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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-03-01 · 7 (3.1932) · p. Seite 147

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
7 (3.1932)
Date
1932-03-01
Page
Seite 147 (sequence 5)
Language
German
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Wirtshaus bei der Judengasse einander die Köpfe abhieben, diese von einem Balbierer halbieren ließen und dann einander wieder aufsetzten. So war das Märchenhaft-Schreckliche in die Nähe des seltsamen Judenviertels gelegt; das wirkte auf die kindliche Einbildungskraft furchterregend und anreizend zugleich. Der Knabe las auch das Volksbuch von Ahasverus, dem ewigen Juden; da war an die Zeugnisse von seiner ruhe- « losen Wanderschaft eine fromme Schlußbetrachtung angehängt über die unbußfertigen Juden, die Stadt, Polizei und Regiment verloren hätten und nun in Ungewißheit und Angst zerstreut wohnten. Dies alles mußte, so wenig Ermunterung auch Elternhaus und Lektüre gaben, doch die Neugier eines Jungen locken, der als einen Zug seiner frühen Kindheit die Lust nennt, „bloß menschliche Zustände in ihrer Mannigfaltigkeit und Natürlichkeit, ohne weiteren Anspruch auf Interesse oder Schönheit zu erfassen". Aber Goethe reihte in seinen Lebenserinnerungen die Schilderung der Judengasse nicht den Spaziergängen in der Vaterstadt an, von denen er im ersten Buch von Dichtung und Wahrheit berichtet. Was die Berührung mit dem Ghetto einst an Stimmungen und Gedanken in dem Kind ausgelöst hatte, das schien dem alten Goethe, der mit wissenschaftlicher Wahrheit das große Werk über sich und seine Zeit schrieb, doch etwas anderes als der Gewinn von den ersten fröhlichen Entdeckungsgängen. Von seinen Erlebnissen in der Judengasse erzählte Goethe im vierten Buch von Dichtung und Wahrheit, das man nach seinem Inhalt und Grundgedanken das Buch der Bildungselemente genannt hat. Denn hier berichtete der Dichter von dem verschiedenartigen Unterricht, den er empfing, besonders ausführlich von seinen hebräischen Privatstunden. Und wie das Lernen des Hebräischen, zuerst nur als Hilfsmittel gedacht, um für erheiternde schriftstellerische Versuche in das „barocke Judendeutsch" einzudringen, dann zu dem höheren Wunsch, zum wirklichen Verstehen der Bibel führte und zu einem Element der Bildung und der dichterischen Einbildungskraft wurde, so ging es Goethe ähnlich mit dem Ghetto. Daraus erklären sich Ort und Art der Darstellung in Dichtung und Wahrheit. „Zu den ahnungsvollen Dingen, die den Knaben und auch wohl den Jüngling bedrängten, gehörte besonders der Zustand der Judenstadt, eigentlich die Judengasse genannt, weil sie kaum aus etwas mehr als einer einzigen Straße besteht". So beginnt Goethe seine Schilderung, die treu alle Stimmungen der Kindheit wiedergibt. Er hebt hervor, wie schrecklich der Eindruck war, wenn man, auch nur am Tore vorbeigehend, in die Gasse hineinsah: die Enge, der Schmutz, das Gewimmel — alles das, was Börne, der Sohn der Judenstadt, noch viel düsterer dargestellt hat. Man spürt, wie der Knabe die aus Erziehung und Lektüre mitgebrachte Angst überwinden mußte, wenn Goethe bekennt: „Es dauerte lange, bis ich allein mich hineinwagte, und ich kehrte nicht leicht wieder dahin zurück". Und es zeugt wieder für das Bemühen um gerechte, wahrhaftige Schilderung, wenn Goethe den ausgestandenen Schrecken nicht allein auf die Zudringlichkeiten der Menschen in der Gasse zurückführt, sondern betont, daß die alten Märchen von Grausamkeit der Juden gegen die Christenkinder düster vor dem jungen Gemüt schwebten. So schwankt der Knabe, nach Goethes treuem Bericht, zwischen einer, auch allgemein heranreifenden, besseren Meinung vou den Juden und dem Vorurteil, das gerade in der Reichsstadt durch mancherlei öffentliche Beschimpfung lebendig war. Aber er dringt doch, wohl vor allem durch seine Liebe für das Alte Testament, das seinem Geist Frieden und Sammlung gab, auch hier zur Erkenntnis, wenn er seine Betrachtung über die Juden damit schließt: „Indessen blieben sie doch das auserwählte Volk Gottes und gingen, wie es nun mochte gekommen sein, zum Andenken der ältesten Zeiten umher. Außerdem waren sie ja auch Menschen, tätig, gefällig, und selbst dem Eigensinn, womit sie-an ihren Gebräuchen hingen, konnte man seine Achtung nicht versagen. Ueberdies waren die Mädchen hübsch und mochten es wohl leiden, wenn ein Christenknabe, ihnen am Sabbat auf dem Fischerfelde begegnend, sich freundlich und aufmerksam bewies. Aeußerst neugierig war ich daher, ihre Zeremonien kennen zu lernen. Ich ließ nicht ab, bis ich ihre Schule öfters besucht, einer Beschneidung, einer Hochzeit beigewohnt und von dem Lauberhüttenfest mir ein Bild gemacht hatte. Ueberall war ich wohl aufgenommen, gut bewirtet und zur Wiederkehr eingeladen; denn es waren Personen von Einfluß, die mich entweder hinführten oder empfahlen." So halfen, in echt jugendlicher, aber auch Goethes Wesen glücklich kennzeichnender Verbindung, Wissensdrang, Empfänglichkeit für weibliche Anmut, verstehendes Menschentum allmählich über mittelalterliche Mauern und Vorurteile hinweg. Diese Anteilnahme blieb, sie bewährte sich auch, als in der Nacht vom 28. auf den 29. Mai 1774 große Not über die Ghettobewohner kam. Es war in einer für Goethes Innenleben bedeutsamen Zeit. Er war nun der gefeierte Dichter des Götz und des Werther, eine Fülle anderer Pläne brauste in ihm, aber mitten in einem genial übermütigen Vorwärtsstürmen zog ihn, wie einst den hin und her gerissenen Knaben die Bibel, die Lehre Spinozas zu Besinnung und Sammlung. Der jüdische Weise gab ihm damals ein Stück von jener glückseligen Stille, die nicht die Grundstimmung des jugendlichen Feuergeistes bleiben konnte, die aber schon den Frieden von Fausts Studierzimmer in sich trug: „Entschlafen sind nun wilde Triebe Mit ihrem ungestümen Tun; Es reget sich die Menschenliebe, Die Liebe Gottes regt sich nun." So entfaltete sich damals in dem jungen Dichter, der sich so oft in einem wilden, wüsten Wesen verlor, die Richtung zu einem sittlichen Enthusiasmus, wie Goethe im sechzehnten Buch von „Dichtung und Wahrheit" berichtet. Als ein „Geschichtchen" von solchem Handeln führt Goethe sein Eingreifen bei dem Unglück an, das in jener Mainacht die Juden betroffen hatte: „In der sehr eng ineinandergebauten Judengasse war ein heftiger Brand entstanden. Mein allgemeines Wohlwollen, die daraus entspringende Lust zu tätiger Hilfe trieb mich, gut angekleidet, wie ich ging und stand, dahin. Mau hatte von der Allerheiligengasse her durchgebrochen; an diesen Zugang verfügt' ich mich. Ich fand daselbst eine große Anzahl Menschen mit Wassertragen beschäftigt, mit vollen Eimern sich hindrängend, mit leeren herwärts. Ich sah gar bald, daß, wenn man eine Gasse bildete, wo man die Eimer herauf- und herabreichte, die Hilfe die doppelte sein würde. Ich ergriff zwei volle Eimer und blieb stehen, rief andere an mich heran, den Kommenden wurde die Last abgenommen, und die Rückkehrenden reihten sich auf der andern Seite. Die Anstalt fand Beifall, mein Zureden und persönliche Teilnahme ward begünstigt, und die Gasse, vom Eintritt bis zum brennenden Ziele, war bald vollendet und geschlossen." Wohl knüpft der alte Goethe an diese Rückschau die offenherzige Schilderung von dem Uebennut an, der durch die lebendige Maschinerie der beinahe lustig die Eimer reichenden jungen Menschen entstand und zu Unarten gegen die armen Flüchtlinge führte. Aber er berichtet auch, wie er dafür sorgte, daß dieses mutwillige Anspritzen aufhörte. Er war in guten Kleidern, trug feine Schuhe und seidene Strümpfe; lachend und kopfschüttelnd sahen ihn herantretende Freunde bei seiner eifrigen Löscharbeit im Nassen stehen. Aber er hielt lange stand, brachte andere dazu, sich anzuschließen, und es lag ihm nichts daran, daß sein „unschuldiges Wagnis" allgemein bekannt und zur Stadtgeschichte des Tages wurde. Man hat ein eigentümliches Gefühl, wenn Goethe seine Hilfeleistung dann als eine unbedachtsame Handlung, als Ausfluß irgendeiner gutmütigen Grille erklärt, aber man spürt gerade in dieser treuen Darstellung einer guten Tat die aus Vorurteil und jugendlichem Stolz gemischte Scheu vor Weichheit und Güte. Der junge Doktor Goethe, der angesehene und allenthalben berühmte Sproß der Patrizierfamilie dachte und sprach wohl von seinem LiebesAverk für die Judengasse wie Lessings Tempelherr, der zu Daja sagt: „Ich will von Euch an eine Tat Nicht fort und fort erinnert sein, bei der Ich nichts gedacht; die, wenn ich drüber denke, Zum Rätsel an mir selbst wird. Zwar möcht' Ich sie nicht gern bereuen." Aber gerade hinter diesem Trotz, dieser rauhen Tugend erkennen wir mit dem weisen Nathan: „Die Schale kann nur bitter sein: der Kern Ist's sicher nicht." Wie es ihm wirklich ums Herz war, als er bei dem Brand löschen half, offenbarte Goethe in einem Brief au einen Freund: „Ich schleppte auch meinen Tropfen zu, und die wunderbarsten, innigsten und mannigfaltigsten Empfindungen haben mir meine Mühe auf der Stelle belohnt. Ich habe bei dieser Gelegenheit das gemeine Volk wieder näher kennen gelernt und bin aber- und abermals vergewissert worden, daß das doch die besten Menschen sind."-- Bald nach diesem Erlebnis verließ Goethe für immer die Vaterstadt, die ihm seit der Gretchenkatastrophe innerlich entfremdet war. Auch die Judengasse schwand aus seinem Gesichtskreis; sie ward erst Jahrzehnte später wieder ein Gegenstand seiner Aufmerksamkeit, als die große geschichtliche Umwälzung auch die Ghettomauern erschütterte. Was ihm die Mutter davon schrieb — es war im Januar 1808 — das waren ironische Mitteilungen über die Enttäuschung der Frankfurter Juden, die nach Karl von Dalbergs ersten Maßnahmen auf völlige Befreiung gehofft hätten, vor denen aber durch die „Neue Stättigkeit und Schutz-Ordnung" die geöffneten Tore wieder zugeschlagen worden wären. Wir haben keine Antwort Goethes auf diesen Brief. Aber zugleich mit der Mutter und doch mit anderer Gesinnung und Wirkung weckte eine Frau die Anteilnahme des Dichters an den Menschen der Judengasse: Bettina Brentano, die warmherzige Helferin aller, die für ihr Recht und ihre Freiheit kämpften. Es ist erhebend, zu verfolgen, wie sie bei ihren Bemühungen für die Juden um die Seele Goethes ringt. Von Bettina erhielt Goethe auf seine Bitte die Schrift, die Israel Jakobsohn wegen der erneuten

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