Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 6 (2.1932)
- Date
- 1932-02-01
- Page
- Seite 122 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3094266-3094373-3094379--3097-3097860- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Hanau 1× ep/1047937
OCR text
Wege nicht auszuführen war, wurde ich von einem Teplitzer Kaufmann mit Namen Katz nach Teplitz mitgenommen, der mich vor dem Strahover Thore erwartete. In Teplitz angekommen, wies man mich an einen alten Juden aus Soboten, der mich übers Gebirge, auf Paschwegen, nach Sachsen spedierte, wofür er 2 Gulden, 1 Speziesthaler, forderte, die ich ihm gern gab. Da stand ich auf dem "Gipfel des Geiersbergs, ein 17jähriger Jüngling, ganz allein; früher im Kreise liebender Eltern und Geschwister gewohnt zu leben, von zarter Mutterhand gepflegt und von allen verlassen, stand ich dn einer waldigen Gegend. Ich weinte, doch das Ziel meiner angetretenen Wanderung, Offenbach, gab mir Trost. Und sollten die Leiden und Entbehrungen, die ich zu bestehen haben sollte, als Prüfung meines Glaubens an die neue Lehre gelten? Ich hatte von den Meinigen 60 Gulden in Gold-und Silber bekommen. Außerdem hatte ich gegen 3 Gulden kleine Münze, und that ich hier im Glaubenseifer das Gelübde, die Reise nach Offenbach mit diesen drei Gulden zu bestreiten, sollte ich auch hungern und betteln müssen, und die 60 Gulden als Opfergabe der göttlichen Herrin zu bringen. Muthig und entschlossen trat ich nun vorwärts und kam gegen Abend in Fürstenau, einem sächsischen Dorf, an. Nach einem spärlich genossenen Abendbrot wurde in der sehr räumlichen Wirthsstube «in Strohlager für mich hergerichtet, auf dem ich mich ermüdet niederlegte und bald einschlief. Unfefähr nach Mitternacht weckte mich ein Getöse, ein Mann, em meine Phantasie Riesengröße gab, trat in die Stube mit gewaltigem Stock und Pack auf dem Rücken. Hinter ihm ein. gleicher, und so fort, bis die Wirthsstube voll war. Meine Angst und Furcht, die eines jungen Mannes von 17 Jahren, der noch nichts erlebt. Nach einer Stunde verließen diese^ nachdem sie Bier und Branntwein genossen, die Stube. Später erfuhr ich, daß es Pascher waren. Den Morgen trat ich meine Weiterreise nach Dresden an, übernachtete in einem Dorfe und kam gegen Mittag in Dresden an. Gleich beim Eintritt erfuhr ich Unangenehmes und Kränkendes. Ich mußte Judenzoll zahlen. Für das Glück, als Jude geboren zu sein, mußte man fast in ganz Deutschland einen solchen Leibzoll, wie vom lieben Vieh, zahlen. Dann wurde mein Felleisen untersucht und fand der Mauthbeamte, daß eine Schlafmütze neu wäre, ungetragen, und mußte ich den Zoll und Strafe, daß ich dies nicht angesagt, zahlen, welches beides meine kleine Kasse aufzehrte. Ich war an einen Herrn Jonathan Eibenschütz6), einen der Unsrigen dort, empfohlen. Derselbe war ein schöner junger Mann, aber sehr taub und ein Stammler, fast unverständlich, und nahm mich, nachdem er das Empfehlungsschreiben gelesen, mit Kuß und Handschlag freundlichst auf. Er gab mir während meines Aufenthaltes in Dresden Wohnung und Kost, verschaffte mir einen Paß als sächsischer Unterthan, um des leidigen Judenzolls enthoben zu sein. Ich blieb die Osterfeiertage in Dresden. Beim Abschied von Herrn E. gab mir dieser gemüthliche gute Mann zwei Reichsthaler. Bei einem herrlichen Frühlingswetter verließ ich Dresden und trat zu Fuß meine Reise nach Offenbach an, berauscht und exaltiert, welchem Ziel ich entgegen ging. Anfangs ging es in diesem Rausche leicht, und singend kam ich, obgleich ich ein schweres Felleisen zu tragen hatte, gegen Abend nach Meißen und schlief-nach genossenem Abendbrot auf meinem Strohlager und trotz schmerzvoller Füße, da -beide wund waren, bis zum hellen Morgen. Ich stand auf von meinem Lager, aber gehen konnte ich nicht, auch keine Stiefel anziehen,. eine traurige Lage, wenn man mit Ungeduld einem solchen Ziele entgegeneilt. Es bleibt mir nichts übrig, als baarfuß, mit geschwollenen, schmerzhaften Füßen den Weg nach Leipzig zu verfolgen, vor welcher Stadt ich den dritten Tag eintraf; die früheren Nächte brachte ich in Oschatz und Würzen zu. Durch Leipzig ließ man mich nicht passieren und wurde von einem Polizei um die Stadt nach der Straße nach Weimar geführt. Diese Straße wanderte ich mühselig, gequält von Schmerzen und Hunger, und blieb entmuthigt und schwach auf der Straße liegen. Nachdem ich ungefähr eine Stunde dalag, kam eine Kutsche von Leipzig her zugefahren; als diese nahe war, raffte ich mich auf und sah, daß die Kutsche leer war. Ich fragte den Kutscher, wohin er fahre: „Nach Weimar", sagte er; „auch ich will dahin, wollten Sie mich nicht mitnehmen?" „Ja", sagte er. „Was soll ich zahlen", fragte ich, „ich bin arm, kann nicht viel geben." „Setz er sich nur ein, wir werden uns schon vergleichen." Ich legte mein Felleisen im Wagen und stieg ein, der Wagen setzte sich in Bewegung und rollte weiter. Welch Wonnegefühl nach ausgestandener so vieler Qualen in einem bequemen Wagen nach vorwärts zu kommen, in Aussicht, mehr als 12 Meilen so angenehm weiter zu kommen. Es war Nacht, 6) Nicht zu verwechseln mit dem berühmten Rabbiner gleichen Namens, der als heimlicher Anhänger Sabbatai Zevi's galt. Eibenschütz ist ein in Osteuropa sehr verbreiteter Familienname und stammt von dem mährischen Ort Eibenschitz. als wir in Wedßenfels ankamen. Der Kutscher kehrte in ein Hotel ein. Zwei Kellner, jeder ein Girandole in der Hand, kamen,' den angekommenen Gast aus dem Wagen zu heben. Als sie mich aussteigen, sahen, sagte einer, der gehört auf die Herberge, nicht hierher. Mein braver Kutscher weiste mich dahin und versprach, mich früh von dort abzuholen. Mein Abendbrot bestand in einem Stück Schwarzbrot und einem Glas Bier. Auf meinem Strohlager schlief ich die Nacht ohne Unterbrechung und stand früh gestärkt auf. Ich wartete nicht lange, und es kam meine Reisegelegenheit gefahren, schob mein Reisegepäck und mich in den Wagen; wir fuhren weiter. So ging es den ganzen Tag, mit Ausnahme des Mittags, wo gefüttert wurde. Des Abends wurde-in einem Dorf übernachtet. Den anderen Morgen ging es weiter. Gegen 10 Uhr trafen wir in Weimar ein. In einiger Entfernung von der Stadt hieß mich der Kutscher aussteigen. Nachdem ich - mein Gepäck vorausgeschickt, stieg ich voll Zagen aus dem Wagen. Was wird der Kutscher für Gelegenheit und Zahlung fordern? Kleinlaut fragte ich, was ich schulde. Mit Worten, kann ich die freudige Ueberraschung nicht ausdrücken, wie der menschenfreundliche Kutscher 20 Kreutzer verlangte, mit der Bemerkung, er verlange nur, was er für mich baar ausgelegt habe. . Ich passierte Weimar, ohne mich aufzuhalten und kam Abends nach Gotha. (Ich war früher in Erfurt, Abend in Gotha.) Ich kehrte in einem Wirthshaus ein, wo ich Bier und Brot mir geben ließ.' In einem Nebenzimmer war ein Tisch gedeckt für viele Personen, und sahes festlich aus. Es wurde aufgetragen: verschiedene Braten, Kuchen, Obst, verschiedene andere Gerichte. Es ward eine Kindertaufe gefeiert Ich hatte seit Dresden kein Fleisch genossen. Mich* reizten die Gerüche der Speisen. Da kam die Hausfrau zu mir und sagte: „Ich sehe es ihm an, er ist braver Leute Kind" und stellte vor mich hin einen Teller mit Braten und Eiern und mit Bäckerei. Kommenden Nachmittag kam ich an den Thoren von Erfurt an. Damals lag österreichische Garnison da. Hier wurde ich angehalten, Leibzoll zu zahlen, gegen 2 Gulden. Alles Widerstreben half nicht, selbst mein Vorschlag, Erfurt nicht zu passieren. Man nahm mein Gepäck in Beschlag. Endlich gab der Einnehmer auf mein Ersuchen, vor den Stadthauptmann geführt zu werden, die Bewilligung dazu und wurde ich durch einen Soldaten dahin geführt. Derselbe war nicht zu Hause, war bei einer Baronin zu Besuch. Ich ließ mich dahin führen und wurde vorgelassen. Auf die Frage, was ich wollte, stellte ich ihm vor, wie ungerecht es ist, von einem armen, durchreisenden Handwerksburschen 2 Gulden Leibzoll zu verlangen, weil derselbe jüdischen Glaubens ist. Er erwiderte, daß das Landesgesetz wäre, darauf sagte ich ihm: „das kann der Einnehm 3r sagen, aber er. als erlauchteter hoher Beamter wird zugeben, daß diese Steuer für Juden, die Geschäfte und Handel treiben, bestimmt ist, aber nicht für durchreisende arme Handwerker," und anderes mehr. Der Stadthauptmann nahm noch Anstand, da nahm die Baronin das Wort und sagte französisch: „Der junge Man hat recht, es wäre grausam, eine so bedeutende Abgabe, die so intolerant ist, zu fordern." Da gab mir der Stadthauptmann ein schriftliches Dokument, das mich von aller derlei Steuer befreite. Abends kam ich nach Gotha. Ich verfolgte nun den Weg nach Offenbach über Eisenach, durch Hessen nach Hanau, ohne weitere Abenteuer, wo ich an einem Mittag eintraf. Die Hoffnung, noch diesen Tag gegen Abend in Offenbach einzutreffen, beschleunigte meine Schritte. In welcher Stimmung und Aufregung ist nicht zu beschreiben. Die Versammlung der Gläubigen in Offenbach wurde Machane7) genannt, Lager, hinweisend auf das Lager der Israeliten unter Moses. In diese Machane sollte ich noch heute eintreten und "aufgenommen werden. Abends, es war beredts dunkel, traf ich in Offenbach, einer offenen Stadt ein. Es regnete. Ich frug nach dem polischen Hofe. Man wies mich nach dem anderen Ende der Stadt. Ein stattliches Haus. Ich weinte in religiöser Andacht, das heilige Haus zu betreten. Ich stieg einige Stufen empor und zog die Glocke. Es wurde geöffnet, ein junger Mann in türkischer Kleidung empfing mich, umarmte und küßte mich, nannte mich Bruder und sagte mir, daß ich erwartet würde. Es versammelten sich mehrere Maaminim, unter ihnen ein alter Mann von ehrwürdigem Aussehen mit schneeweißem Haar in Oberstuniform, der sich Cinsky nannte. Derselbe führte mich auf sein Zimmer im zweiten Stock. Er versicherte mich, mir jederzeit mit väterlichem Rath beizustehen und gab mir Anweisung, wie ich mich bei der zu erwartenden Audienz bei der heiligen Mutter zu benehmen habe. Noch denselben Abend besuchten mich viele Maaminim, alte und junge. Am folgenden Tag wurde ich zur Gewihre zur Audienz berufen. Sie bewohnte den ersten Stock. Im Vorzimmer, wo eine Kammerjungfer mich empfing, mußte ich einige Zeit warten. Wie war ich bewegt und wie klopfte mir das Herz. Endlich wurde eine Thür geöffnet und ich trat ein. Ich wagte nicht, "0 Schon in Mähren wurden die Anhänger Jakob Franks in einer zuerst „Bruderschaft", dann „Machane" genannten Organisation militärisch organisiert.