Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 6 (2.1932)
- Date
- 1932-02-01
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3094266-3094373-3094379--3123-3097886- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
des Kindes nicht stilien kann, weii die.' inneren-, Kräfte': däzif - fehlen. Erwachsenenbildung sollte die Forderung unseres Zeitalters, sein, der Zeit der Zertrümmerung alier geistigen Güter. vor allem aber unseres heiligen jüdischen Glaubens.! Doch nun zum Unterricht selbst. Ich gehe über .Selbstverständlichkeiten hinweg. Selbstverständlich ist, wie gesagt, dem Religionslehrer der' Jetztzeit das Prinzip des -Arbeitsunterrichts, die Beachtung der Kindespsyche, und ähnliches. :Ich brauche nur zu wiederholen, was der Frankfurter Lehrplan für den jüdischen Religionsunterricht, in -dieser Beziehung fordert: .. daß. der Arbeitsschulgedanke Anwendung findet und zur Veranschaulichung die religiosen Einrichtungen der Heimat im ■ reichsten Maße herangezogen werden. Außerhalb des im. Lehr- plan dargebotenen Stoffes sind Fragen und Erscheinungen des-, gesellschaftliehen, wirtschaftlichen und politischen Lebens, soweit denselben religiös-sittlich verwertbare Gedanken zugrundeliegen, zu besprechen (Gelegenheitsunterricht). Der Religionsunterricht ist, wo angängig, in Verbindung mit dem Kulturleben zu bringen..... Das religiöse Familien- und das gottesdienstliche Leben.... bilden für alle Abteilungen den Ausgangspunkt religiöser Belehrung." Kann mehr verlängt werden?.' Was ich aber unterstreiche und zu meiner Hauptforderung." erheben möchte, das ist der Ruf: „Mehr Het>räisch!" Freilich ist mit diesem Wunsche nicht immfer das ausgedrückt, was.ich damit sagen will. Für mich ist die Kenntnis des Urtextes der Bibel und das Verständnis der Gebete das Hauptziel des jüdischen' Religionsunterrichtes; ja, ich möchte behaupten, der häufige Mißerfolg dieses Unterrichtsfaches beruht darauf, daß er vor etwa hundert Jahren schablonenmäßig dem; Religionsunterricht der anderen Konfessionen nachgebildet und seines jüdischen Grundzuges, dadurch entkleidet wurde, daß aus dem „Thoralernen" unserer Alten ein blasser „Religionsunterr rieht" geworden ist. Gewiß, dem sechs- bis zehnjährigen-Kinde gehört ein biblischer Geschichtsunterricht, mit all dem Wahren, Schönen und Guten, das aus ihm geschöpft werden kann. Ueber dieses Alter hinaus brauchen wir eine durch alle Mittel- und Oberklassen fortgesetzte Wanderung durch die jüdische Geschichte mit ihren Geisteshelden und ihren Vorbildern jüdischer " Glaubenstreue. Aber jüdische Religionsphilosophie, jüdische Weltanschauung, jüdische Weltweisheit suche man in den Quellen, in den Propheten, in den Psalmen Davids, in den Sprüchen Salomos, in den Tiefen Kohelets und Hiobs, in den Sprüchen der Väter. Und zwar im Urtext und nicht in schwachen Abgüssen der Uebertragungen und Uebersetzungen, und stammten sie von Buber-Rosenzweig. Niemand wird gerade diese höher sehätzen als der Kenner des hebräischen Urtextes. Darum: .nicht „mehr Hebräisch", sondern „viel Hebräisch!" Und zwar gerade von dem Alter an, in dem der Schüler anfängt zu zweifeln, in dem es in ihm gärt und brodelt. Gerade dann Wissen von der jüdischen Religion aus den Quellen statt in der Luft schwebenden abstrakten „Religionsunterrichtes". Aber nicht, Freund A. J. W., mit solchen kleinen Mittelchen wie angeführt, sondern nur so, wie Ruth Witt es wünscht: um den Wissensdrang um die Religion zu befriedigen, und so . Religion einzupflanzen, und zwar aus dem Keimen der Religion bis zum Erblühen des „lebendigen Baumes", an den sich der Jude klammern kann, um nicht geistig und sittlich unterzugehen. Da genügt wahrlich nicht ein zweistündiger Unterricht für „Religion" und „Hebräisch", d. h. also eine Stunde „Hebräisch . Nein, wenn überhaupt eine Besserung erzielt werden kann, dann nur durch Vermehrung und Vertiefung des Unterrichts, der bisher nur an der Oberfläche blieb und daher keinen Halt hatte und schuf. Einzelvorschläge zu machen ist hier nicht der rechte Platz. Doch" rede man nicht von: „Riten und Aeußerlichkeiten in den Hintergrund stellen"; wer das sagt, der ist nicht in den - Geist der jüdischen Religion eingedrungen. Die jüdische Religion hat keine Aeußerlichkeiten.- Alle ihre „Riten" und „Zeremonien" haben ihren tiefen Sinn — an ihrer Sinn-Losigkeit ist nie das Gebot selbst, sondern die geistlose Ausführung, der Mangel an der Vergeistigung schuld, die eine hohe Aufgabe des jüdischen Religionsunterrichtes ist und bleiben, muß, solL das Judentum nicht entleert werden, nicht veröden. Darum, .auch darum: Thorastudium, nicht „Religionsunterricht" — schon die Beschäftigung mit der Thorä heiligt den Juden, macht ihn gut, sittlich, fromm. Darum aueh Kenntnis des Gebetes, beispielsweise der ewig gleichen Formel: „der uns geheiligt durch seine Gebote". Gebet und Gebot (im Deutschen aus einem Wortstamm) haben den Zweck der Heiligung, — das - soll das .jüdische Kind w.issen? und das;muß :es:vlernen; :Glaubt jemand, daß.. solcher. Unterrichtsstoff "den . Schüler, langweile, wenn er äüf; guter, Kenntnis der .hebräischen Sprache beruht?; Auch füiv den Ühi-eligiösen ist die jüdische Literatur —' so durchsichtig,\^so einfach, so rein; ein Quell mindestens, ästhetischen Genusses, und darum' ist' es / unbegreiflich, daß es jüdische Eltern "gibt, die für ihre Kinder geradezu einen Abscheu -vor der Erlernung der hebräischen Spräche haben. Sie beweisen damit nur ihren eigenen Mangel an. der währen Erkenntnis und enthalten ihrem Kinde mindestens, ein hohes Bildungsgut vor, „die Herzwurzel unserer Humanität" (Steinthal).. ,. Nur ein Kurzes Wort zum. B armiz wa-Unterrici tA Daß dieser , lehr verbesseirngsbedürftigVist, haben wir längst erkann*. und sehr bald werden Maßnahmen nach - dieser Richtung an dieser Stelle veröffentlicht werden.;; . : - . v . Zum Schluß: Viele Schwierigkeiten, die dem Erfolg des Religionsunterrichtes entgegenstehen, habe ich aufgezeigt; manche sind von den Teilnehmern an der Besprechung erkannt . oder doch angedeutet,: mehrere, aber übersehen worden, und doch, sind sie es, die/die Pro blema t.ik d e s R e 1 i gi o h s- . u n t e r r i c Ii t e s an den öffentlichen Schulen der Großstadt noch stark; vergrößern. Es ist erstens die" Verschied enärtigkeit der religiösen Anschauungen sowohl der 'Elternhäuser als der Lehrer, Nicht als ob< wegen dieses Umstandes . einer Teilung der Schüler und einer Auswähl der Lehrer nach religiös-parteilichen Gesichtspunkten hier das Wort geredet .werden soll! Im Gegenteil: es. sei die, wenn auch ungemein schwere Aufgabe des Lehrers, diese ^Klippen zu umschiffen, und dennoch . einen Glaubens-. und lebenswahren Unterricht >u erteilen.- Danken wir einem gütigen Schicksal,' das uns in unserer Ein- - heitsgemeinde gnädig vor diesem Schisma bewahrt hat. Indes ..ist die Tatsache nicht zu verkennen,, daß der Lehrer einer Einheitsgemeinde und eines Einheitsreligionsunterrichtes neben den vielen anderen Schwierigkeiten seines Faches auch noch diesem Umstände durch pädagogischen Takt Rechnung zu tragen hat. Und zweitens: das Großstadtkind steht nicht nur mehr als jedes andere unter den Mächten der Zerstörung des Glaubens, sondern ist zweifellos auch mehr als der Durchschnittsschüler dem alten Autoritätsbewußtsein und der daraus erwachsenden Ehrfurcht entwachsen. Der Großstadtschüler. —* und unsere jüdische Jugend ist es zum größten Teil — ist schon im frühen Alter schwerer zu leiten und zu erziehen als — wenigstens heute noch — das -Landkind, da es zu weit größerer -Selbständigkeit erzogen werden muß und-sich von selbst entwickelt alsjenes. Ein Drittes: Bedenkt man auch, daß das Religionsfach zwar für alle Konfessionen verbindlich, daß aber doch mit bedauernswerter Leichtigkeit das Kind von ' dem Religionsunterricht der Schule befreit werden kann? Daß viertens die Note in Religion für die" Bewertung bei der Versetzung — besonders auch für den, Abiturienten — wenn auch nicht formal, so doch in der Wirkung sehr problematisch ist, daß leider „Religion" kein sogen.' „Hauptfach" .ist wie Sprachen und Mathematik? Fünftens -werden in fast allen hiesigen öffentlichen Schulen aus Sparsamkeitsgründen Klassen zum Religionsunterricht kombiniert, die nun einmal ihrem Alter und Bildungsstande nach aus jedem Fächmann einleuchtenden pädagogischen Erwägungen heraus nicht gemeinsam unterrichtet werden können. Was würde wohl ein anderer Lehrer eines geistigen Faches dazu sagen,* wenn man ihm zumutete,, die zwei . Primen mit der Obersekunda gemeinsam zu unterrichten! Wie soll da, abgesehen von technisch unterrichtlichen Bedenken, gleiches Interesse, vorauszusetzen oder zu schaffen sein? — EnaLich gehört der Religionslehrer nicht organisch zu dem Lehrkörper der betr. öffentlichen Schule;-dadurch muß seine Stellung in den Augen des Schülers -sehr an Ansehen verlieren. So; gehört eine besonders starke Persönlichkeit dazu, alle diese mindernden; Einflüsse zu : paralysieren; und dennoch ein Gewisses zu erzielen. Eine ernste; Mahnung für die Gemeindebehörden!;; , : ';;: Alles das sind aber Momente, die uns Lehrern taglich zum Bewußtsein kommen, die uns das Leben und den Unterricht ganz \ außerordentlich erschweren, . und die der Laie viel > zu wenig in Betracht zieht, wenn er von' einem solchen Unterricht in wenigen Stunden erwartet; was nun einmal nicht - zu erwarten ist. Religion kann nach alledem nicht in dem Maße dem Unterricht erwachsen, als durch Leben und Anschauung gebildet, aber leider auch zerstört werden kann. Man fordere also vom Religionsunterricht nichts Unmögliches. -.;;; /:. .-:.'-'""'-":-'; J. B. Le v y.