Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 6 (2.1932)
- Date
- 1932-02-01
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
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23 / UR DEN FRIEDEN! Dass in mancher für uns als Juden bedeutsamen, aktuellen, politischen Angelegenheit die jüdische Stimme nicht erhoben wird: Das ist vielleicht nicht zuletzt ein Grund für In wenigen Wochen tagt die Abrüstungskonferenz. Wir veröffentlichen die Beiträge dieser Nummer, die aus dem „Kreis jungjüdischer Pazifisten" stammen, bewusst gerade jetzt — als ein Dokument der Zeit, aber auch als einen sehnsüchtigen Aufruf: Für den Frieden! Schriftleitung Judentum und Abrüstung Die furchtbare Not der Gegenwart, die über ö.-vs Wirtschaftliche hinausg.egri^^ hat, zwingt zu Maßnahme.! gegen sie. "Man erkennt indes auch schon die Notwendigkeit ganz bestimmter .• Form des. Handelns. - Man sieht den überkrasseu Kontrast iii der Verteilung der Güter, deren Unzulänglichkeit die Menschheit noch immer nicht sich der Errungenschaften der Technik und des Geistes erfreuen ließ. Wenn das System . der heutigen Wirtschaftsordnung erschüttert scheint, so liegt der Hauptgrund dafür an der Zermorschung eines stützfähig gewesenen Fundaments, der Masse der Konsumenten, die immer und immer mehr verelendet.. Der Zerstörer dieses Fundaments war der vergangene große Krieg, der nicht nur ein altes Regime unter sich begraben hat, sondern unter dessen Folgen noch heute alle leiden. ' ■ _ Wäre dies der letzte Krieg gewesen, dessen Furchtbarkeit die Menschen geläutert hätte, müßte man all das sich weiter vergrößernde Elends ertragen können in der Gewißheit einer vglückiicheren Zukunft. Es ist aber nicht so. Noch lebt der Geist des Krieges, noch entstehen neue Kriege und noch gibt es Erzieher , und Würdenträger, die an einen gerechten Krieg glauben. K e i n Krieg ist aber gerecht, da jeder Krieg Tausenden und Millionen Menschen die Lizenz gibt, grausam zu sein, unsittlich zu handeln und zu morden. Auf der anderen Seite stehen aber die Wenigen, die wissen, daß der Frieden ein unbedingtes Postulat der Sittlichkeit ist: Das ist die Grundlage der Forderung nach Abrüstung.. Auf ihm erheben sich Momente anderer Art, die die Rüstung der Völker als Zwecklosigkeit'darstellen. Die in kurzer Zeit immer wieder - verbesserten Erfindungen an Kriegsmitteln im Weltkrieg zei- . gen, daß in einem Zukunftskrieg gar keine Möglichkeiten bestehen, jechtzeitig Schutz für die Bewohner des angegriffenen Gebietes vorzubereiten. Es ist. erwiesen, daß es keinen ausreichenden Schutz gegen Gasangriff gibt. (Hierüber äußert ' sich der „Clausewitz" der Friedensbewegung, Otto Lehmann- . Rußbüldt.) Das einzige Mittel, das von keinei neuen technischen Erfindung wertlos gemacht werden kann, ist der gemeinsame Geist aller Völker, der ihnen den Krieg zur Absurdität machen muß, in der nur ein Wahnsinniger seinen Trumpf sieht, der gemeinsame Geist, der die Völker den Frieden als Element der sittlichen Forderung erkennen läßt. Für diesen Geist hat die Religion zu wirken. .Sie hat nicht nur dazu die Befugnis, sondern ihre Aufgabe ist es, hierfür den Kampf in den Massen aufzunehmen. Die Nichtbeachtung dieser aktuellen Aufgabe löst den Anspruch auf Mitwirkung bei der Kulturarbeit des Staates auf, wie es umgekehrt im Interesse der Religion liegt, den Völkern den ersehnten Schlüssel zur neuen Zeit der Glückseligkeit zu reichen. Es bedeutet eine Verkennung der Interessen und eine Verwechslung des Wirkungsbereichs der Politik mit denen der Religion, wenn man fürchtet, die Religion würde in den Stäub des politischen Tageskampfes hineingezogen, erhebe sie die aktuelle Forderung der Abrüstung. Erkennen die Politiker, daß das Wettrüsten zu Konflikten führt, daß die Aufrechterhältung des Rüstungsstandes ihrem eigenen Volke selbst ' materielle Lasten aufbürdet, die den; Kultur- und Sozialetat zu kurz kommen lassen, so bleibt ihnen nur Abänderung durch Verhandeln und Paktieren. Wird aber der Geist des Interesses; am Kriege da durch beseitigt? Hierzu hilft nur die sittliche Erkenntnis7 des Einzelnen. Das zu unterstützen, ist eine, so glaube ich, schwere und große Aufgabe der Religionen. Die Mühlsteine der Wirtschaft erfaßten das Proletariat und zermalmen ihm Können und Mut, und letzteren um so mehr, als unsere so dynamische Wirtschaft in Chaos auseinanderzurasen droht. Verzweiflung treibt von ihr ergriffene Massen auf Irrwege, .nicht nur des wirtschaftlichen, sondern auch des politischen Kampfes. Erkennen hier nicht die Religionen die Pflicht zur Aktivität? Bleibt hier noch ein Zweifel, wie sie sich einzustellen haben? Oder sollen sie auf den-verzweifelten Ruf der Massen nach Gott noch länger warten? Sie werden dann, fürchte ich, im Warten vergangen sein. Jetzt ist eigenes Heraustreten aus der zurückhaltenden Beschaulichkeit mehr am Platze als Streit über Liturgie und Richtung. -Das Judentum, das für alle Situationen des menschlichen Lebens Regeln und Vorschriften kennt, hat heute Ge-- legenheit, die -Erfüllung seiner Aufgabe, die Menschen dem Einzigen nahe zu bringen, zur Vollendung entge.?e;izuführen, indem, es in regelnder und ordnender Wirksamkeit hilft, di>? gekennzeichnete Not zu verbannen. . Der Weg des Leidens führt durch Mißachtung des Geistes, durch Vergewaltigung des Menschenrechts, durch Erniedrigung und Elend. Die von ihnen Bedrängten dachten über sie und ihre Gründe reichlich nach, Heute muß das Judentum, das durch seine Vergangenheit der Menschheit ein Beispiel vorgelebt hat, verhüten können, daß der Weg der ganzen Menschheit ein Weg der Entwürdigung und des Elends wird. Es muß es können, wenn seiue Bekenner ihre Stimme und ihre Wirksamkeit i u den jüdischen Massen und über sie hinaus bemerkbar werden lassen. Das Judentum zeigt in seinem Weg, daß es keine Einschränkung der Gleichberechtigung anderer Völker geben darf, ohne daß sich die sich höher Stellenden schwere moralische Schuld aufbürden. Oft genug, so beweist auch der Weltkrieg, tragen dann die überheblichen Staaten die Verantwortung für ihren eigen en Niedergaug. Verantwortung aber tragen auch die, die schweigen. So fordere ich: Die Juden haben für Abrüstung und Fried en aktiv zu sein! Hans Borch.ardt. £3 Gedanken zur Friedensarbeil „Sind wir deshalb auf der Welt, um einander umzubringen?" Gotthold Ephraim Lessing Wenn wir die Weitgeschichte überschauen, so werden wir finden, daß seif Menschengedenken sich die Völker der Erde bekämpft haben, daß die Weltgeschichte eigentlich weiter nichts" ist als ein einziger großer Krieg, unterbrochen von kürzeren oder längeren Friedensperioden. Die Geschichte Palästinas, die Roms war ebenso erfüllt von Kriegen wie das Leben eines Friedrich des Großen und eines Napoleon. Noch hat die Welt am letzten großen Weltkrieg zu zausen, und schon sind wieder Menschen am Werk, die ausrufen wie der Amtsrichter im „Jahrgang 1%2": „Wann ist endlich Schluß mit der Zeit des fahlen Friedens und wann kommt unsere Zeit?" Sind Euch.die Zahlen des Weltkrieges schon nicht mehr im Gehirn? Habt Ihr schon die 11 Millionen Toten des Weltkrieges vergessen? Schon vergessen, daß der Weltkrieg das runde Sümmchen von 1680 Milliarden Reichsmark gekostet hat? Schon vergessen die Stelle aus Remarques „Der Weg zurück", wo sich nach Friedensschluß amerikanische mit deutschen Soldaten treiten und sich fragen: Warum haben wir uns eigentlich bekämpft, was haben wir uns denn getan, die wir uns doch gar nicht kannten? Habt Ihr schon mal darüber nach- . gedacht, warum denn dies alles? Weil es einige Politiker wollten, weil einige Kapitalisten Geld verdienen wollten, weil einige Herrscher ihre Streitigkeiten auszufechten hatten! Darum! Und trotzdem sind die Menschen unserer Tage um kein Jota einsichtiger geworden! Die Welt starrt in Waffen. „Zum Schutze vor dem Nachbär"! Tanks, für die es kein Hindernis gibt, werden gebaut, ein Hamburger Fabrikant „erfindet" „staatlich sanktioniert" Giftgase, Todesstrahlen ist das „Modernste". W a r u m? Weil es eine Industrie gibt, die am Krieg Geld verdient! Diese Rüstungsindustrie ist der „Vater des Krieges"! Diese Firmen, die am Krieg „verdient" haben und auch weiterhin „verdienen", sind es, die ein Interesse am Krieg haben. Die Firmen Skoda, Krupp, Schneider-Creuzot, Vickers bauen Mordinstrumente „zum Schutze der Heimat". Solange aber Mordwerkzeuge gebaut werden, wird es Kriege geben, werden sie Opfer fordern, werden Granaten ihren Daseinszweck erfüllen. Zwei große Bewegungen durchströmen heute die Menschheit: Kapitalismus und Sozialismus. Kapitalismus, verschanzt hinter Nationalismus, hinter ausgedroschenen Phrasen, fängt heute den Teil der Menschheit ein, der sich immer noch nicht bewußt ist, daß er verarmt ist,. proletarisiert ist. Alle Mittel werden versucht: Zölle, Autarkie, Arbeitsdienstpflicht, Kolonialpolitik, Kriegsschuldlüge sind Mittel, gerade gut genug, um eine ehrliche Friedenspolitik zu stören. „Und was könnt ihr schon gegen den Krieg tifn? Nichts, das beweist ja wieder Japan und China." So hört man heute überall Nationalisten sprechen, so sprechen selbst manche Juden! Nichts kann der Völkerbund gegen Japan. Sehr begreiflich! Warum? Weil es in einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung stets Kriege geben wird, weil der Völkerbund seine Mitglieder nicht zwingen kann oder will, Japan bzw. China gegenüber den Boykott zu erklären, Boykott der Einfuhr sowohl von Handelswaren und allen Fertigfabrikaten wie auch' von sämtlichem Kriegsmaterial! Aber etwas können w i r alle ohne Unterschied der Konfession und des Alters: Den Krieg bekämpfen in Wort und Schrift und in der Tat! Die ganze Glaubenslehre des Judentums gebietet uns den Krieg zu bekämpfen, nicht nur die 10 Gebote und die Propheten, nicht nur unser Gefühl und unsere Moral! Den Krieg können wir bekämpfen in Wort und Schrift, aber in der organisierten Masse liegt die Macht, heißt es bei Karl Marx. Organisiert euch, sozialistisch oder pazifistisch, bildet eine Macht gegen den Krieg, gegen den Faschismus, kämpft mit uns für Brüderlichkeit, Freiheit und Gerechtigkeit! Rudolf Marx.