Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 7 (3.1932)
- Date
- 1932-03-01
- Page
- Seite 150 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3094266-3094373-3094380--3134-3097898- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ihr persönlich übergeben sollte. Mit vor Aufregung pochendem Herzen stieg Ring die Treppen zu ihrer Wohnung empor und wurde zu seiner größten Freude empfangen und in ihr Arbeitszimmer geführt. Dort kauerte auf einem Diwan eine kleine Frau von ungefähr 50 Jahren in einem bequemen alten Morgenrock, > um den Kopf ein schwarzes Spitzentuch geschlungen, unter dem die dunklen Locken wirr hervorquollen und die feurigen Augen ihm entgegenblitzten. Nachdem sich Ring schüchtern seines Auftrags entledigt hatte, richtete sich Bettina aus ihrer liegenden Stellung auf und sah ihn scharf, fast unwillig über die ihr lästige Störung an: „Schreibe Sie", sagte sie darauf in dem ihr eigenen Frankfurter Dialekt zu Ring, ..schreibe Sie dem Carriere, daß er mir nicht mehr so viele Studentle auf den Hals schicke soll, ich hab' jetzt gerade genug von der Sorte." — „Sie verzeihen, gnädige Frau", erwiderte Ring verletzt, „wenn ich Sie belästigt habe. Ich wollte Sie nur einmal in meinem Leben sehen und bin vollkommen befriedigt." Dabei verneigte er sich- und ging: bevor er aber die Türe erreichte, rief sie ihn zurück: ..Bleibe Sie nur ruhig bei mir! Sie scheine mir ein ganz vernünftiger Mensch. Setze Sie sieb und erzähle Sie mir, wer Sie sind und was Sie von mir wolle." So von ihr freundlich aufgefordert, vermochte Ring nicht zu widerstehen und blieb gleich zwei Stunden bei der außerordentlichen Frau. Kurze Zeit darauf erhielt er von ihr eine Einladung zu einer ihrer Abendgesellschaften, welche in jeder Hinsicht ein interessantes Schauspiel boten. Bettina liebte nämlich die verschiedensten, oft schroff einander gegenüberstehenden "Elemente um sich zu versammeln und hatte ihre Freude daran, je schärfer die Geister aufeinander platzten. Karlv. Savigny, der berühmte Rechtslehrer und spätere Justizminister, schüttelte oft bedenklich den schönen gescheitel- ~ ten Kopf und blickte mitleidig auf das bunte Treiben im Hause seiner genialen Schwägerin. Besonderen Anstoß nahm er an dem kleinen, kecken Oppenheim, dem er die Berechtigung absprach, sich Doctor juris utriusque zu nennen, da nach Savignys Ansicht ein Jude unmöglich auch Doctor des Kirchenrechts sein konnte, was zu manchen Neckereien und Häkeleien die Veranlassung gab. Heinr. Bernhard Oppenheim stammte aus Frankfurt, er war ein Sohn des Juwelenhändlers Simon Daniel Oppenheim aus Hanau und ein Enkel des Bankiers Gumpel aus Hamburg, den Heine in seinen Reisebildern als Marchese Gumpelino verewigt hat. Mit neunzehn Jahren bereits Doktor der Rechte, erregte Oppenheim mit seinem runden, rotwangigen Knabengesicht, den dunklen feurigen Augen, durch seinen frühreifen Verstand und seinen sprühenden Geist ein ungewöhnliches Aufsehen in der Berliner Gesellschaft, beson ders in der Damenwelt, deren erklärter Liebling er war. Er wirkte seit 1840 als Dozent für Staatswissenschaften in Heidelberg, redigierte 1848 mit Rüge die Berliner ..Reform", mußte flüchten und lebte 11 Jahre in Frankreich und England. Seit 1862 redigierte er die ..Jahrbücher für deutsche Politik". Von 1873—1877 gehörte er dem Reichstag in der Fraktion der nationaUiberalen Partei an. Besonders wertvoll waren seine Schriften über die Arbeitsverträge sowie über GetreidezöTle. Er starb 1880 in Berlin. Als Bettina einmal von Savigny verlangte, daß er die Habilitierung des von ihr protegierten Oppenheim an der Berliner Universität befürworten sollte, wies der I>erühmte Jurist eine so unerhörte. Zumutung mit den Worten zurück: „Ein Jude kann und darf nie Privatdozent an einer preußischen Universität werden." „Was!" entgegnete Bettina spöttisch, „nicht einmal Privatdozente solle die Jude werde, nicht einmal verhungern därfe se!" — Durch solche Reden, ihre freisinnigen Anschauungen und ihren vorurteilslosen Verkehr ärgerte Frau v. Arnim nicht ohne Absicht ihre Standesgenossen; desto mehr wurde sie besonders von allen talentvollen jüngeren Leuten bewundert und verehrt. IV. Goethe über Jona und Hiob Im 32. Band von Goethes sämtlichen Werken befindet sich unter den Rezensionen in die Frankfurter Gelehrten- Anzeigen eine Besprechung „Predigten über das Buch J o n a s von Johann Caspar L a v a t e r, gehalten in der Kirche am Waisenhause". In der Einleitung äußert sich Goethe eingehend über die eigenartige Persönlichkeit Lavaters, über den er früher kein richtiges Urteil hatte und jetzt erst erkannt habe, man dürfe seine Schritte nicht nach dem gemeinen Maßstabe beurteilen. Nachdem er hierauf auch dem Inhalt der Zueignung der Predigten an Lavaters Freund Hasencamp einige erklärende Worte beigefügt, wählt er zum Gegenstand seiner Besprechung lediglich die erste Predigt, die von der Allgemeinheit der göttlichen Fürsehung handelt. Nach einer Darstellung der Jonas - Geschichte und der Versuche des Propheten, sich dem göttlichen Auftrag zu entziehen, bemerkt Lavater, es sei schwer zu begreifen und noch schwerer zu entschuldigen, daß Jona auf den tollen Einfall geriet, vor dem Angesicht des Herrn zu fliehen und seiner allgegenwärtigen Hand gleichsam zu entlaufen. Goethe tritt dieser Auffassung entgegen und stützt seine Ansicht auf den von den besten christlichen Exegeten jener Zeit (wohl Semler und Michaelis) vertretenen Standpunkt, zur Ablehnung dieses Vorwurfs, „daß ein allgemeines Nationalvorurtheil bei den Juden war. als ob das Angesicht Gottes nur über die Juden leuchte; das heißt, daß Gott nur unter seinem Volke seine Specialprovidenz durch unmittelbare Offenbarungen und andere besondere Wirkungen äußere; ja daß er sich um die Haiden gar nicht bekümmere und sie seiner Vorsorge würdige. Unfehlbar hatte auch Jonas den Gedanken, wenn er nur Gott (wie man sagt) aus dem Gesichte, das heißt aus Palästina wäre, so würde er von so unangenehmen Aufträgen nichts weiter zu befürchten haben — und läßt nicht selbst der ehrliche Charakter des Jonas, den Herr L. in der Folge rühmt, jeden nachdenkenden Leser vermuthen, daß eine solehe durch ein allgemeines Vorurtheil gestimmte Schwachheit bei dieser Flucht zum Grunde müsse gelegen haben?" — Weiterhin hält Goethe den Gedanken Lavaters: „mir scheint unter allen keiner so ganz ausdrücklich, so ganz durchaus, und mit dem größten Fleiße dieß immer vor dem Auge gehabt zu haben, — wie der Verfasser dieses Buchs" unfehlbar etwas übertrieben. Mit vollstem Recht erinnert er ihn an das Buch Hiob, in dem der Satz: ..Gottes Fürsehung ist unergründlich — aber doch immer durch den Ausgang groß und bewunderungswürdig" die offenbare Hauotabsicht des Verfassers gewesen; er betont nochmals seinen Standpunkt, daß im Buch Jonas der Zweck war. das jüdische Vorurteil zu widerlegen und zu zeigen, daß sich Gottes Fürsehung auch auf die Heiden erstrecke. Den Ausführungen Lavaters über den Gedanken: „die Stimme der Fürsehung ist die Stimme Gottes" pflichtet Goethe mit dem Bemerken bei. daß dieser Gedanke seit jeher auch sein Lieblingsgedanke gewesen sei und er sich immer wohl dabei befunden habe. (Wie eingehend Goethe sich mit dem Alten Testament beschäftigt hat, zeigt u. a. der Abschnitt „Israel in der Wüste" in den „Noten und Abhandlungen zu besserem Verständnis des West-östlichen Divans". Schriftl-) Michael Fraenkel Eine Wallfahrt nach Offenbach Den anderen Morgen fuhren wir mit Fahrgelegenheit nach Seeligenhof10), von dort durch den Spessartwald nach Esselbach, wo wir übernachteten. Vorher hatten wir im Walde den Schrecken, von mehreren Männern, die vor uns aus dem Walde hervorkamen, beraubt zu. werden. Unser Kutscher blieb stehen und zeigte uns unter Zittern die Männer, die sich auf der Straße aufstellten. Da hörten wir hinter uns einen Postillon blasen, der uns bald nahe war. Die Männer gingen in den Wald zurück und fuhren dann in Begleitung der Diligence nach Esselbach. Wir wurden vom Hause angewiesen, nach Fürth zu reisen und dort weitere Weisung zu erwarten. Von Esselbach machten wir die Reise über Würzburg nach Fürth und zwar zu Fuß. Auf dem Weg von Esselbach nach Würzburg fühlte ich plötzlich einen nagenden Hunger, der mich so ie) Wohl versdmeben für Seligenstadt. Zur Geschichte der Jakob Frankschen Bewegung. Mitgeteilt von Rabbiner Dr. C. Seligmann. (Schluß) schwächte, daß ich nicht weiter konnte und mußte liegen bleiben- Glücklicherweise kamen Bauernweiber, die mir ein Stück Brod gaben. Später versicherten mich Aerzte, daß, wenn ich nicht zu essen bekommen, ich nicht mehr aufgestanden und zu Grunde gegangen wäre. In Fürth angekommen, logirten wir uns drei in ein Wirtbshaus ein. Hoffinger war ohne alle Mittel und wurde von dem Gelde, das wir in Frankfurt von unserer Familie bekommen, unterhalten. Ich muß hier nachtragen, daß Hoffinger in der Nacht vor unserer Flucht eine Unredlichkeit beging, der Kastenschlüssel der Herren Josef Wehli und Johann Klarenberg, den derselbe unter seinem Kopfpolster, auf dem er sehlief, hatte, sich bemächtigte und das Visionenbuch und eine Tuchjacke mitnahm. Das Buch mußte er mir geben, denn er konnte davon Mißbrauch machen. Was Hoffinger in Offenbach gethan.