Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 5 (1.1932)
- Date
- 1932-01-01
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3094266-3094373-3094378--3091-3097853- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
19 Beamtenschaft. Ihre -wesentliche. Stärke liege nicht in <ler Lehre, sondern im. Kultischen, im Drum und Dran, der Aufmachung, den Feiern. Ohne die Formen der Religion unterschätzen zu wollen, müssen wir sagen: hier ist der sonst so sehende. Döblin blind. Letzter Wert der Religion für den Menschen ist die Lehre, die Weltanschauung, und sie bildet den Menschen. Döblin verficht immer und immer wieder die These, daß der Geist es ist, der sich den Körper baut, und zeigt dies in weiten Partien seines. Buches am. Beispiel des Protestantismus. Der Typ, den er dieser protestantischen Art entgegenhält, er ist, wie wir eingangs zeigten, durch jüdische Weltanschauung geformt. Daß diese Weltanschauung-im Laufe der Geschlechter nicht verloren geht, dazu ist die Organisation mitsamt ihrer Beamtenschaft notwendig. Döblin und Karl Marx konnten von jüdischem Erbgut zehren, und im marxistischen Sozialismus und in den Verbesserungen, die Döblin ihm gibt, kommt gerade jüdisches Gedankengut immer wieder zum Vorschein. Es ginge verloren^ wenn nicht in der sozialen Gemeinschaft des Judentums, im Religionsunterricht, in den Predigten, den Jugend verbänden und Logen und da, wo Juden frei gesellschaftlich zusammenkommen, immer wieder eine gegenseitige Bestärkung im Menschlich-Idealistischen stattfinden würde, das Döblin als den wahren Sozialismus immer wieder schildert und herbeizuführen sucht. Das ist die Rolle, die das Judentum im Sozialismus wie überhaupt in der Welt zu spielen hat, und ich glaube, hier die These von Döblin erweitern zu sollen: nicht nur der Intellektuelle hat seine Aufgabe im Kampf um den Sozialsmus neben der Arbeiterschaft, auch der Jude. Und deshalb müssen wir es bedauern, wenn so manche seiner größten Geister aus ihm schöpfen, ohne ihm wieder zu geben. Ihr Erwin Baer Wissen und Erhalten Die Juden sind doch das unpolitischste Volk der Erde. Trotz ihrer viel gerühmten rationalistischen „Geschäftstüchtigkeit" entbehren sie in einem geradezu erstaunlichen Maße jeglichen Sinnes für ,,Politik", für die Beurteilung von gesellschaftlichen Machtfaktoren, für die Gesetze, nach denen sich jene bewegen, _und für die großen historischen Perspektiven, unter die sie einzuordnen wären. Dabei sollte man doch gerade von dem ältesten Kulturvolk und Sündenbock der Menschheit einen besonders geschärften Tatsachensinn erwarten. Es ist sicher weniger auf Grund als vielmehr trotz ihrer „politischen . Begabung", daß sich die Juden bis heute so zäh erhalten haben — und weiter erhalten werden. Anders jedenfalls kann man weder eine befriedigende Deutung des bisherigen Verlaufs der jüdischen Geschichte geben, noch die erschreckende Nervosität .und Unsicherheit erklären, die den Durchschnittsjuden bei dem ominösen Thema der ro'ten Assimilation befällt. Es scheint eine sich in regelmäßigen Abständen zu wiederholende Tragik unserer Geschichte zu sein, daß nicht die schlechtesten unserer Brüder in dem sehnlichsten Wunsche, ihr : tiefstes inneres (jüdisches!) Wesen zu verwirklichen, dem Judentum davonlaufen und damit weder sich selbst glücklich machen noch ihrem Volke helfen. Verdrängung oder Unwissenheit über das in ihrem Charakter und Geist verwurzelte jüdische Erbe spielen dabei meist die Hauptrolle. Heinrich Heine hatte dem -von ihm als christlich-lebensfeindlich verkannten Judentum ,;sein" Ideal entgegenzusetzen, den „Hellenismus", in dem er eben das in-Wirklichkeit gerade typisch jüdische Streben nach einer gesunden, harmonischen, lebensbejahenden Ethik verwirklicht glaubte. Die Zeitgenossen der großen französischen Revolution meinten, ihr enges Judentum abzustreifen, als sie sich in das weite Meer der aufklärerisch optimistischen Messiashoffnuagen von Freiheit und Gerechtigkeit stürzten — und bewiesen doch wieder damit die ungeheure Gebundenheit an ihre Jahrtausende alte Ueberlieferung. Genau so ist es heute. Niemand offenbart untrüglicher das Gewicht unserer Erbmasse und die Notwendigkeit einer Lösung der dadurch — und nur dadurch — bestehenden Judenfrage als die rote n A s s i m i 1 a n t e n selbst. Bei einer Auseinandersetzung mit ihnen müssen wir aber als conditio sine qua non jeder derartigen Diskussion fordern: Ehrlichkeit und Mut zur eigenen Ueberzeugung. Es geht nicht an, zu behaupten, man setze sich-gerade deshalb mit allen Kräften für die Herbeiführung der Weltrevolution ein, weil man glaube, nur dadurch die Judenfrage positiv lösen, d. h. das Judentum erhalten zu können. Es mag tausend Beweggründe geben, die einen Juden ah die Seite der Arbeiterklasse bringen können — die Sorge um die Erhaltung des Judentums wahrhaftig am letzten. Doch am wenigsten ist es ein Zeichen von geistiger Stärke und seelischer Widerstandskraft, in diesen Tagen zur proletarischen Partei zu stoßen. Im Gegenteil. Alle Schwächlinge werden heute zur KP.D. überlaufen. Was gehört schon dazu, in diesem unverhüllten gigantischen Kampf der beiden Klassen sich auf die Seite der Unterdrückten von heute und der Sieger von morgen zu stellen? Welcher Jude und ^besonders welcher junge Jude, in dem das Erbe der Propheten noch nicht völlig von dem Schutt der. Existenzsorgen begraben ist, wird sich so leicht jener wahrhaft religiös-klassenkämpferischen Psychose entziehen können, die auf dem Boden des Massenelends erwachsen und, mitrmessianistischen .Zukunftshoffnungen geschwängert, es vermocht hat, der röten Front jenen unbedingt mitreißenden, ja oft überwältigenden Elan zu geben? Sollte es nicht mehr Mut und innere Festigkeit erfordern^ gerade heute am Ende der Aera Weizmann noch zum Zionismus als dem durchaus einzig möglichen Vorschlag zu einer positiven Lösung der Judenfrage zu stehen? Aber auch gerade durch ihren grandiosen Mangel an politischem Instinkt beweisen die Toten Assimilanten wieder, welch echte Juden sie sind. Jene geschworenen Anhänger des historischen Materialismus verfechten heute die These, daß mit der Beseitigung des kapitalistischen Staates auch der Antisemitismus, der Kernpunkt der Judennot, verschwinden werde. Schon heute, so behaupten sie, sei in den Organisationen des Klassenkampfes so gut wie nichts von Judenhaß zu spüren. Außerdem (!) werde energische Aufklärungsarbeit unter den Genossen geleistet, um die Ueberreste jenes „bürgerlichen Vorurteiles" auszufegen. Wenn ähnliche Gedankengänge von der idealistisch optimistischen Aufklärungsphilosophie verkündet und" in dem darauf folgenden Jahrhundert ad absurdum geführt wurden, so erhob man wenigstens nicht den Anspruch, der materialistischen Geschichtsbetrachtung zu huldigen- Hier aber führt man Marx im Munde und glaubt offenbar im stillen, daß die Menschen doch noch ihren „jezer hora" ablegen und nach der Revolution eine Art von Engeln werden würden. Als ob der Antisemitismus lediglich oder auch nur vorwiegend auf wirtschaftliche Gründe zurückzuführen sei! Ist nicht vielmehr jenes berühmte reibungslose Zusammensein von Juden und Nichtjuden in den revolutionären Gruppen der sich stets in den Zeiten des Kampfes gegen den äußeren Feind einstellende Burgfriede? Sobald aber nach einem Siege der Revolution jene der menschlichen Natur eingeborenen Haßinstinkte frei werden, wo anders sollten sie wieder ihr Objekt finden als in dem traditionellen jüdischen Sündenbock? Und was die Hoffnung auf eine wahre Verbesserung der Menschheit durch geistige Erziehung anlangt, so hat doch gerade der "historische Materialismus jener schönen idealistischen Illusion so viel Abbruch getan, wie überhaupt nur möglich war, ohne der Welt den Glauben an eine Vorwärtsentwicklung gänzlich zu rauben. Wenn man wirklich konsequent materialistisch denkt und die menschliche Natur, wie sie ist, nicht, wie sie sein sollte, als eine Haupttriebfeder der Ge- '. schichte erkennt, ist schlechterdings nicht einzusehen, wieso nun plötzlich nach der Revolution die menschlichen Beziehungen zwischen Israel und den Völkern grundlegend andere sein sollen. Zu allem Ueberfluß beweist die russische Praxis, daß der zur Herrschaft gelangte Kommunismus unter anderem die Stellung einer Religion mit vielen der üblichen Begleiterscheinungen einnimmt und infolgedessen intolerant wie jede echte lebendige Religion sämtliche konkurrierenden Bekenntnisse, darunter auch das jüdische, mit unerbittlicher Eifersucht verfolgt. . Man tut eigentlich den roten Assimilanten viel zu viel Ehre an, sich so eingehend mit ihnen auseinanderzusetzen. Was sind sie schließlich anderes als Leute, die unter der Einwirkung einer bestimmten Psychose nicht den Mut und die Kraft aufbringen, zu ihrem eigensten inneren Wesen ohne. Vorbehalte und Verklausulierungen ja zu sagen? Sie reden sich ein — und glauben es am Ende auch selbst —, daß das Jüdische in ihnen so gut wie verschwunden wäre und, wenn es auch hier und da noch etwas hapern sollte, die Assimilation doch bald vollendet sein werde. Aber es gibt etwas wie Tradition, auch heute noch! Wir haben der Welt „Das Buch" geschenkt. Wenn Ahnenstolz etwas Edles ist — wir Juden sind der älteste lebende Geistesadel dieses Kulturkreises». Noblesse oblige.