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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-03-01 · 7 (3.1932) · p. Seite 152

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
7 (3.1932)
Date
1932-03-01
Page
Seite 152 (sequence 10)
Language
German
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152 gehaltene Lachen platzte um so mächtiger hervor. Der gute alte Mann erstarrte vor dieser Ueberraschung, verließ uns, und. den anderen Morgen bekamen wir die Weisung, sein Haus zu verlassen. Vom Hause erhielten wir zu dieser Zeit ein Schreiben, wir sollen nach Leipzig, wo eben Messe ist, und wie es thunlieh sein sollte, nach Hause; wo nicht, nach Frankfurt an der Oder, wo Verwandte sich befinden. Wir machten uns sogleich den anderen Tag zeitlich früh auf den Weg, wollten Abend in Bayreuth eintreffen. Da" stund vor einem Wirthshaus der Wirth, der uns abrieth, weiter zu gehen, weil ein Gewitter im Anzug sei; wir dankten für den guten Rath und meinten, er wolle uns zum einkehren bewegen und gingen weiter. Wir waren kaum IM Stunde weiter gegangen, als das Wetter ausbrach mit großer Heftigkeit und war es dabei so finster geworden, daß wir von der Straße abkamen und befanden uns in einem Wäldchen, wo Bäume ausgegraben waren, wo wir hineinstürzten und zwar bis über die Hüften und wurden von oben durch einen heftigen Platzregen und von unten durch das Hineinfallen in die Löcher ganz durchnäßt. Nach längerem Herumirren bemerkten wir in der Entfernung Licht, dem wir zueilten. Als wir näher kamen, fanden wir ein Wirthshaus, wo eine rauschende Musik spielte. Die Wirthin, die uns in der Hausflur entgegenkam, verweigerte uns aufzunehmen, da sie keinen Platz hätte, auch für uns keine Ruhe wäre, da eine Hochzeit gefeiert werde, welches die ganze Nacht dauern wird. Sie rieth uns, eine Strecke weiter zu gehen, wo wir auf der Fantasie aufgenommen, eine ruhige Nacht finden werden. Die Fantasie ist ein Vergnügungsort unweit von Bayreuth. Dort angekommen, fanden wir den Wirth ganz allein, weil seine Familie in der Stadt, auch keine Gäste anwesend waren. Wir waren, wie schon bemerkt, ganz durchnäßt. Ich bat den Wirth, den Ofen zu heizen, was auch geschah, und ließ, da sonst nichts zu haben war, Brod, Butter und ein Glas Bier auftragen. Bruder Leopold wollte nicht essen, er wollte sich lieber wärmen; kaum hatte ich einige Bissen zu mir genommen, da hörte ich einen starken Sehlag. Ich sah mich um und sah meinen Bruder am Boden liegen und fand ihn ohne Bewußtsein. * Ich rief den Wirth und bat ihn, einen Arzt herbeizurufen; er sagte, daß in der Nähe keiner zu haben ist. Wir trugen den Bewußtlosen in ein Zimmer im ersten Stock, wir entkleideten ihn und mußten die Stiefel von den Füßen abschneiden. lieber Mitteilung kehrte der Erzähler ohne weitere Aben- „Hier bricht bedauerlich das Manuskript ab. Nach mündteuer nach Prag zurück. Dort trat er in das Geschäft seines Vaters ein, erweiterte dasselbe aber, indem er in Reichenberg eine kleine Kattundruckerei einrichtete. Er wußte durch seine Intelligenz und Tatkraft seine Kattunfabrik in kurzer Zeit zu solcher Blüte zu bringen, daß ihn der Kaiser von Oesterreich, Franz I., aufsuchte, als er in Prag anwesend war, und ihm erlaubte, sich eine Gnade für seine großzügige Tätigkeit, die dem Land zugute komme, auszu- bitten. Er bat um die Verleihung des Staatsbürgerrechts. „Das kann ich nicht gewähren," antwortete der Kaiser, „weil es verfassungsrechtlich nicht möglich ist. Aber dafür will ich Sie in den Adelsstand erheben." Und so geschah es; .aus Leopold Porges wurde Porges von Portheim." Zu Berthold Auerbachs 50. Todestag (geb. zuNordstetten (Schwarzwald) 2 8. Februarl812, gest. in Cannes Als der Dichter der „Schwarzwälder Dorfgeschichten" am 15. Februar 1882 seinem Wunsch gemäß auf dem jüdischen Friedhof seines Heimatdorfes zur letzten Ruhe bestattet wurde, hielt ihm der Aesthetiker Vischer die Grabrede. Sie schloß mit den Worten: „Lebe wohl, Toter.' Sei gegrüßt, Lebendiger!" Die hiermit ausgesprochene Verheißung ist nicht in Erfüllung gegangen. Berthold Auerbach, zu Lebzeiten einer der gefeiertsten, bei hoch und niedrig beliebtesten Schriftsteller Deutschlands, ist rasch vergessen worden. Wer liest ihn heute noch? Der Gedenktag des eben abgelaufenen Monats hat in mannigfachen Aufsätzen der Zeitungswelt die Erinnerung an ihn erneuert. Mögen seine Zeitromane nicht ganz mit Unrecht der Vergänglichkeit anheimgefallen sein, so hat Berthold Auerbach .jedenfalls ein wertvolles Kapitel in der deutschen Literaturgeschichte durch seine Schilderungen deutschen Bauernlebens mitbegründet. Das bleibt für immer sein Verdienst. Unsere Frankfurter Gemeinde hat Anlaß, seiner 'besonders zu gedenken. Es ist um der mannigfachen innigen Beziehungen willen, -die ihn in dieser Stadt mit vielen Freunden und Verwandten verknüpft haben. Das schönste Denkmal solcher doppelten Bande des Blutes und des Geistes sind seine wundervollen „Briefe an Jakob Auerbach", seinen Vetter und Intimus, den Herausgeber unserer Schul- und Hausbibel, den einstigen Religionslehrer des Philanthropins, den Vater von Fritz Auerbach und JR. Ernst Auerbach, zweier um unser jüdisches Gemeindeleben so wohlverdienter Männer. Unter allem, was man bisher über Berthold Auerbach gesagt hat, gibt die treffendste Kennzeichnung der Ausspruch, den Moritz Lazarus in seiner Rede in Cannes am 9. Februar 1882 am Sarge des Dahingeschiedenen geprägt hat: „B e r t h o 1 d Auerbach war der Dichter des deutschen Gemüts". Moritz Lazarus hat schon damals bei seinen Ausführungen Gemüt und Herz in die innigste Verbindung gebracht. Er hat später in seiner „Ethik des Judentums" die beiden Begriffe gewissermaßen gleichgesetzt und diesen Zusammenhang geklärt durch die Erinnerung an das wohlbekannte und vielbeachtete Talmudwort "»#3 .K2^j£lOttm2»Der Alliebende Februar 1882) verlangt das Herz". Berthold -" Auerbachs Persönlichkeit bestätigt solche Auffassung. Er, der einstige Schwarzwälder Dorfbub und ehemalige Talmudjünger, war verwurzelt in der Gemütstiefe jüdischer Frömmigkeit und verhaftet im innigen Erleben der Herzenskräfte seiner deutschen Heimat. Er ist durch sein Leben gegangen, zugleich getragen von seiner Jüdischkeit und von seiner Deutschheit. Einen Streit um den Vorrang des einen oder des anderen hat es für ihn nicht gegeben. In ihm haben sich die Töne des jüdischen Herzens und des deutschen Gemüts zu einem harmonievollen Akkord verwoben. Sie gipfelten im hohen Lied der Humanität, das in jenen Zeiten in den Seelen der Besten des deutschen Volkes erklang. Aber am Ende seines Lebens hat ihn ein neues Geschlecht seines deutschen Volkes „ein garstig' Lied" vernehmen lassen. Mißtönend drang es ihm in die Seele. Ihn, zu dem Jakob Grimm gesagt hatte: „Ihre Schriften sind so durch und durch deutsch, als ob Sie direkt von Hermann dem Cherusker abstammten", nannten sie jetzt einen „Fremden". Wie hat doch Berthold Auerbach unter solcher Enttäuschung gelitten! „Umsonst gelebt und gestritten": so zeichnet er das Ergebnis seiner Bemühung, dem deutschen Volk ein Lehrer der Humanität zu sein. Er und mit ihm alle deutschen Juden werden nun von Abneigung und dann von Haß betroffen, der sie aus der deutschen Volksgemeinschaft ausschließen will. Waren einst Berthold Auerbachs^erste bedeutendere literarische Leistungen jüdischen Stoffen gewidmet — sein Spinoza-Roman steht hier oben an —, so hat er damals, fast ein Siebzigjähriger, ein kränklicher Greis, im entbrennenden Kampf vernehmlich seine Stimme für die Juden erhoben, sich mannhaft bei den Feinden zur Wehr gesetzt und den Freunden und Verteidigern unter den nichtjüdischen Deutschen dankbare Worte der Anerkennung gesagt. So klingt sein Leben aus. Schlimmer und härter als vor fünfzig Jahren tobt heute der Streit um Deutschtum und Judentum. In jüdischer Treue und in deutscher Gesinnung sei er von uns geführt: im Geiste Berthold Auerbachs, des deutschen Juden und jüdischen Deutschen. Durchhalten! Es geht um die Humanität! Rabbiner Dr. Arnold Lazarus

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