Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 5 (1.1932)
- Date
- 1932-01-01
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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20 Wozu diese Nervosität bei dem gegenwärtigen „Massenabfall" der jüdischen Jugend? Als ob nicht gerade bei uns von jeher die Qualität an Stelle der Quantität der erhältende Faktor gewesen sei? Stets haben sich in der jüdischen Geschichte ähnliche Vorgänge abgespielt Ganze Teile unseres Volkes sind verschwunden, und doch sind wir darum nicht untergegangen. Man hat. schon gesagt: „wegam Hitler sochur latauw", weil der politische Druck von außen viele zur Selbstbesinnung veranlaßt. Um wieviel mehr könnte man das gleiche auf die rote Assimilation anwenden, die als geistige Bewegung gerade nach1 dem Gesetz der Dialektik ihre geistige Gegenbewegung hervorrufen und starkwerdenden muß.;s j :eg{ii e d Kös t erioh Vom jüdischen Religionsunterricht Die letzte Nummer von „Jugend und Gemeinde", die unter diesem Motto stand, ist auf ein so starkes Interesse innerhalb. der Jugend gestoßen, daß wir einen weiteren Beitrag hierzu veröffentlichen und eine zusammenfassende Stellungnahme von erfahrener pädagogischer Seite folgen lassen. Sehriftltg. Wenn man sich die letzte Nummer dieses Blattes ansieht, so springt einem sofort die U n Sicherheit, die fast alle Artikel beherrscht, ins. Auge. In dem Gefühl, daß der heutige Religionsunterricht vielfach unzulänglich ist, sucht man die Fehler in der Pädagogik, zeigt die psychologischen Schwierig-, keiten auf, glaubt -vielleicht durch die Verlegung der Barmizwa «einen Einschnitt in die seelische Entwicklung" schaffen zu können oder sucht — wie in den Artikeln „Jüdischer Gesamtunterricht" und ,JKebräisch" — sein Heil in an und für sich richtigen Einzelverbesserungen, die_aber den Kern der Sache nicht treffen. Es ist kein Zweifel, daß diese Unsicherheit berechtigt ist. Ihr wirklicher Grund ist allerdings, gewollt oder ungewollt, wenig erwähnt worden. Ich glaube, daß in dieser, heute geradezu lebenswichtigen Frage taktvolle Zurückhaltung unangebracht ist. Man soll diese Dinge sogar mit "aller Offenheit aussprechen. Und es ist nicht übertrieben, wenn ich feststelle, daß während achteinhalb Jahren jüdischen Religionsunterrichtes, den ich. - auf dem Gymnasium genossen habe, dieser Religionsunterricht das einzige Fach war, das meinen Kameraden und mir fast ausnahmslos nichtssagend war. Man muß sich doch einmal vorstellen, daß für Hunderte von jüdischen Schülern — in den Schulen des Westends sind es sogar die Mehrheit — der Religionsunterricht außer drei oder vier Synagogenbesuchen im Jahr das einzige jüdische Erlebnis ist. Und es gibt nur, eine .Möglichkeit, diese Tatsache zu ändern: den Religionsunterricht selbst zu einem dauernden jüdischen Erlebnis zu gestalten, damit die jüdischen Jungens und Mädels aus ihm freiwillig Zugang auch zu anderen jüdischen Erlebnissen und TSildungswerten suchen. Auch ist die Interesselosigkeit am Unterricht keine zufällige Erscheinung an meiner Schule oder gar etwa die Folge schlechter Lehrkräfte. Derselbe Ueberdruß ist an fast allen Schulen zu finden, auch an jüdischen.' Man geht wie die berühmte Katze um den heißen Brei herum, wenn man die Fehler in der "Pädagogik sucht und sie als Problem des Gesamtunterrichtes auch zum Problem des. Religionsunterrichts stempelt. Durch den modernen Arbeitsunterricht, durch Studienfahrten und Wandertage, Aufführungen und Feste ist die Schule heute in den meisten Fällen zu einer durchaus "erträglichen Institution geworden. Wenn also - der jüdische Religionsunterricht versagt, so ist das sein ganz eigenes spezielles Problem. Man sollte doch einmal nicht vom Psychologisch-Pädagogischen, sondern vom Jüdischen ausgehen. Man sollte doch einmal zu der Einsicht kommen, daß es falsch - ist, irgendein Gebiet, etwa die Religionsphilosophie, besonders zu berücksichtigen; sondern man sollte verstehen, daß man die ganze Breite und Fülle jüdischen Geschehens von der Erschaffung der Welt bis zur Gegenwart mit all ihren religiösen, nationalen, ethischen und zivilen Funktionen dem jüdischen Menschen - zum Erlebnis werden lassen; muß. . Tief,- bis "ins Innerste, muß dieses gesamte jüdische Gesehehen, Wissen " und Erleben wirken. \ - ' Ein Religionsunterricht, dessen Grundlage auf diesen Prinzipien beruht, wird etwa so aussehen: In den Vorschuljahren wird man die Geschichten des ersten Buches Mose erzählen, kleine Basteleien zu Chanukka und Sukkot machen, Hebräisch — Lesen lernen.' Ab Sexta kleine Feiern veranstalten, von jüdischen Helden erzählen, vom Palästinaaufbau Berichte' und Bilder zeigen. Später^ etwa von Obertertia an, nimmt die Freude am Basteln, Dramatisieren und. Schauspielern ab, der Sinn für Geschichte und .später'auch für Ethik; und Philosophie wächst. Natürlich dürfte man. sich bei der Geschichte nicht auf eine biographische Wiedergabe bedeutender Personen beschränken — wie es bisher mehr oder weniger geschehen ist —, sondern man müßte den Zusammenhang , mit den Geschehnisseh in der Welt aufzeigen. Man.müßte die Dynamik der jüdischen Geschichte] und ihre einzelnen Epochen klarlegen, genau so wie das ja' in jedem ' andereil Geschichtsunterricht selbstverständlich ist. Methodisches Erlernen der hebräischen Sprache, genaue Kenntnis der jüdischen, Gegenwart mit ihren politischen Parteien und geistigen Strömungen, Eindringen in Philosophie und Ethik der Heiligen Schrift würde diesen Unterricht zu einem wirklichen, jüdischen Gesamtunterricht-abrunden' Ich glaube nicht, daß. der Hinweis auf die Kürze der verfügbaren Zeit stichhaltig ist Wir haben viel zu viel Zeit bisher vergeudet. Wir haben in Quarta Quellen gelesen, wo sich noch kein Mensch vorstellen konnte, was überhaupt eine geschichtliche' Urkunde ist. Wir haben in Prima Monate damit verbracht, uns über Buddhismus, Ammon Rha und; Zaräthustra zu unterhalten (was an und für sich sehr interessant ist). Wenn der Unterricht wirklich 1 ebensnah gestaltet wird, so ist jedes Kind gerne bereit, auch noch einen, großen Teil seiner Freizeit zu opfern. Die B e r e i t w i 11 i g k e i t zu diesen Dingen ist ja, hauptsächlich in den unteren Klassen, unendlich groß. Der Versuch, jüdische Dinge wirklich nahe zu bringen und die Feste, tatsächlich zu feiern, nicht zu begehen, ist eigentnch bis jetzt hur in den Joigenidbünden gemacht worden. Ich glaube, heute schon sagen zu können: , mit einigem Erfolg. Ein Beispiel, wie sehr. es. am System liegt. Denn wir jüngeren Führer sind wirklich nicht von übermäßigem Wissen oder großer pädagogischer Ausbildung beschwert. (Eine Bemerkung: Wenn die Kleinen zum ersten Male zu uns kommen, müssen wir anfangs oft Jüdische^ vermeiden, weil sie Angst haben, es wird wie' in der Religionsstunde!) jedenfalls, der Wirkungskreis unserer Bünde ist klein, wir können immer nur einen Bruchteil erfassen. Für die übrigen bleibt als Haupteiiebnis der Religionsunterricht: Grund genug, sich ernstlich mit seiner Reform zu befassen. ' Kurt E'pstein Die Jugendkommission veranstaltete am 14. Dezember die 2. öffentliche Juge ndv ersammlung. Ueber „Die j ü di s ch e S chule" sprach Dr. Ernst Freimann; eine lebhafte, teilweise hitzige Diskussion schloß sich an. Als wesentliches Ergebnis zeigte sich, daß das Prinzip der jüdischen Schule einhellig von allen jungen Menschen bejaht wurde, mag man auch zu ihrer Verwirklichung : unterschiedliche Anschauungen haben. — Es soll versucht werden, die Jugendversammlungen weiter auszubauen. Die Jugendkommission hat u. a, die Errichtung eines Tagesheims für erwerbslose Jugendliche beschlossen; es wird darüber denklich schon in Kürze Näheres "mitgeteilt werden können. -^-Am 15. Dezember wurden das J u.g endheim und die in ihm. untergebrachte Mensa Academica Judaica in einer schlichten Feier ihrer. Bestimmung übergeben, worüber iin Hauptblatt berichtet wird. — Die Jugendlichen aus,den Bünden in die s o z i ä1 e A r b e i t einzuordnen, hat die Jugendkommission von Anfang an als eine ihrer Hauptaufgaben betrachtet; u. a. sind .nunmehr" von Jugendlichen sog. Pflegschaften .übernommen., worden; in materieller und vor allem geistiger Beziehung sollen junge Menschen von anderen jungen .Menschen betreut werden.. Sobald Erfahrungen vorliegen, wird im Zusammenhang darüber berichtet werden. . E. H. Schluss der Beilage. Verantwortlich für die Schriftleitung der Beilage: Emst Holäer in Frankfurt a. M.