Verdinglichung des Proletariats hat zugleich seine Verselbständigung und seine Mündigkeit verursacht. Zusammengeballt in den Städten findet es unmittelbaren Zugang zu dem Geschehen. Das Wissen erfährt seine Verbreiterung und seine Veröffentlichung. In den Ereignissen schwingt die Reaktion und Wirksamkeit der Masse, die vielleicht noch verhalten, primitiv, voraussetzungslos von unten her auftreibt, vorwärtstreibt, übergreift und immer weitere Gruppen in sich aufsaugt. Ein Fernstehen, an der Seite Bleiben kann zu Isolierung und Abspaltung führen. Wenn „Geistigkeit" bestehen und wirken will, so muß sie sich in die Tendenz der Zeit hineinstellen. Das heißt aber Fühlung nehmen mit der Masse, die sieh im Proletariat formiert, sich in die Reihen des Proletariats einfügen. 2) Wie haben wir uns zu der Strategie des revolutionären Klassenkampfes des Proletariats und der sie vertretenden Parteipolitik in der Praxis zu verhalten? Was ist an der ent-

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