Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-03-01 · 7 (3.1932) · p. Seite 146

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
7 (3.1932)
Date
1932-03-01
Page
Seite 146 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3094266-3094373-3094380--3130-3097894
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

146 Trauerspiele wenig besucht und gegeben werden. Das Orchester wird gerühmt; ein vorzüglicher Sänger ist der Benda, den wir in Berlin verabschiedet haben. Indessen wird er sich wohl auch aus Weimar bald entfernen müssen; das Publikum will nicht recht Geschmack an ihm finden. Der erste Sänger, dessen Namen ich nicht weiß, hat mit seiner Frau, die Sängerin ist, wöchentlich sechzehn Thaler Gage. Das Theater ist sehr klein. Dittersdorf wird häufig gegeben. Wieland versäumt Operetten niemals, so oft er auch eine noch so schlechte gesehen haben mag; Goethe selten; beim Theater ist Goethe just das, was Engel in Berlin, und soll zu seiner Verbesserung schon viel beigetragen haben. Der Schauspieler Beck, den ich in Weimar bei seiner Durchreise sprach, macht mir von der Frankfurter ' Truppe recht gute Hoffnung, aber keine gute Erwartung. Goethe hat jetzt keine juristischen Geschäfte mehr; als Amt hat er das Departement der Gnadenerzeigungen (kein erfundener, sondern der wirkliche Name) sich selbst gewählt. Den von ihm angelegten Park, den er noch immer weiter ausführt, und mit dem er, laut des Herzogs Vollmacht, auch in dessen Abwesenheit machen kann, was er will, müssen Sie sehen. Die angenehme Lage Weimars und die schönen Gegenden rings umher müssen Sie sehen. Die außerordentliche Gegend bei Naumburg und Weißenfels, wo acht bis zehn Meilen hinter Leipzig schon viele Wiesen grünen und wie mitten im Sommer sind, müssen Sie sehen. Ich kann keine Gegend beschreiben; ich kann überhaupt nichts Ganzes durch die theilweise Schilderung so darstellen, daß sich der Leser oder Zuhörer, wenn er ausgelesen oder gehört hat, einen Begriff von dem Eindrucke des Ganzen machen könnte. Wenn Sie aber diese Gegenden sähen, so würden Sie gewiß nach Italien reisen wollen; Sie dürfen nur bedenken, daß Goethe hier wohnt, und die schönere Natur dort aufsucht. Goethe ist hier unter vielen Volksklassen (ich habe während des kurzen Aufenthalts viele Leute gesprochen) als sehi freundlich und gutmüthig bekannt, und hat die allgemeine Achtung und Liebe; die mittleren Stände nennen ihn den Genius des Orts, diese Benennung läßt auf Kraftgeniemäßigkeit schließen; doch habe ich einige dem Anscheine nach nicht ungeschickte und von Pedanterie freie junge Leute gesprochen. Es dürfte freilich sclrwer halten, in Weimar ein Pedant zu bleiben. In Weimar möcht' ich wohl eine geraume Zeit hindurch— ein Fremder sein. Die Vulpius (Goethens Geliebte) ist sechsundzwanzig bis siebenundzwanzig Jahre alt, nicht hübsch (ich selbst habe sie nicht gesehen), ihm zur linken Hand angetraut, kommt nie in sein Haus. Er ibesucht sie nicht täglich, indessen soll sie noch viel Einfluß auf ihn haben. Länger als zwei bis drei Stunden ist er nie bei ihr. Das Antrauen war die Folge des jungen Goethe, der jetzt im dritten Jahre sein soll. Er unterstützt die ganze Familie, schafft dem Bruder, der Schriftsteller ist, Verleger u. s. w. Zur Cour kommt Goethe freilich; aber wenn der hohe Adel bei dem Herzog speist, kann er nicht zur Tafel gezogen werden. Diesen hohen Adel habe ich gestern bei der Herzogin in einem Saale speisen sehen, über welchen eine Galerie für die Zuschauer erbaut ist. In den herzoglichen Park hat Goethe unter andern sehr viele ausländische Pflanzen hingesetzt, damit ihm das Studium der Botanik nicht allzu kostbar werde. Seine nähere Bekanntschaft erhält man sehr schwer; «die Menschen, welche ich gesprochen, wissen alle keinen, mit dem er sehr genau umginge. Ainsi soit-il! Ich bin sehr müde, und will Wieland auf ein andermal verschieben. Eher aber schreibe ich nicht wieder, als bis Sie mir in einem tant soit kleinen Briefchen angezeigt haben, in wie fern Sie aus meiner Beschreibung klug geworden? Wie viel Sie davon glauben? Ob ich so fortfahren soll? u. s. w. Ich wünschte wirklich sehr, daß Sie mir aufrichtig sagten, wie viel Sie mir glauben, und sich bemühten, mir einen Menschen zu nennen, mit welchem Goethe nach Ihren jetzigen Ideen Aehnlichkeit haben müßte. Die beiden Aehnlichkeiten (mit Fleck und der B.) würden Ihnen lächerlich vorkommen, wenn Sie ihn sehen sollten. Die Reise nach dem Rhein ist wirklich einem Jeden anzurathen, der nicht die höchste Moralität als den letzten Endzweck, sondern das Vergnügen für .die Bestimmung des Menschen hält. Der Ihrige J.D.Veit. Goethe und die Frankfurter Judengasse. Von Dr. Siegmund Hirsch Im zweiundsechzigsten Lebensjahre begann Goethe die Schilderung seines Werdeganges, „Dichtung und Wahrheit", niederzuschreiben. Nicht als leidenschaftliches Bekenntnis, als Werk innerer Befreiung, sondern als planmäßig angelegte, auf chronologischen Aufzeichnungen und vielfältigen Quellenstudien ruhende Arbeit, die den Menschen in seinen Zeitverhältnissen darstellen sollte. Der Gedanke an die Lesewelt, der Goethe sein Schaffen in den Ursprüngen und Zusammenhängen verständlich machen wollte, beherrschte das Ganze. So ward bei diesem Lebensbericht, den Goethe ein „immerhin bedenkliches Unternehmen" nannte, jede Mitteilung sorgsam abgewogen. Zu der Ruhe und Reife des Alters, die der Rückschau ihre besondere Art gaben, trat die Rücksicht auf das Ziel: dem weiten Kreis die inneren Regungen, die äußeren Einflüsse, die betretenen Stufen, die Gestalten und Geschehnisse von bedeutender Einwirkung vorzuführen und von sich zu zeigen, „inwiefern ihm das Ganze widerstrebt, inwiefern es ihn begünstigt, wie er sich eine Welt- und Menschenansicht daraus gebildet und wie er sie, wenn er Künstler, Dichter, Schriftsteller ist, wieder nach außen abgespiegelt habe". In dieser als „Entwicklungsgeschichte seiner dichterischen Individualität" gedachten Rückerinnerung erhielt auch die Frankfurter Judengasse ihren Platz. Das ist unsere einzige Quelle über Goethes erste Berührung mit dem Frankfurter Ghetto. Aber diese Niederschrift in „Dichtung und Wahrheit" ist fast ein halbes Jahrhundert nach dem wirklichen Erleben abgefaßt worden. So reizt es uns, von der späten, wohlabgemessenen Formulierung einmal abzusehen und zuvor uns selbst ein Bild davon zu machen, mit welchen Urteilen und Gefühlen der Knabe den Juden gegenübertrat. Was das Kind hörte und las, war nicht geeignet, Verständnis oder freundliche Teilnahme für die Juden zu wecken. Noch weniger konnte nach den Anschauungen und der Umwelt des Elternhauses erwartet werden, daß der junge Mensch das Ghetto so empfinden lernte, wie es erst die Geschichtsschreiber (Nadi einer freieren Zeit sahen: als „Denkmal der härtesten Beschränkung und Mißhandlung, welche Tausende von Menschen ihres Glaubens, ihrer Abstammung und ihrer Sitten wegen Jahrhunderte lang hatten erdulden müssen". Welch ein Abstand zwischen dem kaiserlichen Rat, der Tochter der Patrizierfamilie, dem „erhabenen" Großpapa, der als Stadtschultheiß die höchsten Ehren genoß, und — der Judenschaft, die als reichsstädtisches Eigentum in ihrer Gasse" abgesondert war. Wenn im Hause überhaupt von den Ghettobewohnern gesprochen wurde, so geschah das nur in einer Art, die dem Knaben zeigte, daß eine Welt von Ansehen und Geborgenheit ihn von den Angehörigen einer verachteten, rechtlosen Kaste trennte. Und welche Eindrücke gaben ihm seine Lektüre von den Juden, insbesondere von denen, die in Frankfurt, hinter ihren Mauern lebten? Goethe hat die Bücher genannt, die für ihn „Jugendschriften" waren. Aus Gottfrieds „Chronik", so erzählt er, unterrichtete er sich über die merkwürdigsten Fälle der Weltgeschichte. Das war ein ebenso umfangreiches wie geistloses Werk in drei mächtigen Bänden, eine Aneinanderreihung der Geschehnisse aller Länder und. Völker von den frühesten Zeiten an. Auch von den Juden war da berichtet; die erlogenen Geschichten von jüdischen Greueltaten waren als erschreckliche Wahrheit und als Beispiele der Verruchtheit im Tatsachenton wiedergegeben. Mißhandlung und Austreibung von Juden war wie etwas ganz Gerechtes, oft mit höhnischer Befriedigung erzählt. Die Kupfer von Merian, so das grausige Bild von der Plünderung der Frankfurter Judengasse im Fettmilch-Aufstand, lenkten den Sinn des Kindes auf die Menschen, die ihm so abstoßend dargestellt wurden, daß es ihm unheimlich zumute war. Auch in den Volksbüchern, die der Knabe mit Begierde verschlang, stiegen der Jude und das Frankfurter Ghetto oft abenteuerlich auf. Da las er in der Historia von Dr. Faust die schreckliche Geschichte, wie der große Schwarzkünstler in der Fastenzeit gen Frankfurt kam und dort den vier Zauberern das Spiel verdarb, die in einem Judengasse C. Th. Reiffenstein)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.