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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-02-01 · 6 (2.1932) · page 29

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
6 (2.1932)
Date
1932-02-01
Page
– (sequence 29)
Language
German
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde_ Nr;4;^:;V \^ V:: - - : : FEBRIFAE t93Z Alle Arlikel'sind-persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleilung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Betträge für die Beilage und Zuschriften sind an den Schriftleiter der Beilage, Ernst Holzer, Corneliusstrasse 8, zu richten. Vorbemerkung. Indem die Gemeindeverwaltung der Jugendkommission die Herausgabe einer Jugendbeilage zum Gemeinde- . blätt unter einer besonderen Schriftleitung gestattet ist sie sich bewusst, dass der der Jugend naturgemäss anhaftende Mangel an Uebersicht und Ut teilsreife leidih-zu einseitiger, unsachlicher Kritik führt. Aber natürliah kann und will die Gemeindeverwaltung nidit dulden, dass Schüler in Artikeln vor der Oeffehtlidtkeit der Gemeinde ihre Lehrer bloßstellen und dadurch die namentlich für den jüdischen Religionsunterricht ganz besonders notwendige Disziplin gefährden. Die Gemeindeverwaltung wird in soldien Fällen mit Entsdiiedenheit Abhilfe sdiaffen und weist im übrigen auf die am Kopf sowohl des Gemeindebtaties wie der Jugendbeilage befindliche Bemerkung hin, dass für den Inhalt der einzelnen Artikel die Verfasser allein verantwortlich sind. ■ Vorstand der Israelitischen Gemeinde „Jüdischer Religionsunterricht" Von der Leitung der Jug>endbeilage des Gemeindeblattes wurdeich aufgefordert, den in -letzter ' Nummer angekündigten abschließenden Artikel über den jüdischen Religionsunterricht zu schreiben. . Ich muß bekennen, daß es mir'nicht leicht wird, diesem Wunsche zu folgen. Einmal, weil ich durchaus nicht damit einverstanden bhv daß noch nicht der Schule entwachsene. Jugend über ein so schweres Problem öffentlich urteilt und aburteilt, und zweitens, weil dies Problem noch lange, vielleicht immer ein Problem bleiben wird, und daher eine Stellungnahme, mindestenseine abschließende oder gar maßgebende, selbst i}vön erfahrener pädagogischer Seite" kaum möglich ist. Noch eines möchte ich vorausschicken: ich will nur auf die Aeußerungen von jugendlicher Seite eingehen, diejenigen im Hauptblatt aber nicht berücksichtigen. (Auch im Hauptblatt wird zu der Diskussion über den Religionsunterricht noch abschließend Stellung genommen werden. Schriftleitung des Gemeindeblattes.) Zuerst das . Grundsätzliche: ob R e 1 i g i o n 1 e h r b a r sei. Als Jude bejahe ich diese Frage, schon weil Thora Lehre, Weisung und Religion bedeutet, und nur durch Lehren und Lernen die Thora zu erfassen ist. Und daß religiöse Erziehung möglich ist, wird wohl von niemandem bezweifelt, wenn auch Belehrung auf diesem Gebiet nicht zugleich Mitteilung, d. h. Uebertragung ist. Sogar dies wollen unsere Weisen besser wissen; denn sie sagen:. S'chiroh m'wiph lijde assijoh — Denken und Nachdenken führt zum Handeln. Ganz sicher ist es auch, daß durch Religionsunterricht religiöse Gefühle übertragen werden können. Ist der Lehrer eine religiöse Persönlichkeit, dann wird und muß es ihm gelingen, das Gemüt des Kindes religiös zu beeinflussen, es zu Gott zu führen; bedeutet doch Religion Bindung; Man darf selbstverständlich keinen objektiven Religionsunterricht erteilen wollen, also nur Religions k u nd e anstatt Religion vermitteln — nein, der Religionslehrer muß einen persönlich lebendigen Unterricht erteilen können und erteilen. Daher auch die Forderung: der Religionslehrer muß aus dem Vollen des religiösen Stoffes und eines tiefreligiösen Fundus seines Wesens schöpfen können, sonst, wehe dem Unterricht, wehe dem Schüler, wehe der jüdischen Religion, wehe der jüdischen Gemeinschaft. -Ein zweites Grundsätzliches: Ist nicht die Glaubens- 1 o s i g k e i t unserer Zeit, entstanden unter dem zermalmenden Räderwerk der Wirtschaftsverhältnisse, auch tief in die Massen unserer .Glaubensgenossen-eingedrungen? Ist der Grund aller Religion, zwar noch verwaltet von Kirche und Konfession, — in unserem Falle von der jüdischen Gemeinde;— nicht fast unsichtbar geworden? Gilt das Gewesene, das Geschichtliche noch? "Es gibt keinen Gott! so rufen die Massen, und der Ruf schwillt immer mehr an. Wenn so das Greifbare unseres Unterrichtsstoff es fragwürdig geworden - ist, hat da religiöse Erziehung noch Aussicht auf Erfolg? Liest man aber die Auslassungen unseres Gemeindeblattes über unseren Religionsunterricht, so machen die schonungs- und rücksichtslosen "Bemängelungen unseres Unterrichtsbetriebs wahrhaftig den Eindruck, als herrschten auf diesem Gebiet hierorts himmelschreiende Zustände. Man beruhige sich: aus besten Quellen darf ohne Voreingenommenheit behauptet werden, daß Organisation und Innenbetrieb unseres Religionsunterrichts hinter denen anderer Großgemeinden wahrlich nicht zurückstehen, daß auch die Resultate bei einem Vergleich mit Ehren bestehen dürften. Aus der Kontroverse in den letzten zwei Nummern dieses Blattes scheint aber fast hervorzugehen, daß an die Jugend der Anspruch gestellt wird, von sich aus einen idealen Religionsunterricht zu schaffen, weil es die Lehrer nicht mehr können. Und sie scheint sich dazu für. fähig zu halten. Gibt uns Anweisungen unter dem Motto: Religionsunterricht vom Schüler aus! Fordert Beachtung psychologischer Gesichtspunkte! Weist auf den Zusammenhang jüdischer mit Welt- Geschichte hin! Verlangt „mehr . Hebräisch"! Fordert Feiern von Festen in der Schule! Stellt das Postulat auf: jede Religionsstunde sei ein Erlebnis! — Nimm mir's nicht übel liebe Jugend: wer den eben verstorbenen Kersehensteiner gekannt hat — und welcher moderne Lehrer kannte ihn und seine Forderungen und Lehren nicht — der lächelt über solche guten Anweisungen für die Praxis des Religionsunterrichts, dem sind so schöne Lehren Imponderabilien jeder Religionssfcunde. In all Deinen Mahnungen, in all Deinen Vorschlägen haben wir nichts. Neues gefunden. Nur das Schlagwort „Erlebnis" ist uns Alten nicht so geläufig wie der Jugend. Welche Pathetik! Welche UeberSpannung! Man bedenke: ein Religionslehrer soll täglich 5 Stunden in 5 verschiedenen Klassen hintereinander „religiöse Erlebnisse" vermitteln. Das Grundübel ist nicht erkannt: es ist, wie oben schon angedeutet, die Religionslosigkeit unserer Zeit, oder besser: der Indifferentismus des Elternhauses, die Erfolge im Religionsunterricht fast zur Unmöglichkeit machen. In einer Buchbesprechung las ich kürzlich: „Was der Verfasser in seinem Roman schildert, ist das traurige Resultat einer unjüdischen Erziehung im Elternhaus, die es versäumt, den. jungen Juden über die Grundtatsacben seines eigenen Lebens als Jude aufzuklären." Da soll der Religionsunterricht in zwei Wochenstunden gutmachen, was das Elternhaus in siebenmal vierundzwanzig Stunden verabsäumt, ja manchmal und nicht selten untergräbt! Da soll der Religionslehrer den Primanern Religion predigen, die Karl Marx, sein kommunistisches Manifest" und sein „Kapital" als moderne Bibel in ihrem Ranzen bei sich tragen, die solche Ideen heute in Rußland sich verwirklichen sehen, deren Köpfe mit materialistischen Gedankengängen vollgepfropft sind, die unter dem Druck der Zeit und den erschütternden Erfahrungen des alltäglichen Geschehens das gesamte religiöse Gut über Bord geworfen haben, das vielleicht in den ersten Schuljahren noch erworben werden konnte und erworben wurde. Und wo bleibt da die Gegenwirkung des Elternhauses? Nichts wäre für unser Gebiet notwendiger, als Erwachsenenbildung. Unsere Jugend leidet unter dem Mangel an Religion und Religionsgut bei dem Elterngeschlecht der heutigen Zeit. Wie mancher junge Jude spürt es am eigenen Leibe und sehnt sich nach Judentum und Jüdischkeit, aber er findet keine Förderung im Elternhaus, das den Auflösungsprozeß nicht aufzuhalten vermag und den Durst

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