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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-03-01 · 7 (3.1932) · p. Seite 151

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
7 (3.1932)
Date
1932-03-01
Page
Seite 151 (sequence 9)
Language
German
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wiederholte er in Fürth; er nahm mir des Nachts das obengenannte Visionenbuch, das ich unter meinem Kopfpolster verbarg, und ließ sich nicht mehr sehen. Das Buch hatte er an einen Schwiegersohn des Zerkowitz. der in Fürth wohnte, verkauft, und dieser machte weiter keinen nachtheiligen Gebrauch davon. Wir hatten Empfehlungsschreiben an mehrere Herren in Fürth, unter welchen Herr Moses Gosdorf von den Geachtetsten, von welchen wir freundlich aufgenommen und zu Tische eingeladen wurden. Von Hause wurden wir angewiesen, in Fürth zu bleiben, bis wir Ordre bekämen, die Reise nach der Heimath antreten zu können. Wir blieben über die Pfingsttage in Fürth. Nach den Feiertagen bekamen wir eine Vorladung zur Polizei, wo uns angedeutet wurde, binnen 48 Stunden Fürth zu verlassen; ich erfuhr, daß dies vom jüdischen Vorstand veranlaßt wurde, und durch Herrn Gosdorf erfuhr ich, daß wir deshalb ausgewiesen wurden, weil ich mich mit einem Rasirmesser rasiren ließ. Da half keine Vorstellung, wir mußten Fürth verlassen. Wir gingen nach einer Vorstadt von Nürnberg, denn in der Stadt war der Aufenthalt den Juden nicht erlaubt.11) Die Briefe von zu Haus, die wir nach Fürth adressiren ließen, holten wir von dort. Endlich wurden wir angewiesen, unsere Heimreise anzutreten, was wir sogleich unternahmen. Als wir in dem letzten bairischen Grenzort Weilhaus ankamen, wurde mir ein Schreiben übergeben, nicht die österreichische Grenze zu überschreiten, weil wir der Gefahr ausgesetzt wären, als Rekruten abgeliefert zu werden. Man wies uns an, nach Bayreuth zu gehen, und lag auch eine Empfehlung an einen Herrn Engel bei. Noch muß ich eines Vorfalls in Nürnbergs Vorstadt Gostenhof, als wir in einem Gasthof bei einem Glas Bier und Butterorod unser Mittagsmahl einnahmen, erwähnen. Ein Gast, der als Jude leicht erkenntlich war, fragte, ob wir Juden wären. Darauf brach derselbe in Schimpfworte aus und fluchte uns, daß wir eine Misse Meschinne (schimpflichen Tod) einnehmen sollten, weil wir mit einem Messer und Butter von einem Goi essen. Ich rufte den Wirth und sagte ihm, daß der Jude mir schimpfte, daß wir seines Messers uns bedienten, ob es denn bei ihm so unrein herging; worauf der Wirth den lieben Juden packte und hinauswarf. Wir reisten sofort nach Bayreuth und kamen den anderen Vormittag dort an. Herr Engel, ein stattlicher schöner Mann empfing uns freundlich, und nachdem er das Empfehlungsschreiben gelesen, lud er uns ein, bei ihm zu wohnen. Es wurden uns zwei schöne möblirte Zimmer eingeräumt, und dieser edle Mann -gab uns Frühstück, Mittag und Nachtmahl. Er bedauerte, uns nicht an seinem Tische zu bewirthen, weil er in tiefer Trauer über den Verlust seiner Gattin, die schön und liebenswürdig, die er unendlich geliebt, untröstlich war. Es behagte uns recht wohl bei Herrn Engel und war der Aufenthalt in Bayreuth ein recht angenehmer. Herrn Engel sahen wir selten. Nach einem Aufenthalt von vier Wochen ließ mich Herr Engel rufen und sagte mir, daß das unbeschäftigte Leben und Müßiggehen für so junge Leute verderblich wäre; er hätte deshalb bei einem Freund in Hamburg sich für uns verwendet und für mich bereits eine Anstellung erwirkt, die ich sogleich antreten könnte. Ich dankte ihm für seine gutgemeinte Absicht und muß ich erst die Zustimmung meiner Eltern einholen. Als diese nicht erfolgte und uns Hoffnung gegeben wurde, bald nach Hause zurückkehren zu können, theilte ich das Herrn Engel mit. Dieser erklärte, da wir auf seinen gut gemeinten Vorschlag nicht eingehen, so sollten wir sein Haus verlassen. Er versprach mir ein Empfehlungsschreiben an Baron N.. Besitzer eines Gutes Emet bei Burgkundstadt zu geben, der sein Freund ist und uns freundlich aufnehmen wird. Wir machten uns auf den Weg, es war im Monat August, ein sehr heißer Tag. Gegen Mittag passierten wir Burgkundstadt; vor der Stadt zog ich meine Jacke aus und legte sie auf das Felleisen, das ich trug. In der Tasche der Jacke hatte ich ein Beutelchen mit ca. 40 fl." Von Burgkundstadt nach Emet ist ein tüchtiger Berg zu ersteigen. Wir hatten die Hälfte des Berges erstiegen, als ich Bruder Leopold fragte, der hinter mir ging: „liegt die Jacke auf dem Felleisen?" „Nein, du hast sie verloren." Das war ein Donnerschlag für mich. Das in der Jacke befindliche Geld war das einzige, was wir hatten. Tch warf mich zur Erde, ich konnte mich auf den Füßen nicht erhalten. Bruder Leopold rannte den Berg hinab, durch Burgkundstadt, jedermann, dem er begegnete, fragend um Auskunft, doch ohne Erfolg. Er ging vor das Thor, da frag ihn jemand, was er denn suche und als er es ihm gesagt hatte, führte er ihn zu einem Gerber, der die Jacke gefunden. Anfangs wollte er es leugnen, auf die Vorstellung Leopolds und auf das Hinweisen, wie unglücklich und elend wir wären, brachte der Gerber die Jacke, und das Beutelchen befand sich in der ") Im Jahre 1499 mußten die Juden Nürnberg, wo sie nachweislich seit 400 Jahren wohnten, verlassen. Die meisten zogen damals nach dem benachbarten Fürth, einige Familien anch nach Frankfurt a. M. Erst seit 1839 erhielten die Juden wieder die Erlaubnis, in Nürnberg zu wohnen, nachdem ihnen unter schimpflichen Bedingungen das Betreten der Stadt seit 1693, in liberalerer Weise seit 1800 gestattet worden war. Tasche. Dem Finder mußte er einige Gulden geben. Wer schildert mein Entzücken, als ich meinen Bruder den Berg hinaufrennen sah, die Jacke hoch haltend. Nachmittag erreichten wir Emet, ein kleines Dorf. Ich ging sogleich auf das Schloß, um meinen Brief an B. abzugeben. Man wies mich nach dem Garten; ich fand zwei Herren, der eine reich gekleidet und besternt, der andere im Hauskleid. Dieser fragte, was ich wolle. „Ich habe dem Herrn Baron einen Brief zu übergeben." Er nahm mir ihn ab und erbrach das Siegel. Indes näherte sich der andere Herr, sah in den Brief und fragte: „Wer ist der Schreiber, der dich lieber Freund nennt?" „Es ist ein Herr Engel in Bayreuth." „Was, ein Jude wagt es, dich Freund zu nennen?" Der Baron sagte verlegen: „dieser Engel ist ein Freund des Ministers Hardenberg". Der Baron hieß mich den anderen Tag wiederkommen. Als ich den anderen Tag mich wieder einstellte, machte er mir Vorwürfe, daß ich ihm den Brief von Engel im Beisein seines Bruders, des Reichshofraths übergab. Er sprach mit mir in jüdischem Jargon. Endlich sagte er mir: „Mein Freund Engel hat Sie mir aufs beste empfohlen, dem zu Folge nehme ich Sie hier auf. Sie können sich hier ein Haus bauen, Handel treiben, auch werde ich ein jüdisches Bes-chajim herstellen, wo Sie sich können begraben lassen." Wir fühlten uns in diesem armseeligen Ort ganz verlassen. Einige arme Judenfamilien gab es da, worunter einer aus Böhmen, der uns Theilnahme bezeugte. Da wir ihm sagten, daß wir Briefe von Hause erwarten, die uns in kurzer Zeit nach Hause berufen werden, so gab er uns den Rath, Pletten12) zu nehmen, nämlich in den naheliegenden jüdischen Gemeinden als mittellose Reisende zu schnorren. Wir gingen nach längerem Zureden darauf ein, es zu versuchen. Unser Rathgeber schrieb mir die Namen der Orte, wo Judengemeinden sind, auf, und traten wir unsere Wanderung an. Ein niederdrückendes, beschämendes Gefühl ergriff uns beim ersten Versuch. Beim..... mußte um die .....") den Gastgeber aufsuchen. Diese sind meist Viehhändler und die Woche über nicht zu Haus. Man wird von der Hausfrau empfangen, erhält Abends Suppe und Brod, Nachtlager, früh wieder Suppe und einige Kreutzer. Bald hatten wir es satt und gaben es auf. Wir erhielten ein Schreiben vom Hause, in welchem wir angewiesen wurden, nach Bamberg uns zu begeben und uns dem dortigen jüdischen Vorsteher, Herrn Abraham Neuzedlitz, vorzustellen — wo beiliegend ein Empfehlungsschreiben sich befand. Wir machten uns sogleich auf den Weg dorthin. Es war im Jahre 1800 im Monat September. Wir näherten uns dem Kriegsschauplatz. Die Franzosen hatten Regensburg passirt, die Oesterreicher standen in Bamberg. Die Dörfer, die wir passirten, waren von österreichischen Soldaten besetzt. Spät am Abend kamen wir in einem ziemlich großen Dorfe in der Nähe von Bamberg an. Wir wollten im ersten Gasthof einkehren, wurden zurückgewiesen, so ging es uns beim zweiten. Als wir auch beim dritten vom Wirth abgewiesen worden — es war ein alter Mann — machten wir ihm Vorstellungen, wie unrecht er thue, uns bei Nacht dem Wetter preiszugeben. Endlich nach langem Zureden sagte er, wir wären französische Spione. Unsere Versicherung, wir wären Oesterreicher, glaubte er nicht. Nun sagten wir ihm: „wir sind Juden." „Zeigen Sie die zehn Gebote." Die konnten wir nicht zeigen, da wir keine hatten. Da brachte der Wirt einen Laib Brod: „Wie heißt dies hebräisch?" „Lechem", sagte ich, und der gute Alte war zufrieden gestellt. Wir stillten unseren Hunger und Durst mit dem Lechem, Butter und Bier. Den anderen Mittag trafen wir in Bamberg ein, gingen sogleich unser Empfehlungsschreiben abzugeben zu Herrn Abraham Neuzedlita. Wir wurden, nachdem dieser das Schreiben gelesen, freundlich aufgenommen und eingeladen, Wohnung bei ihm zu nehmen. Herr Abraham Neuzedlitz war ein alter, schlichter Mann, ganz Jude in Sprache und Kleidung, aber auch gastfreundlich und wohltätig. Er lud uns Samstags und Feiertags zu Tisch; er war ein sehr andächtiger, frommer Mann, und als er am Versöhnungstag Abend aus der Synagoge nach Hause kam, lud er uns ein, mit ihm auf den Dachboden zu gehen und die Lewone mekadesch zu sein, das heißt, den Mond durch ein Gebet zu heiligen, etwas, was wir noch nicht gethan. Als der gute Mann sein askenasisch Hebräisch producirte. mußten wir das Lachen unterdrücken, als er aber den Scholem alechem hüpfend und springend uns zum Besten gab, konnten wir des Lachens uns nicht mehr enthalten, und das zurückla) Jargon-Ausdruck, entstanden aus Billet. I3) Lücken im Mannskript. Herrenstoffe Oute Ware und doch billig nur im Tuchlager A. Frankel STIFTSTRASSE 7 elr>e Treppe I-Lagerbesuch «ehr lohnend ■■■■■■■

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