Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 6 (2.1932)
- Date
- 1932-02-01
- Page
- – (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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24 Jüdische Jugend im Kampf um den Frieden Neulich las icli in einer Synagoge ang abrieben: Dlbü.Wp3; IHSTT) Aus Platzmangel hatte man-übersetzt: „Liebe den - Frieden!" Es müßte lauten: „Suche uen Frieden und jage ihm nach."■■■..Wir haben die s,11 gemeine. Pflicht, den Frieden zu Buchen, und darüber hinaus noch die spezielle, ihm nachzujagen. Das ist nichts anderes,, als der viel verspottete „Friede um jeden Preis". Man verspottet dieses Ideal, weil man es nicht versieht. Wir aber müssen es begreifen, denn es ist unsere Pflicht, und wir Können sie nicht erfüllen, wenn wir sie nicht verstehen. ' Die schlimmsten Gegner der Friedensidee sind nicht die offenen Militaristen, sondern die Indifferenten. Das Gros der Indifferenten,.: darunter viele Intellektuelle, stellt'bequem die These auf, Pazifismus sei eine irreale Idee, der Krieg sei ein Naturgesetz. Um aber ein Naturgesetz beweisen zu können, muß man seine Ursachen zu bestimmen suchen, (der empirische Beweis ist .unsicher, besonders hier!). Die Ursachen dieses „Gesetzes"' aber liegen zweifelsohne m der Konstitution der menschlichen Gesellschaft'. Wir müssen also, wenn wir für den Frieden eintreten wollen, die Störungsursachen, beseitigen; das bedeutet aoer nichts anderes, als daß wir die Gesellschaft so: umgestalten müssen,, daß Freiheit und Gleichheit garantiert sind. Da aber; so lange verschiedene Staat-en miteinander konkurrieren, ständig Reibungsmöglichkeiten bestehen, müssen wir zumindest dahin wirken, daß die wirtschaftlichen Grenzen, auf der ganzen Welt fallen. Eine noch bessere Friedensgarantie wäre eine W e 11 p 1 a n w i r t s c h a f t, die das nächste Ziel sein müßte, wenn die wirtschaftlichen Grenzen aufgehoben -■wären. ". ■ '. -■ Die J ugend, die" junge Generation, die noch nicht vom Leben opportunistisch gemacht ist, steht immerj ob bewußt oder unbewußt, stärker oder schwächer im Gegensatz zu derälteren. Sie wird in eine fertige Welt gesetzt, aber sie hat diese Welt, nicht mitgebaut. Infolgedessen ist ihr Blick objektiver.- und sie neigt zur Kritik. Da sie aber gezwungen ist, an dieser . Welt weiter, zu batfen, so macht sie aus der Not eine . Tugend und baut nach ihren neuen Grundsätzen, die sie für die objektiv - richtigen hält, weiter. Manchmal wird sie, .um gut weiterbauen . zu können, das morsche Fundament einreißen und durch ein neues ersetzen «müssen; alles, wie gesagt, in der Ueberzeugung. das einzig Richtige zu tun. Diese Gegensätze sind nicht immer gleich stark. Heute sind sie sehr groß, die Jugend ist orgaui * - siert, sie bildet die sogenannte Jugendbewegung. Jugend- .-bewf-gung ist, um "nochmals kurz zusammenzufassen, eine von hohem Idealismus getragene Kombination von positiver und negativer Kritik, eine Mischung der Tradition mit erneuernden Tendenzen, nichts anderes! Das, was uns äußerlich' oft als die Jugendbewegung; erscheint, ist nur die Anwendung .dieser Philosophie auf ein spezielles Gebiet der Praxis. Hier ist nunzu' untersuchen, wie diese Jugend sich zum Friedensproblem stellt: -Zunächst ist: vorauszuschicken,- daß-die .sehr begeisterungsfähige Jugend leicht radikalen Agita toren verfällt, auch wenn diese veraltete Ideale, neu frisiert, bringen. Ferner ist noch zu bemerken, daß es. unter den jungen Menschen auch immer einige unjugendliche -Elemente gibt, die sich mit. allem abfinden und dieses Verhalten propagieren. Damit müssen wir uns erklären, daß ein großer Teil der Jugend anders zu den hier behandelten Problemen steht , als wir nach dem folgenden annehmen müßten. Es handelt sich um Sünden des Milieus^ an der Jugend, um Mißbrauch der jugendlichen Kräfte für unjugendliche Zwecke. . ~ ■ Wir jungen Menschen haben gesehen, daß die uns voran- > gehende Generationzerrissen nnd entwurzelt ist, und wir leiden selbst ständig darunter. Wir haben den- Krieg der Völker und die Zusammenstöße der Klassen erlebt. Wir haben gesehen, daß viele, wertvolle Kräfte für destruktive Zwecke verwandt, wurden. Wir sind zwar kritisch, aber nicht zerstörend. Das destruktive Element ist absolut unjugendlich, also lehnen wir es . ab und ziehen die Konsequenzen. Die ganze Organisation der . heutigen Jugendbewegung wirkt darauf hin, daß diese, so sehr sie das Individuum schätzt und zum Menschen erziehen will, kollektivistisch ist. Individuum,- ja; aber als Glied der Gesamtheit. Wir brauchen Individuen, diegemeinsam arbeiten, gemeinsam unsere Welt bauen. Bei dieser gemeinsamen '-■ A r b e i t empfinden;wir jede Auseinandersetzung zwischen den . einzelnen, die der positiven Arbeit Kräfte entzieht, als destruk- - tiv und lehnen sie ab. Infolgedessen versuchen wir, dem Klassenkampf vorzubeugen, indem wir die Klassen gleichsetzen;_.' infolgbdpssen versuchen wir auch die Völker zu vereinigen, in-" dem wir den Krieg und . alle Rüstungen ablehnen. Wenn wir " vorläufig nochnicht verhindern können', daß gerüstet wird, ja selbst, wenn "wir den Ausbruch eines Krieges nicht verhindern können, so -werden wir doch jedenfalls unsere J Kräfte für diese\ Zwecke verweigern. Zu diesem Schluß kommen wir vom Standpunkt der Jugendbewegung aus, eine ähnliche Maxime hatten wir aus der Religion gefolgert. Wir sind als jüdische Jugend doppelt zum vor— behaltslosen Pazifismus verpflichtet und müssen uns offen dazu bekennen. -. ,. - Paul Forchheime-r. Die Parole des Propheten Jesaja Bewegung und Kampf erhält die Welt. Rotation überall; selbst innerhalb der Beziehungen der Atome. Dennoch scheint jener uralte Satz eine gewisse Wahrheit zu enthalten, daß diese Bewegung, im letzten Grunde kein Fort- Schreiten sei, sondern lediglich ein Kreislauf. ... Und so stehen wir wieder einmal dicht vor dem Programm des Propheten Jesaja. Ein paar Wochen trennen uns - von der allgemeinen Abrüstungskonferenz in Genf, an der über 60 Staaten teilnehmen wollen. Die Welt, die seit zwei Jahrzehnten nichtmehr zur Ruhe gekommen ist, greift zur letzten ^ethischen Chance — und trifft dabei auf Jesajas Forderungen, daß es eben keinen Frieden ohne die Um chmiedung der Mordinstrumente in Waffen der Aufbauarbeit, in Geräte der wahr- Tiaft gottgewollten und sinnvoll-schöpferischen Tätigkeit geben kann. Die Parole des Jesaja und seiner Zeitgenossen ist die konsequente und uneingeschränkteste Auflehnung des Gottes p r i n z i p s gegen die ' dunklen Gewalten der Unterdrückung, des kriegerischen Ungeistes. *"Es gibt. keine zwei Fronten,-die jemals schroffer einander gegenüberstehen können.: Die Kräfte-'der menschheitlichen Harmonie, der großen Totalität des Begriffes „S c h a 1 o m", der zudem die Widerspiegelung des göttlichen Namens darstellt, das restlose Glücklich- Sein müssen den Endkampf aufnehmen mit den sogenannten „Realpolitikern", die aus Gas und Gift Börsenkurse, Dividenden, Tresorreichtümer hervorzaubern und den Massen der Völker einen Kriegszustand in Permanenz aufbürden. Wundert man sich, daß der Gottesglaube in die Brüche geht? Wo wird denn gegen diesen Jammer aufgeschrien? Eben veröffentlicht Leon Blum, der französische Sozialist, eine Broschüre mit unheimlichem Material über Rüstungen und militaristische Machtinstrumente,— so sichert sich heute die Kultur! — und brandmarkt die Gottlosigkeit (er, der Sozialist!), die aus den Berechnungen, aus den Argumenten und Tricks der internatio- - nalen Kriegsrüstungen spricht. Oder man greife zu dem Buch von Lehmann-Rußbüldt über das Gesicht der Rüstungs-Internationale. Die Kultur und ihre Stützen waren nie derart ins . Bodenlose gefallen wie gerade heute. Soll das Judentum diesen Sündenfall mitmachen? Ungestraft? Nach Samaria und Jerusalem mußten „ortsfremde" Schafhirten kommen, um den berufenen' Glaubenswächtern, den Hütern von Ordnung und Gesittung, die lapidarsten religiösen Wahrheiten zu predigen. . . Von Genf und den offiziellen Wortführern wird man gewiß nicht Entschlüsse erwarten dürfen, die der Menschheit endlich den' Beginn einer Epoche der Gerechtigkeit bringen. Zu einer Konferenz, die -eine Umwandlung im Geiste schaffen soll, gehört mehr, als ein erlauchtes Gremium von Männern der indu^- striellen, militärischen. oder „realpolitischen" Interessen.- Nur - die nach Ruhe und Gerechtigkeit hungernden M.a ssen sind die wahren Kämpfer um den uralten Gedanken des Jesaja und-Micha. Auf diese einzig reale Tatsache hat das Judentum hinzuweisen. Es ist die Erkenntnis und das gewaltige Programm unserer Propheten. Es ist die Erkenntnis der Zusammenhänge zwischen Wirtschaft, Gesellschaft, Politik. Frieden ist im jüdischen Sinne nicht,der faule Zustand der Saturiert-. heit oder der behaglichen Verewigung „gegebener Dinge". Ein Frieden, der nicht grundlegend die s o z i a 1 e n P r o b lerne zu lösen versucht, wird zur Gefahrenquelle. Solch .einen Frieden haben wir; und daher verlieren wir immer, mehr den Boden unter unseren Füßen, Ordnung und Sicherheit. - In Genf und um Genf herum wird man. zunächst um Thesen und Resolutionen streiten. Es wird sogar versucht werden, die ganze Konferenz zu sabotieren; der technische. Ausdruck lautet „verschieben". Französische Militaristen haben die Parole „Erst Sicherheit, dann Abrüstung" erfunden: Das ist der dunkle Punkt" unserer gesamten Kulturfortschritte. Diese Parole ist das Paradies für alle Sorten und Arten einer unreligiöse'n und erst Techt unjüdischen Unterdrückung. ■.-■■•:; Dem Judentum, - das' trotz /und wegen seiner „Geringfügig- % keit" ungeahnte Möglichkeiten ethischer Kampfbereitschaft besitzt, bleibt nur eine Wahl: Die Paro 1 e des Pr;opheten Jesaja. Oder es reißt ganz und gar von den Seilen seiner'; Aufgaben und Seilen seiner Bestimmung ab. J. R a p-h a e 1.' Schluss der Beilage. Verantwortlich für die Schriftleituug der Beilage: Ernst Holzer iu Fränkfnrt a. M.