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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-02-01 · 6 (2.1932) · page 3

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
6 (2.1932)
Date
1932-02-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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FRANKFURTER ISRAELITISCHES GEMEINDEBLATT Amtliches Organ der Israelitischen Gemeinde Das Gemeindeblatt erscheint monatlich und wird den Gemeindemitgliedern unentgeltlich durch die Post zugestellt. — Preis der Einzel nummer 50 Pfg. — Anzeigen nach Tarif. — Sehriftleitung und Anzeigenverwaltung: Gemeindehaus, Fahrgasse 146. Fernsprecher: Sammelnummer Hansa 27544. — Postscheckkonto: Frankfurt a. M. 33521. Die Schriftleitung übernimmt für den Inhalt des Gemeindeblatts nur die preßgesetzliche Verantwortung. Nachdruck nur mit Erlaubnis gestattet. 10. Jahrgang Frankfurt a. M., Februar 1932 Nr. 6 Eine Wallfahrt nach Offenbach Zur Geschichte, der Jakob Frankschen Bewegung. Dr. C. Seligmann. Mitgeteilt von Rabbiner Die folgenden, handschriftlich in der Freiherr von Mayer'schen Familie hier aufbewahrten Erinnerungen sind mir von meiner Schülerin G. v. M. übergeben worden, und auf meine Bitte wurde mir von der Familie der Abdruck gestattet. Die Abschrift des alten Familiendokuments rührt von Gabriele v. Portheim her. Ich teile dasselbe unverändert, unter treuer Wiedergabe audi in Orthographie und Stil, mit. Nur offensichtliche Versehen oder Missverständnisse der mir vorliegenden Abschrift, wie z. B. Transskriptionen hebräischer Worte und Ortsnamen sind von mir verbessert, — Der Erzähler der nachfolgenden geschichtlichen Episode ist der Prager Fabrikant Leopold Porges von Portheim. Ueber diesen wie auch über die frankistisdie Bewegung vgl. Dubnow, Weltgeschichte des jüdischen Volkes, Bd. VIII, bes. S. 423 f. Ich bin den 22. Dezember 1781 geboren. Mein Vater Morenu Rabbi Gabriel Porges, ein sehr gelehrter Mann in allem jüdischen Wissen. Ein tugendhafter, rechtschaffener Mann. Ihm waren aiK-h die damals den jüdischen Gelehrten wenig bekannten christlichen Wissenschaften nicht fremd. Er war ein gemütlicher, guter Mann und hat nie seine Kinder körperlich bestraft. Meine Mutter war eine herzensgute Frau, sie führte das Geschäft, das die Familie nährte. Der Vater bekümmerte sich wenig um das Geschäft. Er studierte und hielt Vorträge. Das Geschäft war eine Rossoli^-Erzeugung und Branntweinverkauf. Wie es zu der Zeit Sitte war, wurde ich im Hebräischen und Uebersetzung der Bibel unterrichtet. Im siebenten Jahr besuchte, ich die israelitische deutsche Schule, die ich im elften schon verließ. Meines lebhaften Temperaments wegen war der Besuch der Schule kein fleißiger. Ich brachte im Sommer statt in der Schule beim Baden in der Moldau und im Winter aorf dem Eise zu. Nach dem Austritt aus der Schule wollte ich studieren, aber mein älterer Bruder, damals Philosophiestudiosiis, war dagegen und stimmte meine Eltern, daß sie es nicht zugaben. Ich war nun ohne alle Beschäftigung und Unterricht. Durch die gütige Unterstützung meiner lieben Mutter war ich in den Stand gesetzt, mir Bücher anzuschaffen, als von Lessing, Mendelssohn und Schiller, aber auch von Cramer, Spieß und dergleichen. Außerdem auch geschichtliche und geographische Werke und habe ich mein bischen Wissen diesem Selbstunterricht zu danken. Nach zurückgelegtem 14. Jahr berufte mich mein geliebter Vater auf sein Zimmer und fragte mich in feierlicher Weise, ob ich denn glaube, daß die geoffenbarte Thora alles enthalte, was zu unserem Seelenheil und unserer Seeligkeit, hier und jenseits, nöthig zu wissen ist. Ich war bis zu dieser Stunde ein rechtgläubiger Jude gewesen, wenn auch manche Zweifel und Bedenken in mir aufgestiegen. Er sagte mir in feierlichem Ton: „Es gibt neben der Thora ein heiliges Buch, den Sohar, der uns die Geheimnisse, die in der Thora nur angedeutet sind, geoffenbart und zur geistigen Vervollkommnung auffordert und wie dazu zu gelangen anweist. Es gibt viele Edele, die sich der neuen Lehre gewidmet, die Erlösung aus geistigem und politischem Druck ist ihr Zweck, ist ihr Ziel. Gott hat sich in neuerer i) Vom . italienischen rosogli, eine besondere Art von Licrueur aus Örangeblüten und -Früditen, gemischt mit Gewürzen in schilfumflochtenen Flasdien. Zeit, wie in früherer, geofFenbart. Du sollst, mein Sohn, von allem in Kenntnis gesetzt werden. Herr Noe Kassowitz, einer der Unseren, wird dich unterrichten." Ich zerfloß in Thränen, küßte die Hand meines Vaters unzähligemal und verließ ihn wie berauscht und fühlte ich mich gehoben und einer höheren, edleren Menschenclasse nun angehörig. Es dürfte überflüssig sein, ins Detail des Unterrichts von K. einzugehen. Wesentlich ist, was er mir mittheilte, daß in letzter Zeit ein Gottgesandter Namens Jakob Frank, auch Censtochowo 2) genannt, von Geburt ein Pole, der längere Zeit in der Türkei sich aufgehalten, als Messias sich kundgab und viele angesehene jüdische Gelehrte um sich versammelte, die an ihn glaubten, die ihn verehrten und anbeteten. Er erwarb einen großen Anhang, den er durch Prophezeiungen und Versprechungen einer geistigen und körperlichen Erlösung, vornehmlich eines ewigen Lebens, an sich fesselte. Die Behörden, davon in Kenntnis gesetzt, verurtheilten ihn zur Festungsstrafe, wo er längere Zeit auf der Festung Czenstochau zubrachte; endlich entlassen, ging er zum Christenthum über und mit ihm seine Familie und der größte Theil seiner Anhänger, um die Schechina (der heil. Geist), der von Rom festgehalten, zu befreien. Nach einer Zeit erschien er in Frößnitz in Mähren unter dem Namen Baron Frank mit Glanz und Pracht und hatte sogar eine Leibwache, die ihn bei seinen Ausfahrten umgab. Bekannt ist es, daß ihn dort Kaiser Josef II. besuchte. Von Plößnitz zog er nach Offenbach, wo er ein eigenes Haus bezog3) und eine große Anzahl seiner Anhänger, meist Polen, um sich versammelte. Der Uebertritt zu einer anderen Confession ist ein wichtiger Schritt, der auf das ganze Leben des betreffenden Menschen einen dauernden Einfluß hat. Geschieht dieser Schritt aus Ueberzeugung, dann war er ein ehrwürdiger zu nennen, aber auf Verblendung einer Leidenschaft, deren Ziel nur eben durch ihn erreicht werden konnte, muß er zum Unglück, zum bitteren Vorwurf führen, wenn dereinst die Leidenschaft sich verloren hat und eine ruhige Ueberlegung folgt. — Nach seinem Ableben nahm seine Tochter unter dem Namen Gevira die Führung der Gläubigen4): sie war nicht mehr jung; neben ihr ihre bellen Brüder Roch5) und Josef. Welchen Eindruck diese Enthüllungen auf mich, einen , jungen, lebhaften, die Wahrheit suchenden Jüngling machten, ' ist nicht zu beschreiben. Die Sehnsucht nach dem heiligen Lager in Offenbach bemächtigte sich meiner so, daß ich weder Ruh noch einen anderen Gedanken hatte, als die Reise nach dort. Allein wie diese beginnen, da es mir an Mitteln fehlte und mein guter Vater sie mir nicht schaffen konnte. Eine allgemeine Rekrutierung 1798, wo man des Nachts die jungen Leute aus den Betten holte, war Veranlassung, daß ich mich bei Bekannten verstecken mußte (Salom. Brandeis), und nach einigen Wochen, der Gefahr zu entgehen, wurde beschlossen, ich solle nach Deutschland auswandern. Da dies auf legitimem 2) Nach der Festung Czenstochau so genannt, wo Frank auf Anordnung der , äpstlichen Kurie dreizehn Jahre interniert war. 3) Dieses Haus war das ehemalige Isenburg'sche Residenzschloß, wo der Fürst von Isenburg ihm eine Art Souveränität mit eigener Gerichtsbarkeit-und Polizei einräumte, und wo er sich, ähnlich, wie die moderne Heilsarmee, eine militärische Organisation schuf. ■») Sie hieß Eva und wurde von ihrem Vater als „natürliche Tochter" der Kaiserin Elisabeth von Rußland ausgegeben. 8) Meist Rochus genannt.

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