Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 7 (3.1932)
- Date
- 1932-03-01
- Page
- Seite 149 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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149 hält im Gedränge manchen Puff ab." Von dem bereits erwähnten David Veit läßt sieh Goethe nicht nur kritische Bemerkungen über sein Werk gefallen, sondern er spricht sich mit dem Jüngling auf einem Spaziergang aus, setzt sich im Theater hinter ihn und zieht ihn angesichts des ganzen Publikums in ein Gespräch. Heinrich Heine hat Goethe in Weimar besucht und zwei Briefe an .ihn gerichtet, die seine glühende Goethe- Begeisterung bezeugen. Am 29. Dezember 1821 schreibt er: ,,Ich hätte 100 Gründe, Euer Exellenz meine Gedichte zu schicken, ich will nur einen erwähnen: ich liebe Sie. Schlegel sagte mir: Lest Goethe. Das habe ich ehrlich getan, und wenn einmal etwas Rechts aus mir wird, so weiß ich, wem ich es verdanke. . . . Ich küsse die heilige Hand, die mir und dem ganzen deutschen Volk den Weg zum Himmelreich gezeigt hat." Heine gibt in einem Brief vom Mai 1S25 eine Schilderung seines Besuches bei Goethe, die für Heine und Goethe in gleicher Weise charakteristisch ist. Er sagt: „Goethes Auge ist die einzige Merkwürdigkeit, die Weimar jetzt besitzt," und in seiner Schrift über die romantische Schule heißt es: „Ich bin überzeugt, daß Goethe ein Gott war." Goethes Tod erwähnt er mit den Worten: „Les Dieux s'en vont". Ganz falsch ist es daher, wenn in dem erwähnten Artikel des Goethe-Handbuchs gesagt wird, Heine habe Goethe gegenüber Neid empfunden. Daß B o e r n e in Goethe nur den Aristokraten sah und ihn deshalb gering schätzte, ist bekannt. Die Aufnahme von Goethes Werken im zeitgenössischen jüdischen Publikum war eine besonders günstige. Darüber heißt es bei Riemer (a. a. 0. S. 208): „Auch waren die Gebildeten meist ztivorkommender und nachhaltiger in der Verehrung sowohl seiner Person wie seiner Schriften als viele seiner Glaubensgenossen. Sie zeigen überhaupt in der Regel mehr gefällige Aufmerksamkeit und schmeichelnde Teilnahme als ein Nationaldeutscher, und ihre schnelle Fassungsgabe, ihr penetranter Verstand, ihr eigentümlicher Witz machen sie zu einem sensibleren Publikum, als leider unter den zuweilen etwas langsam und schwer begreifenden Echt- und Ur-Deutschen angetroffen wird." Nietzsche sagt über das gleiche Thema (Der Fall Wagner): „Man kennt das Schicksal Goethes im moralinsauren; altjüngferlichen Deutschland. Er war den Deutschen immer anstößig, er hat ehrliche Bewunderer mir unter Jüdinnen gehabt." In Goethes Werken finden wir einige Aussprüche über Juden und jüdisches Wesen, die neben größtem Verständnis doch ein scharfes Auge für jüdische Schwächen beweisen. Dem Emanzipationskampf um rechtliche und soziale Gleichberechtigung hat der alte Goethe offenbar ablehnend gegenüber gestanden. Seine Mutter berichtet ihm in ihrem Brief vom i. Juli 1808 über die Schleifung der Frankfurter Stadtwälle zur Zeit des Fürst Primas mit den Worten: „Bei dem kleinsten Sonnenblick sind die Menschen ohne Zahl vor den Toren Christen — Juden _-— pele mele alles durcheinander in der schönsten Ordnung. . . . Für dies Pele-m61e und alles durcheinander ist Goethe als Mann der Ordnung nicht gewesen. Das beweist einmal seine Auslassung in „Dichtung und Wahrheit": „Die Duldsamkeit der religiösen Parteien gegeneinander ward nicht bloß gelehrt, sondern auch ausgeübt, und mit einem noch größeren Einfluß ward die bürgerliche Verfassung bedroht, als man Duldsamkeit gegen die Juden mit Verstand. Scharfsinn und Kraft der gutmütigen Zeit anzuempfehlen bemüht war." Ueber das neue Weimarer Judengesetz vom 20. Juni 1823. das die Mischehen gestattet, hat er, wie Kanzler von Müller uns berichtet, seinen leidenschaftlichen Zorn ausgegossen. Von den Aussprüchen über die Juden seien nur die folgenden wiedergegeben: Bd. 4, S. 242: Jüdisches Wesen. Energie der Grund von allem. Unmittelbare Zwecke. Keiner, auch nur der kleinste geringste Jude, der nicht entschiedenes Bestreben verriete und zwar ein irdisches, zeitliches, augenblickliches. „T,idensprache hat etwas Pathetisches". „Deutsche gehen nicht zugrunde, so wenig wie die Juden, weil es Individuen sind." „Deutsche wie Juden lassen sich wohl unterdrücken, aber nicht vertilgen." „Das Gesetz macht den Menschen, nicht der Mensch das Gesetz. So hat Mosis Gesetz die Juden gemacht." „Der Jude hat Nationalität und Patriotismus mehr als 100 leibeigene Geschlechter." Die berühmtesten Werke über Goethe haben jüdische Schriftsteller zu Verfassern. Es genügt, an die Goethe-Schriften von Georg Brandes, Bielschowsky, Ludwig Geiger, Gundolf, Emil Ludwig, Simmel. Witkowsky zu erinnern. Mit einem Goetheausspruch aus „Wilhelm Meisters Wanderjahren", der Goethes zwiespältige Stellung vielleicht am besten wiedergibt, möchte ich schließen: „Das israelitische Volk hat niemals viel getaugt, wie es ihm seine Anführer, Richter, Vorsteher, Propheten tausendmal vorgeworfen haben: es besitzt wenig Tugenden und die meisten Fehler anderer Völker; aber an Selbständigkeit, Festigkeit, Tapferkeit und, wenn alles das nicht mehr gilt, an Zähigkeit sucht es seinesgleichen. Es ist das beharrlichste Volk der Erde, es ist, es war, es wird sein, um den Namen Jehova durch alle Zeiten zu verherrlichen." Rechtsanwalt Otto Rothbarth n. Goethe und Jacob Frank Daß Goethe jemals an dem Sektierer Jacob Frank Interesse genommen hat, an den der von Cäsar Seligmann in der Februarnummer des Gemeindeblattes mitgeteilte Porges'sche Bericht ei innert, ist nur dem engen Kreis der Leser des Jahrbuchs der Goethegesellschaft bekannt. Im 14. Band findet sich dort auf Seite 99 eine Notiz darüber, daß ein kurzer Lebensabriß Franks, der sich im wesentlichen mit der letzten Zeit des Lebens des Abenteurers, also mit den Offenbacher Jahren beschäftigt, im Jahre 1791 an Goethe gelangt ist. Auf dem Blatt, auf dem ein Unbekannter diese Mitteilung von Darmstadt aus nach Weimar gesandt hat, findet sich eine kurze Bemerkung des Dichters, der damals an der Abfassung des „Großkophta" arbeitete und die darauf hinweist, wie leicht hilfsbedürftige Menschen sich immer wieder von geschickten Schwindlern betören lassen, die „ihr Üebel mit Hoffnung zu lindern verstehen". Der Herausgeber dieser Notiz, Julius Wahle, erklärt Goethes Interesse an Frank mit seiner leidenschaftlichen Teilnahme an allem Biographischen. Wir dürfen darin aber vielleicht noch etwas Anderes finden, nämlich das Interesse, das Goethe an allem genommen hat, was in der Vaterstadt und in ihrer Nähe, darunter auch in dem ihm so vertrauten Offenbach, vorging. Dazu hat schließlich auch die Frankfurter Judensehaft gehört. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß Goethe sich mit ihr — so sehr dem Enkel des Stadtschultheißen und dem Sohn des Kaiserlichen Rats gesellschaftlich auch die Judengasse fern lag — beschäftigt hat. Die in seinen jungen Jahren entstandene „Judenpredigt" kann nur jemand niedergeschrieben haben, dem das Judendeutsch, wie man es zu Goethes Jugendzeiten in der Gasse gehört haben mag. genau bekannt gewesen sein muß. Dies kleine burleske Stück beweist, in wie starkem Maße Goethe in seinen jungen Jahren das in sich aufgenommen hat, was in der Judengasse vorging. Diese Bekanntschaft kann durch die überraschend große Zahl von Prozessen verstärkt worden sein, die er als junger Anwalt gerade für Frankfurter Juden geführt, und die Ludwig H e i 1 b r u n n vor Jahren in einem Vortrag im Kreise der Frankfurter Goethefreunde geistvoll in Verbindung mit der Entstehung des grandiosen Bruchstücks vom ..Ewigen Juden" gebracht hat. Das Interesse an jüdischen Angelegenheiten hat Goethe auch nach der Entfernung aus der Heimat nicht verloren. Mit wie reger Anteilnahme er zum Beispiel die Entstehung und Entwicklung des Philanthropins verfolgt hat, ist bekannt (vergl. Geschichte des Philanthropins Seite 20/21). In der kleinen Kette der Beweise für die Beziehungen Goethes zu jüdischen Dingen in und um Frankfurt mag daher auch seine Beschäftigung mit der wunderlichen Existenz Jacob Franks ihren Platz finden. B. m. Erinnerungen an Bettina Der Schlesier Max Ring (geb. am 4. Aug. 1817 in Zauditz. Kr. Ratibor, gest. am 28. März 1901 in Berlin), der nach ärztlicher Tätigkeit in Pleß, Gleiwitz und Breslau sich schließlich in Berlin völlig der Schriftstellerei widmete, und dessen Zeitromane in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts besonderen Anklang fanden, hat auch wertvolle Erinnerungen geschrieben, aus denen die folgenden interessanten Schilderungen wiedergegeben seien. Als Ring zur Fortsetzung seiner Studien die Berliner Universität bezog, lernte er eine Reihe talentvoller junger Leute kennen und befreundete sich insbesondere mit dem nachmaligen berühmten Philosophen Moritz Carriere, der viel im Hause der Bettina v. Arnim verkehrte. Als Carriere für längere Zeit nach Italien gereist war, erhielt Ring einen Brief mit einem mündlichen Auftrag von ihm für Frau v. Arnim, welchen er