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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-03-01 · 7 (3.1932) · p. Seite 148

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
7 (3.1932)
Date
1932-03-01
Page
Seite 148 (sequence 6)
Language
German
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Beschränkungen seiner Frankfurter Glaubensgenossen verfaßt hatte, und eine Gegenschrift, die der Dichter im einzelnen trefflich, aber als Ganzes nicht rasch, kühn und lustig genug geschrieben fand, „um jenen Humanitätssalbader vor der ganzen Welt ein für allemal lächerlich zu machen". Aber trotz dieser Haltung bat Goethe die „liebe kleine Freundin" nun auch um die „Judenstättigkeit" selbst; er wollte sich ein sachliches Urteil bilden. Und viel freundlicher als über diese Broschüren schrieb er an Bettina über die neuen Bildungsbestrebungen der Juden, von denen er durch sie erfuhr, von denen sie ihm als Beweise zwei Aufsätze aus dem ersten Jahrgang der Zeitschrift „Sulainith" und zwei Broschüren von Molitor schickte. Es war die von Pestalozzischen Gedanken erfüllte Schrift, die Molitor als Mitleiter und bedeutendste Persönlichkeit der neuen Freischule für arme Kinder jüdischen Glaubens dem Konspekt des Examens von 1807 beigefügthatte: „Einige Worte über Erziehung" und sein Büchlein „Ueber bürgerliche Erziehung". Für diese ..Dokumente philanthropischer Christen- und Judenschaft" bedankte sich Goethe bei Bettina herzlich; er ermunterte sie: „Fahren Sie fort, mir von diesen heilsamen Anstalten, als Beschützerin derselben, von Zeit zu Zeit Nachrichten zu geben." Das waren nicht nur liebenswürdige Worte; die in Goethes Bibliothek erhaltene Broschürensendung Bettinas, die der Dichter auf dem Umschlag selbst mit der Aufschrift „Jüdisch- Paedagogische Franco-furtensien" versehen hat, zeigt die Spuren von Goethes genauem Lesen: in den Aufsätzen aus der Sulamith hat er Druckfehler verbessert. Molitors Ausführungen über die Pestalozzische Methode waren ihm sehr bemerkenswert; er freute sich darauf, daß Bettina ihm noch mehr von diesem christlichen Leiter des jüdischen Phiknthropins mitteilen wollte. „Wo Bettina ist, da ist Leben", hat der beste Kenner dieser einzigartigen Frau gesagt; auch bei ihrem Wirken für die Frankfurter Juden hat sie die Sprödigkeit und Kühle, mit der Goethe der politischen Befreiung der Ghettobewohner gegenüberstand, durch die unentwegte Hinführung zu Geistigem, zu Bildungselementen besiegt und ihm eine lebendige Anteilnahme an dem Aufstieg der Frankfurter Juden abgerungen. Diese Episode war die letzte Berührung Goethes mit der Frankfurter Judengasse. Der endgültige Fall der Ghettomauern und der bald folgende Rechtsstreit der Juden um die wieder entrissene Gleichberechtigung hat ihn nicht beschäftigt. Er nahm an ganz anderen, großen geschichtlichen Ereignissen, an Bewegungen, die alles rings um ihn .aufrüttelten, keinen Anteil. Kühl stand er der Erhebung von 1813 gegenüber; während der Freiheitskriege vertiefte er sich in chinesische Geschichte, in Weisheit und Poesie des Morgenlandes. Die Julirevolution ließ ihn gleichgültig. Wie hätte da ein viel unwesentlicheres Geschehen, der Kampf der Frankfurter Juden um ihr Bürgerrecht, Goethe berühren sollen! — Nur als ein ganz kleines Erlebnis kann die Frankfurter Judengasse in dem Reichtum seines Daseins betrachtet werden. Aber die Gemeinde darf sich im Goethejahr daran erinnern, daß auch das Leben, das Leiden und Lernen ihrer Vorfahren an Goethes dichterisches Ahnen und an Goethes Menschentum gerührt haben. In Goetl Ueber Goethes Einstellung zum Judentum und zu Juden Wenn man sich in Goethes Aeußerungen über Judentum und Juden ohne Vorurteil versenkt, so wird man zwei Beobachtungen bestätigt finden, die Simmel und Gundolf gemacht haben. Die eine: Goethes Stellung zu bestimmten Kulturproblemen, also auch zu dem unsrigen, ist im Alter eine andere als in seiner Jugend. Die zweite: Mit Goethe-Worten läßt sich trefflich streiten, und die Auffassung hängt schließlich ab vom Standpunkt des Betrachters. Wie sehr das gerade für unser Thema stimmt, das erlebt man, wenn man zunächst in den Mitteilungen von Riemer (s. Riemer, Mitteilungen über Goethe. Insel-Ausg. S. 208), der Goethe aus langem, vertrautem Umgang kannte, das Kapitel „Juden" und dann den Artikel „Judentum und Juden" im Goethe-Handbuch (Herausg. Dr. Julius Zeil er) liest. Meiner Ansicht nach gibt Riemer die Auffassung Goethes richtig wieder, während die Auffassung im Goethe- Handbuch nur durch Vorurteile des Verfassers zu erklären ist. Ich will im Folgenden versuchen, kurz darzulegen, wie sich mir auf Grund des Studiums der Lebensäußerungen Goethes seine Auffassung darstellt. Goethe hat das Schicksal vieler großen Menschen: er ist mit Schlagworten etikettiert worden. So hat man ihn den großen Heiden genannt, ein Vorurteil, gegen das er sich selbst gewehrt hat in jenem Gespräch mit dem Kanzler von Müller vom 7. April 1830: „Wer ist denn noch heutzutage ein Christ, wie Christus ihn haben wollte? Ich allein vielleicht, obgleich Ihr mich für einen Heiden haltet." Goethe ist ein tief religiöser Mensch gewesen, aber von konfessioneller Engherzigkeit hat er sich frei gehalten, wie das schöne Wort beweist: ..Welche Religion ich bekenne? Keine von allen Die Du mir nennst. Und warum keine? Aus Religion." Goethe hat einmal als den Sinn aller seiner Schriften den Triumph des Rein-Mensch liehen bezeichnet, und Simmel setzt hinzu: „Es ist der gesamte Sinn seiner Existenz gewesen." Riemer hat daher recht, wenn er sagt, daß Goethe kein seiner als Natur- und Geschichtsforscher unwürdiges Vorurteil gegen die Juden haben konnte. Allerdings ist hier eine Einschränkung am Platze: Ein Glaubensvorurteil gegen die Juden hat er nicht gehabt, aber auch dieser große Mensch ist von den Stimmungen und den Vorurteilen seiner Zeit nicht frei geblieben. Wenn er in „Dichtung und Wahrheit" die Eindrücke schildert die er als Knabe bei häufigen Besuchen in der Judeng a s s e empfangen hat, so hat man die Empfindung, daß dieser Besuch so auf ihn gewirkt hat, wie etwa auf uns der Besuch eines Zigeunerlagers. Man mag diese Schilderung an Ort und Stelle nachlesen (Bd. 22, S. 175 ff. in der Cottaschen Jubiläumsausgabe), desgleichen den Brief an seinen Freund Schönborn über den Brand der Judengasse im Jahre 1774. (Vgl. hierzu den Aufsatz von Dr. S. Hirsch in dieser Ausgabe.) Bereich Die Geschichte 'der jüdischen Nation, die Bibel, die hebräische Sprache, Judendeutsch und Jüdische Sage haben Goethes besonderes Interesse erweckt, und ihr Einfluß auf ihn als Bildungsmittel ist nicht zu unterschätzen. Er bekennt in „Dichtung und Wahrheit", daß ihm das Alte Testament wegen seiner Eigentümlichkeit von jeher zugesagt habe. Man sagt ihm, daß zum Verständnis des Alten Testaments die Kenntnis der hebräischen Sprache nötig sei, und er erlangt vom Vater die Einwilligung, Hebräisch zu lernen. Auch das Judendeutsch eignet er sich an und vermag es ebenso gut zu schreiben wie zu lesen. In seiner Leipziger Studentenzeit verfaßt er eine Judenpredigt in Judendeutsch. Abraham, Moses und David stellt er mit Jesus und Mohammed in eine Reihe (Bd. 5, S. 137). Er übersetzt das Hohe Lied Salomonis und nennt es die herrlichste Sammlung von Liebesliedern, die Gott erschaffen habe. In „Dichtung und Wahrheit" gibt er eine ausführliche Analyse der biblischen Urgeschichte (Bd. 22, S. 152). In den Noten und Abhandlungen zum West-Oestlichen Divan findet sich ein Kapitel über „Israel in der Wüste". Im Prolog zum Himmel in Faust I finden sich deutliche Anklänge an das Buch Hiob, und Moses' sagenhaftes Ende hat ihm das Motiv für den Tod des Faust gegeben. Noch in Goethes Nachlaß hat man biblische Studien vorgefunden. Der Sagenstoff vom Ewigen Juden fesselt sein Interesse und regt ihn zum Gedicht „Der ewige Jude" an, von dem der jüdische Literarhistoriker R. M. Meyer rühmt: „Es gibt wohl kein Gedicht oder Gedichtstück Goethes, den Faust ausgenommen, aus dem uns so unmittelbar mit hinreißender Wirkung seine Genialität entgegenträte, wie aus diesem wunderbaren Fragment." Der Einfluß, den das Studium Spinozas, insbesondere seiner Ethik, auf die Weltanschauung Goethes gehabt hat, ist bekannt und an Bedeutung gar nicht zu überschätzen. Goethe bekennt selbst in einem Brief an Zelter bei'Erwähnung des Botanikers Linn6: „Außer Shakespeare und Spinoza wüßte ich nicht,vdaß irgend ein Abgeschiedener eine solche Wirkung auf mich getan." Aber auch mit jüdischen Zeitgenossen hat Goethe in .persönlicher Beziehung gestanden. Kurz vor seiner Abreise nach Straßburg hat er eifrig Moses Mendelssohns „Phädra oder über die Unsterblichkeit der Seele" studiert und mit dem jüdischen Medizinstudenten David Veit hat sich der alte Goethe über Salomon Maimon unterhalten. Ein Drama des jüdischen Dichters Michael Beer, des Bruders Meyerbeers, findet seinen Beifall, und er führt das Stück in Weimar auf. Felix Mendelssohn spielt ihm in Weimar Klavier vor, und Goethe wendet ihm seine väterliche Liebe zu. Er duzt ihn und beim Abschied küßt er ihn. In zahlreichen Briefen Goethes an Zelter ist von ihm die Rede. Den jüdischen Maler Oppenheim fördert Goethe durch seinen Rat, und als Oppenheim vom Großherzog von Weimar den Professortitel erhält und sich dafür auch bei Goethe bedankt, spricht Goethe die für ihn charakteristischen Worte: „Ein Titel und ein Orden

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