Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 6 (2.1932)
- Date
- 1932-02-01
- Page
- Seite 123 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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der Gewihre ins Antlitz zu sehen, kniete vor ihr nieder und küßte ihr den Fuß, wie man es mir vorschrieb. Sie sprach einige freundliche Worte, sprach sich lobend für meinen Vater aus, lobte meinen Entschluß, nach dort zu. kommen. Bei meiner Entfernung legte ich mein Beutelchen, welches etwa 60 Gulden in Gold und Silber enthielt, auf einen Tisch und ging rückwärts durch die Thür. Der Eindruck, den die Gewihre auf mich machte, war ein erhabener und günstiger. Das Gesicht lieblich, drückte Güte, Sanftmuth und Milde aus, das Auge heilige Schwärmerei. Sie war im Alter vorgerückt, doch eine liebliche Erscheinimg. Hände und Füße reizend. Wie ich später erfuhr, habe ich vor ihr Gnade gefunden. Ich wurde auf hohen Befehl der Liberia zugethedlt, nämlich den meist jungen Leuten, welche die drei Herrschaften zu bedienen hatten bei Tisch und bei den täglichen Ausfahrten und Sonntag in der Kirche. Wir bewohnten ein Zimmer. Dies gab mir Gelegenheit, öfters, besonders bei Tisch, ganz in der Nähe die Herrschaften zu beobachten. Ich erhielt eine Jägeruniform, statt einem Hut ein Caskett von grünem Leder mit Metallbeschlag. Es galt für eine große Ehre, zu diesem Chor zu gehören. Ich bediente öfters bei Tisch und war mein Platz hinter dem Stuhl der Gevira. Es wurde in einem ziemlich geräumigen Saal gespeist. Wir waren drei zur Bedienung der drei Herrschaften bestimmt. Die Speisen, die übrig blieben, verzehrten wir nach der Tafel. Da alle Bewohner des Hauses und auch manche, die außer dem Hause wohnten, ihre Mittagskost aus der gemeinschaftlichen Küche holten und diese in einer Suppe und einem Gemüse bestand und von sehr schlechter Qualität war, so schmeckte uns diese Mitkost ganz besonders. Jeden Sonntag war Kirchenparade, wo wir Uniformierten uns dabei betheiligen mußten. Umgang hatte ich nur mit den Glaubensgenossen, besonders sagten mir die Alten zu; unter diesen gab es sehr ehrwürdige Männer, einige hoch im Alter, als die Wolowsky, Dembitzky, Matusch efsky, Cherwiesky. Die jüngeren, besonders meine Zimmerkameraden, waren zwar ihren Aeußerungen nach gläubig, doch wie so junge Leute leichtsinnig und, trotz der allgemeinen strengen Sittlichkeit, nahmen sie es nicht gar zu streng. Umgang mit dem anderen Geschlecht gab es nicht, das Heirathen war streng verboten, ja sogar wurde eines Morgens in einer Vision geboten, jeder, der eine Neigung für eine Frauensperson fühlt, soll sich zehn Ruthenschläge geben lassen, und sieh da, fast alle jungen Männer ließen sich solche appliciren. Bei dieser Gelegenheit muß ich bemerken, daß fast täglich solche Visionen bekanntgegeben wurden von den drei Herrschaften abwechselnd, die in einem Buch eingeschrieben wurden; wurden auch Abschriften gemacht. Täglich wurden wir jungen Leute exercirt durch einen polischen Exercirmeister: docli wurden sämtliche Gewehre und Säbel versteckt, als 1799 rlie Franzosen in Offenbach einrückten. Im Sommer 1798 kamen drei Söhne des Jonas Wehli und mit ihnen mein jüngerer Bruder Juda Leopold nach Offenbach. Die Wehli waren wohlerzogene und wohlunterrichtete junge Leute, hießen Abraham. Jontef und Ekiba, erhielten nun die Namen Josef, Ludwig und Max: mein Bruder erhielt den Namen Carl der Jüngere. Er war 17 Jahre alt, unselbständig und wurde angewiesen, Unterrieht im frisieren zu nehmen. Im Herbst desselben Jahres kam mein guter Vater in Gesellschaft der Herren Jonas und Aron Beer Wehli. ich war berauscht von der Freude, den theueren, geliebten Vater wiederzusehen. Die drei ehrwürdigen, gelehrten Herrn wurden feierlich und festlich von allen Maaminim empfangen und wurden den anderen Vormittag den hohen Herrschaften vorgestellt. Sie legten Opfergaben der Gevira zu Füßen, die Wehli in Gold, welches besonders gern empfangen wurde. Beide waren reiche Leute. Mein guter Vater, der nicht besonders bemittelt war, brachte ein Stück Battist. Dieses Geschenk8) war die Ursache, daß ich in meinem schwärmerischen Glauben anfing zu wanken und am Ende zur Ueberzeugung gelangte, daß hier alles Betrug und durch Schwärmerei mehrere hundert braver Menschen ausgebeutet, hundert Meilen herbeigezogen, verarmt und unglücklich wurden. Im selben Jahr kam nach Offenbach Herr Salomon Zerkowitz, früher sehr wohlhabend. Er brachte noch einiges Vermögen mit, er mußte es jedoch auf Befehl opfern. Es bestand meist in österreichischen Staatspapieren, die ich nach Frankfurt zur Begebung trug und beim alten Rothschild versilberte. Herr Zerkowitz war ein guter, redlicher Mann, er weinte, als er seine letzte Habe hergeben mußte. Neben dem Speisesaal war das heilige Zimmer, wo noch das Bett, die Kleidung des heiligen Vaters (so wurde Jakob Frank, der Vater der Gevira und deren Brüder genannt) sich befanden. In diesem Zimmer war es dunkel, die Fenster waren verhangen, hier wurde gebetet, vor dem Bette knieten die Gläubigen in inbrünstigem Gebete. Der Zutritt war den ganzen Tag gestattet. Vor dem Eingang in den Speisesaal nämlich 8) Wie aus der Erzählung, einige Zeilen weiter, hervorgeht, erkannte der Jüngling, dafl es auf Ausbeutung der Gläubigen abgesehen sei und dafl nicht die Persönlichkeit, sondern der Wert der gespendeten Gaben geschätzt wurde. waren Mädchen im Amazonenkleide mit Gewehr und Säbel als Wache aufgestellt, es waren meist schöne junge Mädchen dazu bestimmt. Wie ich früher bemerkte, verletzte mich ein spöttischer Ausdruck des heiligen Josef bei Tische in meiner Gegenwart über das nicht werthvolle Geschenk meines Vaters. Ich fand, daß mehr auf die Gabe als den Mann, der es gab, gesehen wurde. Von diesem Augenblick an fing ich an, nachdenklich zu weiden und zu beobachten. Anfangs stieß ich diese negierenden Gedanken zurück, hielt es für Frevel, das zu bezweifeln, was so viele ausgezeichnete und gelehrte Männer glaubten, ging in das heilige Zimmer und bereute. Allein bald fand ich wieder Ursache zu einem Rückfall. Unter den Bewohnern meines Zimmers war auch ein junger Mann aus Dresden Namens Johann Hoffinger. Derselbe näherte sich mir in dieser Zeit und nach einigen Vorbereitungen und Sondierungen ließ er mich ahnen, daß er nicht mit Allem einverstanden sei. was geschieht, oder geschehen 'ist. Da er fand, daß ich ihn nicht verrathen werde, rückte er endlich damit heraus, daß er nach längerer Untersuchung und Nachdenken zur Erkenntnis gekommen, daß hi^r ein Betrug unglaublicher Art ausgeübt und die Gläubigen, die sich hier befinden, so große Opfer gebracht, daß sie den Gedanken nicht fassen können, daß alles Schwindel gewesen wäre. Auch hatte man sie aller Mittel beraubt, in ihre so entfernte Heimath zurückkehren zu können. Durch solche öftere Besprechung kamen wir endlich zu dem Entschluß, zu entfliehen. Hoffinger schlug vor, Mittel zu ergreifen, die sich mit der Ehrbarkeit und dem Rufe unserer Familie nicht vertrugen, da es uns an Mitteln fehlte und wir ohne alle Baarschaft waren. Ich schrieb deshalb an meinen Bruder Dr. Porges. machte ihn mit meinem Entschluß bekannt. Offenbach zu verlassen. Ich bat ihn, mir ein Haus in Frankfurt anzuweisen, wo wir aufgenommen und die Mittel zur Weiterreise erhalten würden. Die Antwort blieb nicht aus; die Familie freute sich mit unserem Vorhaben und bezeichnete uns einen Herrn NeustadtP) in Frankfurt, wo wir Geld und freundliche Aufnahme finden würden. Nun wurde ernstlich dazu gethan. Ich machte meinen Bruder mit meinem Vorsatz bekannt, zehrte ihm das Schreiben unseres Bruders; er erklärte sich sofort bereit, mir in Allem zu folgen. Nun wurde gemeinschaftlich berathen, wie wir uns von Offenbach entfernen wollten. Wir beschlossen, dies zeitlich früh vier Uhr durch den Garten zu thun. Wir beschlossen "dies, weil kurze Zeit vorher ein Pole, der zur Gemeinde gehörte, eingefangen und bestraft wurde, Da wir öfter die Nachtwache bezogen, wußte ich es so einzurichten, daß ich und Hoffinger die Wache bezogen. Da wir nicht viel Gepäck hatten, so wurde SäinmtTiches in ein Pack gebunden. Den Abend vor unserer Flucht wurde ich zur Gevira durch eine Kammerjungfer befohlen. Es war bereits Dämmerung; als ich in das Cablnet trat, wurde ich von dem Lieblingshund, ein Windspiel, das mich kannte und sonst mich nie anbellte, heftig angegriffen. Die ungewöhnliche Stunde der Berufung, der ausnahmsweise Anfall des Hundes, erschreckten mich — ich glaubte uns entdeckt und verrathen. Ich fiel auf die Knie. Die Gevira verwies den Hund zur Ruhe, indem sie sagte: „Was ist dir heute, kennst du meinen lieben Carl nicht?" Sie sprach mich polnisch an: „Ich habe bemerkt, daß deine Uniform abgetragen ist. Du kannst morgen nach Frankfurt gehen und dir eine neue bestellen." Sie fragte mich, ob ich sonst kein Begehren hätte; ich war sehr gerührt und hätte bald reuig alles bekannt einer solchen Huld und Gnade gegenüber. Sie gab mir die "Hand zum Kusse und entließ mich. Ich entfernte mich weinend, denn ich verehrte und liebte diese hohe Frau: ich war damals 19 Jahre alt. Zwölf Uhr nachts wurde ich vom Posten abgelöst, ich legte mich nieder. Gegen 2 Uhr wurde aufgestanden und die wenigen Kleidungsstücke und Wäsche in ein Tuch gepackt, ich vermied mitzunehmen, was ich nicht mitgebracht. Hoffinger und mein Bruder folgten meinem Beispiel. Um 4 Uhr morgens bezog ich wieder die Wache mit Hoffinger. Das Gepäck hatten wir schon bei uns. Wir standen im ebenerdigen Corridor vor den Wohnungen des heiligen Bernhard und Josef. Als mein Bruder die Treppe herunterkam, stellten wir'die Gewehre in einen Winkel, gingen unter Herzklopfen und höchster Aufregung in den Hof, der Gefahr ausgesetzt, von dem Kutscher und den Stallknechten aufgehalten zu werden; von da in den Garten, setzten über eine Bretterwand und waren im Freien. Wir liefen dem Walde, der nahe lag, zu, kamen nach Oberrad und gegen 6 Uhr in Frankfurt an. Herr Neustadtl, den wir bald erfragten, nahm uns sehr freundschaftlich auf, beherbergte und traktierte uns und übergab mir das Geld, welches er von unserer Familie erhalten hatte. Nun wurden denselben Tag einige Kleidungsstücke für mich und meinen Bruder angeschafft. (Schluß folgt.) 9) Wahrscheinlich ist der im Jahre 1772 aus Prag nach Frankfurt übergesiedelte Ekiba Simson Neustädel gemeint, der das Haus „Zum weißen Schild" erwarb und im Jahre 1816 starb; vgl. „Stammbuch der Frankfurter Juden", Seite 205 und 471. »0) Wohl verschrieben für Seligenstadt.