Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-03-01 · 7 (3.1932) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
7 (3.1932)
Date
1932-03-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3094266-3094373-3094380--3129-3097893
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

FRANKFURTER ISRAELITISCHES GEMEINDEBLATT Amtliches Organ der Israelitischen Gemeinde Das Gemeindeblatt erscheint monatlich und wird den Gemeindemitgliedern unentgeltlich durch die Post zugestellt. — Preis der Einzel nummer 50 Pfg. — Anzeigen nach Tarif. — Schriftleitung und Anzeigenve rw al tun g: Gemeindehaus, |F a h r g a s s e 146. Fernsprecher: Sammelnummer Hansa 27544. — Postscheckkonto: Frankfurt a. M. 33521. Die Schriftleitung übernimmt für den Inhalt des Gemeindeblatts nur die preßgesetzliche Verantwortung. Nachdruck nur mit Erlaubnis gestattet. 10. Jahrgang Frankfurt a. M., März 1932 Nr77 Besuch bei Goethe Den nachstehenden Brief schrieb als angehender Student der späterhin als Arzt und Schriftsteller zu Ansehen gelangte David Veit (geb. 1771 in Breslau) an Rahel Levin (nadimals Varnhagen v. Ense, 1771—1833). Gotha, den 20. März 1793, Morgens um 2 Uhr. Ich hätte Ihnen schon in Weimar schreiten mögen; allein wir eilten zu sehr, und mußten schnell über Erfurt hieher, wo ich in einem sehr schönen Gasthofe äußerst bequem sitze. Ich habe sie wirklich Alle gesehen und einen jeden ziemlich umständlich gesprochen, wie sie Namen haben, Goethe, Wieland, Herder. Wir kamen um eilf Uhr nach Weimar, kleideten uns mit Blitzesschnelligkeit um, und sahen während dem Umkleiden die herzoglich rudolstädtische Familie, zierliche Prinzen und einige Prinzessinnen, davon die eine passirt, in denselben Gasthof ankommen. Aus Furcht, er würde nun bei Hof erscheinen müssen, nahmen wir uns keine Zeit, die Kleider abzubürsten, und verfügten uns, von einem Lohnlakai begleitet, unter dem Jubelgeschrei der lauschenden Menge, zu Goethe. Sein Bedienter sagte uns, es wäre jetzt ein Graf bei ihm, der ihn schwerlich vor ein Uhr verlassen dürfte, und wir möchten nur gegen zwei wiederkommen; ich ließ mich nicht abschrecken, sondern sagte dem Bedienten, er möchte uns nwr als Berliner melden, die einen Brief vom Hofrath Moritz mitbrächten. Hierauf wurden wir zwei Treppen hinauf geführt. Unten in der Mauer vor der ersten Treppe stehen in einer Art von Nischen die Figuren des Apollo und Antinous in Lebensgröße. Von der Treppe kommt man in ein Vorzimmer, worin verschiedene Gemähide, vorzüglich Köpfe, hängen; aus diesem Zimmer in ein kleines, niedliches, in welches wir zugleich mit Goethe, den wir aus dem anderen Theil der Wohnung kommen und .mehrere Zimmer durchgehen sahen, als wir noch im Vorzimmer waren, hineintraten. Er hatte uns nicht zwei Minuten warten lassen. Das Erste, was mir an ihm auffiel und Sie zu wissen verlangen, war seine Figur. Er ist von weit mehr als gewöhnlicher Größe, und dieser Größe proportionirt, dick, breitschulterig. Wenn Sie meinen Bruder Salomon- Veit kennen, so haben Sie die Aehnlichkeit der Figur; aber Goethe ist doch noch größer und stärker. Die Stirn ist außerordentlich schön, schöner als ich sie je gesehen; die Augenbraunen im Gemähide vollkommen getroffen, aber die völlig braunen Augen mehr nach unten zu geschnitten, als dort. In seinen Augen ist viel Geist, aber nicht das verzehrende Feuer, wovon man so viel spricht. Unter den Augen hat er schon Falten und ziemlich beträchtliche Säcke; überhaupt sieht man ihm das Alter von vierundvierzig bis fünSundvierzig Jahren recht eigentlich an, und das Gemähide ist in der That zu jugendlich; es müßte denn wahr sein, was man in Weimar allgemein behauptet, daß er während seines Aufenthalts in Italien merklich gealtert habe. Die Nase ist eine recht eigentliche Habichtnase, nur daß die Krümmung in der Mitte sich recht sanft verliert. (Ich habe ihn, indeß er meinem Onkel verschiedene Fragen vorlegte, von der Seite und in dem Spiegel recht starr angesehen.) Der Mund ist sehr schön, klein und außerordentlicher Biegungen fähig. Wenn er schweigt, sieht er recht ernsthaft, aber wahrhaftig nicht mürrisch, und kein Gedanke, keine Spur von Aufgeblasenheit. Auch dem Dümmsten müßte Aufgeblasenheit an einem Menschen auffallen, der in Sprache und Manier so ganz simpel wie jeder Geschäftsmann ist. Das Gesicht ist voll, mit ziemlich herabhängenden Backen. Im Ganzen ist das Gemähide wohl getroffen; aber es macht doch einen sehr falschen Begriff von ihm, Sie würden ihn gewiß nicht erkennen. Er hat eine männliche, sehr braune Gesichtsfarbe, die Farbe der Haare ist etwas heller. Er trägt das Vorderhaar kahl abgeschnitten, an den Seiten ausgekämmt und völlig anliegend, einen langen Zopf; weiß gepudert. Die Binde im Gemähide verstehe ich gar nicht; Lips muß ihn haben putzen wollen. Seine Binde ist eine von den unter gesetzten Männern ganz gewöhnlichen, hinten zugeschnallt, vorn glatt und dünn, und wegen des übergelegten Hemdkragens wenig zu sehen. Die Wäsche fein, mit wenig vorstehendem Jabot. Kleidung: ein blauer Ueberrock mit gesponnenen Knöpfen, doppeltem Kragen (der eine über die Schultern, der stehende nicht recht hoch); eine schmalgestreifte Weste von Manchester oder ähnlichem Zeuge, und — vermuthlich Beinkleider, der Ueberrock bedeckt sie; gewöhnliche Stiefel. Alles zusammengenommen, kann er ein Minister, ein Kriegsrath, ein Geheintrath, allenfalls ein Amtmann sein, nur kein Gelehrter, und gewiß kein Virtuose. In Berlin würde ihn jeder einheimisch glauben. Er hat uns ungemein höflich aufgenommen; als er auf uns zu kam, sah er uns recht freundlich an (sein Blick ist gewöhnlich ernsthaft, aber ohne alle Arroganz, wie es scheint; wenn er sich nicht an einen wendet, so sieht er gesenkt zur Erde, mit den Händen auf dem Rücken, und spricht so fort), fragte nach dem Endzweck unserer Reise, erzählte uns, daß es in Frankfurt sehr lebhaft aussähe, daß er Frieden wünsche u. s. w. Nachdem er meinen Brief durchgelesen hatte, erkundigte er sich kaltblütig, aber mit vieler Aufmerksamkeit nach Moritz. Sobald ich nur von ihm und der Entweichung seiner Frau zu reden angefangen hatte, sagte er in einem sehr ernsthaften Ton: „Er muß jetzt viel zu thun haben; er m u ß arbeiten; er ist wirklich ein gar lieber Mann, und wenn er was unternimmt, so greift er die Sachen immer so ganz recht an; er hat wirklich zu gar vielen Sachen ein recht hübsches Talent. Hm! herkommen kann er freilich nicht; er muß sehr viel Arbeit haben." Er ließ sich nun noch über unsere Reise selbst, über die Kriegsoperationen, mit uns ein, sprach aber von keiner Parthei mit Entschiedenheit; jedoch immer überaus natürlich, immer, als ob er nur die Sachen, nicht die Worte, suchte. Man hört's ihm noch manchmal an, daß er aus dem Reich ist, wie er uns auch selbst sagte. Das Zimmer, in welchem wir standen (sitzen hieß er uns nicht), war mit grünen Tapeten ganz modern geziert, Gemähide und Köpfe rings umher; ein völliges Quadrat, zwei Mahagonitische, ein Spiegel, sechs Rohrstühle, weiß, mit grün- und weißgestreiften seidenen Polstern. Eine Viertelstunde (eher mehr als weniger) hielt er uns auf; machte dann eine bedeutend lächelnde Miene, und wir waren nicht dumm. Nach Mendelssohn erkundigte er sich gar nicht, ungeachtet im Briefe mein Onkel als dessen Schwiegersohn genannt war. Ueberhaupt haben wir keinen litterarischen Punkt berührt; er fragte nicht einmal nach Moritzens neuesten Sachen; der Mann hat nicht unrecht, wenn ihm überdrüssig zu Muthe ist. Er begleitete uns bis aus dem Vorzimmer und war noch beim Abschiede sehr höflich. Die ganze Aufnahme war sehr höflich, ziemlich kalt und allgemein, aber doch viel wärmer, als ich sie erwartet hatte; sie war ganz so, wie ich sie erwartet hätte, wenn mir noch kein Mensch von Goethe erzählt hätte. (Ich sehe eben die doppelten „hätte"; ich bin von vielen Nachtwachen und von dem Amüsement, das jetzt mein Geschäft ist und sehr glücklich durchgesetzt wird, ganz wüst im Kopfe.) Mit dem Theater muß es traurig aussehen; der Geschmack des Publikums für Operetten geht so weit, daß Lust- und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.