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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-01-01 · 5 (1.1932) · page 22

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
5 (1.1932)
Date
1932-01-01
Page
– (sequence 22)
Language
German
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tuellen Menschen braucht Es kann: nicht ohne*sie existieren. Glaubt man, daß derartige Bedürfnisse und Forderungen von Seiten eines Kollektivums' für den Einzelnen von zwingender Bedeutung sind, so dürfte diese Argumentation bereits aus-, reichen. Auf der anderen Seite kann aber der jüdische Intellektuelle selbst auch nur dann mit Einsatz seines ganzen Wesens .und mit der Aussicht auf ivolle Verwirklichung wirksam und tätig werden, wenn sein Wirkungskreis ganz spezifisch auf ihn abgestellt ist und dadurch die Möglichkeit einer harmonischen Reaktion für den Einzelnen und die Gesamtheit besteht. Der jüdische Intellektuelle braucht also seinerseits das jüdische Volk, um zu voller Wirkung gelangen zu können. Sekundär müssen wir feststellen, daß die Arbeit im und am jüdischen Volk einen bestimmten, zeitlich gebundenen Inhalt Jbekommt. Wird die Grundposition seines Handelns dem jüdischen Intellektuellen durch seine — sei es biologisch, sei es : historisch erworbenen — tiefsten Charaktereigenschaften angewiesen, so entspringt diese zweite Position der Lage des jüdischen Volkes in der Gegenwart. Sie zwingt den Intellektuellen dazu, die soziale Not als das brennendste Problem und den . wichtigsten Inhalt der jüdischen Frage zu erkennen und damit innerhalb des jüdischen Volkes für eine Beseitigung dieser Not einzutreten. Von dieser Position aus versucht er dann, die Gesamtheit der jüdischen Volksfragen einer grundsätzlichen Lösung zuzuführen. Damit aber gliedert sich der jüdische Intellektuelle, ausgehend von den Gegenwartsbedürfnissen des jüdischen Volkes, in eine Gesamtrichtungder -menschheitlichen Entwicklung ein, die in der Lösung der gesellschaftlichen Pro- Werne aller Völker den Hauptinhalt der nationalen Aktivität und die wichtigste Aufgabe unserer Zeit, sieht. Der jüdische Intellektuelle bezieht damit seine, feste Position auch in der großen menschheitlichen!sozialen Bewegung, indem er nämlich im und für das jüdische Volk dessen eigene Probleme, mit ihrem gesellschaftlichen Inhalt zu lösen trachtet.. " ' . Wir müssen nun nach dieser Festlegung der Position des; , jüdischen Intellektuellen. in unserer Zeit die Frage stellen, . welche b esonder e Aufgabe der intellektuelle Mensch erfüllenkann. Zu ihrer Beantwortung ist es erforderlich, auf das Wesen der intellektuellen Haltung an sich einzugehen. Wir wollen hierfür die Definition festlegen, daß es in der Fähigkeit besteht,— das eigene Selbst bewußf zu machen. Die analytische Haltung sich selbst gegenüber wird damit zu einem Kriterium der intellektueEen Einstellung (die ganz gewiß nichts mit Wissen, und Bildung zu tun hat!). Nach -einem Worte Hegels wird der Umbruch in den Geschichtsperioden von der Erscheinung begleitet^ wenn nicht mit-; verursacht, daß sich die Träger der betreffenden geschichtlichen Entwicklung ihres eigenen Wesens bewußt werden, es analysieren und daran gehen, dieses Wesen planmäßig zu gestalten. Die Blütezeit einer geschichtlichen Periode hat damit ihr Ende erreicht, und es beginnt ein gewisser Zerfall. All diejenigen Kräfte also, die das Bewußtsein der Menschen wacher mächen, tragen in sich neben ihrer positiven Kraft für die Fortentwicklung der Menschheit bezw. ihrer Gruppe auch ein Element der Zerstörung: sie führen die Entwicklung zum Höhepunkt und sind zugleich Anzeichen für das Altern der betreffenden Periode. Der intellektuelle Mensch ist nicht zuletzt seinem Wesen nach „. . . und Lieber E. IU Sie schicken mir Alfred Döblins „W i s s e n und V e r ä n-- " den" und fordern mich als einen aus der Zahl der jungen Menschen, an die sich dieses Buch wendet, auf, zu ihm Stellung zu nehmen. Zu dem wesentlichen Inhalt des Buches, seiner politischen und kulturellen Tendenz, halbe ich nur das eine zu sagen: ich kenne keine Schrift auf diesem Gebiet, mit deren Voraussetzungen und Zielsetzungen, Argumenten und Aufforderungen ich mich so restlos identifizieren kann, wie mit dieser,, und wünschte, daß jeder deutsche junge Mensch sie lese und beherzige. Nur über eines habe ich mit jungen jüdischen Menschen zu sprechen, von dem ich glaube, daß unser Weg sich von dem Döblins trennt. Es ist die Antwort, die er auf die klassische Gretchen-Frage: „wie hältst du es mit der Religion?" gibt. Wenn ich ihn nicht mißverstehe, ist Döblin Pantheist Man hat mich gelehrt, daß der Pantheismus und der Gottes- , begriff des Judentums einander aussehließen. In dieser Frage des letzten Glaubens können wir mit Döblin nicht rechten. Wir können ihm aber "auch nicht folgen. Religion umfaßt nicht nur die Vorstellung von Gott, sondern nicht minder die vom Menschen <und seinem Leben.. Ob der Mensch den Menschen als Bruder betrachtet oder als Knecht, den -er beherrschen und ausbeuten darf, ob es jZael der Erziehung ist, Gehorsam vor Menschen oder Selbstverahtwortung gegenüber dem sittlichen Gebot als höchstes anzuerkennen, ob die Gesinnung von Mensch zu Mensch die des Friedens oder die des Vernichturigswillens sei, ob der Mensch ein Produkt der Umwelt, sei oder ob er die Umwelt auch sich anpasse, über all dies gibt uns die Religion, Träger dieser selbstkritischen Entwicklung innerhalb seines Lebensbereiches. Jede nationale Bewegung junger Völker trägt darum eine inteUektualistische Note, indem nämlich £ sie darauf beruht, daß das nationale Bewußtsein im Volke erweckt wird. Auch die große soziale Bewegung des Proletariats muß in ihren Anfängen intellektüalistisch. beeinflußt sein, weil es zunächst gilt, dieser Gruppe von Menschen ihre eigene soziale Lage bewußt zu machen. Nicht umsonst spielen daher intellektuelle Menschen in all diesen Bewegungen eine führende Rolle. Damit zugleich tragen allerdings diese Bewegungen die Gefahr in sich, daß sie zwar als Bewegung-alles sind, jedoch nur wenig in der Verwirklichung, weil eben in ihrem Ablauf selbst der' Höhepunkt einer geschichtlichen Entwicklung überschritten wird. Es scheint nur einen Weg zu geben, um diese Gefahr zu bannen: es ist der Uebergang der sich selbst- „bespiegelnden" Bewegung in einen Zustand, in welchem die instinkthafteren, _ jüngeren und damit lebenskräftigeren, Elemente die führende Stellung gewinnen.. Dieser Uebergang ist gewiß außerordentlich schwer und er bedeutet insbesondere für den Intellektuellen selbst einen Verzicht. Sie mögen persönlich in ihrer Art. auch , weiter existieren können, die repräsentative Stellung innerhalb /ihrer Gruppe wird ihnen genommen. Das Gelingen einer nationalen Bewegung z. JB. hängt also -weitgehend davon ab, ob es möglich ist, aus der Periode der Bewrißtseinserweckung in einen Zustand überzugehen, in welchem, das; lebendige Volk sein . natürliches, kräftiges Leben führt. Das aber ist verbunden mit einer Selbstbescheidung der intellektuellen Menschen und ihrem leidenschaftlichen Versuch, den seelischen Anschluß . an die breiten" Volksmassen zu gewinnen. Der jüdische Intellektuelle steht heute vor der Aufgabe, die eine ganz eigentümliche ist, das Absinken des jüdischen Volkes in den Zustand der Geschichtslosigkeit infolge seiner Verelendung auf gesellschaftlichem und kulturellem Ger biet,zu verhindern; Für ihn gilt es also, das schwindende Be- . -wußtsein des Volkes wach zu halten und zu verstärken. Dies ist aber nur -möglich,, wenn im Volke ein völliger nationaler Umbau vollzogen wird, der zugleich eine i soziale Revolution ist; In dieser Linie vermag'der intellektuelle | Jude zu wirken; dabei liegt auf ihm zu gleicher Zeit die Aufgabe, den Anschluß an diejenigen1 Kräfte im jüdischen Volk zu finden, die allein die . Elemente der Zukunft sind, weil sie noch genügend Lebenskraft und Ursprünglichkeit besitzen. Nur wenn dieser Anschluß gelingt, kann ja die nationale Bewegung der Juden vor dem geschilderten Schicksal bewahrt bleiben, das sie als Bei wegung der.Bewußtseinsweckung wiederum zu einem geschichtlichen Abstieg führt und nicht den neuen Aufstieg für das . jüdische Volk bringt, den sie eigentlich anstrebt. Auf den jüdisehen Intellektuellen liegt daher das verahtwortungsreiche Schicksal der Selbstbescheidung durch ■; den '"Versuch des Anschlusses an die breiteren Schichten des Volkes. Hierfür aber gibt es wohl nur einen Weg, und das ist die Verknüpfung mit Volk und Land, mit Sprache und Selbstarbeit auf dem Boden, auf welchem allein das geschichthehe Band des jüdischen Volkes und sein^ kollektives Leben stärk gemacht werden -kann: in Erez Israel. Kur t Loewens te i n , die Religion" insbesondere unsere Religion bestimmte Antworten. Diese Antworten sind die gleichem, die uns Döblin gibt. Und darüber hinaus: die Basis des religiösen Geschehens ist für das Judentum diese Welt. Döblin verficht diese Anschauung immer wieder gegenüber dem Protestantismus," Und weiter: .dem Satz aus dem Zehngebot „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir" leistet Döblin mit Mut und Angriffskraft Folge'. . Die Götzen der Gewaltanbetung, der Maehtverehrung, .der. Staats- . vergottung, der Wirtechaftsverherrlichurig,des Materialismus zertrümmert er, wie Abram die Götzen in seines Vaters Terach Haus zertrümmerte. Oder genauer: er zersetzt sie. Wir haben hier den besten Fall des „zersetzenden Judentums", den idealen7 Fall. Es gibt Juden, die glauben, die Toleranz so weit treiben, zu sollen, daß sie alles,.was irgend einem "Menschen heilig ist, tolerieren. Wir jungen Menschen wollen dieser Art Toleranz nicht folgen. Die Menschen wollen wir tolerieren, den Götzendienst nicht, und wenn man uns darüber den Vorwurf „zersetzendes Judentum" macht, wollen wir dies als einen Ehren- titel betrachten. In diesem eminent jüdischen Buch kommt das Wort ,,J u d e n t U in" nicht vor. Es mag seine taktische Berechtigung : haben, es.hat aber auch seinen tieferen Grund: in der Anschauung Döblins kommt der Begriff „Judentum" nicht vorl Wohl setzt er sich mit der Religion auseinander. Er verneint die Religion mit folgenden Begründungen: Der heutige Mensch seines Ideals sei. so voll Religiosität, daß,,; er die Religion entbehren könne.. So sehr die alten Religionen in vieler Hinsicht zu verehren und zu bewoinderh seienj so sehr erweckten die heutigen Mißtrauen als Organisationen mit

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