Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 8 (4.1932)
- Date
- 1932-04-01
- Page
- Seite 173 (sequence 11)
- Language
- German
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173 einen glattgeschliffenen Metallspiegel beugte er sich und durchforschte sein Gesicht. Bog nicht auch ihm die Nase sich so kühn wie jenen Fremdlingen, schwangen so stolz und wild sich die Brauen und trauerten die Augen so rätselhaft hinter den schweren Lidern? Eine Dienerin kam ins Zimmer, sie war ihm vertraut, sie hatte ihn schon als Kind auf den Armen getragen. „Was ist's mit den Hebräern?" fragte er heftig. „Schmutziges Sklavenvolk, ungebildet und roh," erwiderte die Aegypterin. „Sei froh, daß du mit ihnen nichts zu tun hast." Starr sah Mosche in seine Augen, die ihm aus der Metallplatte entgegenblickten. „Was schaust du in den Spiegel, Prinz?" zeterte die Alte. „Willst du sehen, wie die Herrlichkeit eines königlichen Prinzen von jenen Sklaven absticht? Laß sein, selbst an sie denken, beschmutzt deinen Sinn."-- - Im Tempelhof ergingen sich die Schüler in der Pause. Sie gingen in Reihen oder zwei und drei miteinander, mancher hatte den Arm um den bräunlichen Nacken des Freundes geschlungen, sie lernten noch schnell aus einer Rolle für die nächste Stunde, oder sie steckten die dunklen Köpfe zusammen und flüsterten sich Geheimnisse zu oder machten lose Bemerkungen. Nur Mosche ging allein. Da war unter den Knaben und Jünglingen keiner, den er an sein heftig schlagendes Herz ziehen mochte, dem er zuflüstern konnte, was sein Inneres so stark und tief bewegte. Sie begriffen ja nicht, was ihn bedrängte, keiner fragte das dunkle Warum beim Anblick jener beladenen Gestalten. Kein Freundesauge war tief genug, den Blick zu fassen, der das Leid erkannt hatte. So ging Mosche einsam unter den sorglosen Genossen mit der schmerzlichen Frage: sind jene bedrückten und leidenden Menschen meine Brüder? So war er einsam in der Schule und zu Haus. Sorgenvoll sah die Königstochter den Jüngling an. Sie legte ihre schmalen Hände um sein Gesicht. „Mosche, mein Sohn, du bist bleich, du studierst zu viel. Freu dich doch deines Lebens und deiner Jugend wie deine Genossen!" „Mutter," fragte' er rauh, „was ist mit den Hebräern, warum werden sie bedrückt?" „Armes Volk," seufzte sie. „Die Götter lieben es nicht, daß sie seine Not zulassen." Die Götter, dachte Mosche. Ist unter allen kein einziger, der diesem Volk helfen will? Aber ohnmächtig sind die Götter, Macht hat nur der König. Er spricht zur Sonne: ich habe dich geschaffen! und zum Nilstrom: ich habe dich aus dem Felsen hervorbrechen lassen! Er sprach nicht, um nicht die sanfte Frau zu betrüben, die mit so sorgenvoller Mutterliebe ihn liebte. Aber jeden Tag ging er hinaus und sah nach dem beladenen Volk, und er konnte sie nicht aus seinen Gedanken verbannen. Er dachte: haben ihre Väter keinem Gott gedient, daß sie nun so verlassen sind? Er sah einen Greis, der schwankte unter der allzu großen Last, hilflos sank er nieder und wimmerte unter den Schlägen des ägyptischen Vogtes, der ihn mit der Peitsche wieder an die Arbeit, treiben wollte. Da brauste Mosche auf in Zorn und sprach: ..Siehst du nicht. Mann, daß der Alte über seine Kraft beladen ist und es ungerecht ist, wenn du die Leistung von ihm forderst? Hast du kein menschliches Herz und weißt du nichts von Gerechtigkeit und nichts von Barmherzigkeit?" Der Aegypter erwiderte: „Herr, wer in tausend Jahren die ewigen Bauten unsres Herrn des Könisrs sieht, wird vor ihrer Herrlichkeit nicht fragen, ob sie mit Gerechtigkeit und Barmherzigkeit gebaut sind. Dies störrische und faule Volk muß geschlagen werden. Alle Größe tritt auf dem Rücken der Niedergetretenen daher." Da ergrimmte Mosche in jähem Zorn, er nahm seinen Stock und schlug mit dem metallenen Knopf den Aegypter aufs Haupt. Lautlos fiel der Mann um. Mosche stand und schaute starr in die gebrochenen Augen des Toten. Zerstört war das Geschöpf, das vorhin noch sinnvoll sich regte, aufgebrochen der Schrein, in dem Gedanken und Wille sich formten. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit wollte ich wirken, und mein erster Schritt ist Blut! Und Mosche graute vor der Welt. Im Tempel sollte ich mich verkriechen und die Sterntafeln des Himmels lesen oder die alten Pergamente, daß ich zu einem frommen und schuldlosen Alter käme, dann käme ich nicht in die Not, zu schlagen wie die Bedrücker schlagen und zu töten wie die Mächtigen töten. Er stand schweigend. Der Greis hatte sich vom.Boden aufgerafft. Einen scheuen Blick warf er auf seinen Peiniger, der nun so machtlos im Staub lag, und auf den Prinzen, der düster vor dem Toten stand, dann kroch er gebückt unter der unmäßigen Last davon. Mosche sah ihm nach, wie der gekrümmte und zerschlagene Rücken sich wand, wie der Alte davonschlich wie ein geprügeltes Tier, sein weißes Haar ganz ohne Würde und Ehre. Da glühte er auf, und die Tat reute ihn nicht mehr. Für die Gerechtigkeit muß der Mensch das Schwerste tun können, sterben — und töten. Und er verscharrte den Leichnam im Sand und ging mit erhobenem Haupt davon.-- Am Abend, als Mosche im königlichen Garten die Einsamkeit suchte, erschüttert von dem Ereignis des Tages, stand plötzlich vor ihm ein junges hebräisches Weib und redete ihn an. „Wer bist du?" fragte er. „Ich bin Mirjam, das Weib Hurs, die Tochter Amrams," erwiderte sie. „Ich weiß, was du heute getan hast. Wahrlich, wie ein Blitz wirst du aus der Wolke unseres Elends fahren und dein Licht wird leuchten von einem Ende der Welt bis zum andern, so wie unsere Hütte erleuchtet war in der Stunde, da du auf dem Lager der Armut geboren wurdest!" ,,Was redest du." sprach Mosche abwehrend. ..Weißt du nicht." fragte Mirjam, „daß e i n e Mutter uns in ihrem Schoß getragen und zur Welt geboren hat, dich und mich?" „Nein, das wußte ich nicht," sagte er erschüttert. Eine Weile standen sie schweigend einander gegenüber. Brausend stürzten die Gedanken sich über ihn. Dies Volk mein Volk! Die Armen meine Brüder! '— Und dann kam etwas Weiches in sein Herz. ..Schwester." flüsterte er scheu und berührte ihre Hand. ..Siehe auf das Elend deines Volkes!" rief Mirjam leidenschaftlich. „Hilf, rette, daß wir nicht verderben, so wie du errettet wurdest von dem Tod im Nil! Alle Weisheit der Aegypter hast du gelernt, du wirst einen Ausweg finden aus unserer Not! Denn der Gott unserer Väter hat uns verlassen und hört nicht unser Schreien!" Mosche aber achtete nicht auf ihre Worte. ..Führe mich zu unsrer Mutter!" bat er. Sie gingen zusammen durch die Nacht nach dem Stadtteil, in dem die Wohnungen der Hebräer waren. Hier war alles schlecht und ärmlich, die niedrigen Hütten baufällig, düster, schmutzig. Mosche sah durch die unverhängten Fensterlöcher im Vorbeigehen hinein. In mancher Hütte hatten sich die Leute schon zum Schlafen gelegt, sie lagen auf dem nackten Lehmboden ausgestreckt, mit ihren Kleidern zugedeckt. Das erlöschende Feuer warf einen matten Schein auf die wirr durcheinander liegenden dtmklen Glieder. In anderen Hütten waren sie noch beim Essen. Zwiebeln wurden im Feuer gebraten und mit dem rauhen schwarzen Brot gegessen. Kinder weinten und zankten sich um die kärgliche Mahlzeit, die ihrem Hunger nicht genügte, übermüdete Männer und Frauen schalten und schlugen. Hinter dem Feuer saß ^ine Alte und starrte stumpf aus den leeren schwarzen Augen vor sich hin. Das Elend ging über ihre Begriffe, sie konnte es nicht erleben. Irgendwo zwischen den Häusern klangen langgezogene gellende Schreie eines Weibes. Mosche blickte schaudernd in all das Jammervolle. Zerbrochene, Schmutzige. ..Begreifst du nun," flüsterte Mirjam an seinem Ohr, „daß wir sie hassen, die Reichen, die Vornehmen, die auf seidenen Kissen den satten Leib dehnen, die ohne Arbeit alle Schönheit des Lebens besitzen, während wir in Not und Stumpfheit verkommen müssen?" ,.Moine Brüder." sagte Mosche mit verhaltener Stimme, — aber er meinte nicht seine Genossen, mit denen er aufgewachsen war, sondern dies arme Volk ringsum. Ein Trupp dunkler Gestalten kam den Weg entlang, es waren Männer, die zur Nachtarbeit gingen. Mirjam trat in eine Hütte. Es war still darin, das Feuer war schon erloschen. „Mutter!" rief sie hinein. ,.Leis!" antwortete es flüsternd von drinnen. „Sie schlafen schon und sind erschöpft von der Arbeit. Laß' ihnen die Ruhe. Wer ist bei dir?" ..Mutter, ich bringe dir deinen Sohn Mosche!" Ein dunkler Schatten wuchs drinnen auf, eine hochgewachsene Frauengestalt. „Mein Sohn!" rief sie. Ihre Stimme — ach. wie klang sie nach den eintönigen traurigen Wiegenliedern, die so tief in seiner Erinnerung lagen! Mosche stürzte hinein in das Dunkel der Hütte und die starken Arme des Weibes umfingen ihn. Bitja hatte ihn aufgezogen mit aller Liebe, — aber erst jetzt wußte er was Mutter ist, in den stumm pressenden Armen