Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 5 (1.1932)
- Date
- 1932-01-01
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt _ Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde_. Nr. S ~___JANUAR 1931 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriltleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an den Schriftleiter der Beilage, Ernst Holzer, Corneliusslrasse 8, zu richten. „WISSEN UND VERANDERN' Aussprache [über ein Buch und über eine Zeitfrage „Stellt Euch neben die Arbeiterschaft!", ruft Alfred Döblin den deutschen Intellektuellen zu. Wie junge Juden, intellektuelle Menschen sie alle, zu diesem viel beachteten Buch (erschienen bei S. Fischer Verlag, Berlin, 1931) und darüber hinaus zum sozialen Problem und seiner Bewältigung stehen; wie sie sich ihren Anteil und ihre Mitarbeit an der Lösung des Problems dieser Zeit denken, ihres Problems: das zeigt die von uns veranstaltete Aussprache, für deren Fortführung die Spalten unseres Blattes geöffnet sind. Die Schriftleitung. Wir müssen verändern Der Titel-des Döblinschen Buches-„Wissen und verändern" birgt ein großes Fragezeichen in sich. Was ist „Wissen-1? Seitdem Philosoph, sein ein Beruf geworden ist, von dem man lebt, - sind die Ergebnisse philosophischen Denkens mit Vorsicht zu genießen. Zu der Zeit Spinozas, als Diamantschleifer und Philosoph einander nicht ausschlössen, da brauchte man hur zu überdenken: was ist an diesem System falsch oder richtig. Heute ist diese-Einstellung zu den Dingen des Wissens nebensächlich geworden." Heute handelt es sich besonders darum, festzustellen: was von dem, das uns dargestellt wird,, ist wahr, und was wird nur gedacht, gesagt und geschrieben, um Interessen wahrzunehmen. Diese Einstellung ist besonders notwendig zu den Problemen der Nationalökonomie und Soziologie, die wie außer der Historie kaum eine andere Wissenschaft von allen Seiten in das dichte, verworrene Netz der Interessen verknüpft sind. Was wissen wir von unserer jüdischen Gegenwart? Wir wissen, daß die deutschen Juden erst spät mit gleichen Chancen als Freie und Gleiche (wenigstens formal) in den Wirtschaftsprozeß eingegriffen haben. Daraus hat sieh ein Berufsschemä traditionell vererbt bis auf unsere 'Zeit, das aus einer Grundfarbe mit wenigen Variationen besteht. Das ist, von wirt- .- schaftlichen Gesichtspunkten aus gesehen, selbstverständlich: Menschen, die unter gleichen Voraussetzungen in den Wirtschaftsprozeß eintreten, und Spürsinn für die gleiche Chance haben, pflegen ziemlich das Gleiche zu unternehmen. So hat sich der jüdische Mittelstand entwickelt. Die mittel- - ständische Existenz ist das Zentrum im jüdischen Berufsschema; sie „g')ht unter, trotz aller Kettungsversuche, von denen die Verstehenden wissen, daß sie nur hinausschieben können, was kommen muß. Kinder von Mittelständlern können nicht darauf rechnen, sich eine gesicherte Existenz zu gründen; sie müssen sich darauf einrichten, kaufmännische Angestellte im besten Fall zu bleiben, und all den Unsicherheiten eines abhängigen Lebens ausgesetzt' zu sein. * ■ Wir wissen, daß die Berufsumschichtung, die man im jüdischen Kreis meint, wenn man von ihr spricht, keine Hilfe aus dieser Katastrophe ist. Beruf ist in der kapitalistischen Welt (und in ihr leben wir) das Mittel, eine möglichst geachtete und ertragreiche Stellung einzunehmen. Seinen Beruf umschichten heißt aber im Sinne der öffentlichen Meinung sozial herabsteigen,: heißt durch das Leben des Einen oder Anderen den lebenden.Beweis zu erbringen,daß Juden in allen Berufsarten zu* finden seien — aus „außenpolitischen Gründen" versteht, sich. Dieses W i s s e n 'verpflichtet uns,' zu v e r ä nd e r n. Wir müssen verändern: das jüdische Berufsschema, das den wirtschaftlichen Verhältnissen unserer Zeit nicht mehr entspricht, das keinem von uns Brot zu geben vermag-, wenn er nicht als ' der Sohn eines Warenhausbesitzers oder Aufsichtsratsvorsitzenden geboren ist. Wir müssen verändern: den Geist, der aus diesem Berufsschema entsprang, der nur die als gesellschaftsfähigerscheinen läßt, die in den Rahmen dieses Schemas passen; der Schuld trägt, daß junge Juden den Widerstand des Elternhauses und der Verwandtschaft zu überwinden haben, wenn sie sich nach Anlage, Neigung und Chancen entwickeln wollen, weil Eltern und Verwandte nur das als „Tachlis" anzuerkennen sich bequemen, was in ihr Berufsschema paßt; das geht so weit, daß zur Eignung für jüdische exklusive Organisationen der Nachweis genügt, daß als Beruf Kaufmann im Reisepaß steht. Wir müssen verändern: die Methoden unseres gesellschaftlichen und gemeinschaftlichen Lebens, die noch immer so weiter bestehen, als ob die mittelständische Existenz das Fundament der jüdischen Gemeinschaft sei; die Methoden des gesellschaftlichen Lebens, die immer noch eine „soziale Indikation" zur Voraussetzung haben. Wir müssen verändern: jene Gesinnung' des Verschämt-Seins und der Ideal-Politik, orientiert an den unschuldigen Sternen, die keinerlei Berechtigung haben in einer Gesellschaft, die grausam, rigoros tragische, schuldlose Massenschicksale auf Grund der Gesetze, nach denen sie sich bewegt, gebären muß. Viele von uns hoffen und arbeiten an neuen Formen menschlichen Zusammenlebens; es kam bier darauf an, festzustellen, daß rein aus der Erkenntnis der Zustände, verändert werden muß — selbst wenn man nicht neue Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens wünscht und sich nicht für sie einsetzt. In der großen Gefahr für den Bestand der jüdischen Gemeinde bietet sich ihr eine große Chance; die Chance, daß aus "der Generation, die in der Unsicherheit der wirtschaftlichen Existenz aufgewachsen ist, ihr die Menschen erstehen, die genügend „elan vital" und Mut haben, ein „juste milieu", das gar nicht „juste" ist, so zu verändern, daß die Gemeinschaft (lies Gemeinde) mehr als die Hoffnung der Schwachen und Geknechteten ist, nämlich die Hilfe. Aus den Menschenkreisen der Unsicherheit, dem Teil, in dem es immer brodelt, wurden die großen politischen Antipoden unserer Zeit geboren: die Diktatoren und die Revolutionäre. Das gibt die Hoffnung, daß die den Erfordernissen der Stunde aufgeschlossenen Gemeinden die Men- . sehen finden, die ihr allein Lebendigkeit zu geben und sie zu retten vermögen. Jakob Jacobs Die Stellung des jüdischen Intellektuellen in unserer Zeit Es ist ein nicht nur für den direkt betroffenen Menschenkreis und seinen jugendlichen Nachwuchs, sondern -darüber, hinaus für die gesamte Judenheit und auch die nicht jüdischen -Gemeinschaften gewichtiges Problem, den jüdischen Intellektuellen in der heutigen verworrenen Zeit einen festen Platz anzuweisen, von dem aus* sie aktiv in die Ereignisse eingreifen können. Denn daß dieses Eingreifen, moralisch wie auch historisch betrachtet, die selbstverständliche Voraussetzung für die Lebehsentscheidung jedes Einzelnen und jeder Gruppe in unseren Tagen zu sein hat, steht an dieser Steile wohl außer Diskussion: die Möglichkeit der rein betrachtenden Einstellung der Welt — und auch sich selbst — gegenüber scheidet heute zwangsläufig aus. Die Bedeutung des Problems liegt für uns zunächst darin, daß die Zahl der intellektuellen Juden eine sehr - große ist; die Berufsgliederung beweist dies deutlich, insbesondere durch die prozentuale Ausweitung der Gruppe der „freien Berufe" bei den Juden. Aber auch über diese engere berufliche Gruppe hinaus spielt die typische intellektuelle Geisteshaltung im jüdischen Volk eine besonders große Rolle (über ihr Wesen wird später zu sprechen sein). Es gilt zunächst grundsätzlich den geistigen Ort festzulegen, der für den jüdischen ^Intellektuellen heute Ausgangspunkt zu sein hat. Dieser geistige Ort wird durch seine gesellschaftlichen Voraussetzungen bestimmt und trägt dadurch ein zweifaches Gesicht: primär ist die Feststellung, daß der jüdische Intellektuelle den Ansatzpunkt für seine gestaltende Arbeit innerhalb des jüdischen Volkes haben muß. Diese Tatsache wird dadurch mit Notwendigkeit herbeigeführt, daß auf der einen Seite das jüdische Volk als ganzes seine intellek-