Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 8 (4.1932)
- Date
- 1932-04-01
- Page
- Seite 171 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3094266-3094373-3094381--3160-3097925- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
171;handel vergriffenen) Büchlein „Judentum und moderne I Weltanschauung" habe ich geschrieben: „In dieser Zeit läßt sich die Religion und das Judentum nicht mit schönen | TBibelversen und Tahnudsentenzen. verteidigen . . . Was gut genug war für andere Zeiten, ist nicht mehr gut genug für unsere Zeit; was gut genug ist für Menschen von engem Gesichtskreis, ist nicht mehr gut genug für die gebildete Judenheit mit ihrem weiten Horizont . . . Das ist es, was nottut: das Judentum dem gebildeten Bewußtsein Unserer Zeit als eine tiefe Lebensmacht zu zeigen, als die Wahrheit, die keine Prüfung zu scheuen hat, die alle Mächte der Zeit selbstbewußt vor ihren Richterstuhl laden darf und selber Antwort steht auf jede Frage. Das sind wahrlich die schlechtesten Verteidiger des Judentums, die jeder ernsten Frage ausweichen, jeden Konflikt verschleiern." Diese Forderung hat in den neuen Lehrplänen und Lehrmethoden ihren Ausdruck gefunden. Und nun der praktische Beweis: Der gesamte Religionsunterricht ist fakultativ; jedes Schulkind kann bis zum vierzehnten Lebensjahr von seinen Eltern ohne weiteres vom Religionsunterricht dispensiert werden, vom vierzehnten Lebensjahr an sich selbst dispensieren. Und nun nehmen gerade hier in Frankfurt seit zwanzig bis dreißig Jahren durchschnittlich achtundneunzig Prozent jüdischer Kinder am Religionsunterricht teil! Und ich könnte Herrn Professor Dr. Koch zahllose mündliche und schriftliche spontane Bezeugungen mitteilen, daß der jüdische Religionsunterricht ihnen der interessanteste, anregendste und unvergeßlichste Unterricht während der ganzen Schulzeit gewesen sei. Freilich, es gibt allerwärts hervorragend gute, mittelmäßige und auch schlechte Lehrpersönlichkeiten, gute und schlechte sowohl unter den Akademikern (Rabbinern) als auch unter den seminaristisch Vorgebildeten. Das war so und ist so und wird immer so bleiben. Es ist das Los alles Menschlichen. Ich habe vor zirka dreißig Jahren schon in einer Versammlung des deutsch-israelitischen Gemeindebundes hier in Frankfurt unter dem stürmischen Beifall aller Anwesenden der Versammlung zugerufen: „Wenn Sie das Judentum retten wollen, dann ermuntern Sie durch eine Vorzugsstellung, die Sie ihnen geben, die Begabtesten, die Tüchtigsten, die Begeistertsten, die vornehmsten unter der jüdischen Jugend, den Lehrer- und. Rabbinerberuf zu ergreifen, damit die ungeeigneten Kräfte, die zum Teil dieses Amt heute versehen, verschwinden." Und ganz in Ihrem Sinne habe ich auf einer hiesigen Tagung der jüdischen Lehrervereinigung in Deutschland im Namen der Rabbiner die Lehrer u. a. mit den Worten begrüßt: „Wenn manche Lehrer eine Ehre darin suchen, Prediger genannt zu werden, so suchen die besten Prediger und Rabbiner eine Ehre darin, Lehrer genannt zu werden." Und so kommen wir zuni Schluß wieder zueinander und wollen — trotz Schopenhauer, und allen Pessimisten und Deterministen und allen Fehlschlägen der Erziehung zum Trotz, den Glauben an die Macht der erziehlichen religiösen Persönlichkeit uns nicht rauben lassen. Nachschrift Von Prof. Dr. Richard Koch ----Ich meine nichts anderes, als daß sich im jüdischen "Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen ein Schicksal der Weitergabe unserer jüdischen Lehre widerspiegelt, vor dem wir die Augen nicht verschließen dürfen. Wir können auch nicht, um nur ja niemanden auf die Füße zu treten, eine Atmosphäre von Halbwahrheiten um uns herum entstehen lassen. In unserer Zeit der neuen Sachlichkeit ist es leider so geworden, daß jeder Versuch, auszusprechen, was man meint, zu mechanischen Reaktionen bestimmter Menschengruppen führt, die langsam aber sicher "ein geschwätziges Schweigen heraufbeschwören. Das würde die lebendige Schöpfung mehr und mehr in eine ganz unparadiesische und ganz unmessianische Welt verwandeln. In Wirklichkeit verkümmern in unseren Jahren die kostbarsten Wahrheiten, und an ihre Stelle treten Ueberzeugungsinhalte, die in ihrer Gesamtheit das kostbare und unbegreifliche Gut des Lebens zu einer gutgeölten Maschine sinn- und zwecklosen Daseins herabwürdigen. Wenn dann das Leben vorüber ist, hat es in Wirklichkeit nicht einmal anefangen. Das Betriebskapital ist vergeudet, und unsere Seelen aben keine Hoffnung mehr, zu Gott zurückzukehren. Unter diesen Umständen gibt es nichts Wichtigeres als die Kinder, die gleichsam noch spielen und ihren eigenen Lebensweg noch nicht angetreten haben. An diese Kinder tritt die jüdische Lehre mit einem 'Versprechen heran, das im Kinderlärmen verhallt, ein Versprechen, dem so wenig geglaubt wird, daß diese Kinder jeder anderen Stimme, jedem anderen Befehle williger gehorchen, als gerade dem Worte, das auf den für sie einzig möglichen Lebensweg hinführt. Es handelt sich nur um die Kinder und nur um ihr zukünftiges Leben, nicht aber um die Gefühle von uns Erwachsenen, selbst wenn diese Gefühle uns belästigen sollten, sobald wir der Wahrheit ins Gesicht sehen. .....Ich spreche nur aus, daß man die wichtigste Funktion der Gemeinde, nämlich den Kinderunterricht, ausschließlich und allgemeiner als bisher zur Amtspflicht der Rabbiner machen Bolle____In unseren jüdischen Gemeinden ist die Verschiebung im Aufgabenkreis der Geistlichen ungleich wichtiger als in anderen Glaubensgemeinschaften. Das liegt vor allem an zwei Tatbeständen, an der Judenemanzipation und an der soziologischen Neuschichtung der emanzipierten Juden. Nach der Emanzipation verlor der Rabbiner mit dem Ansprüche auf die größte Autorität in der Schriftkenntnis und in der Schriftauslegung die Führung der Gemeinde. Gottesdienst und Seelsorge sind anders als in christlichen Glaubensgemeinschaften niemals die Machtquellen des Rabbiners gewesen. Ganz anders als in den christlichen Gemeinden ist der Träger des Gottesdienstes bei den Juden die Gemeinde selbst, und die Seelsorge ist von jeher ohne alle Vermittlung die Pflicht des einzelnen Juden. Sobald das jüdische Gesetz sich nur noch auf religiöse Gegenstände im abendländischen Sinne bezog und als Wegweiser im Leben vor dem Staatsgesetz mehr und mehr verschwand, ist der Rabbiner als Ausdruck der Assimilation vom Führer der Gemeinde zu ihrem Geistlichen geworden und damit eine Erscheinung der Emanzipation, die nicht wie andere Emanzipationsfolgen dem Judentum nützte, sondern ihm schadete.*) Das hängt, wie hier weiter ausgeführt werden soll, vor allem damit zusammen, daß die Emanzipation nicht nur den Juden Befreiung vom Drucke des Staates, sondern auch eine Forderung des Staates an die vorher dem Staate nicht verpflichteten Juden gewesen ist. Bei der Judenemanzipation kam, dem Zeitgeiste entsprechend, fast überall die Befreiung zum Bewußtsein, und man übersah allzu sehr die staatliche Forderung mit all ihren Konsequenzen. Die Judengemeinden waren Enklaven in den verschiedenen Staaten und Städten, und ihre Ueberführung in Glaubensgemeinschaften wäre nur dann restlos geglückt, wenn die Forderungen des Zeitalters der Aufklärung sich wenigstens einigermaßen durchgesetzt hätten. Dann wäre wirklich Religion Privatsache geworden und das unterschiedslose Staatsbürgertum das entscheidende Gesetz des öffentlichen Lebens. Wir unterschätzen heute schon wieder das, was Aufklärung und Emanzipation gebracht haben. Aber wir unterschätzen ebenso häufig, daß die Französische Revolution schon in ihren Anfängen gar nicht vollständig siegen wollte und am Ende eine Verschmelzung mit den Ordnungen der alten Reiche einging. In diesen alten Ordnungen waren die Glaubensgemeinschaften vor allem von der Dankbarkeit an die erfolgte Erlösung getragen, woran sich bisher nichts geändert hat, während der Träger jeder noch so elenden jüdischen Gemeinde die messianische Hoffnung gewesen war. Auch daran hat sich nichts Wesentliches geändert, und deshalb konnte der jüdische Rabbiner niemals ein Geistlicher im christlichen Sinne werden. Er konnte es höchstens scheinen, und er und seine Gemeinde leidet an dieser Scheinbarkeit noch jetzt. Es ist die Aufgabe des Rabbiners, diese Scheinbarkeit zu überwinden und seine wirkliche Stelle in der lebendigen Gegenwart zu finden. Er kann sie nirgends anders mit mehr Aussicht auf Erfolg suchen, als bei den Menschen, die noch ungeformte Seelen besitzen, bei den Kindern. Es ist heute nicht anders als nach der Zerstörung von Jerusalem, wo der tatsächliche Führer des geschlagenen Volkes vom Sieger nichts anderes forderte als die Erlaubnis, eine Schule zu unterhalten, wobei die Formbarkeit der Seelen damals auch bei Erwachsenen noch vorausgesetzt werden konnte. In engem Zusammenhange mit der Judenemanzipation steht für unsere Frage die zweite entscheidende Tatsache des letzten Jahrhunderts, die eigenartige soziologische Schichtung der Juden in den westeuropäischen Staaten. In diesen Ländern wurden die Juden, weil sie als Kapitalisten in ein kapitalistisches Zeitalter eintraten, so gut wie ausschließlich intellektuell. Als solche machten sie die geistige Entwicklung dieses Zeitalters regsamer und geschlossener mit als Katholiken und Protestanten. Diese besaßen ihre naiven, nur von außen aufzurüttelnden Massen, und ihre geistige Oberschicht, die aus vielfältigter Bedingtheit zu einem Teile Vertreter der Autorität, zum anderen Teile Vertreter der Revolution wurden. An Stelle dieser Gliederung finden wir bei den Juden den ziemlich gleichmäßigen Intellektualismus. Sie waren weder durch Unwissen oder Ungewohntheit im Denken für den Ueberzeugungswandel des bürgerlichen Zeitalters unberührbar, noch im Besitze ererbter Macht oder aus Protest gegen das Privileg des eigenen Erbes geneigt, sich dem Ueberzeugungswandel zu verschließen oder ihn künstlich zu übersteigern. Jeder Jude hat für seine Person getreulich Jahr um Jahr mitgemacht, was die alten *) Natürlich meine ich nicht, daß unsere Rabbiner schädlich sind, sondern die Art der Wandlung ihrer Stellung durch die Emanzipation.