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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-04-01 · 8 (4.1932) · p. Seite 174

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
8 (4.1932)
Date
1932-04-01
Page
Seite 174 (sequence 12)
Language
German
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174 dieses Weibes, das er nicht einmal sah. Der Hauch ihres Mundes, der Geruch ihrer Kleider, jedes Glied des starken Körpers an den sie ihn drückte, war Mutter. Sein Herz schlug an dem ihren und er fühlte die Gewalt des gleichen Blutes. Mirjam kniete am Boden und wühlte in der Asche um einen Funken zu finden und an ihm das Feuer neu zu entzünden. Mosche fand es erstickend in der dunklen Hütte zwischen den schweren Atemzügen der müden Schläfer, seiner unbekannten Verwandten. -Komm hinaus mit mir unter den Himmel, Mutter!" sagte er. Sie traten hinaus. Die Feuer in den Hütten waren erloschen, klein, dunkel, zusammengeschrumpft schien alles Menschenwerk unter den flammenden Sternen. In ihrem Licht sali Mosche die hochgewachsene Frau, die seine Mutter war, sah ihre starken .Züge, die leidenschaftlich fordernden Augen. Aber sie sprach nicht, sie hielt ihn nur stumm an ihr Herz gedrückt. Und Mosche stand unter den Sternen, erschüttert und aufgewühlt von dem Tag: einen Menschen getötet, eine Mutter gefunden, vor den Trümmern eines Volkes stehen und sie als seine Brüder erkennen, — und im Herzen unbegreiflichen Kampf, Drängen nach einer Tat, die unerhört ist und keinen Namen hat. Es war in der Mitte der Nacht Von R ah el Baum Ein Schrei gellte durch die Finsternis Aegyptens. So schauerlich klagte der wilde Laut, daß König Adik auftaumelte aus purpurnen Träumen. Noch fühlte er die eisigen Finger des Pharao Malul über seine geduckte Schulter tasten, sah das fahle, von blutigen Schwären zerrissene Gesicht, das riesengroß in seine geweiteten Augen wuchs, hielt noch im gierig gereckten Ohr das tonlose Murmeln des Alten, der ihn Nachfolger nannte und Beherrscher des mächtigsten Erdenreiehes. Ihn und nicht Ethri, den schönhüftigen, anmutig lächelnden Erstgeborenen, den Atem der Frauen umliauchte wie der Duft leuchtender Himmelsblumen. Ihn, nicht Morion, den zarten, goldhäutigen Knaben mit den Worten wie süßester Vogelruf und den weitgedehnten, blauschimmernden Liebesaugen. Ihn, Adik, den Schweigenden und Geringen, listig gekrümmt wie der grüne Uräus, den häßlichsten unter den Söhnen der stolzen Alparanith, den die Priester Akuz nannten, den „Kurzen", eine Elle und ein Daumen war er hoch. Seine scharf gefeilten, schwarzgeschminkten Zähne klirrten aufeinander. Seine aufgerissenen, traumblinden Blicke irrten scheu durch die sausende Dunkelheit des Schlafgemaches. Rauschten da nicht die dünnen, feuchten Häute der braunen Fledermaus Amaranti um seine flatternden Hände? „Memusehan!" heulte er auf in wahnsinnigem Entsetzen, „Admatäa!" Wo waren die Fürstensöhne, die seinen Schlummer bewachten in den zähen Stunden der Dämmernis und mit duftenden kleinen Flammen die Geister der Haßtiere bannten? ..Admatäa!" stöhnte er mit versagenden Lippen und verstummte jäh. Er zog die Füße an den verwachsenen Leib, hockte horchend, die Hände in die kühle Seide der Vorhänge gekrallt, die mit Schnüren aus Byssus und Purpurwolle um silberne Walzen befestigt, weiß, grün und himmelblau an den schwarzen, dreimal geweihten Marmorsäulen herniederwallten. Die überlangen, grellrot gefärbten Fingernägel des Pharao splitterten hart an dein schweigenden, rundgehauenen Stein. Der König lauschte erstarrt. Ein heiseres, unendlich schmerzliches Brüllen dröhnte hilflos wehklagend durch die weitgeöffneten Fenster des Pharaonenpalastes. In die Finsternis stürzte ein Schrei, der das Blut erstarren ließ. Ein Weinen schwoll auf hinter den riesigen Toren. Ah, das war die Stimme der Königin, das waren die gekrümmten, leuchtenden Lippen Kedidas, der Tochter des Äbilat, die atemlos verzweifeltes Stöhnen durch die Nacht stieß. Adikos fing bebend die irrsinnig heulende Stimme auf, gleiches Stöhnen rollte von seinem wulstigen, schaumbedeckten, zitternden Mund. Gellend kroch er von dem hohen königlichen Lager, riß im Fallen mit Zähnen und Fingern verkrallt die goldenen und silbernen Polster und Kissen mit sich herab. Er raffte sich auf, stolperte, lag schreiend auf den leblosen Körpern der Fürsten, der Hüter des Schlafes, Memuschan und Admatäa. Die Fackel des Negers, noch glühend heiß, brannte tief in Pharaos Hände. Brüllend fuhr er hoch, stolperte wieder. Da kroch Pharao auf Händen und Füßen über den Estrich aus Porphyr und Dar und Sochroth, der wie ein flammender Spiegel, kostbar geglättet war, und erreichte die eherne Pforte neben der katzenköpfigen Sechmeth, die nun zertrümmert beißenden Staub in seine Augen streute und riß es schäumend auf und schrie und taumelte schwarz geblendet in den Kreis der hageren TotenfackeJn. Da lag die Königin mit irrem Gesicht, ein totes Kind auf den entblößten Knien, nackt lag sie auf der nackten Erde, Asche rieselte über die blutig zerrissene Stirn, und sie schlug mit den buntberingten Händen gegen ihre vergoldeten Brüste. Und Pharao erblickte die Kinder seiner Brüder, der Prinzen Ethri und Morion, und die Töchter seiner liebsten Schwe- ster, der lotosfüßigen Ebusia, mit den bleichen, erloschenen- Sprossen, den Knaben und Mägdlein, die sie ihm wimmernd entgegenhoben. Und er sah, so lang die riesige Halle war, die Weiber und Töchter seiner Edlen auf den blanken Fließen liegen, und die zerfallenen Statuen der tierhauptigen: Götter rollten ihren Granitstaub auf sie und die matten Wangen der getöteten Erstgeburt. Und alle erhoben sie ihre Stimmen und schrien zu Pharao auf und suchten sein Antlitz mit blinden Augen. Sie schleuderten ihre Leiber an die harten, geglätteten Säulen und verfluchten den Tag ihrer Geburt und jede Stunde ihres verlorenen Lebens. Und Pharao wandte sich und sah aus den Tempelgehegen ' zwei Männer nahen. Der eine kam aus dem Garten des Westens, der Lust heißt und nur blaue Blumen trägt. Und der andre kam a/us dem Garten des Ostens, der Freude heißt und nur weiße Rosen hervorbringt. Und der aus dem Garten Freude kam, war mit einer sehr hohen, goldenen Mütze bekleidet, und über seine Stirne hing das smaragdne Abbild der heiligen Nilrose. Und der aus dem Garten Lust trat, dessen Haupt bedeckte ein sehr hoher, glitzernder, spitz zulaufender Hut. aus kostbar gehämmerten Silberplättchen; jedes Plättchen Avar mit einem runden, hell glühenden Rubin verziert. Ueber seine Schläfe aber hing zweimal die Knospe der Schneckentulpe aus einem riesigen Saphir. — Das waren Jochani und Mamre, die großen Weisen und mächtigen Zauberer des inneren Hofes, und sie trugen auf ihren Armen jeder den einzigen Sohn. Sie warfen sich nieder und legten ihre toten Kinder, den Stolz ihrer Tage, vor Pharao auf die Erde, und sie bückten sich dreimal und weinten sehr. Und Jochani sprach: „Dies, o Pharao, hat uns Mosche getan, da du nicht hören mochtest auf seine Bitte, ihn und das Volk Israel zxi entlassen aus deinem Dienst. Er hat ausgerufen im Namen des allmächtigen Gottes, daß nun sterben müsse alle Erstgeburt Aegyptens und siehe, nun sind sie alle tot. Dein einziges Kind und unsere einzigen Söhne, und wo ein erstgeborener Sohn oder Tochter war, sie sind erloschen in einem Hauch. Wir sahen knurrende, gelbe Wüstenhunde die Knochen der Erstgeborenen, der langgestorbenen aus den Gräbern zerren am Nil und vor die schreienden Mütter werfen. Die Bildsäulen der ägyptischen Jünglinge sind in Splitter zerfallen, und die Götter aus Granit und. Marmor, sie sind alle zu Staub, auseinander sind sie gestürzt, und die Götter aus Silber und Gold sind zu Asche geworden." Der Zauberer schluchzte laut und verbarg seine Augen. Seine langen schneeweißen Aermel bedeckten des Königs Füße, und des Königs Füße waren naß von des Zauberers glühenden Tränen. Nun hob sein Genosse das Haupt, der gewaltige Priester und Weise Mamre, der Große, Uralte. Seine starren Augen flammten, und seine dünne. Stimme peitschte wie Schlangenbiß: „Wehe uns, webe uns, o Pharao! Neunmal kam Mosche, der Ebräer, zu dir und bat, du aber hörtest nicht auf ihn und seine Worte. Er kam und kam wieder und flehte: laß ziehen Jakobs Kinder! Du aber achtetest seiner nicht und nicht der Zeichen, mit denen der Gott uns schlug. Wie furchtbar schlug uns sein Gott: Der Nil mit seinen gesegneten Fluten, der unter dem Baume des Lebens hervorquillt und an seinen Wellen Früchte aus Eden birgt, jede schwer wie die Last zweier Eselinnen und mit 300 Arten von Wohlgeschmack gefüllt, er wurde zu Blut. Alles Wasser ward Blut, und die Fische erstickten. Frösche wimmelten plötzlich im Wasser und in jedem Schluck, und sie quakten in deinem Leib, wie sie im Teich zu quaken pflegten. Stechmücken bedeckten die Erde zwei Ellen hoch und plagten uns sehr. Wilde Tiere brachen ins Land und Vernich-

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