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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-04-01 · 8 (4.1932) · p. Seite 169

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
8 (4.1932)
Date
1932-04-01
Page
Seite 169 (sequence 7)
Language
German
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169 „Esther war ein Jude — heißt es dort weiter —, der im Baß gesungen hat." Wir erfahren somit, aus welchem Milieu die „Schauspieler" kamen: mit dem „Sänger im Baß" ist der Gehilfe des Chasan gemeint. Die Kantoren, ihre Gehilfen und die übrigen Sänger in der Synagoga hatten ja vom ausgehenden Mittelalter an neben ihrem religiösen Dienst auch zu den profanen Belustigungen beigetragen. Die Darstellung der Estherrolle durch einen Mann wird verständlich, wenn man sich erinnert, daß im deutschen Theater eigentlich erst im 17. Jahrhundert Frauen aufgetreten sind. Das Erscheinen einer Frau auf der Bühne hätte in jener Zeit sicherlich genügt, um ein Verbot der Vorstellungen durch den Rabbiner herauf zubeschwören. Weiter wird im Vorbericht die Ausstattung der Szene geschildert. „Der Galgen war das ganze Spiel auf dem Theater..." Der Schreiber gibt dann eine genaue Beschreibung des Plängens und schließt: „Man kinte noch mehreres bei diesem Stik erinern aber es mag dieses genung sein, das erfinderische Gehirn der Juden zu beschreiben." Die Hinrichtungsszene auf der Bühne, über die sieh unser Schreiber so stark aufregt, ist eigentlich nur eine Entlehnung aus dem deutschen Schauspiel des Barock und der „Haupt- und Staatsaktion", in denen solche Darstellungen zu den beliebtesten Requisiten gehörten. Aus diesen Spielen und dem Fastnachtspiel stammt die Beliebtheit der Gerichtsszenen und Hinrichtungen, die die Zuschauer mit Spannimg verfolgten. Das Stück selbst ist auch von den deutschen Estherspielen5) si Die älteren Estherdramen sind bei Rudolf Sdiwarz. beeinflußt. Man kann erkennen, wie der Verfasser oder Kompilator sein Material aus mindestens zwei verschiedenen Quellen schöpft: einem deutschen Muster und jüdischen Quellen. Daher fehlt eine einheitliche Linie, und oftmals steht eine Handlung im Gegensatz zu der vorhergehenden. Allerdings ist es auch nicht ausgeschlossen, daß wir es hier mit einer späteren Niederschrift des „traditionellen" Stoffe.? aus dem Repertoire verschiedener Wandertruppen zu tun haben, der aus menreren Quellen stammt. Jedenfalls kann man sogar sprachlich verschiedene Schichten erkennen. Inhaltlich stimmt vieles mit dem obengenannten Achaschwerosch-Spiel vom Jahre 1718, anderes wieder mit der sogenannten „Aktion Esther und Aehaschwerosch" überein. Ohne hier eine genaue Analyse des Textes zu geben — dies soll an anderer Stelle geschehen — kann man sich aus dem Gesagten schon ein Bild von dem jüdischen Theater in Frankfurt bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts machen. Das von Schudt erwähnte Verbot der jüdischen Gemeinde für Estherspiele aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts galt nur für solche mit einer komischen Figur und wurde vielleicht auch in den späteren Jahren nicht mehr so streng gehandhabt. Jedenfalls wurde die zweite Gattung dieser Spiele, die ernste, weiter fortgeführt. Davon zeugt am besten unser Manuskript. Obwohl in der Handschrift nicht angegeben ist, daß es sich um Purira handelt, kann man doch annehmen, daß das Stück um diese Zeit, vielleicht etwas früher oder später aufgeführt wurde. Vom Religionsunterricht jüdischer Kinder . Von Rabbiner Dr. C. S e 1 i g m a n n In der Dezember-Nummer des Gemeindeblatts haben wir einen Aufsatz von Prof. Dr. Richard\Koch über den Religionsunterricht jüdischer Kinder veröffentlicht; die Beilage „Jugend und Gemeinde" war dem gleichen Gegenstand gewidmet. An diese Veröffentlichungen sdilossen sicli, was bei der Wichtigkeit des Gegenstands und der Verschiedenheit der vorhandenen Meinungen nicht vet wunderlich und sogor sehr zu begrüssen ist, weitgehende Erörterungen an, die wiederum zumteil in den folgenden Nummern des Gemeindeblatts ihren Niederschlag fanden. Zum vorläufigen Abschluss dieser Aussprache veröffentichen wir nunmehr einen Aufsatz, in dem Herr Rabbiner Dr. Seligmann aus einer nahezu fünf Jahrzehnte umspannenden Erfahrung einige der besonderen Probleme des jüdischen Religionsunterridits darlegt und daran ansdüiessend einen Auszug aus einem Schreiben, das der Verfasser des die Diskussion einleitenden Aufsatzes. Herr Prof. Dr. Richard Koch, an die Schriftleitung gerichtet hat. Sdiriftl. Wenn ich mich zusammenfassend über die in den letzten Nummern dieser Zeitschrift erschienenen Ausführungen über unseren Religionsunterricht äußern soll, so möchte ich mit der Konstatierung der außerordentlich erfreulichen Tatsache beginnen, daß der Religionsunterricht und die von ihm ausgehenden Wirkungen einem wachsenden Interesse und Verständnis begegnen. Von unseren Alten wird erzählt, daß sie sich, in Anlehnung an das Thorawort: „Wenn dein Kind dich fragen wird" (Exodus 13, 14), über die Problematik des Religionsunterrichtes unterhalten hätten und daß von einer Seite gesagt wurde, das sei eine erfreuliche Botschaft, wenn ein so wichtiges Problem überhaupt diskutiert werde. (Jalkut Bo No. 208.) Und ebenso erfreulich ist, mit Genugtuung feststellen zu können, wieviel wertvolle Gedanken zu diesem Thema insbesondere in den Ausführungen von Professor Dr. Richard K o c h geäußert wurden. Auf der anderen Seite aber ist vieles recht einseitig und ohne intime Kenntnis der wirklichen Problematik des Religionsunterrichtes und der tatsächlichen Verhältnisse gesehen und beurteilt. Wenn u. a. gesagt wird: „Die Funktionen eines Rabbiners sind heute nicht viel wichtiger und nicht viel schwieriger, als einst die eines untergeordneten Beauftragten einer alten Gemeinde. Ein Vertreter der jüdischen Wissenschaft ist in mancher -Spielart ein Mensch, der überwiegend dem neunzehnten Jahrhundert angehört. Die kommenden Jahre brauchen Kinderlehrer", so liegt in diesem Satz, wenn er richtig verstanden wird, sicherlich keine Herabsetzung des Rabbinerstandes, eher eine Sublimierung. Aber der Satz redet an den Gegebenheiten der Wirklichkeit vorbei. Vor allem: wo steht geschrieben und verbrieft, daß jeder Rabbiner eo ipso, vermöge seines Amtes und seiner Begabung ein geborener Kinderlehrer sei? Der Rabbinerberuf und die rabbinische Ausbildung machen ihn nicht dazu. In den weitaus meisten Fällen wird der Rabbiner sogar — wie es auch in allen Zeiten der Geschichte des Judentums war — eher ein Lehrer der reiferen, meist sogar der schulentlassenen Jugend (der Bachurim in vergangenen Zeiten) sein, als Kinderlehrer. Zum Kinderlehrer muß man, wie zum Dichter, geboren sein. Selbst die beste pädagogische Ausbildung wird das Manko des Angeborenen nicht ersetzen. Aber auch gegen die Bewertung der heutigen „Funktionen eines Rabbiners", die nicht viel schwieriger seien, als einst die eines untergeordneten Beauftragten einer alten Gemeinde, und insbesondere gegen die absprechende Bagatellisierung als Vertreter der jüdischen Wissenschaft habe ich die stärksten Bedenken. Gewiß, für die typischen Leichen- und Traureden, wie auch für einiges andere, was in gleicher Ebene liegt, könnte man zur Not mit einem aufgekurbelten Phonographen auskommen, oder, sagen wir ohne Sarkasmus, mit einem untergeordneten Liturgen. Gewiß ist es untunlich, das gesamte Judentum auf Synagoge und Predigt einzustellen. Gewiß wird die Armenpflege, Krankenpflege und sonstige Aufgaben der Seelsorge ebenso gut von geeigneten Persönlichkeiten nichtrabbinischer Abstempelung ausgeübt werden können. Aber das hat — vor genau hundert Jahren — einen Mann von der überragenden Bedeutung eines Leopold Z u n z nicht gehindert, in der berühmten Vorrede zu seinem klassischen Werk „die gottesdienstlichen Vorträge der Juden" zu erklären: „Unabweisbar ist das freie belehrende Wort. Alle seine Güter hat sich das Menschengeschlecht durch die mündliche Belehrung, durch die das ganze Lebensalter hindurch währende Erziehung erobert. Zu allen Zeiten ist auch in Israel das Wort der Lehre von Mund zu Mund vernommen worden, und jedes fernere Gedeihen jüdischer Anstalten kann nur dem Einsicht und Erkenntnis ausgießenden Wort entströmen. Darum regt sich auch so großes Verlangen nach Wort und Lehre und wird so häufig von Rabbinern und Lehrern gefordert, daß sie den Kindern in der Schule, in der Synagoge üpti Erwachsenen einen belehrenden, erbauenden Vortrag zu halten fähig seien." Und damit kein Mißverständnis aus diesen Worten entstehe, weist Zunz die jugendliche Erziehung dem elterlichen Hause und der Unterweisung des Lehrers, und die' der Gemeinde zu spendende Belehrung der „Stimme des Rabbiners" und passenden Schriften zu. Und wenn Rabbi Jochanan ben Sakkai zur Rettung des Judentums in schwerster Zeit das Lehrhaus in Jabne von Vespasian erbat, so dachte er so wenig an eine Kinderschule, wie die Talmundhochschulen der alten Rabbiner je Kinderschulen gewesen sind. Immer waren die Rabbiner, wenn sie auf der Höhe ihrer Aufgabe standen, Könige oder Kärrner der Wissenschaft. Die Bedeutung der Wissenschaft des Judentums für das Rabbineramt als antiquiert, als einem vergangenen Jahrhundert angehörig zu bezeichnen, heißt die titanische Kraftquelle verkennen, aus der dem Judentum je und je die wunderbare Selbsterhaltung erwuchs. Der Rabbiner, der kein Vertreter der Wissenschaft ist, ist ein armseliger Tropf, ein Mensch, wie ihn Laboulaye mit den satirischen Worten charakterisiert: „voilä, un monsieur habille de noir, qui dit des choses bien honngtes". Was aber Rabbiner, die ihre Seele mit der so verächtlich gemachten Wissenschaft, „des Menschen allerhöchster Kraft"

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