Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 8 (4.1932)
- Date
- 1932-04-01
- Page
- Seite 167 (sequence 5)
- Language
- German
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167 Befreiung euch zuteil und es gewährt Den Auszug euch in diesem Monat Gott. Er sei Beginn der Monde und der Zeiten. Ezechiel Hess nun einen Boten auftreten, der den Durchzug der Hebräer und den Untergang der Aegypter so schilderte: Denn als der König Pharao dies Haus Mit ungezählter Heeresmacht verliess, Mit aller Reiterei und Viergespannen, Mit Mannschaften in Reih und Glied geschart, Da bot ein furchterregend Bild die Masse. Die Mitte nahm der Fussoldaten Phalanx, Den Wagen Ausfahrtgassen lassend, ein. Die Reiter stellt' er auf den linken Flügel, Zur Rechten des Aegypterheeres Rest. Ich frug nach der Gesamtzanl seines Heeres: Es waren hundert Myriaden Streiter. Als unser Heer nun die Hebräer traf, Am Ufer waren sie des Ruten Meeres Versammelt, ein'ge hatten sich gelagert, Den Kindern und den Frauen gaben andre Zu essen, alle waren müd und matt. Sie hatten vieles Zugvieh mit und Hausrat, Doch waren aller Hände waffenlos. Als sie uns sahen, sandten sie ein Lied Im Klageton zum Himmel und sie schrie'n Zum üotte ihrer Väter angsterfüllt. Bei uns dagegen herrschte eitel Freude. Wir schlugen nahebei ein Lager auf, Wo eine Stadt liegt namens Beelzephon, Und als der Sonnengott gen Abend fuhr, Begaben wir zur Ruhe uns, gewillt Am nächsten Morgen in die Schlacht zu ziehen, Vertrauend auf des Heeres Waffenmacht. Doch da erschienen gottgesandte Zeichen, Ein Wunder anzuschaun: Urplötzlich stand Von Wolken eine hohe Säule da, Auf halber Strecke zwischen unserm Lager Und den Hebräern. Deren Führer Moses Nahm jetzt den Gottesstab, mit dem zuvor Er dem Aegypterlande böse Zeichen - Und Wundertaten angezettelt hatte, Und schlug damit des Roten Meeres Rücken, So dass es bis zum Grund sich spaltete. Die Seinen brachen alle eilig auf Und schritten auf dem salz gen Pfad dahin. Wir folgten augenblicklich ihrer Spur, Um ihrer habhaft in der Nacht zu werden. Mit einem Male drehten sich nicht mehr Die Wagenräder, sondern sassen fest Wie angebunden, und ein helles Licht Erstrahlte wie von Feuer uns am Himmel. Ihr Gott war offenbar zu inrer Hilfe Herbeigekommen. Als sie nun das Meer Schon hinter sich gelassen hatten, rauschte Die Woge mächtig ganz in unsrer Nähe. Da rief so mancher: „Lasst uns heimwärts fliehen, Des Höchsten Händen zu entgehen, denn er Steht ihnen bei, doch uns Unglücklichen Bereitet er den Untergang." Da schlug Des Roten Meeres Welle schon zusammen Und sie vernichtete das ganze Heer. In Elim finden die Kinder Israel 12 Quellen und 70 Palmbäume. Ober diese und den ihnen erschienenen Vogel lässt Ezechiel im .Auszug' jemanden dem Moses berichten: Vernimm, verehrter Moses, welch ein Ort > Ganz nah bei diesem luft'gen Tal sich fand, Denn dort ist's, wie du ja wohl selber siehst. Von dorther schien ein Licht bei Nacht herüber, Ein Zeichen uns, in Feuersäulenform. Wir fanden zwischen schattenreichen Bäumen . Dort eine Wiese, quellend Wasser auch. Zwölf Brunnen tränken diesen reichen Boden, Aus einem Felsen sprudelnd. Viele Stämme Von Palmen wurzeln da, mit Frucht behängt, Der Zahl nach siebenzig; und feuchtes Gras Wächst, reiches Futter bietend unserm Vieh* Dann berichtet er über den Vogel, den sie gesehen haben (gemeint ist der mythische Vogel Phönix, Anm. d. Übers.): Und noch ein wunderbar, fremdartig Tier trblickten wir, wie's keiner noch erschaut. Den Aar an Grösse doppelt übertraf es, In bun'en Farben strahlte sein Gefieder. Die Brust war purpurrot und rötelfarben Der Beine Paar. Es zierte seinen Hals Ein safiangelber Busch, der Kopf glich dem Des zahmen Hahns, das grüne Auge blickte Im Kreis umher und die Pupille war Dem Kern der Baumfiucht ähnlich. Seine Stimme Zeichnete ihn vor allen Vögeln aus, Die offenbar in ihm den König sahen, Denn alle flogen ängstlich hinter ihm. Er aber stelzte wie ein stolzer Stier Voran und rasche Schritte tat sein Fuss. Ein unbekanntes Frankfurter Estherspiel Von Dr. B. W e i n r y b Vor der Aufklärung war im jüdischen Ghetto ein wenig günstiger Boden für die Entwicklung eines Theaters. Die strenge Zucht und die Enthaltsamkeit, die der Rabbinismus forderte, mußte jeden Versuch einer Schauspielkunst unter den Juden unterdrücken. Zwar waren Belustigungen auch bei den Christen von der Kirche verboten, aber zur Ausgestaltung der Liturgie und zur Veranschaulichung der Christusgeschichte, manchmal auch zu Bekehrungen und zu polemischen Zwecken, wurden einzelne Teile des Gottesdienstes lebhafter und anschaulicher ausgestaltet, bis sie sich allmählich zu szenischen Darstellungen, dem sogen, religiösen Drama, entwickelten. Von der anderen Seite lebten die vom Heidentum übernommenen Tänze und Belustigungen in den Karnevalsumzügen und Fastüachtspielen weiter, die ihrerseits vom geistigen Drama beeinflußt, immer mehr biblische Stoffe — hauptsächlich nach der Reformation — aufnahmen. Bei dem schlichten jüdischen Gottesdienst konnte kein Platz für irgendwelche szenische Darbietungen sein. Außerdem ist bei den Juden ja die Verkleidung, die bei Darstellungen unvermeidlich ist, durch die Bibel verboten. (Deuter. 22,5.) Der schon an sich prunklose jüdische Gottesdienst wurde durch die Verfolgungen aller Art noch weiter vereinfacht. Nur an einem Tage, am P u r i m, fielen die Grenzen der asketischen Lebenshaltung. Hier waren Belustigungen erlaubt, und diese Erlaubnis versuchte man natürlich nach Kräften auszunützen. Dies färbte nun sogar auch auf den Gottesdienst ab. Schon seit dem Mittelalter war es üblich, während des Verlesens der Megillat Esther bei Nennung des Namens „Haman" zu klopfen oder mit dem „Grager" zu lärmen. Eine Figur, die Haman darstellen sollte, wurde mit Kreide ausgemalt und nachher abgewischt. Man pflegte auch auf dem Schulhof eine Puppe mit der Inschrift „Haman" aufzuhängen oder zu verbrennen. Von dem nichtjüdischen Karneval und dem Fastnachtspiel drangen dann in die jüdischen Ghetti auch die dort üblichen Bräuehe ein, sich zu verkleiden, Masken anzulegen und Scherze zu treiben, Lieder mit entsprechenden mimischen Bewegungen vorzutragen usw. Von hier aus kam man dann zu größeren szenischen Darbietungen, deren Stoff man leicht der Bibel entnehmen konnte. Dazu trug noch das sich inzwischen herausbildende biblische Drama der nichtjüdischen Umgebung bei, dessen Stoffe man bei kleinen Umarbeitungen verwenden konnte. Für Purim kam in erster Reihe der Inhalt des Buches Esther in Frage, daneben auch andere biblische Themen, wie die Josephsgeschichte, die Erzählungen von Mose, Isaak, David u. a. So haben wir neben dem „Esther"- oder „Achaschwerosch"-Spiel ein Spiel von „Joseph und seinen Brüdern", „Akedath Jizchak", ein „David- und . Goliath"- Spiel usw. Aus dem Vortragen oder Vorführen einzelner Szenen bei Tisch am Purimfeste selbst entwickelten sich dann regelrechte Vorstellungen, in einem besonderen Lokal, die solchen Erfolg hatten, daß sie auch vor und nach Purim aufgeführt wurden. So bildete sich allmählich ein regelrechtes Theater heraus, in dem man sich aller Mittel der damaligen Schauspielkunst bediente. Jakob Schudt erzählt in seinen „Jüdischen Merkwürdigkeiten" (Kap. 35 S. 314), die Juden hätten in Frankfurt „ein paar Jahr vor dem Brand" (d. h. vor 1711) „auf ihrem Purim in ihrer Gasse ein Theatrum aufgeschlagen und eine Comoedie von der Verkauffung Josephs gespielt", und „die bey dergleichen Schauspielen gewöhnliche Machinen verfertiget, in Verkleidung allerhand Auffzüge vorgestellt, auch sogar einen Pickelhäring in lächerlicher bundfarbiger Kleidung dabey aufgeführet . . . Feuer, Himmel, Donner und allerley wunderliche Sachen darbey seyen zu sehen