Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 8 (4.1932)
- Date
- 1932-04-01
- Page
- – (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt _Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde Nr. 8__APRIL 1932 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriflleilung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an den Schriftleiter der Beilage, Ernst Holzer, Corneliusstrassc 8, zu richten. „WISSEN UND VERÄNDERN" 2. Wir haben in der Jar uar-Nummer eine Aussprache über das bekannte Buch von Döblin eröffnet und führen sie in dieser Nummer weiter. Haben vit in der Januar-Nummer gefragt, ob der junge jüdische Intellektuelle überhaupt an der sozialen Umwälzung als Vorkämpfer teilnehmen soll und wo sein Plitz in diesem Kampfe ist (mit dieser „Ortsbestimmung" beschäftigen sich auch noch der dritte und viertf Beitrag dieser Nummer), so soll nunmehr untersucht werden, ob das Judentum, sein ideelichcf Gehalt, und der Sozialismus, seine geistige Haltung, denn überhaupt vereinbar sind und wie; oder ob sie sich gegenseitig uuj schlniH? d und warum. Es müssen also nunmehr die Quellen des Judentum« und die Quellen des Sozialismus aufgezeigt unu gegenübergestellt wer.leu. In dieser Richtung möchten wir die weitere Aussprache geführt sehen. S c h r i f t 1 e i * u n g. Materialismus und Judentum Verehrter Herr Alfred Döblin, Stellt Euch neben die Arbeiterschaft! So rufen Sie den deutschen Intellektuellen zu. Wie junge Juden, Intellektuelle sie «alle, zu Ihrem viel beachteten Buch und darüber hinaus zum sozialen Problem und seiner Bewältigung stehen; wie sie sich ihren Anteil und ihre Mitarbeit an der Lösung des Problems dieser Zeit denken, ihres Problems: das zeigt eine Aussprache, die in der Beilage „Jugend und Gemeinde" des Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatts veranstaltet wurde. Ich habe Ihnen die Nummer zugehen lassen. Was sagen diese jungen jüdischen Intellektuellen? Wie stellen sie sich tatsächlich ihren Anteil an der Bewältigung des sozialen Problems vor? „Wir müssen die Methoden unseres gesellschaftlichen und gemeinschaftlichen Lebens verändern," sagt Jakob Jacobs in dem ersten Beitrag. _„Primär ist die Feststellung, daß der judische Intellektuelle den Ansatzpunkt für seine gestaltende Arbeit innerhalb des jüdischen Volkes haben muß," erklärt der zweite Sprecher, Kurt Löwenstein. Sie beide meinen also offenbar, 'daß sich der jüdische Sozialist in seiner Arbeit für den Sozialismus beschränken soll auf das Wirken im jüdischen Menschenkreis. Hier solle er den Hebel ansetzen. Hier sei sein geistiger Ort. Wie ist denn die wirkliche Situation? Die Juden, Mittelständler, proletarisieren sich und werden dadurch und weil sie mit offenen Augen durch die Welt gehen, aufnahmebereit für die Gedankengänge des Sozialismus. Das brauche ich Ihnen nicht auszuführen, verehrter Herr Döblin. Sie wissen es aus Zeitungen und Büchern und Statistiken, und vor allem aus dem Leben selbst, diesen riesenhaften Zusammenbruch des Kaufmannsstandes, des jüdischen in noch größerem Umfang als des nichtjüdischen. Juden, junge Juden, sind also Sozialisten. Schön. Aber wie vereinbart sich das mit ihrem Judentum, mit ihrem Jude-Sein? Halten Sie diese Frage nicht für unwichtig! Diese Menschen, die hier sprechen, und die für ihre Freunde, Gesinnungsgenossen, Schicksalsgenossen sprechen, wollen weder, noch können sie sich ihres Judentums — auch etwa.um des Sozialismus willen! — entledigen. Sie suchen vielmehr die. .Möglichkeit, oder glauben sie bereits gefunden-zu haben, gleichzeitigSozialisten und Juden zu sein. Das ist aber nicht so einfach. Es gibt da im wesentlichen zwei. Richtungen. Die eine, die mehr oder weniger im Judentum eine blutsmäßig gebundene Schicht mit kultureller Eigenart, mit der Lust und Last des gesonderten Schicksals (Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft) sieht: die meint, daß man den Kampf für den Sozialismus vor allem im jüdischen Kreise zu führen habe. Aus den Juden Sozialisten zu machen, Menschen, die sich dem Neuen, Werdenden, hingeben, das ist tatsächlich eine Aufgabe, groß und wichtig. Für diese Menschen, die ja Intellektuelle sind, wie Sie und ich und jeder von uns, ergibt sich aber natürlich die Notwendigkeit, ihre Stellung, ihren geistigen Ort, zu durchdenken. Und wenn sie zu Ende denken — Judentum u n d Sozialismus! — dann sehen sie sich vor folgender Schwierigkeit: Sozialismus — das haben sie, da sie ja noch nicht proletarisiert sind, sondern sich erst auf dem Wege dazu befinden, nicht erlebt, wie ihn ein Arbeiter oder ein Arbeitsloser erlebt, mit dem Herzen und aller Sehnsucht, sondern sie haben ihn erkannt. Sie wissen und wollen verändern! Judentum aber — viele empfinden es eben immer noch, auch wenn sie persönlich, als Subjekte, von der Religion gar keinen Gebrauch mehr machen, doch objektiv als eine religiöse Gebundenheit. Viele haJben noch nicht mit aller Klarheit scheiden gelernt zwischen der metaphysischen Geriehtetheit des religiösen Menschen oder dem nationalen Irrationalismus des Zionisten einerseits, und andererseits der physischen Sonderart des Juden, wie sie sich im gesonderten Schicksal, im gesonderten Blutszusammenhang, in der gesonderten Kultur, fern von allem Mystizismus, darstellt. Nun gibt es noch eine andere Richtung von Juden, die sich um den Sozialismus mühen. Es ist der dritte Diskussionsredner in unserer Aussprache, Erwin Baer, der sagt, daß „im marxistischen Sozialismus und in den Verbesserungen, die Döblin ihm gibt, gerade jüdisches Gedankengut immer wieder zum Vorschein komme. Es ginge verloren, wenn nicht in der sozialen Gemeinschaft des Judentums . . . da, wo Juden frei gesellschaftlich zusammenkommen, immer wieder eine gegenseitige Bestärkung im Menschlich-Idealistischen stattfinden würde, das Döblin als den wahren Sozialismus immer wieder schildert". Für diese Leute, die aus ihrer messianistischen Grundhaltung heraus auch es häufiger fertigbringen, praktische Arbeit innerhalb der proletarischen Arbeiterschaft zu leisten, ist das Problem wesentlich leichter. Sie empfinden noch betont Judentum als religiöse Bindung, und sie empfinden gleichzeitig Sozialismus ebenfalls als eine „menschlich-idealistische" Angelegenheit. Wenn man das kann, den Sozialismus auf idealistische Grundlage stellen, so ist für den religiösen Juden das Problem gelöst. Allerdings: ob diese Lösung in der heutigen unreligiösen Zeitströmung, der natürlich die Juden und besonders die jungen Juden auch in Massen huldigen, eine Massenlösung sein kann, erscheint mir jedenfalls fraglich. Welche Auffassung vom Judentum aber sich schließlich durchsetzen wird, ob die metaphysische oder die physische: eine klare Entscheidung nach der einen oder anderen Richtung wird heute von Jedem gefordert und getroffen. Die Zwischentypen, das Verschwommene, verschwindet. Für beide Richtungen nun steht jedenfalls fest: man kann nicht sein Leben auf zwei verschiedenen Ebenen führen. Entweder man lebt auf der Ebene des historischen Materialismus: dann muß man Sozialismus und Judentum eben mit den Denkformen des Materialismus auffassen, rational, physisch, unreligiös. Oder man lebt a.uf dem Boden der idealistischen Ge-