Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 8 (4.1932)
- Date
- 1932-04-01
- Page
- Seite 176 (sequence 14)
- Language
- German
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176 Ueberhänge hinter sich herschleppend: die arabische Arbeiterin. Nase. Arm und Brust oft reich geschmückt, trägt sie stolz dahinschreitend ihre .schwere Last, Strohdecken finden Pardeß. Da reiten der arabische Arbeiter, Bürger eines fernen Dorfes, der oft schon beim Morgengrauen seinen Weg antritt, ältere Jemeniten in langen Hosen und Halbschuhen, die Aufseher, „Maschgichim", die Aristokraten des Landproletariates, die einzigen unter all den vielen mit einem auskömmlichen Lohn: acht bis fünfzehn Pfund und mehr pro Monat. Lange zieht sich der Weg hin, Pardeß (Orangenplantage) reiht sich an Pardeß. Hier zimmert man schon' die Kisten für den Versand, hier wartet man noch vor geschlossenem Tor; hier rein jüdische, dort rein arabische, hier wieder „gemischte" Arbeiterschaft. Alles schweigt; nur ab und zu ertönt ein arabischer Gruß, je nach Freundschaft oder Verwandtschaft im Ton abgestimmt Uns gegenüber bleibt er immer das tief gesprochene, lang gezogene „Schaloom". Rechts unter den hohen Eukalyptusbäumen sitzen die Juden. Man unterhält sich oder liest. Einige Mädchen haben sich Ada Fischmanns „Worte der Arbeiterinnen" vorgenommen, eine kürzlich erschienene Sammlung von Reden und Aufsätzen jüdischer Arbeiterinnen in Palästina. Links scharen sich die Araber im Kreise. In der Mitte spielen die Kleinen mit Stäbchen im Sand, und die Alten im äußeren Kreise beteiligen sich lustig. Man wartet, bis der Tau auf den Blättern trocknet; denn 2r beeinträchtigt die Haltbarkeit der Frucht. Arbeitsbeginn: Körbe und Scheren werden unter die Arbeiter verteilt. In den Lagerräumen versammeln sich die Leute, die die Körbe leeren und die Orangen ausbreiten. _ ..Yallah, Imschi" (Vorwärts, los) ertönt die Stimme des arabischen Kinderwächters, und im Nu springt ein Dutzend arabischer Kinder, Körbe auf dem Rücken, in den Pardeß. Wir kommen langsam nach. Man entdeckt noch Tau. Der Maschgiach (Aufseher) beschließt noch eine Viertelstunde Wartezeit, und wir unterhalten uns ein bißchen mit unseren jüngsten Genossen, den arabischen Kindern: „FillfeL hast Du die Schule besucht?" „Nein, immer gearbeitet." Er hat keine Ahnung, welchen Vorwurf er da ausspricht. „Eiwua" (ja), schreit Ali, der Jüngste, und sein Gesicht strahlt in Freuden. „Nun, wie lange?" „Ein Jahr." „Alif, bä, tä", singt er zur Bekräftigung seiner Aussage das arabische Alphabet herunter. Eine eigentümliche Gleichheit der Schicksale zweier Völker tut sich liier kund. Auch hier lernt ein Volle, eine Jugend — leider nur zu selten — die Sprache der Väter, die die Väter nicht kennen. Denn der arabische Fellache kennt nicht das klassische, städtische Arabisch und das Alphabet. Er verfügt nur über einen geringen Wortschatz seines dörfischen Dialektes. „Wen habt ihr am liebsten?" fragen wir gedankenlos, und unerwartet wird die Frage enthusiastisch begrüßt. Wie eine Hand zeigt das ganze Jungvolk auf ein Mädchen, eine junge Bulgarin. Natürlich errötet sie ob des unerwarteten Komplimentes der zwölf stürmischen Seelen, wendet sich um, als ob sie eine Apfelsine pflücken wollte, und versucht so, ihre Röte zu verbergen. Aber nun geht es erst recht los: „Du bist fein", „Du bist gut", „süßer wie Honig bist Du!" Da ertönt die Stimme des Maschgiach: „Aufstehen Ghewre" (Gesellschaft). Die Pflücke beginnt, oben die Jungens und Männer auf Leitern, immer zwei an einem Baume, unten die Mädchen. Man schneidet und legt vorsichtig Frucht für Frucht in den umgehängten Beute!. „Uachad Sale", einen Korb, ruft man, wenn er voll ist. Und schon springt ein kleines Araberkind her, im Nu ist der Beutel umgeleert, der Korb auf den Rücken geladen und schon in die „Birke" (Lagerraum) gebracht. Der Pardeß schweigt; schweigt auf Wunsch des Maschgiach. Und auch mein Partner Secharjah, ein alter Jemenite, ist still. Nur von seiner Tochter, die schön ist, erzählt er hin und wieder. Man spricht nicht, aber eine leise Symphonie der verschiedensten Melodien durchzieht den Pardeß. Ein Araber da drüben, mein Vis-ä-vis, singt: „Bellädi ja bellädi ana bidak rauach bellädi", mein Heimatstädtchen, mein Städtchen, ach ich möchte ja zu dir zurückkehren. „Herrscher des Vaterlandes, Heil Kaiser Dir", ertönt es da von hinten. Ein Bulgare singt es einem Araber vor. Mehr als 25 Jahre ist es her, da lernte er es in fünf schweren Stunden in Mikweh Israel auswendig. S. M. wollte mittags erscheinen. Den Sinn des Liedes verstand er nicht und versteht er heute noch nichts Zu allem erklingt ein wahres Sammelsurium jüdischer Gesänge vom Kol Nidre und Kadisch des „Berditschewer Rebben" bis zum neuesten Lied des Mätäte („der Besen", ein palästinensisches Wanderkabarett). Nicht weit von uns hacken Araber. Rhythmisch schlägt die breite Hacke auf den Boden. Monotoner Chorgesang begleitet auch hier die schwere Arbeit. Zuweilen leidenschaftlich betont, endet er dann in einem Solo, einem hohen Triller gleich einer Vogelstämme. „Geschmackvolle Lieder haben die Araber, sie singen von der Liebe." „Ja, der Araber ist heiß", sagte mir einmalein älterer Araber auf Jiddisch. Unter uns aber im arabischen Lager bei den jüngsten "Genossen erschallt stets die gleiche Musik: „Yallah" und „Imschi" — und die Ali, Fillfel und Hussein springen zwischen den Bauimreihen, den Korb auf dem Rücken. Der Stock.hat ihr wildes Temperament entfacht. Schweiß rinnt ihnen von der Stirn,. aber sie achten es nicht. „Yallah" und „Imschi" ist ihnen Befehl, dein Stock gilt ihr Respekt, selbst wenn er aus der Hand des müde gewordenen Antreibers in die eines kleinen Kameraden übergeht, der ihn nicht weniger tüchtig zu schwingen versteht. Man muß sie gesehen haben diese Kinder, 'wie sie barfuß zwischen den Bäumen laufen, wie sie erhitzt bei dem Pflücker anlagen und sich, ohne ein Wort zu verlieren, gegenseitig die Körbe auf den Rücken laden, über den sie sich kunstvoll ein gerade überflüssiges Kleidungsstück geworfen haben, um den Druck der harten Last auf ihrem jungen Körper zu mildern. Man muß sie bei der Arbeit gesehen haben — und es ist ja in der geistigen Entwicklung kein wesentlicher Unterschied zwischen diesen Kindern und ihren Eltern — und man begreift dieses Volk, diesen scheinbaren Gegensatz zwischen ihren schönen Gesichtern, den feinen Händen und dem, was sich in dem letzten Jahre in diesem Lande zugetragen hat. Man begreift es leicht, daß dieses Volk, hat man erst sein wildes Temperament entfacht, zu mißbrauchen ist," einerlei ob der Stock droht, ob Beute winkt, ob Allahs Strafe dem Widerspenstigen Furcht einjagt, ob ein „Yallah" oder „Imschi" es in Bewegung setzt, ob es ihm nützt oder schadet, wozu man es aufhetzt, ob es seiner Natur entspricht oder widerstrebt — ja ist nicht schließlich auch die Arbeit etwas Unnatürliches für dieses klassische Volk des dolce far niente? Da steht nun ' der Neuling, eben erst europäischen Verhältnissen entronnen, und Kinderarbeit und Stock und Antreiber, die ihm bisher nur aus Schilderangen der Arbeitsverhältnisse in Kolonialländern bekannt waren, hier begegnet er ihnen im Leben. Und er begegnet diesen Auswüchsen der Wirtschaft, so wie auch drüben in Europa, mit Bedauern und ohne etwas ändern zu können, selbst wenn er es wollte; nur mit' der leisen Hoffnung, daß sich das alles „einmal" ändern wird, „mit unserer Hilfe". Einen Versuch, nur etwa den Stock auszuschalten, müßte er schwer büßen. Alle würden es ihm verübeln: die den Stock führen und die ihn spüren, der jüdische Maschgiach und der Besitzer des Pardeß. Es steckt in allem eine einfache Logik: Kinderarbeit ist billig, also ist sie „erforderlich". Kinderarbeit wieder „erfordert" einen Antreiber, ein Antreiber aber „hat" einen Stock. Daß er mit ihm haut, verlangt niemand von ihm; wenn er es doch tut, Avas geht's dich an? Und so vergißt man bald angesichts der goldgelben Orangen und der Monotonie der Arbeit all dies Traurige — bis man so zufällig einmal in zwei feurigtraurige Kinderaugen blickt, die alles sagen, was ihr Träger nicht aussprechen kann. Oder vielleicht sieht man plötzlich so ein Kindergesicht in Tränen aufgelöst. Oder es spricht einer zu dir mit den dankbarsten Augen der Welt: Du hast ihm ein paarmal leichtere Körbe zugeschoben. Oder es kommt einer einfach und sagt: „inte kuaies", du bist gut. Oder es kommt einer zu dir und fragt nach seiner Photographie, weil man ihn gestern aufgenommen hat, und was sie koste, und dann sagt er: „Backschiseh", d. h.: Gib sie mir doch als Geschenk. „Inte kuaies, inte ihn effendi uchakim aUmanni", du bist doch gut, du bist doch der Sohn eines reichen deutschen Mannes und Arztes. (Das hat er also schon in Erfahrung gebracht.) . ■ -. ■ .