Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-04-01 · 8 (4.1932) · p. Seite 175

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
8 (4.1932)
Date
1932-04-01
Page
Seite 175 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3094266-3094373-3094381--3164-3097929
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

175 teten Menschen und Vieh und alles Gewächs. Schlangen und Skorpione, Mäuse und Maulwürfe, Kröten und Flöhe, Fliegen, Hornissen, Mücken, jedes Kerbtier und jedes Geziefer fiel über Aegypten und quälte uns über alle Maßen. Die Pest stieg herab und schlug die Rosse und die Esel, die Kamele und die Rinder, die Ziegen, die Schafe und auch die Menschenkinder. Von zehn Tieren war kaum eins am Leben geblieben, in Gosen aber war alles heil und gesund. Warum verstockten wir uns so sehr? Fieber befiel dein Volk, hitzige Glut, daß die Haut aufsprang und rissig ward und Krätze und Blattern uns entstellten vom Kopf bis zu den Füßen. Schwerer Hagel sauste aus grauen Gewitterwolken, traf die Weinstöcke und zerknickte die Obstbäume, und alle Pflanzen wurden trocken und welk. Alles Gras verdorrte und kam um, denn der Haigel war mit verzehrendem Feuer gemischt. Die Menschen und das Vieh, die draußen waren, wurden von dem Feuer des Himmels versengt, nnd deine blühenden Dörfer verbrannten. Heuschrecken surrten in unendlichen Schwärmen und verdunkelten die Sonne. Sie fraßen, was der Hagel übrig gelassen. Da wir sie nun aber fingen, um sie zu essen, denn alles, was dein Volk besaß, war vernichtet und alles verdorben, da brauste ein mächtiger Wind vom Meer und wehte die Heuschrecken fort, die lebenden und die wir hergerichtet und gesalzen hatten. Keine Nahrung ist da. Das Volk verhungert. Dann kam die Finsternis. Drei Tage lang bedeckte Dunkelheit ganz Aegypten und Patros. 0, daß du jetzt noch Boten geschickt zu dem wilden Ebräer und hättest ihn ziehen lassen mit. seinen Brüdern! Du aber sagtest: „Meine Seele sterbe oder die Seele dieses Volkes!" So ist es denn geschehen. Es ist fast kein Mensch mehr da im Lande. Und auch du wirst umkommen, denn als König bist du stets die Erstgeburt, wenn auch Ethri, der erste Sproß deines Vaters, erloschen ist in dieser Stunde!" Und er warf sich wieder zu Boden und'berührte mit der Stirne das Haupt des Gefährten und stöhnte voll Grauen. Und auch mit ihm weinte der König. Er schrie laut auf: „Sterben werde ich, ja, ganz gewiß. 0, wo ist Mosche, daß er doch ziehen möge aus meinem Land! Einst schwur ich: Nie wieder sollst du mein Antlitz sehen. Nun will ich ihn suchen gehen und bitten: Laß ab von uns, und Israel sei frei!" Pharao erhob sich und machte sich auf mit seinen Dienern. Sie zogen durch die finstre Nacht, und alle weinten bitterlich. Aus jedem Haus, aus jeder Hütte drang schrilles Wehegeheul, und das unglückliche Vieh brüllte in den Ställen. Sie schritten über Straßen und Plätze am Nil entlang, nach Gosen, lind kamen an der Schlucht vorbei, in die einst Malul gestürzt war, daß die Eunuchen ihn mit zerbrochenen Gliedern auf ihren Schultern zurück in den goldenen Palast tragen mußten, wo er nach drei Tagen schrecklichster Qualen verschied. Adi'kos 'ging zu Fuß, und sein Bart war mit hartem Staub gefüllt. Er gedachte seines Vaters, des Pharao Malul, der aussätzig war viele Jahre, und den die Aerzte täglich in dem Blut ebräischer Kinder badeten. Aber das Leiden war immer furchtbarer geworden und sein Leib so zerfallen, daß Einbalsamieren unmöglich war und man ihn eingraben und verscharren mußte, wie ein unheiliges Tier in der schwarzen Gruft zu Zoar. Er gedachte seines erloschenen Sohnes und stöhnte. Sie zogen über Straßen und Plätze. Aber da war kein Mensch. Denn Mosche und Aharon und ganz Israel saßen in ihren •Hütten und aßen das Pessach. Da klopfte der König an die verrammelten Türen aus .grünem Schilf und fragte überall: „Wo ist hier Mosche? 0 sagt mir, wo ich den Mann Mosche finde!" Endlich kamen sie au Amrams kleine Hütte, die am Rande des ärmlichen Dorfes an der Grenze steiniger, grauer Felder lag. Sie warfen ihre Stimmen klirrend gegen das schiefgeneigte, niedrige Dach. „Wer ruft dort durch die frühe Nacht?" fragte Mosche. Und Pharao antwortete: „Das bin ich, Pharao!" Da sprach Mosche: „Wie? Kommst du zu mir? Ist denn dies eines Königs Art, umherzuschweifen in der Nacht und an die Türen der Häuser zu klopfen?" — „0 Mosche!" rief Pharao, „wie schwer hat uns dein Gott geschlagen! ' Mein Volk ist hingesunken vor dem Hauch deines Mundes." — Da sprach Amrams Sohn voll Zorn: „Warum hörtest du nicht auf mich? Trat ich einmal vor deinen Thron oder zweimal? Wie oft kam ich zu dir und bat: Nimm ab das Joch von Jakobs Kindern, entlasse Israel aus deinem Dienst, das für dich arbeiten mußte zweihundertzehn Jahre lang in grausamster Fron, ohne Lohn, ohne Dank, ohne Erbarmen. Gib meine Brüder frei, daß ich sie in das Land führe, das unseren Ahnen schon verheißen ward. Du aber hast gekräht wie ein Hahn und gehöhnt, als ich friedlich vor dir stand und mit sanften Worten flehte und dir Zeichen des Allmächtigen wies. Hast du nicht gespottet und mich gescholten: Ist das alles, was ER vermag? Wer bringt Salzbrühe nach Hi&paraen und Fische nach Akko? Wer trägt Stroh nach Apharaim und Kraut an einen Ort, der voller Kraut ist? Nur Recht ist dir geschehen. Maß für Maß, Uebeltäter." Da erhob Pharao seine Stimme und schluchzte und sdirie: „Mosche, Mosche, geh hinaus auf das Feld und bete für uns, denn es ist in Aegypten fast kein Mensch mehr am Leben!" Mosche sprach: „Dies kann ich nicht. Der Ewige hat geboten, unsere Füße nicht über die Schwelle zu setzen in dieser Nacht." Da bat Pharao: „Gedenke doch, daß mein Vater Malul freundlich zu dir war und dich erzog und dich umarmte und mit allem Glanz und aller Pracht umgab. Sind wir denn nicht wie Brüder aufgewachsen? 0, zeige dein liebes Antlitz in der Fensterspalte!" Mosche aber rief: „Gedenke der jungen Knaben, der tausend mal tausend, die dein Vater im Nil ertränken ließ, vor meiner Zeit, gedenke der Unschuldigen, die ihr lebendig in die Mauern eurer Paläste vergraben habt, gedenke der Kinder, die er, Malul, hinschlachten ließ, um seine eklen Schwären mit ihrem reinen Blut zu benetzen, Tag für Tag, zwei Jahre lang, bis er starb!" Wieder hob da der König seine verbrannten Hände und schrie und weinte, und alle seine Fürsten und Diener, die um ihn waren, weinten mit ihm. „Mosche, nimm deine Brüder, die Ebräer, nehmt eure Schafe und Rinder, laßt nichts übrig von eurer Habe, wir geben euch Schätze und Kostbarkeiten, laßt ab von uns. Wir sind alle des Todes!" Und Mosche eilte und ging an den Nil und irrte an seinen Ufern. Er nahm einen Span Holz, ritzte heilige Buchstaben io. seine weichen Fasern und warf ihn in die trüben, murmelnden Wasser. Er rief: „Josef, Josef, die Stunde ist gekommen, da Gott seine Kinder aus der Knechtschaft führen will. Er zögert aber deinetwegen. Josef, Israel wartet auf dich!" Da begann das Wasser zu sieden und zu kreisen, lautloser Wind brauste über den Strom, die summenden Wogen bäumten sich rauschend, und ein riesiger, kupferner Sarg stieg auf und schwamm leicht, wie das zarteste Schilfrohr, über die Wellen. Und Mosche reckte die Hand aus und hob den Sarg mit den Gebeinen Josefs auf seine Schulter. Orangenernte in Petach Tikwah Von Eli F e u c h t w a n g e r Tief sinken unsere Füße in den Sand dejs We.ires ein. Rechts und links begleitet uns dorniges Gestrüpp, zuweilen unterbrochen von den hohen Stauden des Feigenkaktus, clor Sabra, einer dornigen Pflanze mit eßbaren Früchten. Dahinter schaut überall das matte Grün der Orangen zwischen dem Stacheldraht hervor: Die Orangerien Petach Tikwahs, der größten und reichsten jüdischen Kolonie Palästinas. Ein buntes Allerlei von Menschentypen zieht diesen Weg mit dem wüstengleichen Sandboden entlang. Da gehen sie friedlich nebeneinander all die Arbeiter und Arbeiterinnen, die, die ihre Arbeitskraft für 20, neben denen, die sie zu 15, 12, 10 und 7 Piaster für acht Stunden verkaufe'-. Da geht in kurzen Hosen, immer den großen Eßkorb unter dem Arm, der jüdische Arbeiter, der Chaluz; barfuß in langer Pumphose, hochgeschlossenem Hemd, kleines spitzes Käppi über den schwarzen Locken, der junge arabische „Arbeiter", sechs bis neun Jahre alt; ebenso gekleidet, aber zuweilen in Kleidern und Schuhüberbleibseln, denen man durch die Löcher die herrschaftliche Abstammung ansieht, der ältere arabische Arbeiter; mit langem Bart und gedrehten „Peot", Schläfenlocken, der Jemenit, in leichter Bluse und schwarzer Hose; die Chaluza in hohen Absätzen und bunten Kleidern; die Landestochter, nach dem für das Land charakteristischen Feigenkaktus allgemein „Sabra" genannt, eine Fülle schwarzer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.