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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-04-01 · 8 (4.1932) · p. Seite 172

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
8 (4.1932)
Date
1932-04-01
Page
Seite 172 (sequence 10)
Language
German
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172 Ueberzeugungen immer weiter abbaute, bis nichts mehr von ihnen übrig blieb. Sie haben an der Kultur des letzten Jahrhunderts reichlich mitgearbeitet Aber das ist für ihre Gemeinschaftsverfassung nicht das Entscheidende. Sie waren vor allem gebildetes Publikum. Sie waren ganz gleichmäßig die Leser der Bücher, die Besucher der Theater, Museen und Ausstellungen, die Käufer der Kunstwerke. Auf diese Weise sind sie in ihrer Gesamtheit ungläubiger und gebildeter geworden, nicht etwa als andere Schichten auch, wohl aber als andere Glaubensgemeinschaften. Sie haben nicht mehr das Glück des blinden Glaubens, aber auch nicht das Laster, Glauben zu heucheln. Sie glauben an all die erforschbaren Zwangsläufigkeiten der mechanischen Wissenschaften und sind nüchtern genug, um zu begreifen, daß in einer berechenbar ablaufenden Welt die Hauptbestandteile jeder Religion keinen Platz finden können. So bleibt ihnen nur Pietät, so lange noch Eltern und Voreltern aus unaufgeklärter Zeit leben und Aberglaube, so lange sie aus menschlicher Schwäche um ungesichertes Glück zittern. Wenn die Alten ausgestorben sind, wenn in der Folge weniger Generationen unvermeidliche Schicksalsschläge auch den Aberglauben an die Wirksamkeit der magisch - religiösen Technik erschüttert hat, bleibt dem Nurgebildeten vom Bestand seines ererbten Glaubens so gut wie nichts, denn er ist nicht imstande zu verstehen, daß er mit aller Bildung doch nur Schüler geblieben ist, der den Lehrer so nötig hat wie das Kind. Er ist an die neuen Ueberzeugungen von Kindheit an gewohnt, und so gut er am Publikum der wissenschaftlichen und künstlerischen Kultur seines Zeitalters teilnehmen konnte, so hoffnungslos ist er als Teil des Publikums in seiner Synagoge auch vor der Kanzel des besten Predigers, auch als Teilnehmer des ehrwürdigsten Brauches. Vom Prediger kann er allenfalls sagen, er habe gut gepredigt, vom Brauche, er habe ihn ergriffen oder gerührt. Das gleitet ab, wenn er die Synagoge verlassen hat. Und wenn sein Rabbiner auch ein großer Gelehrter moderner Wissenschaften wäre, wenn er, was nicht verlangt werden bann, die Fähigkeit besäße, zu entwickeln, daß alle Wissenschaft an Kern und Schale einer Glaubenslehre nichts ändern könne, auch nichts im Intellektuellen selbst, dann bleibt die Dynamik der Kräfte, die an Ueberzeugungen gestalten können. Die echten, unerschütterlichen, Ueberzeugung gestaltenden Kräfte sind in unserer Zeit so verteilt, daß mechanische Wissenschaft immer stärker sein wird als der glaubensstärkste Rabbiner. Dessen Arbeit an geformten Seelen kann nur versagen oder zu einem starken Glauben führen, der nichts anderes ist als ein verkleideter Unglaube. Schon aus diesem Grunde beschränkt sich die Arbeit des Rabbiners am besten auf die kommentarlose Ausübung von Brauch und Sitte, eine Arbeit, die in der Tat wenig verlangt, die untergeordnet ist. - Ganz anders steht es um die Arbeit des Rabbiners vor den ungeformten Seelen der Kinder. Hier wird keine wissenschaftliche Kraft, kein modernes Fachwissen von ihm verlangt. Die Kinder würden es so wenig verstehen, wie er es zu bieten imstande ist. Hier braucht er nur das, was man von ihm verlangen kann, die Schriftgelehrtheit und die schwere Kunst, junge Seelen seinen eigenen Sternen entgegenzuführen. So schwer diese Kunst sein mag. sie ist nicht wie die des im Innersten unmöglichen jüdischen Geistlichen zur Unfruchtbarkeit verurteilt. Vor Kindern kann der Rabbiner auch heute noch wirksam sein, er kann auch heute noch echt und ganz er selbst sein. Aber nur seltene Menschen sind in unserem entscheidenden Geschichtsabschnitt zu diesem Berufe fähig. Mit etwas biblischer Geschichte, mit etwas Lehre von Brauch und Sitte ist es nicht getan. Er muß in der Bescheidenheit, die Kenntnisse und Ueberzeugungskraft geben, in aller Einfachheit so sein, daß die Kinder stolz auf ihren Lehrer sind, so stolz, daß ihre Seelen Wachs unter seinen bildenden Fingern werden. Ein Jahrzehnt später sind vielleicht die Kinder nicht mehr so wichtig, vielleicht hat sich dann die Lehre an die Halbwüchsigen zu wenden oder gar schon an die Erwachsenen. Die Frage, ob diese Feststellungen Rabbinern oder Religionslehrern eingängig sind oder nicht, zerrinnt im Schreiben. Denn ich hatte von vornherein weder einen Angriff auf Rabbiner noch auf Religionslehrer beabsichtigt, nicht einmal einen Angriff auf den Religionsunterricht selbst, sondern mich nur mit der Tatsache beschäftigt, daß der Erfolg des jüdischen Religionsunterrichtes an höheren Schulen geringer ist, als er es zur Zeit sein darf! Denn es handelt sich um die brennendste Frage des jüdischen Gemeindelebens einschließlich der materiellen und wirtschaftlichen Fragen. Letztere hängen, wie ich nicht weiter auseinanderzusetzen brauche, von der Festigkeit der jüdischen Lehre bei der kommenden Generation ab. Man muß diese Frage von einem allgemeinen und freien Gesichtspunkte aus beurteilen. Es ist anzunehmen, daß es auch in der kommenden Generation von innen heraus jüdisch gesinnte Menschengruppen gibt. Es würde aller Erwartung widersprechen, wenn es nicht mindestens orthodoxe Kreise und Kreise, die in weniger fester Form jüdisch sein wollen, geben wird. Aber man muß damit rechnen, daß diese Kreise für Juden und für die Menschen überhaupt belanglos werden. Die Welt kann sehr wohl aufs neue naiv und grundsätzlich heidnisch, religiös indifferent oder gar tierisch werden. Die Ewigkeit des Judentums ist nicht verbürgt wie ein Naturgesetz. Aus allen mir bekannten biblischen Stellen geht hervor, daß die Ewigkeit des Judentums nicht als ein bedingungsloses Versprechen des Weltenschöpfers aufgefaßt werden darf. Die Dauer ist gebunden an Wille und Tat des Menschen. Wille und Tat haben aber heute im Gottesdienste und in der Seelsorge für Erwachsene kein Feld, das eine nährende Ernte verspricht. Ein fruchtbares Feld ist ausschließlich der Jugendunterricht. Das gilt in Westeuropa nicht nur innerhalb der deutschen Grenzen. In diesen Grenzen gilt es aber gewiß, und zwar bei den Orthodoxen nicht anders als bei den Liberalen. Wenn das viele Erwachsene heute noch nicht einsehen wollen, liegt es daran, daß die mächtigen Wellen, die den Geist der kommenden Zeit bilden, noch nicht anschwemmend und annagend alle Erwachsenen erreicht haben. Es sehen noch nicht alle Erwachsenen ein, daß ihr Wollen und Wünschen seine Vererbbarkeit verloren hat. Es ist auch nicht allen Erwachsenen klar, daß das Weiterleben der religiösen Kräfte wichtiger geworden ist als die weitere Entwicklung der Technik. Die Technik hat eine Zeitlang Wunder erfüllt. Jetzt sind Wunder ganz anderer Art notwendig geworden. Und die geschichtliche Situation ist so, daß es sich in allererster Linie um den Kinderunterricht handelt, und daß die besten Kräfte hier eingesetzt werden müssen. Wenn man vom geschichtlich gewordenen Judentum spricht und es dem Urjudentum der Heiligen Schrift gegenüberstellt, denkt man zu sehr an die letzten Kodifizierungen, deren Allgemeingültigkeit anerkannt wurde. Die Verbindlichkeit dieser letzten Kodifizierungen ist aber gerade das Gegenteil einer Lehre, deren Werden in der Geschichte mit diesem üblichen Worte zugegeben wird. Abgesehen von der Entwicklung in den Heiligen Schriften selbst, ist das Judentum der Mischna anders als das der Heiligen Schrift selbst, die halachischen Disputationen sind anders als die apodiktischen Sätze der Mischna. Maimonides ist dem Geiste des Talmud eher entgegengesetzt, und die Raschikommentare haben wieder ein ganz anderes Ziel. Fast unverbunden damit befriedigt das kabbalistische und chassidische Schrifttum im Wandel der Zeiten vielfältige andere Bedürfnisse der Seele, und der dogmatische Schulchan-Aruch soll nicht die letzte Form sein, die für alle Zeiten gilt. Was später kam, ist wohl allgemeinverbindlich gewollt, aber keineswegs so aufgenommen worden. So wird sich auch weiter die ursprüngliche Lehre der Zeit fügen. Aber diese Bildsamkeit besitzt sie heute nur bei den Kindern. Nur von hier aus kann geschichtlich wirksame Form ihren . Ursprung nehmen..... Mosche findet sein Volk Von Else Schul)ert-Christaller Mosche wurde mit den Königskindem erzogen. Sorglos und gehegt verlief sein Leben in Reichtum und Fülle, in der Tempelschule wurde ihm die gründlichste Ausbildung in allen Wissenschaften zu teil, in körperlichen und kriegerischen Uebungen wurde er stark und schön und übertraf all seine Genossen. Und wenn er mit ihnen hinaus fuhr, die prächtigen Bauten zu besichtigen, die^der König errichten ließ, so blickte er verächtlich wie sie auf die dunklen beladenen Hebräer, die wimmelnd wie Ameisen die Baustelle bedeckten. Männer, Frauen und Kinder waren unaufhörlich bei der Arbeit, die nackten Glieder kaum verhüllt von den zerfetzten Kleidern, und sie fanden nicht Muße, sich den Schweiß abzutrocknen. Und Mosche sprach zu den Königskindern: „Die Bauten, die der König errichten läßt, sind herrlich, und werden seinen Ruhm in fernste Zeiten tragen, aber das Volk, das sie baut, ist erbärmlich." Und er wußte nicht, warum der stumpf leidende Blick, der aus schwarzbraunem Gesicht eines der fremden Sklaven ihn traf, sein Herz so sehr erregte. Warum, als ein gebeugter Greis geschlagen wurde, sein Gemüt aufbrauste, als habe man seinen Vater geschlagen. Die rauhe gurgelnde Sprache der Fremdlinge scholl dem Wagen der Königssöhne nach, — war's ein Fluch oder war's ein Flehen? Aber betroffen hörte er in seiner eigenen Stimme einen gleichen rauhen, schweren Klang, der ihn von der leichteren Sprechweise der Genossen schied. Vor einem Haus hockte eine junge Frau und wiegte ihr Kind, dumpf, eintönig und wild klang ihr düsteres und fremdes Wiegenlied, während ihre dunklen Augen unter schweren Lidern hervor unverwandt dem jungen Prinzen folgten. Erregt kam Mosche heim und fand nicht Ruhe über seinen Büchern. Er streifte durch die Gemächer seiner Mutter, über

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